Erfahrener US-Stratege über Trumps nächsten globalen Schritt
Charles Myers, Gründer der einflussreichen Beratungsfirma Signum Global Advisors, zählt zu den führenden geopolitischen Experten der USA. Er war als Präsidentenberater tätig und verfügt über enge Kontakte in die Trump-Regierung. Im Gespräch mit der schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens Industrie bewertet er die aktuelle politische Lage.
Myers rechnet damit, dass Trump Dänemark innerhalb von zwölf Monaten in ein Grönland-Abkommen drängen wird. Zudem spricht er über Trumps Strategie zur Öffnung der Straße von Hormus, über das Ende des Iran-Kriegs, über den US-Plan für eine Waffenruhe in der Ukraine zugunsten Russlands und über mögliche Präsidentschaftskandidaten im Jahr 2028.
Charles Myers gehört zu den einflussreichsten geopolitischen Experten der USA. Amerikanische Medien ziehen ihn regelmäßig als Analysten heran. Früher beriet er Präsident Joe Biden sowie die Präsidentschaftskandidatinnen Hillary Clinton und Kamala Harris. Die Weltlage beschreibt er als zunehmend instabil und von geopolitischen Risiken geprägt.
„Geopolitisches Risiko ist heute das größte Risiko der Welt, ganz gleich, ob man Geld verwaltet oder ein Unternehmen führt“, sagt Charles Myers. Für Investoren und Unternehmen sei Außenpolitik damit nicht länger ein Randthema, sondern ein zentraler Faktor strategischer Entscheidungen.
Trumps Außenpolitik folgt einer klaren Machtlogik
Myers ist Gründer von Signum Global Advisors, einer Beratungsfirma mit rund 20 Partnern, sieben Büros weltweit und einer breiten Kundenbasis. Zu den Kunden zählen zahlreiche große US-Unternehmen. Die Firma verfügt zudem über weitreichende Verbindungen in die Trump-Regierung.
Nach Einschätzung von Myers sind die vielen, teils widersprüchlich wirkenden Vorstöße des Weißen Hauses nicht zufällig. Er sieht darin Bestandteile einer geschlossenen „Amerika zuerst“-Strategie. Die USA zögen sich nicht aus der Welt zurück, sondern setzten ihre Interessen offensiver durch.
„Die Welt hat sich durch Covid, die Invasion der Ukraine, den Angriff auf Israel und anschließend durch Trumps Rückkehr grundlegend verändert. Was wir sehen, ist ein schrittweiser Zerfall der regelbasierten Weltordnung“, sagt Charles Myers.
Europa müsse deshalb über Trumps laute Aussagen zu Grönland hinausblicken. Diese hatten Anfang des Jahres eine Krise ausgelöst. Myers ist überzeugt, dass der Präsident für die Insel eine klare Agenda verfolgt und sie in eine größere Sicherheitsstrategie einordnet.
Grönland wird zum strategischen Ziel der USA
„Die maximalistische Rhetorik lautete, wir werden die Insel einnehmen oder kaufen. Das wird nicht geschehen. Stattdessen wird man Dänemark und Grönland in ein Dreierabkommen drängen“, sagt Myers über die erwartete Linie Washingtons.
Das amerikanische Interesse an Grönland hängt laut Myers eng mit der nationalen Sicherheitsstrategie zusammen. Darin gilt die westliche Hemisphäre als amerikanische Interessensphäre. Die Trump-Regierung rechne auch die Arktis zu diesem Raum und leite daraus konkrete Ansprüche ab.
Myers erwartet, dass Dänemark in ein Abkommen mit den USA gezwungen wird. Die Trump-Regierung sehe sich nicht an etablierte Regeln gebunden. Gerade deshalb könne der Druck auf Kopenhagen erheblich steigen und in kurzer Zeit politische Wirkung entfalten.
„Was Trump mit Grönland erreichen will, ist netto positiv für uns alle innerhalb der Nato und sehr positiv für Grönland, aber Dänemark steht im Weg“, sagt Charles Myers. Aus seiner Sicht wird Kopenhagen damit zum entscheidenden Hindernis der amerikanischen Strategie.
Washington stellt drei Forderungen an Dänemark
In der Grönland-Frage werde das Weiße Haus nach Myers’ Einschätzung drei zentrale Forderungen an Dänemark richten. Die USA wollten ein Kooperationsabkommen, das eine stärkere militärische Präsenz und den Ausbau amerikanischer Ressourcen auf Grönland ermöglicht.
Zudem sollen Grönland und Dänemark die russische und chinesische Schifffahrt in grönländischen Hoheitsgewässern begrenzen. Drittens verlangen die USA exklusiven Zugang zu den Seltenen Erden Grönlands. Für Kopenhagen ist vor allem dieser Punkt politisch heikel.
„Die ersten beiden Punkte sind relativ unkompliziert. Der dritte ist für Dänemark eine Frage der Souveränität“, sagt Myers. Genau dieser Teil der amerikanischen Forderungen dürfte für Kopenhagen am schwierigsten zu akzeptieren sein.
Während der Grönland-Krise im Januar schloss die zugespitzte Rhetorik eine mögliche amerikanische Invasion nicht aus. Europa stellte sich demonstrativ hinter Dänemark. Auf der Insel wurden zudem militärische Übungen abgehalten, um politische Unterstützung sichtbar zu machen.
Europa verfügt nur über begrenzte Gegenmittel
Myers meint, dass europäische Regierungschefs nur wenig entgegensetzen können, wenn Trump das Thema erneut aufgreift. Politische Solidarität reiche in diesem Fall nicht aus. Entscheidend sei, ob Europa konkrete Gegenmaßnahmen durchsetzen könne.
„Es gibt den Willen, Dänemark zu unterstützen, aber in der Praxis tut man es nicht“, sagt Myers. Die EU verfüge nur über begrenzte Gegenmaßnahmen. Auch die sogenannte Handelsbazooka dürfte politisch kaum einsetzbar sein, da das Weiße Haus mit gleicher Härte reagieren würde.
Die Handelsbazooka ist ein neues Instrument der EU-Handelspolitik. Sie soll wirtschaftlichen Druck anderer Staaten verhindern, beantworten oder zurückweisen. Möglich wären etwa Zölle, Handelsbeschränkungen und ein begrenzter Zugang zum Binnenmarkt.
Ein Abkommen könnte Grönlands Unabhängigkeitsbewegung stärken
„Die Vergeltung der USA könnten Zölle von 100 oder 200 Prozent sein, und Trump würde das durchziehen“, sagt Myers. Damit beschreibt er ein Szenario, in dem europäische Gegenmaßnahmen rasch hohe wirtschaftliche Kosten auslösen könnten.
Ein Dreierabkommen könnte aus Sicht von Myers langfristig dennoch der grönländischen Unabhängigkeitsbewegung zugutekommen. Er hält es für möglich, dass ein solches Abkommen innerhalb von zwölf Monaten erzwungen wird und die politische Dynamik auf der Insel verändert.
„Der Zeitplan hängt im Grunde nur davon ab, wann die Trump-Regierung glaubt, bereit für eine Auseinandersetzung mit der EU oder mit Dänemark und dessen Verbündeten zu sein“, sagt Myers. Die Entscheidung liege damit vor allem in Washington.
Die US-Strategie im Iran-Krieg
Der Iran-Krieg war zuletzt die größte geopolitische Frage weltweit. Myers hält die Öffnung der Straße von Hormus für entscheidend. Er nennt zwei Wege, die die USA einschlagen könnten, entweder eine Lösung durch Diplomatie oder eine Öffnung mit militärischer Gewalt.
„Die USA können die Meerenge militärisch nehmen. Falls das geschieht, wird es brutal sein, aber die Meerenge wird wieder geöffnet“, sagt Myers. Die Kontrolle über diese Passage bleibt aus seiner Sicht für Washington zentral.
Die Straße von Hormus ist die schmale Passage zwischen dem Iran und der Arabischen Halbinsel. Sie gehört zu den wichtigsten Transportwegen der Welt für Öl, Ölprodukte und Flüssigerdgas. Entsprechend groß wäre die wirtschaftliche Bedeutung einer dauerhaften Blockade.
Eine Vereinbarung zwischen dem Iran und den USA dürfte sich sowohl um die Schifffahrt als auch um das iranische Atomtechnikprogramm drehen. Zugleich sieht Myers nur ein kurzes Zeitfenster für eine Einigung, da der Ölpreis unmittelbar auf die amerikanische Innenpolitik wirkt.
Iran, Ölpreis und Atomprogramm
„Ich glaube, dass dies ein Prozess von drei bis vier Wochen ist, nicht von drei bis vier Monaten“, sagt Myers. Er beschreibt eine teilweise vorläufige Lösung, auf die weitere Verhandlungen über Irans Atomtechnik folgen würden.
Venezuelas Präsidentin Delcy Rodríguez übernahm nach der Festnahme von Nicolás Maduro durch die USA. „Sie sitzen auf den größten Ölreserven der Welt und haben die vollständige Unterstützung der US-Regierung, die voll auf ihren Erfolg setzt“, sagt Myers über Venezuela. Foto Ariana Cubillos.
Die Entwicklung in Venezuela ist zuletzt in den Hintergrund geraten. Für Washington gewinnt das Land jedoch nach Myers’ Einschätzung wieder an strategischem Gewicht. Entscheidend ist dabei vor allem die Rolle Venezuelas auf den globalen Energiemärkten.
Die USA traten Ende Februar in den Iran-Krieg ein. Zuvor hatte der schnelle Regimewechsel in Venezuela im Januar Washington gestärkt. Myers reiste kürzlich mit einer Delegation von Spitzenmanagern aus rund 50 Unternehmen in das Land.
Venezuela gewinnt für Washington energiepolitisch an Bedeutung
Die Delegation traf unter anderem Präsidentin Delcy Rodríguez. Nach der Reise zeigt sich Myers noch optimistischer für die Aussichten Venezuelas. Er erwartet, dass die Ölproduktion des Landes schneller steigen kann als bisher prognostiziert.
„Sie sitzen auf den größten Ölreserven der Welt und haben die vollständige Unterstützung der US-Regierung, die voll auf ihren Erfolg setzt“, sagt Myers. Er verbindet dies mit der Energiesicherheit, die durch die Lage an der Straße von Hormus neue Bedeutung gewonnen hat.
Versorgung aus einem verbündeten Staat in der eigenen Hemisphäre werde aus Sicht Washingtons immer wichtiger. Venezuela könnte deshalb zu einem zentralen Baustein der amerikanischen Energiepolitik werden und die Abhängigkeit von unsicheren Transportrouten verringern.
„Heute gibt es keine Aussicht auf eine Waffenruhe“, sagt Myers mit Blick auf einen anderen Konflikt. Die Aussage zeigt, wie stark Washington mehrere Krisen gleichzeitig betrachtet und dabei Energieversorgung, regionale Machtpolitik und Sicherheitsinteressen miteinander verknüpft.
Kuba gerät erneut in den Fokus der US-Politik
Trump hat wiederholt darauf verwiesen, dass Kuba das nächste Land sei, in dem ein Regimewechsel erfolgen müsse. Myers deutet dies als Teil der erklärten Monroe-Doktrin des Weißen Hauses. Die USA wollten ihre eigene Interessensphäre sichern.
Der Plan der USA bestehe deshalb darin, Russland und indirekt auch China aus der Region zu drängen. Das wichtigste Instrument gegenüber Havanna sei massiver wirtschaftlicher Druck. Kuba gehört aus Washingtons Sicht damit erneut zu den zentralen geopolitischen Schauplätzen.
„Es wird innerhalb der nächsten zwölf Monate entweder einen Führungswechsel oder einen Regimewechsel auf Kuba geben. Das wird mit Gewalt geschehen, wenn es nötig ist“, sagt Charles Myers über die mögliche Entwicklung.
Myers weist darauf hin, dass die Risiken in Kuba sehr hoch werden können. Moskau werde einen amerikanischen Vorstoß kaum widerstandslos hinnehmen. Kuba sei für Russland weiterhin von erheblicher strategischer Bedeutung.
Russlands Einfluss in der westlichen Hemisphäre
„Es ist Russlands letzte starke Bastion in unserer Hemisphäre, und Russland wird sich nicht still zurückziehen“, sagt Myers. Damit beschreibt er Kuba als möglichen Konfliktpunkt zwischen Washington und Moskau.
Der Ukraine-Krieg seit der russischen Großinvasion ist ein weiterer Konflikt, in dem die USA eine Waffenruhe vermitteln könnten. Myers sieht jedoch ein erhebliches Risiko, dass eine solche Lösung zu russischen Bedingungen und zulasten Europas zustande kommt.
„Heute gibt es keine Aussicht auf eine Waffenruhe, aber ich glaube, dass sie in der zweiten Jahreshälfte möglich ist. Der einzige Weg zu einem Waffenstillstand besteht jedoch darin, Russland ein noch besseres Angebot zu machen als das, worüber bisher gesprochen wurde“, sagt Myers.
Die USA könnten Russland mit aufgehobenen Sanktionen und der Freigabe eingefrorener Vermögenswerte locken. Möglich wäre eine direkte Einigung zwischen Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin. Die EU säße dabei nicht mit am Tisch.
Washington prüft Zugeständnisse an Russland
Diese Einschätzung wird dadurch gestützt, dass Europa an früheren Friedensgesprächen nicht beteiligt war. Für Myers ist das ein Hinweis darauf, wie Washington den weiteren Prozess führen könnte und welche Rolle europäische Staaten dabei einnehmen würden.
Sollte es zu einer Waffenruhe kommen und russische Energie wieder stärker auf den Weltmarkt fließen, dürfte auch der europäische Widerstand nachlassen. Die wirtschaftlichen Anreize könnten dann stärker wirken als die heutige politische Abgrenzung.
„Sechs Monate nach einer Waffenruhe wird Europa viel mehr russisches Öl und Erdgas kaufen, als es heute einräumen will“, sagt Charles Myers. Damit sieht er die Energiepolitik als entscheidenden Hebel in einem möglichen Nachkriegsszenario.
In den USA richtet sich viel Aufmerksamkeit auf die Zwischenwahlen im November. Parallel wächst die Debatte darüber, wie sich die aktuelle Politik nach der Präsidentschaftswahl 2028 verändern könnte und welche Personen die Parteien dann aufstellen.
Donald Trump Jr. gilt als möglicher Kandidat der Republikaner
Myers erwartet, dass Donald Trump Jr., der Sohn des amtierenden Präsidenten, als republikanischer Spitzenkandidat antreten könnte. Dies wäre aus seiner Sicht ein Weg, die politische Maga-Bewegung zusammenzuhalten und die Machtstruktur der Trump-Familie zu sichern.
Andere Experten bringen Außenminister Marco Rubio oder Vizepräsident JD Vance ins Gespräch. Myers hält jedoch jemanden aus der Trump-Familie im Weißen Haus für notwendig, um die Bewegung geschlossen zu halten und interne Brüche zu vermeiden.
„Wenn ein Trump gewinnt, bekommt er auch die Kontrolle über Begnadigungen, und diese Familie wird sie brauchen“, sagt Myers. Er verweist dabei auf Diskussionen innerhalb der Demokraten über ein späteres Amtsenthebungsverfahren.
Wer für die Demokraten antreten wird, ist derzeit offen. Myers war über Jahrzehnte Berater der Partei. Er erwartet, dass die Demokraten wahrscheinlich mit einer politischen Agenda der Mitte in den Wahlkampf gehen.
Die Demokraten dürften auf einen Kurs der Mitte setzen
Als mögliche Namen aus der politischen Mitte nennt Myers die Gouverneure Andy Beshear in Kentucky, Josh Shapiro in Pennsylvania, Gavin Newsom in Kalifornien und JB Pritzker in Illinois. Alle vier stehen für unterschiedliche Strömungen innerhalb der Partei.
„Dann gibt es ein paar, an die wir noch nicht denken, vielleicht den früheren Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel, oder jemand anderen, der hervortreten wird, wenn wir uns der Wahl nähern“, sagt Myers. Damit ist die Kandidatenfrage auf beiden Seiten eng mit der Frage verbunden, wie die USA ihre Außenpolitik nach 2028 fortsetzen. Für Myers bleibt entscheidend, ob der Trumpismus als Machtstruktur erhalten bleibt.
Die Debatte über Grönland wird auch von anderen Experten geführt. Einige sehen in der Insel einen zentralen strategischen Raum, andere warnen davor, amerikanische Sicherheitsinteressen gegen Dänemark und Nato-Partner durchzusetzen.
Weitere Einschätzungen zur Bedeutung Grönlands
„Es gibt wenige Gründe zu glauben, dass die Sicherheit der USA heute oder in Zukunft davon abhängt, dass das Land die Insel besitzt“, meinen Analysten des Thinktanks Cato Institute. Damit wenden sie sich gegen eine Besitzlogik in der Arktis.
„Grönland ist eine zentrale arktische Region mit strategischer Bedeutung für die nationalen Sicherheitsinteressen der USA“, schreiben Forscher des Thinktanks CSIS. Sie betonen damit die sicherheitspolitische Bedeutung der Insel, ohne daraus zwingend einen Eigentumsanspruch abzuleiten.
„Die Sicherheit der USA in der Arktis wird besser durch Zusammenarbeit mit Dänemark und Nato-Verbündeten gefördert, nicht durch Handeln gegen sie“, so der Thinktank Atlantic Council. Diese Einschätzung setzt stärker auf Bündnispolitik als auf einseitigen Druck.

