Wirtschaft

J.P. Morgan-Chef Jamie Dimon warnt: Weltordnung steht vor historischer Probe

Jamie Dimon sieht die globale Wirtschaft vor Risiken, die weit über Börsen, Inflation und Ölpreise hinausreichen. Kann der Westen seine wirtschaftliche Stärke, Bündnisse und demokratische Ordnung in dieser neuen Weltlage behaupten?
06.05.2026 15:04
Lesezeit: 11 min
J.P. Morgan-Chef Jamie Dimon warnt: Weltordnung steht vor historischer Probe
Jamie Dimon warnt vor globalen Risiken, die für den Westen zur Bewährungsprobe für Wirtschaft, Bündnisse und demokratische Ordnung werden (Foto: dpa) Foto: Michael Reynolds

J.P. Morgan-Chef Dimon warnt in Kopenhagen vor neuer Weltlage

Am Nachmittag des 29. April drängen sich im Hotel d’Angleterre in Kopenhagen internationale Finanzleute der amerikanischen Großbank J.P. Morgan Chase. Sie sind aus den USA und aus vielen Teilen Europas angereist, um an einem Treffen teilzunehmen, das weit über ein gewöhnliches Gespräch zwischen Bankern und Unternehmenskunden hinausgeht.

Im Zentrum steht Jamie Dimon, der Vorstandschef von J.P. Morgan. Im Konferenzraum Empire spricht er mit großen dänischen Firmenkunden über den Zustand der Weltwirtschaft, über geopolitische Risiken und über die Frage, ob der Westen seine Ordnung in den kommenden Jahrzehnten behaupten kann.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht Dimon an der Spitze der größten Bank an der Wall Street, der größten Bank der USA und der nach Marktkapitalisierung größten Bank der Welt. Finanzkrisen, politische Schocks und globale Umbrüche hat er aus nächster Nähe erlebt, doch die gegenwärtige Lage bewertet er als außergewöhnlich gefährlich.

Im Gespräch mit Børsen spricht der 70-Jährige über Inflation, den Iran-Krieg, den Krieg in der Ukraine, China, Künstliche Intelligenz und die hohe Staatsverschuldung. Seine Botschaft ist grundsätzlicher als eine übliche Marktprognose, denn Dimon sieht die freie und demokratische Welt vor einer historischen Bewährungsprobe.

Die größte Sorge gilt nicht dem Aktienmarkt

Dimon beschreibt die gegenwärtige Risikolage als so ernst wie nie zuvor in seiner Laufbahn. "Das ist das höchste Niveau, das ich je gesehen habe", sagt er. "Das ist ziemlich ernst." Für einen Bankchef, der die Finanzkrise von 2008, die Eurokrise und die Pandemie miterlebt hat, ist diese Einschätzung bemerkenswert.

Dennoch stehen für ihn nicht die Aktienmärkte oder der Ölpreis im Vordergrund. Entscheidend sei eine tiefere Frage, die über der aus seiner Sicht "vermutlich kompliziertesten geopolitischen Lage seit dem Zweiten Weltkrieg" liege. Es gehe nicht nur um Konjunkturdaten, Quartalsberichte oder die Entwicklung der Börsen im Jahr 2026.

"Die Menschen konzentrieren sich viel zu stark darauf, was 2026 passieren wird", sagt Dimon. "Alles, was derzeit in der Welt geschieht, der Krieg in der Ukraine, der Iran-Krieg, Handelskonflikte und die zu hohe Staatsverschuldung, handelt in Wahrheit vom Kurs der freien und demokratischen Welt und davon, welche Welt wir in 20 oder 30 Jahren haben wollen."

Das sei seine eigentliche Sorge, nicht die Wirtschaft oder der Aktienmarkt im kommenden Jahr. Dann richtet Dimon den Gedanken direkt an den Reporter von Børsen. "Du bist in einer freien und demokratischen Welt aufgewachsen. Aber wird das in 20 oder 30 Jahren noch so sein? Darum sollten wir uns sorgen."

Der Westen muss seine Ordnung verteidigen

Für Dimon hängt die Zukunft der freien Welt entscheidend davon ab, ob der Westen politisch, militärisch und wirtschaftlich zusammenhält. "Es ist entscheidend, dass wir zusammenhalten, militärisch und wirtschaftlich", sagt er. Diese Aussage bildet den Kern seiner Analyse der internationalen Lage.

Kurz vor seinem Besuch in Kopenhagen war Dimon in Norwegen, wo er an der Investmentkonferenz des staatlichen norwegischen Ölfonds Norges Bank Investment Management teilnahm. Dort sagte er, er habe überlegt, ob er am 29. April mehr Sicherheitspersonal nach Kopenhagen mitbringen solle.

Auf Nachfrage bezeichnet Dimon diese Bemerkung als Witz, macht jedoch deutlich, dass der Hintergrund ernst war. "Ich weiß, dass die Dänen ein wenig wütend auf uns sind. Ich meine, sie waren gute Partner und Freunde der USA. Und wir sollten sie mit Respekt behandeln. Das war es, was ich meinte", sagt er.

Damit verweist Dimon auf die Spannungen im transatlantischen Verhältnis, die in Europa mit wachsender Sorge beobachtet werden. Er bestreitet nicht, dass das Verhältnis zwischen Europa und den USA beschädigt ist. Zugleich hält er den Schaden nicht für unumkehrbar.

Europa und die USA bleiben aufeinander angewiesen

"Es besteht kein Zweifel daran, dass das Verhältnis beschädigt wurde, aber es wurde nicht zerstört", sagt Dimon. Aus seiner Sicht bleibt das Fundament der transatlantischen Beziehungen trotz politischer Spannungen stark genug, um die aktuelle Krise zu überstehen.

"Auch wenn wir dem Verhältnis geschadet haben, haben wir eine einzigartige Bindung zu Europa. Wir teilen dieselben Werte in Bezug auf Freiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie. Im Großen und Ganzen sind das entscheidende und sehr wichtige Gemeinsamkeiten", sagt er.

Auf die Frage, ob Donald Trump sich Europa gegenüber korrekt verhalten habe, vermeidet Dimon eine direkte persönliche Bewertung. Er formuliert stattdessen einen grundsätzlichen Maßstab für das Verhältnis zu den europäischen Verbündeten.

"Ich meine, wir sollten unsere europäischen Verbündeten mit Respekt behandeln. Wenn wir der Ansicht sind, dass sie etwas falsch machen, sollten wir darüber einen offenen und ehrlichen Dialog führen. Aber ich werde keine konkrete Person kommentieren", sagt Dimon.

Die NATO wird militärisch stärker

Trotz politischer Spannungen sieht Dimon die NATO militärisch gestärkt. Mehrere europäische Staaten haben ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöht. Allein Dänemark gibt in diesem Jahr 3,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus.

Bis 2033 sind in Dänemark rund 49 Milliarden Euro für militärische Ausrüstung vorgesehen. Ein Grund für diese Entwicklung sind Trumps wiederholte Klagen über die Lastenverteilung im Bündnis. Hinzu kommt der Krieg in der Ukraine, der im fünften Jahr weiterläuft und in Europa die Sorge vor weiteren russischen Angriffen aufrechterhält.

Aus Dimons Sicht zählt am Ende nicht allein die politische Rhetorik, sondern die tatsächliche militärische Entwicklung. "Worte sind das eine, aber die NATO ist stärker geworden. Ich hoffe und erwarte, dass die NATO noch stärker wird. Gleichzeitig wünschte ich, wir würden mehr für die Ukraine tun", sagt er.

Auf die Frage nach dem Grund für mehr Unterstützung der Ukraine antwortet Dimon knapp, aber eindeutig. "Da es wichtig ist, um die freie und demokratische Welt zu schützen." Damit ordnet er den Krieg nicht nur als regionalen Konflikt ein, sondern als Prüfstein für die westliche Ordnung.

Die Inflation kehrt als Risiko zurück

Die sicherheitspolitische Lage verbindet Dimon eng mit wirtschaftlichen Risiken. Wenn geopolitische Konflikte eskalieren, Handelsströme neu geordnet werden und Staaten massiv aufrüsten, verändert das auch die Inflationsdynamik, die Investitionsentscheidungen und die Stabilität der Märkte.

Genau darin sieht Dimon einen zentralen Unterschied zur Lage zu Beginn des Jahres. Damals schien die Inflation stärker unter Kontrolle zu sein. Zu Beginn des Monats Mai bewertet er das Umfeld deutlich angespannter.

Der Ölpreis ist im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg deutlich gestiegen. Für Dimon reicht diese Erklärung jedoch nicht aus. Er sieht mehrere parallele Entwicklungen, die gemeinsam den Druck auf Preise, Unternehmen und Staaten erhöhen.

"Vieles von dem, was geopolitisch geschieht, trägt dazu bei, die Inflation nach oben zu drücken. Dasselbe gilt für die öffentlichen Ausgaben, höhere Öl- und Gaspreise, die globale Aufrüstung und die Neuordnung des internationalen Handels", sagt Dimon. Inflation bezeichnet er als ungebetenen Gast.

Die Märkte unterschätzen die Gefahr

Bei J.P. Morgan werden derzeit mehrere Krisenszenarien geprüft. Dazu gehören eine Rezession, Stagflation und ein Ölpreis, der bis auf 200 Dollar je Barrel steigen könnte. Dimon betont, dass niemand sicher wissen könne, ob die Inflation am Ende ein Rezessionsniveau erreicht.

"Es ist wie mit dem Wetter. Die Aktienmärkte steigen und fallen, und Volkswirtschaften wachsen und schrumpfen von Zeit zu Zeit", sagt er. Dennoch hält er die Risikowahrnehmung der Finanzmärkte für zu optimistisch.

"Wenn der Markt erwartet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bei etwa 15 Prozent liegt, dann meine ich, dass das Risiko wegen all der Dinge, die ich genannt habe, doppelt so hoch ist", sagt Dimon. Er räumt ein, dass er sich irren könne, bleibt aber bei seiner Einschätzung.

Am amerikanischen Aktienmarkt zeigt sich dabei ein auffälliges Paradox. Der breite S&P-500-Index hat neue Rekorde erreicht, während der Iran-Krieg andauert und die Ölpreise auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen sind.

Die Börsen setzen auf eine Klärung

Der frühere Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman warnt, man unterschätze ernsthaft, wie hart die globale Wirtschaft getroffen werden könne. Dimon formuliert vorsichtiger, sieht aber ebenfalls eine Diskrepanz zwischen Markterwartung und Risikolage.

Es sei schwer, präzise zu beschreiben, was derzeit an den Märkten geschehe, sagt Dimon. Sein Eindruck lautet, dass Investoren auf eine politische oder wirtschaftliche Klärung setzen. "Es fühlt sich so an, als erwarte der Markt eine Klärung."

Selbst wenn eine solche Klärung eintritt, bleibt aus Dimons Sicht ein strukturelles Problem bestehen. Die USA und viele andere Staaten haben enorme Schulden aufgebaut, um ihre Gesellschaften und Volkswirtschaften über mehrere Krisen hinweg zu stabilisieren.

Dimon erwartet, dass die amerikanische Staatsschuld von derzeit rund 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 120 Prozent im Jahr 2036 steigen könnte, falls der aktuelle Kurs anhält. Eine solche Entwicklung könnte nach seiner Einschätzung in eine Krise münden.

Die Schuldenfrage wird zur Belastungsprobe

"Wir müssen eine Lösung für das Problem finden. Tun wir das nicht, wird es zu steigenden Zinsen führen. Alle haben davor Angst, also müssen wir etwas unternehmen", sagt Dimon. Er verweist auf die Simpson-Bowles-Kommission, die 2011 unter Präsident Barack Obama einen Weg zur Eindämmung der Schuldenlast suchen sollte.

"Es war sehr nahe daran, zu gelingen, aber am Ende ging es schief. Wir müssen wieder etwas Ähnliches tun, damit wir unseren Problemen ins Auge sehen", sagt Dimon. Die Konsequenz eines erneuten Scheiterns wäre aus seiner Sicht klar.

Auf die Frage, ob Investoren weiterhin amerikanische Staatsanleihen kaufen würden, falls die Politik nicht handelt, antwortet Dimon mit Ja. Allerdings würden Anleger vermutlich höhere Zinsen verlangen.

Dieses Risiko ist für den amerikanischen Staat bereits heute erheblich. Nach Angaben des US-Finanzministeriums fließen 14 Prozent der gesamten föderalen Staatsausgaben in Zinszahlungen. Steigende Zinsen würden diesen Anteil weiter erhöhen und den politischen Handlungsspielraum zusätzlich einschränken.

Steigende Zinsen engen den Staat ein

Damit wird die Schuldenfrage zu mehr als einem finanztechnischen Problem. Sie berührt die Fähigkeit des Staates, in Verteidigung, Infrastruktur, soziale Stabilität und technologische Wettbewerbsfähigkeit zu investieren.

Dimon sieht deshalb einen engen Zusammenhang zwischen Schulden, Zinsen, geopolitischer Stärke und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Ein überschuldeter Staat bleibt nach außen und nach innen verwundbarer.

Während sich geopolitische und finanzielle Risiken verdichten, schreitet die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz mit hohem Tempo voran. Dimon sieht darin eine der wichtigsten wirtschaftlichen Kräfte der kommenden Jahre.

Dimon zufolge werden die Investitionen in diese Technologie allein in diesem Jahr 725 Milliarden Dollar erreichen, umgerechnet rund 617 Milliarden Euro. Zum Vergleich verweist er auf Dänemark, dessen Bruttoinlandsprodukt bei gut 400 Milliarden Euro liegt.

Künstliche Intelligenz verändert die Machtverhältnisse

Der J.P. Morgan-Chef bezeichnet die Technologie als transformativ. Er hält KI jedoch nicht nur für ein Risiko, sondern auch für eine Chance. Aus seiner Sicht kann sie helfen, Krebsarten zu behandeln, Autounfälle zu verhindern, CO2-Emissionen zu senken, die Produktivität zu erhöhen und neue Technologien hervorzubringen.

Damit stellt er sich gegen eine rein dystopische Deutung der Entwicklung. "Wir sollten uns vorbereiten, statt über den Weltuntergang zu reden", sagt Dimon über die Perspektiven der KI. Trotz seines grundsätzlich positiven Urteils unterschätzt Dimon die Risiken nicht. Vor kurzem wurden die Chefs amerikanischer Banken in das Büro von US-Finanzminister Scott Bessent bestellt. Dort ging es um das neue KI-Modell Mythos.

Nach Angaben des Unternehmens hinter Mythos kann das Modell sämtliche Sicherheitslücken in Softwareprogrammen erkennen. Für Dimon zeigt dieser Fall, dass KI nicht nur Produktivität schafft, sondern auch neue Angriffsflächen eröffnet.

KI braucht Regeln, aber keine Überregulierung

"Wir dürfen das nicht überregulieren. Aber Kriminelle werden es ebenfalls nutzen, und Mythos wird das beschleunigen. Deshalb muss es eine Form von Regulierung geben", sagt Dimon. Er fordert damit keine Blockade der Technologie, sondern eine Begrenzung ihrer gefährlichsten Anwendungen.

Für Banken ist diese Frage besonders relevant. Sie gehören zu den Sektoren, in denen Daten, Zahlungsströme, Software und Sicherheit unmittelbar miteinander verbunden sind. Bei J.P. Morgan wird derzeit detailliert untersucht, wie KI die verschiedenen Arbeitsbereiche der Bank verändern wird. Dimon stellt dabei eine zentrale Frage. Verläuft die technologische Entwicklung so schnell, dass der Arbeitsmarkt nicht Schritt halten kann?

Dimon glaubt, dass KI neue Tätigkeiten schaffen wird. Gleichzeitig warnt er vor einer zeitlichen Lücke zwischen wegfallenden Stellen und neu entstehenden Jobs. In dieser Phase könnte die Zahl der Arbeitslosen deutlich steigen.

Der Arbeitsmarkt steht vor einem KI-Vakuum

Für Dimon ist dieses Übergangsrisiko entscheidend. Staat und Wirtschaft müssten gemeinsam planen, wie Beschäftigte weitergebildet, unterstützt oder innerhalb von Unternehmen in neue Aufgaben geführt werden können. Dass ein solcher Plan notwendig werden könnte, zeigt sich bereits in der Finanzbranche. Nordea und Danske Bank haben große Einsparungen durch KI in Aussicht gestellt.

Ein Bericht des Analysehauses Citrine Research sorgte zusätzlich für Nervosität an der Wall Street. Darin wurde ein Szenario beschrieben, in dem KI dem Bankensektor zentrale Aufgaben abnimmt, darunter tägliche Zahlungsabwicklungen.

Die Reaktion der Märkte fiel deutlich aus. Die Aktien großer amerikanischer Banken verloren an einem einzigen Tag zwischen 4 und 6 Prozent. Anleger erkannten, dass KI nicht nur Effizienzgewinne verspricht, sondern auch Geschäftsmodelle verändern kann.

Banken rechnen mit tiefgreifenden Einschnitten

Im März erklärte die britische Großbank HSBC, sie prüfe den Abbau von bis zu 10 Prozent ihrer gesamten Belegschaft innerhalb der kommenden fünf Jahre. Das entspräche rund 20.000 Beschäftigten.

Dimon sagt, er wisse nicht, wie viele Menschen bei J.P. Morgan infolge der neuen Technologie ihre Arbeit verlieren werden. Er macht jedoch deutlich, dass KI nahezu alle Bereiche der Bank erfassen kann. "Wir untersuchen gerade, was KI für alle Jobtypen bedeuten wird. Aber ich glaube, dass wir langfristig einen Nettorückgang bei der Zahl der Beschäftigten sehen werden", sagt Dimon.

Auch der französische Ökonom Philippe Aghion, diesjähriger Träger des Wirtschaftsnobelpreises, warnte in Børsen davor, die Folgen der technologischen Revolution zu unterschätzen. Wenn Menschen scheiterten, frustriert oder verzweifelt würden, wendeten sie sich Populisten zu, sagte Aghion.

Die soziale Dimension entscheidet über die Folgen

Die Probleme entstünden in dem Moment, in dem die soziale Dimension der KI-Revolution vergessen werde. Dimon teilt diese Sorge. Ein plötzlicher und unkontrollierter KI-Schock könne erhebliche gesellschaftliche Folgen haben.

"Wenn viele Jobs plötzlich auf einmal verschwinden, kann das zu sozialen Unruhen führen", sagt er. Entscheidend sei deshalb eine schnelle Umstellung, die Weiterbildung, finanzielle Unterstützung und Versetzungen innerhalb von Unternehmen einschließt.

Dimon betont zugleich, dass KI nicht nur Arbeitsplätze verdrängen, sondern auch neue Tätigkeiten schaffen werde. Bildungsinstitutionen müssten sich deshalb rasch auf die neue Realität einstellen.

"Wir müssen unsere Schulen, Gymnasien und Universitäten dazu bringen, darin zu unterrichten, obwohl wir nicht wissen, wie die Zukunft aussehen wird", sagt Dimon. Aus seiner Sicht wäre es falsch, nur über Untergangsszenarien zu sprechen.

Schulen und Universitäten müssen reagieren

Die Gesellschaft müsse verstehen, dass KI erhebliche Gewinne bringen könne. Produktivität, Forschung, Medizin und industrielle Prozesse könnten davon profitieren, sofern der Übergang politisch und sozial begleitet werde.

Damit verbindet Dimon technologischen Fortschritt mit einer klassischen wirtschaftspolitischen Frage. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Technologie leistungsfähig ist, sondern ob Gesellschaften ihre Folgen kontrollieren können. Diese Frage stellt sich auch im globalen Wettbewerb mit China. Denn die technologische Entwicklung fällt in eine Phase, in der die geopolitische Ordnung ohnehin neu vermessen wird.

Mitte Mai soll Donald Trump nach China reisen, um den chinesischen Präsidenten Xi Jinping zu treffen. Nach Plan sollen beide Seiten prüfen, ob sich das angespannte Verhältnis zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt verbessern lässt und ob ein neues Handelsabkommen möglich ist.

China verändert die globale Ordnung

China kontrolliert einen großen Teil der weltweiten seltenen Erden und strategischen Mineralien. Diese Rohstoffe sind entscheidend für Mobiltelefone, Batterien, Elektroautos, Windräder und Kampfjets.

Zugleich produziert Chinas Industrie in großem Umfang Autos, Industriemaschinen, Windkraftanlagen und Solarpaneele. Diese Entwicklung trifft Europa zu einem Zeitpunkt, an dem das Verhältnis zu den USA angespannt ist und die eigene Wettbewerbsfähigkeit unter Druck steht.

Dimon hält es deshalb für entscheidend, dass der Westen die neue Machtverteilung nüchtern betrachtet. Die Welt habe heute zwei Großmächte. Der unipolare Moment, in dem die USA die einzige Supermacht waren, sei vorbei. J.P. Morgan beschäftigt weltweit rund 300.000 Menschen. Aus Sicht ihres Vorstandschefs bleiben die USA dennoch stark genug, um sich im neuen geopolitischen Wettbewerb zu behaupten.

Europa steht stärker unter Druck als die USA

"Die USA sind groß und sehr mächtig, und wir haben 45 Militärbündnisse, während China nur eines hat", sagt Dimon mit Verweis auf Russland. Für Europa bewertet er die Lage schwieriger. "Ein stärkeres China ist gefährlicher für Europas Wirtschaft, als es für die USA ist", sagt Dimon.

Damit verweist er auf eine strukturelle Schwäche Europas, die nicht allein durch höhere Verteidigungsausgaben gelöst werden kann. Europa müsse wirtschaftlich handlungsfähiger werden, wenn es im Wettbewerb mit den USA und China bestehen wolle. Für Dimon führt diese Frage unmittelbar zum Draghi-Bericht.

Der frühere EZB-Präsident Mario Draghi legte 2024 mehr als 170 Empfehlungen vor, mit denen die EU ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken könnte. Eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr zeigte jedoch, dass nur etwa 10 Prozent dieser Empfehlungen umgesetzt wurden.

Der Draghi-Bericht bleibt für Europa eine offene Aufgabe

Für Dimon ist das zu wenig und zu langsam. Wie Draghi fordert er, den europäischen Binnenmarkt vollständig auszubauen. Dazu gehören einheitliche Regeln in allen EU-Ländern, ein gemeinsamer Kapitalmarkt und die Möglichkeit grenzüberschreitender Fusionen.

Gerade Banken und andere große Unternehmen müssten über nationale Grenzen hinweg stärker zusammenwachsen können. Nur so könne Europa mehr globale Großunternehmen hervorbringen und seine Position gegenüber China und den USA verbessern.

"Ein wettbewerbsfähigeres Europa ist gut für alle Europäer. Und das sage ich, obwohl es einen schärferen Wettbewerb mit den USA bedeuten wird. Wenn Europa schlecht abschneidet, ist das am Ende auch schlecht für die USA", sagt Dimon.

Die Botschaft des J.P. Morgan-Chefs reicht damit weit über eine klassische Marktprognose hinaus. Dimon spricht nicht nur über Aktien, Ölpreise, Inflation oder Zinssätze. Er beschreibt eine Welt, in der geopolitische Machtverschiebungen, Schuldenlasten, technologische Umbrüche und gesellschaftliche Spannungen ineinandergreifen.

Dimons Warnung reicht über die Märkte hinaus

Für Europa ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Der Kontinent muss sicherheitspolitisch mehr Verantwortung übernehmen und zugleich seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken. Beides entscheidet aus Dimons Sicht darüber, ob die freie und demokratische Welt in 20 oder 30 Jahren noch die Form hat, in der sie heute bekannt ist.

Gerade deshalb hält Dimon den kurzfristigen Marktoptimismus für unzureichend. Wer nur auf die nächste Zinssitzung, den nächsten Quartalsbericht oder den nächsten Indexrekord schaut, übersieht aus seiner Sicht die größere Frage.

Diese größere Frage lautet, ob der Westen seine Ordnung verteidigen, seine Schulden kontrollieren, seine Technologie beherrschen und seine Bündnisse zusammenhalten kann. Erst daran werde sich entscheiden, wie stabil die Weltwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten bleibt.

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