Unternehmensporträt

Start-up selvendo: Wenn künstliche Intelligenz Unternehmensnachfolger für den Mittelstand sucht

Rund 250.000 Unternehmen stehen in den kommenden Jahren vor dem Aus, weil sich kein Nachfolger findet. Das Start-up selvendo vermittelt Verkäufer und Käufer. Vor allem kleine Betriebe sollen von schnellen Abläufen und geringen Kosten profitieren.
22.05.2026 16:45
Lesezeit: 3 min
Start-up selvendo: Wenn künstliche Intelligenz Unternehmensnachfolger für den Mittelstand sucht
Das Start-up selvendo möchte mit dem Einsatz von KI Unternehmensnachfolge im Mittelstand lösen (Foto: selvendo).

Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage hat sich verdoppelt

Unternehmensnachfolge ist eine der großen Herausforderungen für den Mittelstand. Bis zu 250.000 Betrieben droht in den nächsten zehn Jahren laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer das Aus, weil sich kein Nachfolger findet. Davon betroffen sind auch Tausende wirtschaftlich gesunde Unternehmen. Einer der Gründe ist die demographisch bedingte Zahl der Unternehmer im Rentenalter. Aber auch anhaltende Rezession, gestiegene Energie- und Personalkosten, Fachkräftemangel und Bürokratie haben dazu geführt, dass sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage seit 2019 nahezu verdoppelt hat.

Karl Hunger hatte den Plan, eine Unternehmensnachfolge anzutreten. Nach zwei Gründungen hatte er der Start-up-Szene den Rücken gekehrt. „Ich begriff es als Chance, meine langjährige Erfahrung in der Digitalisierung in einen Betrieb einzubringen, so der Unternehmer. Die Berater der KERN Unternehmensnachfolge sollten ihn bei der Suche unterstützen.

Doch die Zusammenarbeit zwischen Karl Hunger und den Beratern entwickelte sich anders als geplant. Mit seiner Expertise einerseits und dem Netzwerk von KERN andererseits lag die Geschäftsidee auf der Hand: Die digitale Plattform selvendo, die Unternehmen bei der Suche nach einem Nachfolger unterstützt.

Hohe Beraterhonorare entfallen durch Automatisierung

Viele Firmen vertrauen bei Betriebsübergaben auf große Beratungsgesellschaften wie KPMG oder Deloitte. Aber auch Banken und Sparkassen, Industrie- und Handelskammern und spezialisierte Beratungen unterstützen Betriebe. „Ein Großteil der potentiellen Kundenanfragen von KERN fällt unter die Kategorie Klein- und Kleinstunternehmen“, weiß Karl Hunger. „Dazu gehören Handwerksbetriebe, Ärzte, Apotheken, kleine Einzelhändler“, so der Gründer. Das Geschäftsmodell der M&A-Berater rechnet sich jedoch erst ab einer bestimmten Unternehmensgröße. Umgekehrt können viele Betriebe die hohen Kosten für die Berater nicht aufbringen.

Selvendo löst dieses Problem, indem es einen Großteil der Berateraufgaben automatisiert. Das spart kosten und beschleunigt die Abläufe. „Während ein Berater häufig allein für das Zusammenstellen der Dokumente zwei Wochen benötigt, erstellt unsere Technologie hochwertige Verkaufsunterlagen innerhalb von nur drei Stunden“, so Karl Hunger. Außerdem sucht selvendo überregional.

Die KI durchsucht Jobportale und Social Media nach Kandidaten

Vor fünf Jahren wäre selvendo noch nicht realisierbar gewesen. Ein Grund sei die günstigere Software, ein anderer künstliche Intelligenz. „KI-Agenten können immer mehr Aufgaben ausführen“, sagt Karl Hunger. Erledigte die KI bislang lediglich eine Aufgabe nach Eingabe eines Prompts, übernimmt ein Agent ganze Arbeitsabläufe und steigert so die Produktivität um ein Vielfaches.

Bei Registrierung fällt eine Gebühr von 49 Euro an, die einen Unternehmenscheck sowie ein Erstgespräch per Video oder Telefon beinhaltet. Anschließend erstellen die Unternehmer ein Inserat. „Das dauert fünf Minuten und gewährleistet höchste Anonymität“, führt Karl Hunger aus. Diskretion sei ein entscheidendes Kriterium im Verkaufsprozess.

Mit Hilfe von KI identifiziert selvendo potentielle Käufer. So durchsucht diese unter anderem Jobportale nach Kandidaten und weckt Interesse an einer Betriebsübernahme. Auf Social Media-Kanälen kooperiert selvendo mit Influencern, die durch ihren Content relevante Zielgruppen erreichen. Karl Hunger sieht seine Rolle wie die eines Marionettenspielers: „Unsere Aufgabe ist es, die Prozesse der KI-Agenten zu überwachen und überprüfen.

Trotz des hohen Grades an Automatisierung versteht selvendo sich als Hybrid-Modell, das den Vertragsparteien bei Bedarf einen persönlichen Berater zur Seite stellt – auch weil der Verkauf eines Unternehmens häufig nicht nur rein wirtschaftlich, sondern auch emotional zu betrachten ist.

Zum Zeitpunkt der Verkaufsverhandlungen zahlt der Verkäufer für die aktive Vermarktung 4.900 Euro, der Käufer hingegen nichts. „So verhindern wir, dass ein Unternehmer nur den Marktwert seines Betriebs einschätzen lassen will und finanzieren die Kosten unserer Suche“, sagt Karl Hunger.

„Es wird einem schwer gemacht als Gründer in Deutschland“

Neben dem Firmensitz in Menslage im Landkreis Osnabrück unterhält selvendo Büros in Bremen und Hamburg. Das Team umfasst zehn Mitarbeiter. Finanziert wird selvendo weitestgehend aus Eigenmitteln der Gründer. „Es wird einem als Gründer schwer gemacht in Deutschland“, so Karl Hunger. Überbordende Bürokratie, fehlendes Risikokapital, aber auch die Mentalität, immer zuerst die Probleme statt Chancen zu sehen, schreckten Gründer ab. „Wenn gute Leute in Deutschland eine gute Idee haben, finden sie schneller in den USA Investoren“, sagt Karl Hunger. „Und die machen es zur Bedingung, die Idee dort weiter zu entwickeln.“

Welches Potenzial das Geschäftsmodell von selvendo hat, zeigt ein Blick nach Japan. Shunsaku Sagami setzt mit seinem M&A Research Institute Holdings künstliche Intelligenz ein, um Nachfolger für kleine mittelständische Unternehmen zu finden. Das Institut verzeichnet einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Laut Forbes hat der Börsengang Shunsaku Sagami zum Milliardär gemacht.

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Cristina Prinz

                                                                    ***

Cristina Prinz ist freiberufliche Journalistin und Geschäftsführerin einer Agentur für Corporate Publishing. Sie schreibt Unternehmerportraits für die DWN. 

 

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