Panorama

Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpft ein ehemaliger Liquidator noch immer mit den Folgen. Inmitten des Krieges in der Ukraine blickt er zurück – doch wie viel Vergangenheit kann ein Mensch ertragen?
26.04.2026 09:10
Lesezeit: 4 min
Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew
Das Riesenrad befindet sich im Vergnügungspark in der Geisterstadt Prypiat. Die heute verlassene Stadt wurde 1970 im Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl gegründet. (Foto: dpa) Foto: ---

Tschernobyl-Katastrophe – Kiewer lebt seit 37 Jahren in der Strahlenzone

Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl begleiten den Liquidator Mychajlo Bukow bis heute. Bei einem Gespräch in Kiew, wo derzeit Kriegszustand herrscht, berichtet er von Verlust und Zuversicht.

Die Nacht des Unglücks im Kernkraftwerk Tschernobyl zerstört für den damals 28-jährigen Arbeiter Mychajlo Bukow und seine Familie mit zwei kleinen Söhnen sämtliche Zukunftspläne. Um drei Uhr morgens am 26. April 1986 klopft ein Kollege an seine Wohnungstür und sagt: "Mischa, irgendwas ist im Kraftwerk passiert". 40 Jahre ist die schwerste Katastrophe der zivilen Nutzung der Kernenergie inzwischen her. Bukow erinnert sich an das damalige Chaos bei einem Treffen in Kiew, das seit mehr als vier Jahren im Krieg gegen den russischen Angriff lebt.

"Niemand wusste etwas, die Telefone waren abgeschaltet. Ich hatte keine Vorstellung davon, was da passiert sein könnte", berichtet der heute 68-Jährige im Plattenbauviertel Teremky im Süden der ukrainischen Hauptstadt. Er trägt Jeans und eine Lederjacke; in seiner Umhängetasche befinden sich auch Erinnerungsstücke aus seinem Leben. Er zeigt seine Ausweise.

Mehr als 37 Jahre arbeitete Bukow in der radioaktiv belasteten Sperrzone rund um den in jener Nacht explodierten Reaktor 4, um die Folgen der Katastrophe zu beseitigen. Bukow gehört zu Hunderttausenden sogenannten Liquidatoren, die unter der kommunistischen Führung der Sowjetunion die Aufräumarbeiten übernehmen. Der in Russland geborene Elektromechaniker kam Anfang der 1980er Jahre zum Bau des Atomkraftwerks Saporischschja in die Ukraine.

Gutes Leben in Prypjat – doch die Freude währt nur kurz

Die Aussicht auf eine Wohnung in der modernen Kraftwerksstadt Prypjat bringt ihn damals zum Kernkraftwerk Tschernobyl. "Zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit. 300 Meter zum Fluss Prypjat und du konntest schon angeln", erinnert sich Bukow. "Das war alles einfach herrlich." Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer.

Am Tag nach der Explosion im AKW räumen die Behörden die Plattenbausiedlung. "Zwei Stunden haben wir vor unserem Haus gestanden, meine Frau mit dem sechs Monate alten Säugling auf dem Arm und einen Koffer hatten wir", erinnert er sich. Sie nehmen nur das Notwendigste mit. Die Evakuierung soll lediglich zwei Tage dauern. Ihr Eigentum sehen sie nie wieder. Sie kommen zunächst bei seinen Eltern unter, bis sie im September in Kiew als Tschernobyl-Evakuierte eine Dreizimmerwohnung bekommen. Bis heute wohnen Bukow und seine Frau in dem 18-stöckigen Gebäude.

Roboter arbeiten im verstrahlten Maschinenraum

Bukow meldet sich damals erneut bei seinem Betrieb. "Natürlich freiwillig", sagt er. Er zieht in ein Wohnheim in der Stadt Poliske, etwa 50 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, und fährt mit anderen Liquidatoren täglich nach Tschernobyl. Dort bauen sie Betonwerke für die Errichtung des provisorischen Sarkophags über dem vierten Unglücksreaktor. Auf seinem Tablet zeigt er alte Fotos. "Hier ist unsere alte Brigade. Die Hälfte lebt schon nicht mehr." Insgesamt unterstützen damals rund 800.000 Liquidatoren aus der gesamten damaligen Sowjetunion die Beseitigung der Folgen der Katastrophe und den Bau des Betonsarkophags.

Da Bukow ein Diplom als Funktechniker besitzt, wechselt er im Winter 1986 zu einem Spezialbetrieb für Robotik. Gemeinsam mit Roboterspezialisten aus dem damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) hilft er bei der Dekontamination. Sie warten und reparieren ferngesteuerte Bulldozer und Roboter, die zur Trümmerbeseitigung eingesetzt werden. Außerdem räumen sie den radioaktiven Maschinenraum des zerstörten Reaktors. "Es gab dort sehr viele verschmutzte Metallkonstruktionen. Darunter auch Grafitbauteile. Die haben wir rausgebracht", berichtet Bukow.

Mit den russischen Kollegen von damals in St. Petersburg bleibt er trotz des Krieges über das Internet in Kontakt. "Wir respektieren uns", sagt er; das sei für ihn persönlich eine menschliche Angelegenheit.

Bukow und seine Frau leben nach dem Verlust der Söhne allein

Gut ein Jahr nach Beginn des Krieges, als zunächst auch russische Truppen Tschernobyl besetzten, verabschiedet sich Bukow im Juni 2023 vom Kraftwerk und geht in den Ruhestand. Alle zwei Jahre werden er und seine Frau Tetjana als Tschernobyl-Betroffene medizinisch umfassend untersucht. Bukow leidet an Krampfadern und einem Bandscheibenvorfall, seine Frau kämpft seit der Katastrophe mit Schilddrüsenproblemen. "Sie muss ständig Tabletten nehmen".

Den schwersten Schicksalsschlag erleben sie jedoch, als sie ihre Söhne nacheinander verlieren. "Der Säugling, den wir bei der Evakuierung auf den Armen hielten, starb mit 19." Während er das erzählt, ringt er um Fassung. Die Todesursache: "Plötzlicher Herzstillstand." Der ältere Sohn, 1979 geboren, stirbt mit 38. "Kurz, wir leben jetzt mit meiner Frau zu zweit und von Rente zu Rente", sagt er. Mit umgerechnet rund 350 Euro – inklusive Tschernobyl-Zuschlägen – muss das Paar auskommen.

Nach Tschernobyl folgt das Leben im Krieg mit Russland

Bukow hat das Buch "Die Roboter von Tschernobyl" geschrieben – zur Aufbesserung seiner Rente. Doch seit der Pandemie und dem russischen Krieg gibt es keine Tschernobyl-Touristen mehr und damit kaum Käufer.

Aktuell spürt er vor allem noch den harten Kriegswinter mit den russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Als die Heizung ausfällt, sinkt die Temperatur in der Wohnung auf unter zehn Grad. Bei ständigen Luftalarmen suchen er und seine Frau Schutz im Badezimmer oder im Hausflur. "Aus dem 16. Stock rennst du nirgendwo hin, zumal immer der Fahrstuhl ausfallen kann."

Ein Weggang aus der Ukraine kommt für Bukow und seine Frau dennoch nicht infrage. Wohnung, Freunde und Bekannte sind in Kiew. Der 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe ist für ihn ein "Tag der Trauer": "Von meinen Altersgenossen und den Älteren ist kaum noch jemand da."

Ein Leben zwischen Katastrophe und Gegenwart

Mehr als 37 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl zeigt die Geschichte von Mychajlo Bukow, wie tiefgreifend die Folgen eines solchen Unglücks sein können. Seine Erinnerungen stehen nicht nur für die persönliche Tragödie eines Mannes, sondern auch für das Schicksal Hunderttausender Liquidatoren. Gleichzeitig verdeutlicht sein heutiges Leben im kriegsgeprägten Kiew, wie sich historische und aktuelle Krisen überlagern. Trotz gesundheitlicher Probleme, finanzieller Einschränkungen und persönlicher Verluste bewahrt Bukow eine bemerkenswerte Haltung. Sein Schicksal wirft die Frage auf, wie Gesellschaften langfristig mit den Folgen von Katastrophen umgehen und welche Verantwortung sie gegenüber den Betroffenen tragen.

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