KI-Arbeitsmarkt zeigt die Schattenseite der Produktivität
Künstliche Intelligenz verspricht Unternehmen höhere Produktivität und neue Wachstumschancen. Für einen Teil der Beschäftigten kann der technologische Wandel jedoch harte Folgen haben. Eine neue Analyse zeigt, dass Arbeitnehmer, die durch Technologie aus ihren Berufen gedrängt werden, nicht nur ihren Arbeitsplatz verlieren. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.
Noch ist offen, wie stark KI den Arbeitsmarkt langfristig verändern wird. Ein Bericht der Investmentbank Goldman Sachs, der frühere Technologiewellen untersucht, deutet jedoch auf erhebliche Risiken hin. Beschäftigte, die durch neue Technologien ihren Job verlieren, können über Jahre hinweg Nachteile auf dem Arbeitsmarkt erleiden. Darüber berichtete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf die Analyse von Goldman Sachs.
Der Anfang April veröffentlichte Bericht stützt sich auf vier Jahrzehnte US-Bundesdaten. Untersucht wurden die Lebensläufe von mehr als 20.000 Amerikanern, die zwischen 1950 und 1980 geboren wurden. Die Goldman-Sachs-Analysten Pierfrancesco Mei und Jessica Rindels verglichen Beschäftigte aus Berufen, die stark von technologischem Wandel betroffen waren, mit Arbeitnehmern aus stabileren Tätigkeitsfeldern. Zu den betroffenen Gruppen zählten etwa Telefonistinnen oder Maschinenschreiberinnen.
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass technologisch verdrängte Arbeitnehmer kurzfristig und langfristig wirtschaftliche Nachteile erleiden. "Der Verlust des Arbeitsplatzes durch KI kann die betroffenen Arbeitnehmer teuer zu stehen kommen und ihre Lage am Arbeitsmarkt über mehrere Jahre verschlechtern", schrieben Mei und Rindels laut der Auswertung.
KI-Arbeitsmarkt belastet Einkommen über Jahre
Der Bericht zeigt, dass solche Arbeitnehmer im Schnitt rund einen Monat länger brauchen, um eine neue Stelle zu finden. Beschäftigte, die ihre Arbeit aus anderen Gründen verloren haben, finden demnach schneller wieder in den Arbeitsmarkt zurück. Hinzu kommt ein dauerhafter Einkommenseffekt. Wer nach technologischer Verdrängung wieder eine Beschäftigung findet, muss laut Goldman Sachs mit realen Einkommensverlusten von mehr als drei Prozent rechnen. Bei Beschäftigten aus stabileren Berufsfeldern fällt dieser Effekt deutlich geringer aus.
Die Analyse geht noch weiter. In den zehn Jahren nach dem Arbeitsplatzverlust stiegen die realen Einkommen von Beschäftigten aus technologisch umgebauten Branchen fast zehn Prozentpunkte schwächer als bei Personen, die ihren Arbeitsplatz nie verloren hatten. Im Vergleich zu Arbeitnehmern, die in anderen Sektoren entlassen wurden, lag der Rückstand bei fünf Prozentpunkten.
Ein wahrscheinlicher Grund ist nach Einschätzung der Autoren ein beruflicher Abstieg. Gemeint ist der Verlust des Marktwerts bestimmter Fähigkeiten. Wenn Maschinen, Software oder KI-Systeme Aufgaben übernehmen, sinkt oft nicht nur die Nachfrage nach einzelnen Stellen. Auch das bisherige Erfahrungswissen der betroffenen Beschäftigten verliert an Wert. Der Wechsel in neue Berufe gelingt dann häufig nur zu schlechteren Konditionen.
Noch lässt sich nicht sicher sagen, ob KI den Arbeitsmarkt ähnlich stark erschüttern wird wie frühere Technologiewellen. Einige Ökonomen erwarten, dass KI viele Beschäftigte produktiver macht, anstatt sie zu ersetzen. Andere gehen davon aus, dass selbst bei größeren Jobverlusten neue Tätigkeiten entstehen. Goldman Sachs selbst verweist darauf, dass jüngere Arbeitnehmer und Beschäftigte mit Hochschulabschluss vergleichsweise gut auf den KI-Wandel vorbereitet sein könnten.
KI-Arbeitsmarkt trifft besonders die Tech-Branche
In den vergangenen Jahren hat sich auf vielen Arbeitsmärkten ein Trend zu größeren Entlassungswellen gezeigt. Besonders sichtbar ist er in der Technologiebranche. Dort hängt der Personalabbau teils mit Kostendruck, teils mit strategischer Neuausrichtung und teils mit dem schnellen Ausbau von KI-Systemen zusammen.
Der Eigentümer des sozialen Netzwerks Snapchat, Snap, kündigte im April den Abbau von rund 16 Prozent der Belegschaft an. Das entsprach etwa 1.000 Vollzeitstellen. Zusätzlich sollten mehr als 300 offene Stellen nicht mehr besetzt werden. Medienberichte verwiesen dabei auf die Rolle von KI in der Softwareentwicklung und auf das Ziel, schlankere Teams aufzubauen.
Auch andere Technologiekonzerne bauen Stellen ab. Die Finanztechnologie-Firma Block wurde in mehreren Berichten mit einer starken Reduzierung der Belegschaft in Verbindung gebracht. Amazon hatte in den vergangenen Monaten ebenfalls große Einschnitte im Konzernumfeld angekündigt. Das "Wall Street Journal" berichtete allgemein über eine neue Phase großer Entlassungswellen in der Wirtschaft, in der Unternehmen wie Snap, Block und Amazon genannt wurden. Nach Angaben der Plattform Layoffs.fyi hatten in diesem Jahr zum Zeitpunkt der jüngsten Berichte bereits 137 Technologieunternehmen mehr als 108.000 Beschäftigte entlassen. Diese Zahlen ändern sich laufend, da die Plattform Entlassungen fortlaufend erfasst.
Für Deutschland hat diese Entwicklung eine direkte wirtschaftliche Bedeutung, auch wenn der Goldman-Sachs-Bericht vor allem US-Daten auswertet. Deutsche Unternehmen investieren ebenfalls stark in KI, Automatisierung und digitale Prozesse. Damit wächst der Druck auf Tätigkeiten, deren Aufgaben standardisiert, wiederholbar oder softwaregestützt erledigt werden können. Zugleich steht Deutschland vor einer besonderen Herausforderung. Der Arbeitsmarkt braucht Produktivitätsgewinne, doch er muss Qualifizierung, Weiterbildung und berufliche Übergänge schneller organisieren. Sonst könnte der KI-Arbeitsmarkt nicht nur einzelne Jobs verändern, sondern ganze Erwerbsbiografien dauerhaft belasten.

