Unternehmensporträt

Viega: Wie ein Sauerländer Mittelständler den Weltmarkt für Pressverbindungstechnik dominiert

Was niemand sieht, hält alles am Laufen. Ein Porträt über den Sauerländer Mittelständler Viega, der mit Pressverbindungstechnik Leitungen verbindet und so zum Weltmarktführer in einem Milliardenmarkt geworden ist.
24.04.2026 16:45
Lesezeit: 5 min
Viega: Wie ein Sauerländer Mittelständler den Weltmarkt für Pressverbindungstechnik dominiert
Der Mittelständler Viega hat mit Pressverbindungstechnik die Installation von Rohrsystemen standardisiert. (Foto: dpa)

Das technische Rückgrat der Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie in Hamburg gilt als architektonisches Wahrzeichen weit über der Grenzen der Stadt hinaus. Doch im Betrieb ist sie vor allem ein technisch komplexes System aus Tausenden versteckten Versorgungsschächten und Leitungssystemen, die gewährleisten, dass ein Gebäude dieser Größenordnung überhaupt funktioniert.

Allein für die Ver- und Entsorgung mit Frischwasser, Abwasser sowie Heiz- und Kühlenergie wurden in dem Konzerthaus mehr als zehn Kilometer Rohrleitungen installiert. Sie verlaufen durch das gesamte Gebäude, vom Großen Saal und den Probenräumen über Gastronomie, Hotel und Wohnungen bis hin zu Backstage-Bereichen, Technikzentralen und der öffentlich zugänglichen Plaza. Und verlegt wurden sie mit Systemen von Viega.

Vom Brauerei-Supplier zum Systemanbieter

Der Mittelständler aus dem sauerländischen Attendorn ist Weltmarktführer für Pressverbindungstechnik und hat sich darauf spezialisiert, Rohrleitungssysteme sicher, schnell, dauerhaft dicht und nahezu unsichtbar zu verbinden.

Die Anfänge von Viega reichen zurück ins Jahr 1899, als Franz-Anselm Viegener in Attendorn einen Betrieb gründete, der anfangs Armaturen für die umliegenden Brauereien und Gaststätten herstellte. Der heutige Name des Unternehmens leitet sich von seinem Gründer ab und wurde aus „Viegener“ zu „Viega“ verkürzt. Im Sauerland war das Bierbrauen schon damals ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Namen wie Warsteiner und Veltins stehen seit dem frühen 18. Jahrhundert für die Brautradition der Region.

1910 begann Viegener schließlich mit der Herstellung von Komponenten für komplexe Sanitär- und Heizungsinstallationen. Damit besetzte er eine Nische, die mit der zunehmenden Komplexität moderner Industriegebäude enorm an Bedeutung gewann. Dafür entwickelte Viegener seinen Betrieb entlang eines technischen Problems solcher Bauten, und zwar der sicheren Verbindung von Rohrsystemen.

In den anschließenden Jahrzehnten entwickelte sich der Handwerksbetrieb zu einem Industrieunternehmen. Mit der Inbetriebnahme eines ersten Zweigwerks in Lennestadt-Elspe im Jahr 1963 weitete Viega seine Produktion aus und legte so die Basis für weiteres Wachstum. 1988 investierte die Eigentümerfamilie am Standort Attendorn-Ennest in eine Rotguss-Gießerei und stärkte damit gezielt seine Material- und Fertigungskompetenz.

Mit der Wiedervereinigung expandierte Viega schließlich in den Osten Deutschlands und eröffnete 1992 eine Fertigungsstätte in Großheringen in Thüringen. Zu diesem Zeitpunkt war aus dem regionalen Anbieter bereits ein national aufgestellter Spezialist für Installationstechnik geworden.

Der technologische und damit globale Durchbruch folgte Mitte der 1990er Jahre mit der Einführung der Pressverbindungstechnik. Seither werden Rohre nicht mehr gelötet oder geschweißt, sondern mit Systemen wie Profipress, Sanpress oder später Megapress mechanisch verbunden, schneller, sicherer und mit deutlich geringerer Fehleranfälligkeit als bei herkömmlichen Verfahren. Installationszeiten verkürzen sich, Brandrisiken entfallen und die Qualität der Verbindungen wird reproduzierbar. Heute gilt der Familienkonzern aus Attendorn in diesem Segment als Weltmarktführer.

Technik im Verborgenen als Geschäftsmodell

„Der Erfolg von Viega beruht auf einem klaren Prinzip: Qualität, die man nicht sieht, aber auf die man sich verlassen kann“, sagte Anna Viegener, Vorsitzende des Gesellschafterausschusses, im November 2025 im Gespräch mit der Westfalenpost. Qualität im Verborgenen sei bis heute der Kern des Geschäftsmodells.

Die Produktpalette des Unternehmens umfasst mehr als 17.000 Artikel, darunter Rohrverbindungen, Vorwandtechnik und Entwässerungssysteme. Sie werden in Wohngebäuden, Industrieanlagen oder Großprojekten wie der Elbphilharmonie oder beim Aachener Fruchtverarbeiter Zentis eingesetzt. Dort kommen Rohrleitungssysteme aus Edelstahl und Kupfer von Viega zum Einsatz, die exakt auf die jeweiligen Produktionsanforderungen hinsichtlich Hygiene, Druckverhältnissen und Temperaturführung abgestimmt sind.

Die Anlagen lassen sich skalieren oder anpassen, ohne den laufenden Produktionsbetrieb bei Zentis unterbrechen zu müssen. Die Logik hinter all dem: Wer Leitungssysteme liefert, ist immanenter Teil der Planung. Und wer Teil der Planung ist, wird schwer ersetzbar. In der Praxis bedeutet das: Die Sauerländer arbeitet nicht nur mit Installateuren, sondern auch mit Planern, Architekten und Betreibern zusammen. Damit hat sich das Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Gebäudetechnik positioniert.

Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz solcher Systeme nach der Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021: Im Folgejahr wurden temporäre Wohnsiedlungen für die Betroffenen errichtet, deren Gasversorgung über oberirdische Flüssiggastanks erfolgte, die mittels Rohrleitungen in Pressverbindungstechnik aus dem Viega-Systemverbund angeschlossen wurden. Da auf Schweißarbeiten verzichtet werden konnte und die Installation auch unter den schwierigen Bedingungen vor Ort zeitnah möglich war, ließ sich die Versorgung deutlich schneller herstellen.

USA als zentraler Wachstumsmarkt für das Unternehmen

Der globale Markt für Rohrverbindungen, in dem Viega operiert, erreichte 2024 ein Volumen von rund 16,4 Milliarden US-Dollar und dürfte bis 2030 auf etwa 25 Milliarden US-Dollar anwachsen, wie aus einer Analyse des US-Marktforschungsunternehmens Grand View Research hervorgeht.

Trotz dieser weltweiten Präsenz ist Viega nach wie vor ein Familienunternehmen, vollständig im Besitz der Familie Viegener, die den Kurs des Unternehmens prägt und ihn auch personell absichert, wie die Ernennung von Markus Brettschneider zum CEO im September 2024 zeigt, die von Anna und Walter Viegener mit dem Hinweis begleitet wurde, es sei ihnen wichtig gewesen, „auch künftig mit einem CEO zusammenzuarbeiten, dem wir großes Vertrauen entgegenbringen – nicht nur im Hinblick auf das Wachstum, sondern vor allem mit Blick auf den Erhalt der kulturellen Identität unseres Familienunternehmens“.

Mit rund 5.500 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp zwei Milliarden Euro (2023) hat sich Viega längst zu einem internationalen Anbieter entwickelt, dessen Produktionsstandorte heute in Europa, den Vereinigten Staaten und Asien liegen und damit jene Märkte abdecken, in denen gebaut, installiert und investiert wird.

Ein Beispiel dafür ist das neue Werk in Mantua im US-Bundesstaat Ohio, das Viega im September 2025 eröffnet hat und in das rund 178 Millionen US-Dollar investiert wurden. Von dort aus soll das Geschäft im nordamerikanischen Markt weiter ausgebaut werden. CEO Markus Brettschneider betonte im August 2025 im Viega-Online-Magazin, Nordamerika sei ein zentraler Wachstumsmarkt für das Unternehmen.

Viega fasst an seinen Standorten in den USA, Europa und Asien Produktion, Schulung und Beratung räumlich zusammen. Dadurch entstehen Strukturen, in denen nicht nur gefertigt, sondern zugleich qualifiziert und angewendet wird. Das Wissen über Produkte und deren Einsatz bleibt somit direkt mit der Herstellung verbunden und muss nicht erst über Dritte in die Praxis getragen werden. Mitarbeiter werden vor Ort ausgebildet, Anwendungen direkt vermittelt, Planer und Installateure in die Prozesse einbezogen, was den Umgang mit den Systemen vereinheitlicht und die Umsetzung auf der Baustelle erleichtert.

Mit BIM vom Rohr zur digitalen Infrastruktur

In der Gebäudetechnik hat sich in den vergangenen Jahren die Art und Weise verändert, wie geplant und gebaut wird: Materialien bleiben die Grundlage, doch entscheidend ist zunehmend, wie Informationen über ein Gebäude erfasst, verarbeitet und im weiteren Betrieb genutzt werden, sodass Planung, Bau und Nutzung enger aufeinander bezogen sind, als es in der klassischen Gewerketrennung lange der Fall war.

Viega reagiert darauf, indem das Unternehmen sein Angebot über die reine Produktwelt hinaus erweitert und neben Rohrsystemen und Verbindungstechnik auch Leistungen anbietet, die in die Planung und Anwendung hineinreichen, darunter Schulungen, digitale Werkzeuge und Systeme, die aufeinander abgestimmt sind und sich in bestehende Abläufe einfügen.

Mit der „Viega World“ hat das Unternehmen dafür ein eigenes Zentrum geschaffen, in dem jedes Jahr Tausende Fachkräfte geschult werden und in dem sich Anwendungen unter realen Bedingungen zeigen lassen, sodass Planer, Installateure und Betreiber nicht nur einzelne Produkte kennenlernen, sondern deren Einsatz im Zusammenspiel mit anderen Gewerken nachvollziehen können.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das sogenannte Building Information Modeling, kurz BIM, bei dem Gebäude als digitale Modelle geplant, gebaut und betrieben werden und in dem einzelne Komponenten, auch Rohrsysteme, Bestandteil eines durchgängigen Datenmodells sind, das Informationen über Planung, Ausführung und späteren Betrieb zusammenführt. „Wenn Sie morgens duschen, in einem Hotel übernachten oder in einem Bürogebäude den Wasserhahn öffnen – die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass irgendwo hinter der Wand eine Viega-Lösung im Einsatz ist“, so CEO Brettschneider.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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