Stromausfälle stürzen die ukrainische Wirtschaft in eine schwere Krise
Die anhaltenden Luftangriffe haben die Energieinfrastruktur der Ukraine so stark beschädigt, dass viele Unternehmen ihre Produktion drosseln müssen. Gleichzeitig geraten die Staatseinnahmen unter Druck, weil Wertschöpfung ausfällt und Kosten steigen.
Nach Einschätzung von Reuters ist die Lage so ernst wie zuletzt in den ersten Monaten nach dem umfassenden Einmarsch Russlands. Vor allem die Industrie trifft die Kombination aus Strommangel, Planungsunsicherheit und höheren Ausgaben unmittelbar.
Industrieproduktion gerät ins Stocken
Viele Industrieunternehmen reduzieren ihre Auslastung und versuchen zugleich, den Betrieb so zu organisieren, dass empfindliche Anlagen nicht durch abrupte Notabschaltungen beschädigt werden. Manager von acht Unternehmen berichteten, dass Schichtpläne und Arbeitszeiten laufend angepasst werden müssen, um Ausfälle abzufedern.
Sergii Pylypenko, Vorstandschef der Kovalska-Gruppe, des größten Beton- und Baustoffherstellers der Ukraine, sagte, die Dieselgeneratoren des Unternehmens reichten für die großen Werke nicht aus. Seit mehr als zwei Monaten leidet Kovalska unter dauerhaften und schwer vorhersehbaren Stromausfällen.
Pylypenko betonte, in besonders kritischen Phasen könne die instabile Versorgung die Produktionsmenge um bis zu 50 Prozent senken. Damit wachsen nicht nur die Kosten, sondern auch das Risiko, dass Aufträge verzögert werden und Lieferketten weiter unter Druck geraten.
Indikatoren signalisieren neuen Konjunktureinbruch
Im Februar rutschte der vom Kiewer Institut für Wirtschaftsforschung berechnete Index zur Erholung der Geschäftstätigkeit erstmals seit 2023 wieder ins Negative. Der Indikator spiegelt die Einschätzung der Unternehmen zur wirtschaftlichen Lage wider und gilt als Stimmungsbarometer für die Konjunktur.
In den kältesten Wintermonaten überstieg die Stromnachfrage von Haushalten und Unternehmen das Angebot zeitweise um bis zu 30 Prozent. Die Ökonomin Nataliia Kolesnichenko erklärte, der Zustand des Energiesystems habe sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert.
Rund ein Viertel der ukrainischen Wirtschaft ist nach ihrer Einschätzung auf eine stabile Stromversorgung angewiesen. Wenn Strom knapp bleibt, wird der Produktionsausfall damit zu einem strukturellen Problem, das weit über einzelne Branchen hinausreicht.
Inflation zieht an, Prognosen werden gekappt
Die Inflation liegt derzeit bei rund 7 Prozent und könnte nach Einschätzung von Experten weiter zulegen. Höhere Energie- und Ersatzkosten schlagen sich in Preisen nieder, während Unternehmen versuchen, Produktionsausfälle über teurere Notlösungen zu kompensieren.
Die Zentralbank hat ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr bereits auf 1,8 Prozent gesenkt. Unabhängige Analysten sind zurückhaltender. Dragon Capital erwartet 1 Prozent Wachstum, ICU nur 0,8 Prozent. Damit steigt die Gefahr, dass die Ukraine in eine Phase schwachen Wachstums bei gleichzeitigem Preisdruck gerät. Für Investitionen und Beschäftigung wäre das eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin angespannten Lage.
Hilfsgelder hängen an IWF und EU, Ungarn erhöht Druck
Die Ukraine steht kurz vor einer Einigung mit dem Internationalen Währungsfonds über ein neues Kreditprogramm in Höhe von 8,1 Milliarden US-Dollar. Eine Zustimmung des IWF würde zugleich den Weg für ein Hilfspaket der Europäischen Union in Höhe von 90 Milliarden Euro freimachen, allerdings müssen politische Widerstände überwunden werden.
Ungarn drohte zuletzt damit, EU-Hilfen zu blockieren, falls die Ukraine die russischen Öllieferungen über die Druschba-Pipeline nicht wieder aufnimmt. Ungarn und die Slowakei kündigten zudem an, Stromexporte in die Ukraine einzustellen, solange die Pipeline nicht wieder in Betrieb ist.
Nach Angaben des Beratungsunternehmens ExPro stammten in diesem Monat 68 Prozent der ukrainischen Stromimporte aus Ungarn und der Slowakei. Das erhöht die Abhängigkeit von politischen Entscheidungen in Nachbarstaaten und verschärft die Unsicherheit für Unternehmen.
Folgen für Deutschland und Europas Wirtschaftsinteressen
Die Krise zeigt, wie schnell Schäden an kritischer Infrastruktur in reale Produktionsverluste und sinkende Staatseinnahmen übersetzen. Für die Europäische Union wird die Unterstützung der Ukraine damit auch zu einer Frage der wirtschaftlichen Stabilisierung, nicht nur der Sicherheitslage.
Deutschland ist als größte Volkswirtschaft der EU indirekt betroffen, weil Ausfälle in der ukrainischen Industrie Lieferketten, Investitionsprojekte und die Planungssicherheit europäischer Unternehmen belasten können. Je länger die Stromknappheit anhält, desto höher wird der finanzielle Bedarf für Wiederaufbau und Absicherung, den auch Berlin in europäischen Verhandlungen mittragen muss.

