Die EU sieht zunehmenden stagflationären Druck
Die Europäische Kommission warnt vor einer Phase schwachen Wachstums bei gleichzeitig steigender Inflation und bereitet eine Absenkung ihrer Konjunkturprognosen vor. Trotz der angekündigten zweiwöchigen Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran bleibt die wirtschaftliche Unsicherheit in Europa hoch.
Die EU-Wirtschaft dürfte damit in den kommenden Monaten unter stagflationären Druck geraten. Gemeint ist eine Entwicklung, in der die Konjunktur an Dynamik verliert, während die Preise weiter steigen und wirtschaftspolitische Spielräume enger werden.
Nahost-Konflikt belastet Erwartungen der Kommission
EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis bewertet die Waffenruhe als Schritt zur Entspannung, der kurzfristig auch die Energiemärkte stabilisieren könnte. Der Einfluss des Konflikts im Nahen Osten bleibe jedoch insgesamt schwer kalkulierbar.
Nach Einschätzung der Kommission wirkt sich die Unsicherheit bereits spürbar auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Vor allem die Energiepreise beeinflussen Investitionen, Konsum und industrielle Produktion zunehmend negativ.
Wachstumsprognosen geraten deutlich unter Druck
Vor der Eskalation hatte die Europäische Kommission für das laufende Jahr noch ein Wachstum von 1,4 Prozent erwartet, für 2027 lag die Prognose bei 1,5 Prozent. Gleichzeitig sollte die Inflation leicht oberhalb der Zwei-Prozent-Marke stabil bleiben.
Inzwischen deutet sich jedoch eine schwächere Entwicklung an. Sollten die Energiepreise bis Ende 2026 auf das Vorkriegsniveau zurückkehren, könnte das Wachstum in diesem Jahr um 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen.
Bleiben die Preise länger erhöht, rechnet die Kommission mit einer Abschwächung um jeweils 0,6 Prozentpunkte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr. Damit würde sich die konjunkturelle Dynamik deutlich verlangsamen.
Inflation könnte stärker anziehen als erwartet
Parallel dazu rechnen Ökonomen mit einem stärkeren Anstieg der Verbraucherpreise. In einem moderaten Szenario könnte die Inflation in diesem Jahr um bis zu einen Prozentpunkt steigen. In einem ungünstigeren Verlauf wäre sogar ein Anstieg um bis zu 1,5 Prozentpunkte sowohl im laufenden als auch im übernächsten Jahr möglich. Dies würde die Kaufkraft der Haushalte weiter schwächen und die Kosten für Unternehmen erhöhen.
Straße von Hormus bleibt kritischer Faktor
Ein zentraler Unsicherheitsfaktor bleibt die Lage in der Straße von Hormus. Über diese Route wird ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gaslieferungen transportiert. Marktteilnehmer betonen, dass die Entwicklung der Energiepreise maßgeblich davon abhängt, ob der Iran den Seeweg nach der Waffenruhe tatsächlich wieder vollständig freigibt. Andernfalls könnten die Preise länger auf erhöhtem Niveau verharren.
Zudem gibt es Hinweise, dass Teheran erwägt, den Transit von Tankern an Zahlungen in Kryptowährungen zu knüpfen. Ein solcher Schritt würde die Kontrolle über die Route sichern und neue Unsicherheiten für den globalen Energiemarkt schaffen.
EU-Staaten greifen zu gezielten Entlastungen
Angesichts steigender Energiepreise haben mehrere EU-Staaten bereits reagiert. Länder wie Italien, Polen und Spanien senken Abgaben auf Kraftstoffe, um Unternehmen und Verbraucher zu entlasten.
Die Europäische Kommission warnt jedoch vor einer Ausweitung staatlicher Ausgaben. Umfangreiche Hilfsprogramme könnten neue Risiken für die öffentlichen Haushalte schaffen und die fiskalische Stabilität gefährden. Daher sollen Maßnahmen gezielt, zeitlich begrenzt und mit möglichst geringer Belastung für die Staatsfinanzen umgesetzt werden. Eine breite Subventionspolitik sieht Brüssel kritisch.
Fiskalregeln rücken erneut in den Mittelpunkt
In den kommenden Monaten will die Kommission prüfen, ob die Mitgliedstaaten ihre Verpflichtungen zur Reduzierung von Schulden und Defiziten einhalten. Die Debatte gewinnt an Bedeutung, da mehrere Länder die vereinbarten Grenzen überschreiten.
So lag das Haushaltsdefizit Italiens im vergangenen Jahr bei 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit über der zulässigen Marke von drei Prozent. Die Einhaltung der Fiskalregeln wird damit erneut zu einem zentralen Streitpunkt innerhalb der EU. Gleichzeitig fordert Italien eine vorübergehende Lockerung der Vorgaben, ähnlich wie während der Pandemie. Die Kommission lehnt diesen Schritt bislang ab.
Brüssel hält an fiskalischer Linie fest
Nach Angaben von Dombrovskis sind Ausnahmen nur in Phasen eines tiefen wirtschaftlichen Einbruchs gerechtfertigt. Trotz wachsender Risiken sieht die Kommission diese Voraussetzung derzeit nicht erfüllt. Die Lage sei angespannt, entspreche jedoch nicht einem Szenario, das eine Lockerung der Haushaltsregeln rechtfertigen würde. Brüssel setzt daher weiterhin auf fiskalische Disziplin.
Stagflation prägt den wirtschaftlichen Ausblick
Die durch den Nahost-Konflikt ausgelösten Turbulenzen auf den Energiemärkten erhöhen den Druck auf die europäische Wirtschaft. Auch eine vorübergehende Entspannung dürfte die strukturellen Risiken nicht beseitigen.
Die Kombination aus schwächerem Wachstum und steigender Inflation dürfte die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren prägen. Unternehmen und Politik stehen damit vor schwierigen Abwägungen.
Deutschland besonders anfällig für Energiepreise
Für Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU ergeben sich daraus erhebliche Herausforderungen. Die energieintensive Industrie reagiert besonders sensibel auf steigende Preise, während gleichzeitig die Exportnachfrage schwächer werden kann.
Sollten die Energiepreise hoch bleiben und fiskalische Spielräume begrenzt sein, dürfte sich der Anpassungsdruck weiter erhöhen. Für die deutsche Wirtschaft stellt sich damit die Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum unter diesen Bedingungen gesichert werden können.
