Rückzug aus Litauen: Autozulieferer Aumovio schließt Werke
Der Automobilzulieferer Aumovio plant im Rahmen eines Sparprogramms die Schließung weiterer Standorte. Die Stilllegung der Werke in Litauen soll bis Ende 2028 abgeschlossen sein, die Kosten werden auf rund 50 Millionen Euro geschätzt, teilte das Unternehmen am Mittwoch in seinem Geschäftsbericht mit.
Wie Geschäftsführer Philipp von Hirschheydt erklärte, sollen neben bereits geplanten Werksschließungen in Deutschland, in Karben und Babenhausen, auch zwei Produktionsstandorte in China und Litauen geschlossen werden, berichtet das litauische Wirtschaftsportal Verslo Zinios unter Berufung auf Reuters.
„In den vergangenen Monaten haben wir eine umfassende strategische Überprüfung unserer globalen Aktivitäten durchgeführt, um nachhaltiges Wachstum sicherzustellen. Dabei haben wir die Auslastung der Produktionskapazitäten und die künftigen Nachfragetrends genau analysiert. Der Standort Kaunas wurde in den vergangenen Jahren besonders von rückläufiger Nachfrage, anhaltender Unterauslastung und zunehmend komplexer Logistik beeinträchtigt“, heißt es in einer Stellungnahme von Aumovio Autonomous Mobility Lithuania gegenüber unseren Kollegen von Verslo Zinios.
Nach Angaben des Unternehmens ist der Rückgang der Aufträge in ganz Europa zu beobachten, wodurch das Werk deutlich unter seiner geplanten Kapazität arbeitet. „Vor diesem Hintergrund ist die schrittweise Einstellung der Produktion in Kaunas unvermeidlich geworden. Der Aufsichtsrat der Muttergesellschaft Aumovio SE hat beschlossen, den Informations- und Konsultationsprozess mit den Arbeitnehmervertretern einzuleiten. Das Werk in Kaunas war für uns ein Vorzeigeprojekt, weshalb diese Entscheidung besonders schwer gefallen ist. Vorab wurden alle möglichen Alternativen geprüft“, heißt es weiter.
Das Unternehmen betont, man wolle einen planbaren und sozial verantwortlichen Übergang sicherstellen und die Auswirkungen auf die Beschäftigten so weit wie möglich abmildern. „Wir arbeiten dabei eng mit den Regierungen Litauens und Deutschlands zusammen. Ziel ist es, Lösungen zu finden, die betroffenen Beschäftigten einen direkten Übergang in neue Arbeitsplätze ermöglichen“, erklärte Aumovio.
Automobilkonzern Aumovio: Spin-off von Continental
Aumovio ist ein im vergangenen Herbst von dem deutschen Automobilkonzern Continental abgespaltenes Geschäft für Fahrzeugkomponenten. Gleichzeitig wurden auch die Gesellschaften in Litauen umbenannt. Dort sind heute Aumovio Lithuania und Aumovio Autonomous Mobility Lithuania tätig. In beiden Unternehmen arbeiten zusammen rund 800 Beschäftigte in der Region Kaunas, wie Daten der Sozialversicherung zeigen. Davon entfallen 306 auf Aumovio Autonomous Mobility Lithuania und 488 auf Aumovio Lithuania. Im Jahr 2025 zahlte Aumovio Autonomous Mobility Lithuania rund 4,5 Millionen Euro Steuern und belegte damit Rang 432 unter den Steuerzahlern im Land.
Die deutsche Aumovio und ihre Tochtergesellschaften produzieren elektronische Komponenten für Fahrzeuge, die in autonomen Fahrsystemen, Sicherheits- und Komfortlösungen sowie Displays eingesetzt werden. Continental hatte rund 190 Millionen Euro in den Standort Kaunas investiert. Aumovio ist an der Frankfurter Börse notiert. Die Produktion in Kaunas wurde Ende 2019 aufgenommen und galt als größte Investition in den litauischen Produktionssektor seit 20 Jahren.
Struktureller Wandel in der Autoindustrie als Auslöser
Nach Einschätzung von Elijus Čivilis, Leiter von Invest Lithuania, ist die Entscheidung auf strukturelle Veränderungen in der europäischen Automobilindustrie und zunehmenden globalen Wettbewerb zurückzuführen. In der Folge habe Aumovio seine Aktivitäten in verschiedenen Ländern überprüft und entschieden, die Produktion in Kaunas schrittweise bis Mitte 2028 einzustellen.
„Die Zusammenarbeit zwischen dem Investor und Litauen war eng und konstruktiv. Noch 2022, während des Krieges, wurden Investitionen in Litauen weiter ausgebaut. Erst die jüngsten Veränderungen in der europäischen Automobilindustrie und die Umstrukturierung der Lieferketten führten zu diesem Schritt. Für Litauen ist diese Entscheidung bedeutend, wir bewerten sie jedoch pragmatisch. Das Unternehmen hat einen schwierigen, aber notwendigen Schritt zur Effizienzsteigerung auf globaler Ebene unternommen. Litauen bleibt ein attraktiver Standort für Investitionen mit hoher Wertschöpfung“, erklärte Čivilis.
Standort bleibt erhalten, neue Investoren möglich
Der Leiter der Freihandelszone Kaunas, Vytautas Petružis, betonte, dass der Abzug eines so bekannten Unternehmens zwar ein Verlust sei, aber auch neue Chancen eröffnen könne. Was soll er auch anderes sagen, fragt man sich. Die Produktionsgebäude von „Aumovio“ gehören nicht zu den größten im Industriegebiet, jedoch nutzte das Unternehmen ein rund 15 Hektar großes Grundstück mit Erweiterungspotenzial. „Das Gebäude wird verkauft werden, ein neuer Investor wird kommen. Wir sollten optimistisch bleiben“, sagte Petružis.
Ministerpräsidentin Inga Ruginienė erklärte, der Rückzug stehe nicht im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage Litauens. Die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen sei bis zuletzt eng gewesen. „Es ist bedauerlich, dass das Unternehmen diese Entscheidung getroffen hat. Sie hängt nicht mit Litauen oder unseren Rahmenbedingungen zusammen“, sagte sie laut BNS. Die Aussage, das Unternehmen ziehe sich vollständig aus Europa zurück, ist jedoch nicht korrekt. Neben den geplanten Schließungen in Litauen und Deutschland betreibt Aumovio weiterhin Standorte in anderen europäischen Ländern, darunter Serbien und Rumänien. Allerdings kündigte das Unternehmen Ende Januar den Abbau von 640 Stellen in Rumänien und 230 in Serbien an.
Die Ministerpräsidentin verwies darauf, dass vor allem die europäische Unternehmensstrategie sowie bürokratische Hürden und Regulierung eine Rolle gespielt hätten. Sie betonte zugleich die Notwendigkeit, Entscheidungsprozesse in der EU zu vereinfachen, da es sonst zunehmend schwieriger werde, Industrie in Europa zu halten.
Warnung der Investoren: Standort unter Druck
Der Verband Investors’ Forum warnt, dass ohne konsequente Verbesserungen der Investitionsbedingungen weitere Unternehmen ähnliche Entscheidungen treffen könnten. „Es gab sicherlich viele Gründe. Dennoch sollten wir uns fragen, ob alles getan wurde, um den Standort zu halten. Die Entscheidung ist ein klares Signal: Wenn Litauen Investoren und gut bezahlte Arbeitsplätze sichern will, muss es seine Wettbewerbsfähigkeit stärken“, sagte Vorstandsvorsitzender Rolandas Valiūnas.
Er betonte, dass Investoren hochwertige Arbeitsplätze schaffen und zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen, ihre Entscheidungen jedoch primär von der Rentabilität abhängen. Neben geopolitischen Risiken spielten auch nationale Faktoren eine Rolle, darunter Steuererhöhungen, gestrichene Direktverbindungen nach London sowie umstrittene Reformen im Renten- und Gesundheitssystem. Diese Faktoren könnten in ihrer Gesamtheit dazu führen, dass Investitionen weniger attraktiv oder sogar unrentabel werden und Unternehmen ihre Aktivitäten reduzieren oder einstellen.
Aumovio-Aktie: Analystenmeinungen und aktuelle Kursziele
Mehrere Analysten haben sich im März 2026 zur Entwicklung des Autozulieferers geäußert. Im Fokus des überwiegend positiven und gleichzeitig differenzierten Bildes stehen Kostenmaßnahmen, Cashflow und Ergebnisziele. Sie spielen für die Bewertung der Aumovio-Aktie eine zentrale Rolle und prägen die Erwartungen in den kommenden Monaten.
Am 23. März bestätigte Deutsche Bank Research die Einstufung Buy mit dem Kursziel 55 Euro. Nach einem Management-Treffen signalisierten die Aussagen Zuversicht hinsichtlich Kostenmaßnahmen und Cashflow; Christoph Laskawi sieht darin die positive Einschätzung bestätigt. Bereits am 18. März bekräftigte UBS Buy mit dem Kursziel 50 Euro. David Lesne hält das obere Ende des Zielkorridors für das operative Ergebnis (Ebit) erreichbar und betont den starken Free Cashflow als wichtig für die Aumovio-Aktien. Am selben Tag blieb Bernstein Research bei Market-Perform, das Kursziel für die Aumovio-Aktie lautet 38 Euro. Harry Martin erwartet, dass Kostensenkungen das Wachstum längerfristig erschweren könnten, gestützt durch eine Umsatzprognose für das laufende Jahr, die drei Prozent unter der Konsensschätzung liegt. JPMorgan bestätigte ebenfalls am 18. März „Overweight“ mit Kursziel 62 Euro; laut Jose Asumendi entsprach das Ebit dem Konsens und Ebit-Zielspanne für 2026 liegt im Rahmen der Erwartungen für die Aumovio-Aktie.
Die Einschätzungen zeigen insgesamt ein mehrheitlich positives Votum, ergänzt um kritische Hinweise zu möglichen Wachstumsbremsen durch Kostensenkungen. Für die Aumovio-Aktie ergibt sich damit ein Spannungsfeld aus soliden Cashflow-Erwartungen und vorsichtigen Prognosen, das Anleger bei ihrer Bewertung berücksichtigen sollten und die unterschiedlichen Kursziele sowie Einstufungen einordnen.
