Wirtschaft

Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein

Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der deutsche Arbeitsmarkt kippt langfristig in eine neue Massenarbeitslosigkeit. Warum es immer mehr arbeitslose Fachkräfte gibt – und wie teuer das, für die deutschen Sozialsysteme wird. Mythos Fachkräftemangel für lange Zeit abgesagt.
02.06.2026 13:48
Lesezeit: 4 min
Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein
Fachkräftemangel in Deutschland beendet: Innerhalb eines Jahres ist die Zahl offener Stellen um rund 19 Prozent gefallen. (Foto: dpa) Foto: Martin Schutt

Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein

Gerade verkündete der Verband der Automobilindustrie einen weiteren erheblichen Stellenabbau in der deutschen Autoindustrie. "Wir müssen leider nach aktuellen Berechnungen von einem Beschäftigungsverlust von 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035 ausgehen, also etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr als bisher angenommen", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Der stille Stellenabbau läuft schon seit Jahren in den Unternehmen. Immer mehr Jobs in der freien Wirtschaft fallen Sanierungs- und Sparmaßnahmen zum Opfer. Einige haben Glück und landen in der Rüstungsindustrie. Andere in der Arbeitslosigkeit - und da kommen sie immer schlechter raus. Denn die Zahl der Neueinstellungen geht kontinuierlich zurück. Im Gegenzug verschärft sich der Stellenabbau in den Unternehmen weiter und das mit immensen Folgen für den Arbeitsmarkt und die Bundesagentur für Arbeit.

Es gibt keinen Arbeitskräftemangel mehr in Deutschland. Die offene Stellenzahl ist innerhalb eines Jahres um 19 Prozent auf rund eine Million gefallen. Die Wirtschaft streicht Stellen ohne Ende. Eine schnelle Besserung erwartet das Ifo-Institut nicht.

Autoindustrie: Wegfall von 225.000 Jobs bis 2035

Die Arbeitslosenquote verharrt weiter auf hohem Niveau und auch das Frühjahr zeigte kaum saisonale Entlastungen. Im März sank die Zahl der Erwerbstätigten saisonbereinigt erneut um 25.000 Personen gegenüber Februar. Der Arbeitsmarkt verschlechtert sich weiter, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Somit fiel die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland auf rund 45,52 Millionen. Damit lag sie um 174.000 Personen niedriger als 2025.

Der wichtigste Risikofaktor bleibt die schwache Wirtschaft durch die Unternehmen Neueinstellungen zunehmend vermeiden. „Wir haben eine eindeutige Entwicklung ins Negative seit Ende 2022 schon beobachtet“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, in Nürnberg.

Das sich die Pläne zum Stellenabbau in den Unternehmen weiter verschärft, bestätigt das ifo Beschäftigungsbarometer: Das sank im April auf 91,3 Punkte, nach 93,4 Punkten im März. Das ist der niedrigste Wert seit Mai 2020. „Die geopolitische Unsicherheit greift auf die Personalplanungen der Unternehmen über“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen. „Es werden mehr Arbeitsplätze ab- als aufgebaut.“

Deutschlands Arbeitsmarkt bricht ein: Immer mehr Fachkräfte arbeitslos

Die Arbeitsmarktsituation in der Industrie bleibt angespannt. Das Barometer hat sich verschlechtert. Kaum eine Branche bleibt vom Arbeitsplatzabbau verschont. Gleiches gilt für den Groß- und Einzelhandel. Bei den Dienstleistern ist der Indikator eingebrochen und auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Corona-Krise gesunken. In der Logistik schlagen sich die gestiegenen Kosten nun auch in den Personalplanungen nieder. Auch der Tourismus ist vom Arbeitsplatzabbau betroffen. „Eine nachhaltige Entspannung am Arbeitsmarkt ist erst zu erwarten, wenn die Unsicherheiten deutlich nachlassen“, sagt Wohlrabe.

Arbeitslosigkeit steigt sichtbar, das Defizit der Bundesagentur auch

Im April waren bereits bundesweit 3,008 Millionen Menschen als arbeitslos registriert, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Die Zahlen basieren auf Daten, die bis einschließlich 13. April vorlagen. Die Situation mit mehr als drei Millionen Arbeitslosen seit Jahresbeginn wird allmählich auch finanziell zum Problem für die Bundesagentur. Das im Herbst errechnete Defizit von vier Milliarden Euro wird womöglich noch größer, deutete sie an. Die Behörde muss ihren Haushalt laut Gesetz auf der Grundlage der Herbstprognose der Bundesregierung aufstellen.

In ihrer Schätzung ging die Bundesagentur von einem Durchschnitt von rund 2,9 Millionen Arbeitslosen im Jahr 2026 aus. Derzeit liegt die tatsächliche Zahl über dieser Annahme. Inzwischen rechnet auch die Bundesregierung mit 2,978 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt. "Wir werden das jetzt alles noch einmal neu berechnen müssen - aber ich kann jetzt schon sagen, dass das natürlich kostensteigernd ist", sagte Nahles, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Die Auszahlung des Arbeitslosengeldes ist der größte Kostenfaktor für die Bundesagentur. In konjunkturell schwierigen Zeiten sind aber auch etwa Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld große Ausgabenposten. Pflichtleistungen der Bundesagentur sind garantiert. Wenn das Geld aus der Arbeitslosenversicherung nicht zur Deckung der Ausgaben ausreicht, muss der Bundeshaushalt einspringen - entweder mit Darlehen oder mit Zuschüssen.

DGB: Bundesagentur entlasten

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die Bundesregierung auf, auf die Rückzahlung von bereits in der Vergangenheit gewährten Liquiditätshilfen zu verzichten. Die Arbeitsmarktpolitik stehe angesichts der Weltlage und der Konjunktur in Deutschland vor der größten Herausforderung seit Jahrzehnten. Es gehe vor diesem Hintergrund nicht, die Leistungen für Arbeitslose oder die Leistungsfähigkeit der Bundesagentur in solchen Zeiten zu schleifen, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Sie forderte stattdessen ein Programm zur Krisenprävention und leichteren Zugang zu Kurzarbeitergeld.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte Rückendeckung an. "Wir halten als Bundesregierung entschlossen dagegen", sagte sie. "Mit Rekordinvestitionen in Infrastruktur, Forschung und Digitalisierung, mit Maßnahmen gegen hohe Energiekosten, mit Entbürokratisierung, wirksamen Sozialstaatsreformen und erleichterter Fachkräfteeinwanderung."

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger machte sich dagegen für mehr Reformdruck stark. Es brauche eine wirksame Begrenzung der Arbeits- und Sozialkosten und eine Arbeitsmarktpolitik, die konsequent auf Qualifizierung, Vermittlung und schnelle Job-zu-Job-Wechsel setzt, statt Stillstand abzusichern, sagte der Arbeitgeberpräsident.

Arbeitslosengeld für über eine Million Menschen

Auch die Zahl der Bürger, die Arbeitslosengeld beziehen, ist im Jahresvergleich gestiegen: Im April erhielten den Angaben der Nürnberger Statistiker zufolge 1,07 Millionen Menschen in Deutschland Arbeitslosengeld (ALG I). Das sind 93.000 mehr als vor einem Jahr.

Dabei ist die Zahl der Arbeitslosengeld-Empfänger (versicherungspflichtig) ist deutlich geringer als die Zahl der Bezieher von Bürgergeld, die im April 2026 bei rund 3,826 Millionen erwerbsfähigen Personen lag. Bürgergeld erhalten Menschen nicht nur, wenn sie gar nicht arbeiten, sondern auch dann, wenn sie ihren geringen Lohn aufstocken müssen, um das Existenzminimum zu erreichen.

Laut Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, blieb die Nachfrage in Unternehmen nach Arbeitskräften im Jahresvergleich zwar stabil, aber auf niedrigem Niveau. Im April waren bei den Arbeitsagenturen 641.000 offene Stellen gemeldet und damit rund 5.000 weniger als vor einem Jahr.

Fazit: Wirtschaftsschwäche kippt Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt galt lange als Schutzwall der deutschen Wirtschaft. Doch dieser Schutz verliert an Kraft. Besonders die schwache Industrie bremst Neueinstellungen. Außerdem belasten hohe Kosten und schwache Investitionen viele Betriebe. Unternehmen verschieben deshalb Personalentscheidungen. Für Erwerbstätige steigt damit das Risiko, nach einem Jobverlust länger ohne neue Stelle zu bleiben. Deutschland braucht deshalb bessere Bedingungen für Investitionen, Produktion und Beschäftigung. Ohne neue Dynamik drohen weitere Jobverluste. Bald werden mehr Fachkräfte arbeitslos sein, als dass sie von Unternehmen gesucht werden. Damit erledigt sich der Fachkräftemangel, in einigen Branchen, auf unangenehme Art und Weise von ganz allein.

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Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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