Immobilien

Ein Paar hat ChatGPT gebeten, den Hauskauf und die finanzielle Freiheit durchzurechnen: Hier ist der Plan

Ein Paar auf Wohnungssuche hat ChatGPT genutzt, um berechnen zu lassen, wie ein künftiger Hauskauf ihnen mehr finanzielle Freiheit geben kann. Der Plan verweist unter anderem auf Tilgungsfreiheit und Investitionen. Laut einer Verbraucherökonomin enthält er sowohl vernünftige Ansätze als auch Fallstricke.
09.07.2026 12:12
Lesezeit: 10 min
Ein Paar hat ChatGPT gebeten, den Hauskauf und die finanzielle Freiheit durchzurechnen: Hier ist der Plan
ChatGPT statt Bankberater? Experten raten ab. (Illustration: ChatGPT)

Neun Seiten Plan für Haus, Darlehen und Freiheit

Alles steht auf neun Seiten. Welches Darlehen sie aufnehmen sollen, wie sie investieren sollen, wie viel sie in Stein binden sollen und wann genau sie alles neu überdenken müssen, das alles hat ChatGPT einem Ehepaar ausgespuckt. Für den 38-jährigen Christoffer Bruus und die 41-jährige Signe Balling hat die Haussuche eine zusätzliche Dimension bekommen, so berichtet das dänische DWN-Partnerportal Borsen von einem komplett ehrlichen Interview. Bruus und Balling suchen nicht nur nach dem richtigen Haus, sondern auch nach jener Finanzstruktur, die ihnen langfristig ermöglichen könnte, weniger zu arbeiten oder früher aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen.

„Für uns normale Menschen ist es schwer, den Überblick darüber zu bekommen, welche Potenziale da draußen liegen“, sagt Christoffer Bruus.

Den neun Seiten langen Plan haben sie nicht von der Bank bekommen. Sie haben ihn mit ChatGPT erstellt. „Für uns normale Menschen ist es schwer, den Überblick darüber zu bekommen, welche Potenziale da draußen liegen. Wenn man zur Bank geht, bekommt man ja nur die Produkte der Bank“, sagt Christoffer Bruus und fährt fort. „Also haben wir uns mit ChatGPT hingesetzt und ein gutes Gespräch damit geführt. Es begann, auf viele Möglichkeiten hinzuweisen, die wir in unserer privaten Finanzlage hatten.“

Künstliche Intelligenz hat im Alltag Einzug gehalten, und viele nutzen sie als Hilfe für Texte, Recherchen, Planung und Entscheidungen. Das wirft eine naheliegende Frage auf. Kann die Technologie auch für etwas so Sensibles wie die private Finanzplanung genutzt werden? Für Christoffer Bruus und Signe Balling lautet die Antwort ja.

Eine offensivere Finanzplanung mit ChatGPT

Das Paar wohnt derzeit zur Miete, während es nach dem richtigen Haus sucht. Die Haussuche begann vor einem Jahr. Beide bringen Geld aus früheren Immobilienverkäufen mit. Christoffer Bruus verkaufte vor mehreren Jahren eine Genossenschaftswohnung, während Signe Balling ihre Eigentumswohnung im Zentrum von Kopenhagen vor etwas mehr als einem Jahr verkaufte. Hinzu kommt Geld aus einer Erbschaft.

Sie standen also mit einem größeren Vermögen da, mit dem Wunsch nach einem Haus für rund 670.000 Euro und mit dem Traum, dass Signe in zehn Jahren weniger arbeiten oder vielleicht früher in den Ruhestand gehen kann.

Doch sie wussten nicht, wie sie ihre Finanzen strukturieren sollten, damit diese Ambition Wirklichkeit werden könnte. Deshalb begannen sie, ChatGPT mit allem zu füttern, was sie für relevant hielten. Dazu gehörten Fragen wie, was die Immobilie kosten darf, wo sie liegen soll, welche Anzahlung sie erwägen, sowie Angaben zu Einkommen und Vermögen. „Es war, als würde man den Assistenten vorbereiten, als wäre es ein Mensch, mit dem wir sprechen. Das sind unsere Voraussetzungen, unsere Gedanken und Träume. Hilf uns, irgendeine Form von Überblick zu bekommen, und erzähl uns etwas, von dem wir noch nicht wissen, dass wir es nicht wissen“, sagt Christoffer Bruus.

Anfangs war ChatGPT vorsichtig, doch das Paar machte schnell deutlich, dass es bereit war, ein größeres Risiko einzugehen. Das wurde der Ausgangspunkt für einen offensiveren Plan, den das Paar befolgen will, wenn es hoffentlich bald einen Kaufvertrag unterschreiben kann.

Tilgungsfreiheit, Investitionen und klare Stoppsignale

Der erste Teil des Plans betrifft den Hauskauf selbst. Christoffer Bruus und Signe Balling wollen für rund 670.000 Euro kaufen, obwohl sie nach eigener Aussage teurer kaufen könnten. Gleichzeitig planen sie eine relativ hohe Anzahlung, sodass die Beleihungsquote bei etwa 50 Prozent landet. Das bedeutet, dass sie selbst 335.000 Euro einbringen. Signe Balling arbeitet als Landschaftsgärtnerin, während Christoffer Bruus Sachbearbeiter ist. Beide sagen selbst, dass keiner von ihnen ein besonders hohes Gehalt hat. „Wir haben das Prinzip, dass wir unsere Wohnfinanzen mit unseren Gehältern tragen können müssen“, sagt Signe Balling.

335.000 Euro sind eine hohe Anzahlung, aber nicht ihr gesamtes Vermögen. Sie wollen nämlich nicht alles Geld in der Immobilie binden. Der Punkt ist, ein Niveau zu finden, auf dem die Schulden niedrig genug sind, damit die Alltagsfinanzen tragfähig bleiben, zugleich aber Kapital außerhalb der Steine übrig bleibt. Ein Teil des Vermögens, rund 67.000 Euro soll nämlich von Anfang an investiert werden. Das soll durch feste monatliche Investitionen ergänzt werden, finanziert durch den nächsten Baustein des Plans. Tilgungsfreiheit.

ChatGPT rät zum Schulden-Stopp: Paar investiert lieber in Aktien als zu tilgen

Statt vom ersten Tag an Schulden abzubauen, sieht der Plan ein tilgungsfreies Realkreditdarlehen vor, vermutlich ein F1-Darlehen, bei dem der Zins einmal im Jahr angepasst wird. Das bedeutet, dass sie eine Zeit lang nur Zinsen und Beiträge zahlen, aber keine Tilgung auf die eigentliche Schuld leisten. Die Rate ist hier und jetzt niedriger, aber das Zinsrisiko ist größer, da die Rate steigen kann, wenn der Zins steigt.

„ChatGPT schlug vor, dass wir Tilgungsfreiheit wählen könnten. Dann fragte ich. Was kann man mit der Tilgungsfreiheit machen? Und dann schlug es vor, dass wir stattdessen in Aktien investieren könnten“, sagt Christoffer Bruus. Das Geld, das sonst für die Tilgung verwendet würde, soll stattdessen investiert werden. Jeden Monat sollen rund 535 bis 670 Euro in breite Aktienfonds fließen. Gleichzeitig sollen sie immer eine freie Rücklage für unvorhergesehene Ereignisse behalten. „Es setzte schnell die Prämisse, dass die Rendite höher sein muss als das, was wir durch Tilgung sparen. Zu diesem Zeitpunkt betrachteten wir einen F1-Zins von etwa 2 bis 3 Prozent, während die erwartete Rendite am Aktienmarkt oft bei etwa 7 Prozent vor Steuern liegt. Es gab also eine ziemlich große Spanne zwischen den beiden Dingen“, sagt er weiter.

Die Annahme einer langfristigen Aktienrendite von rund 7 Prozent liegt auf dem Niveau der Erwartungen, die der dänische Rat für Renditeerwartungen für globale Aktien über sechs bis zehn Jahre veröffentlicht hat. Investieren ist für das Paar nicht völlig neu. Christoffer investiert seit 13 Jahren in Aktien, Signe seit etwas mehr als vier Jahren. Die Rechnung baut also darauf auf, dass das Geld über die Zeit am Aktienmarkt schneller wachsen kann, als wenn es zur Senkung der Immobilienschuld genutzt wird. Doch genau dort liegt auch das Risiko. Die Rendite ist nicht garantiert, der Zins kann steigen, und die Strategie fällt auseinander, wenn die niedrigere Rate einfach zu mehr Konsum führt.

Deshalb enthält der Plan auch einige Stoppsignale. Wenn der Zins sich 5 Prozent nähert, soll das Paar neu überlegen, ob Tilgungsfreiheit noch sinnvoll ist oder ob es stattdessen das Darlehen umschulden oder mit der Tilgung beginnen soll. Einmal im Jahr sollen sie zudem die Zinsentwicklung, die Investitionen, den Immobilienwert und ihr Gesamtvermögen überprüfen. Auf diese Weise ist der Plan nicht nur eine Rechnung darüber, wie sie am meisten aus ihrem Geld herausholen können. Er ist auch eine Art Regelwerk dafür, wann sie festhalten und wann sie den Kurs ändern sollen.

Tilgungsfreiheit ist jedoch nicht für alle geeignet. Die Schuld wird nicht kleiner, und die Rate kann deutlich steigen, wenn die tilgungsfreie Phase endet. Deshalb erfordert sie finanziellen Spielraum. Andererseits ist das Risiko nicht für alle gleich. Bei mehreren Realkreditinstituten spielt eine Beleihung von 60 Prozent eine Rolle. Soll die Tilgungsfreiheit länger als zehn Jahre laufen, darf die Beleihung grundsätzlich nicht über dieser Grenze liegen. Der Plan des Paares gilt zunächst für zehn Jahre, doch ihre geplante Beleihungsquote von rund 50 Prozent platziert sie dennoch im niedrigeren Bereich.

KI-Finanzplanung kann nicht allein stehen

Ann Lehmann Erichsen, unabhängige Verbraucherökonomin und Analystin, hat den Plan geprüft. Ihre Einschätzung lautet, dass er insgesamt vernünftig ist. Das liegt vor allem daran, dass das Paar eine niedrige Beleihungsquote bekommt und nicht von der Anlagerendite abhängig ist, damit der Alltag finanziell funktioniert. „Im Grunde legen sie ihre Eier in mehrere Körbe. Und daran ist überhaupt nichts Verkehrtes. Es ist tatsächlich sehr vernünftig“, sagt sie und verweist darauf, dass das Paar laut Plan sein Vermögen sowohl in Immobilien, Investitionen als auch in etwas freier Rücklage haben wird.

Und jetzt kommt das große ABER, denn sie hat auch wesentliche Vorbehalte. Der Plan rechnet mit Zinssteigerungen und verweist auf konkrete Anlageentscheidungen. Das sollte ihrer Ansicht nach mit einem Berater durchgegangen werden. Gleichzeitig vermisst sie, dass das Dokument deutlicher zeigt, dass Investitionen auch Verluste bringen können. „Das Modell scheint auf der Prämisse zu basieren, dass man immer an der Differenz zwischen den Kreditkosten des Realkreditdarlehens und der höheren Rendite der Investitionen verdient. Aber es gibt keine Gewinngarantie, und ich finde nicht, dass darauf ausreichend hingewiesen wird“, sagt Ann Lehmann Erichsen.

Sie nutzt selbst häufig ChatGPT. Vielleicht ist ihre Warnung gerade deshalb klar. KI kann helfen, Fragen zu stellen, darf aber nicht die einzige Instanz sein, die antwortet. „Es kann nicht allein stehen, denn alles, wonach man nicht fragt, beantwortet es auch nicht. Man kann schnell Scheuklappen bekommen und wichtige Punkte übersehen“, sagt sie. Dagegen könne ein Plan wie jener des Paares durchaus mit zur Bank oder zu einem anderen unabhängigen Berater genommen werden. „Das kann ganz bestimmt als Vorbereitungstool genutzt werden, aber es ist wichtig, dass es mit jemandem durchgegangen wird, der etwas davon versteht“, sagt Ann Lehmann Erichsen.

Ann Lehmann Erichsen sieht die Nutzung von ChatGPT durch das Paar als Beispiel für etwas, das in der Begegnung zwischen Bank und Kunde künftig eine größere Rolle spielen kann. Das sieht sie grundsätzlich positiv. Je mehr Zeit Menschen darauf verwenden, ihre eigene Finanzlage zu verstehen, desto besser wird die Ausgangslage für die Beratung.

Kind, Haus, Zukunft: Wie ChatGPT bei der Finanzplanung helfen soll

Dem Paar ist völlig klar, dass es seine privaten Finanzen nicht in die Hände eines Chatbots legen kann, ohne selbst mitzudenken. Deshalb haben sie ChatGPT als Ort genutzt, um Überblick zu gewinnen und Möglichkeiten zu testen, nicht als endgültige Lösung. „Es ist ja nicht so, dass wir der KI blind vertrauen“, betont Signe Balling. Sie haben ChatGPT dazu gebracht, Quellen für alles zu nennen, was es vorschlägt, und sie haben die verschiedenen Zahlen selbst bei den Banken überprüft. Außerdem hat das Paar einen privaten Berater, der ihnen beim Hauskauf hilft.

„Wir machen nichts, ohne es kreuz und quer geprüft zu haben“, sagt sie. Der Plan ist auch nicht als etwas gedacht, das zehn Jahre lang unberührt liegen bleiben soll. Seit er erstellt wurde, haben sich die Voraussetzungen bereits verändert. Das Paar hat bereits ein Kind, erwartet aber ein weiteres. Wenn sie weiter aus der Stadt wegziehen, kann auch der Bedarf nach einem weiteren Auto die Finanzen verändern. „Wenn sich die Voraussetzungen ändern, können wir das Dokument wieder hochladen und schreiben. Jetzt stehen wir in dieser Situation. Welche Möglichkeiten haben wir?“, schließt Signe.

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Katrine Søndermark

Katrine Søndermark ist Finanzjournalistin bei Borsen, einer dänischen Wirtschaftspublikation aus dem Bonnier-Konzern.
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