Wirtschaft

EZB warnt vor Risiken im Nahost-Krieg: Energiepreise erhöhen Inflationsdruck

Die Eskalation im Nahen Osten treibt die Energiepreise nach oben und erhöht den Druck auf die Inflation in der Eurozone. Welche Risiken sieht die Europäische Zentralbank für Inflation und Wachstum in Europa?
05.03.2026 06:08
Lesezeit: 3 min
EZB warnt vor Risiken im Nahost-Krieg: Energiepreise erhöhen Inflationsdruck
EZB-Chefökonom Philip Lane warnt, dass der Konflikt zwischen Iran, den USA und Israel über steigende Energiepreise die Inflation in der Eurozone deutlich anheizen könnte (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

EZB-Chefökonom warnt vor Inflationsschub durch Nahostkrieg

Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Philip Lane, warnt vor erheblichen wirtschaftlichen Folgen eines möglichen Krieges im Nahen Osten. Ein länger andauernder Konflikt sowie sinkende Öl- und Gaslieferungen könnten nach Einschätzung der Notenbank einen deutlichen Inflationsschub auslösen und gleichzeitig die Wirtschaftsleistung in der Eurozone spürbar belasten.

Lane erklärte, dass steigende Energiepreise die Inflation rasch antreiben könnten. Besonders kurzfristig entstehe dadurch zusätzlicher Preisdruck, der die wirtschaftliche Dynamik dämpfe. Für Wachstum und Investitionen sei ein solcher Energieschock daher ein klar negativer Faktor.

Energiepreise reagieren empfindlich auf Eskalation

Die Energiepreise reagierten bereits deutlich auf die jüngsten Spannungen im Nahen Osten. Die europäischen Gaspreise stiegen am Montag zeitweise um fast 50 Prozent, nachdem Katar seine Produktion von verflüssigtem Erdgas vorübergehend eingestellt hatte.

Hintergrund waren iranische Angriffe auf Anlagen in der Region. Iran selbst steht seit Samstag unter militärischem Druck, nachdem die USA und Israel Angriffe auf Ziele im Land gestartet hatten. Auch der internationale Schiffsverkehr wurde stark beeinträchtigt. Durch die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Energierouten der Welt, wird normalerweise rund ein Fünftel der globalen Öl- und Gaslieferungen transportiert.

Am Sonntag kam der Schiffsverkehr dort nahezu vollständig zum Erliegen. Auslöser waren weitere iranische Raketenangriffe auf mehrere Nachbarstaaten, die die Sicherheitslage in der gesamten Region weiter verschärften.

EZB sieht Risiken für Inflation und Wachstum

In einem Interview mit der Financial Times erklärte Lane, ein Anstieg der Energiepreise setze die Inflation besonders kurzfristig unter zusätzlichen Druck. Für die wirtschaftliche Entwicklung sei dies eine negative Nachricht, da steigende Energiepreise sowohl Unternehmen als auch Verbraucher belasten.

Höhere Energiepreise verteuern die Produktion in vielen Branchen und erhöhen zugleich die Kosten für Haushalte. Dadurch können Investitionen zurückgehen und die Konsumnachfrage schwächer ausfallen.

Aktuelle Daten zeigen allerdings noch eine relativ stabile Entwicklung. Nach Angaben des irischen Statistikamtes CSO sank die jährliche Verbraucherpreisinflation im Februar leicht auf 2,4 Prozent, nachdem sie im Januar noch bei 2,5 Prozent gelegen hatte. Lane betonte jedoch, dass die wirtschaftlichen Folgen stark davon abhängen würden, wie weit sich der Konflikt ausdehnt und wie lange die militärischen Spannungen anhalten.

Dauer des Konflikts als entscheidender Faktor

Besonders problematisch wäre eine Eskalation, die auch die Finanzmärkte erfasst. In einem solchen Szenario könnte es zu einer Neubewertung von Risiken kommen, was zusätzliche Turbulenzen an den Kapitalmärkten auslösen würde.

Investoren könnten dann Kapital aus riskanteren Anlagen abziehen und verstärkt in sichere Anlagen umschichten. Das würde die wirtschaftliche Unsicherheit in Europa weiter erhöhen und die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen verschlechtern.

Trotz der aktuellen geopolitischen Risiken sieht Lane derzeit keinen Anlass, den Leitzins der Europäischen Zentralbank zu verändern. Der aktuelle Zinssatz von 2 Prozent sei aus seiner Sicht angemessen und entspreche der aktuellen wirtschaftlichen Lage. „Ich denke, wo wir jetzt stehen, ist in Ordnung“, sagte der frühere Gouverneur der irischen Zentralbank. Gleichzeitig betonte er, dass die Notenbank die Entwicklung im Nahen Osten sehr genau beobachte.

Szenarien warnen vor möglichem Energieschock

Lane verwies zudem auf eine Szenarioanalyse der Europäischen Zentralbank aus dem Dezember 2023. Darin wird untersucht, welche Folgen ein anhaltender Konflikt im Nahen Osten für die europäische Wirtschaft haben könnte.

Sollte es zu einem dauerhaften Rückgang der Energieexporte aus der Region kommen, könnte dies einen starken inflationsgetriebenen Energieschock auslösen. Besonders betroffen wären energieintensive Industrien sowie Volkswirtschaften mit hoher Importabhängigkeit.

In einem solchen Szenario würde die Inflation deutlich ansteigen. Gleichzeitig könnte die Wirtschaftsleistung in der Eurozone spürbar zurückgehen, da höhere Energiekosten Produktion und Nachfrage gleichzeitig belasten.

Energiepreise als Risiko für Deutschlands Wirtschaft

Lane betonte außerdem, dass die Inflation weiterhin über dem mittelfristigen Zielwert der EZB von 2 Prozent liegt. Vor diesem Hintergrund sieht er derzeit keinen Spielraum, zusätzliche Risiken in der Geldpolitik einzugehen.

„Das ist kein Umfeld, in dem ich ein Argument dafür sehe, bewusst ein höheres Inflationsrisiko einzugehen“, erklärte der EZB-Chefökonom mit Blick auf mögliche geldpolitische Lockerungen. Für Deutschland wäre eine Eskalation im Nahen Osten besonders relevant. Als stark industrialisierte Volkswirtschaft reagiert das Land empfindlich auf steigende Energiepreise und Störungen globaler Lieferketten.

Ein anhaltender Konflikt, steigende Energiepreise und mögliche Engpässe bei Öl und Gas könnten daher nicht nur die Inflation erneut antreiben, sondern auch Industrieproduktion, Exportwirtschaft und Wachstum in Deutschland spürbar belasten.

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