Wirtschaft

Flugpreise fallen: Warum die Rabattwelle für Reisende trügerisch ist

Kerosin wird teurer, Airlines streichen Flüge, doch ausgerechnet jetzt sinken auf vielen Europa-Routen die Ticketpreise. Der Rabatt wirkt wie ein Geschenk an verunsicherte Urlauber, ist aber vor allem ein Signal der Schwäche: Die Branche kämpft um Buchungen, während höhere Kosten längst auf die nächsten Flugpreise zusteuern.
21.05.2026 06:44
Lesezeit: 4 min

Flugpreise sinken trotz steigender Treibstoffkosten

Eigentlich müssten Europas Flugpreise steigen. Kerosin verteuert sich, Airlines streichen Verbindungen, und die Unsicherheit rund um den Nahen Osten belastet die Reiseplanung vieler Kunden. Doch ausgerechnet jetzt locken einige Fluggesellschaften mit günstigeren Tickets, berichtet Finance.si.

Eine Mitarbeiterin berichtet von einem Flug nach Spanien für 36 Euro. "Im September fliege ich nach Bilbao. Von den nahegelegenen Flughäfen gibt es kaum Verbindungen, aber der spanische Billigflieger Volotea startet ab Venedig. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass das Ticket rund 150 Euro kosten würde. Dann fand ich einen hervorragenden Preis: 36 Euro für eine Strecke und zehn Kilogramm Gepäck. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass ich jederzeit stornieren und den Kaufpreis zurückerhalten kann."

Ganz ohne Einschränkung gilt dieses Angebot allerdings nicht. Volotea kann den Preis eine Woche vor Abflug anpassen. Das Ticket kann um 14 Euro teurer oder um bis zu 14 Euro günstiger werden, abhängig davon, wie sich der Kerosinpreis entwickelt. Reisende können in diesem Fall entscheiden, ob sie das Ticket zurückgeben und den Kaufpreis erstattet bekommen wollen. "Bei diesem konkreten Preis ist das Risiko überschaubar. Selbst wenn 14 Euro hinzukommen, bleibt das Ticket günstig", sagt die Mitarbeiterin.

Der Vorgang zeigt das Paradox der Branche. Seit Wochen warnen Airlines und Flughäfen vor knapperem Kerosin und steigenden Kosten. Gleichzeitig geben Fluggesellschaften Rabatte, um zögernde Kunden zum Buchen zu bewegen. In Krisen warten viele Reisende ab. Unklar ist, wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt, ob Flüge gestrichen werden und wie stark die Kosten steigen. Einige Airlines appellieren deshalb an Kunden, nicht länger zu warten. Wizz-Air-Chef József Váradi sagte, die Menschen sollten ein Risiko eingehen. Es sei besser, jetzt zu buchen, da die Preise bis zum Sommer steigen könnten. Auch der spanische Tourismussektor und der zuständige Minister werben für frühe Buchungen.

Easyjet hat zugesagt, bereits gekaufte Tickets nicht nachträglich mit Treibstoffzuschlägen oder anderen Zusatzkosten zu verteuern. British Airways machte für die Sommersaison eine ähnliche Zusage. Die Botschaft ist klar. Airlines wollen Vertrauen schaffen. Doch offenbar reicht der Hinweis auf mögliche spätere Preissteigerungen nicht aus. Viele Kunden brauchen einen unmittelbaren Anreiz. Genau deshalb sinken die Flugpreise auf einigen Routen.

Flugpreise fallen auf vielen Mittelmeerstrecken

Eine Analyse der Financial Times mit Google Flights zeigt, dass Tickets auf mehreren stark nachgefragten europäischen Sommerstrecken günstiger geworden sind. Verglichen wurden die Preise vom 9. April mit jenen vom 6. Mai. Der 9. April war der Tag, bevor europäische Flughäfen warnten, in der Region könne binnen weniger Wochen Kerosin knapp werden. Das Ergebnis fällt deutlich aus. Für eine einwöchige Reise im Juli sanken die durchschnittlichen Flugpreise auf 27 der 50 beliebtesten europäischen Verbindungen ans Mittelmeer. Damit waren mehr als die Hälfte der untersuchten Routen günstiger als zuvor.

Auf 15 Strecken fielen die Preise um zehn Prozent oder mehr. Dazu zählten Verbindungen von Heathrow nach Nizza, von Manchester nach Palma de Mallorca und von Gatwick nach Barcelona. Besonders stark fiel der Rückgang auf der Route von Mailand-Malpensa nach Madrid aus. Dort sanken die Flugpreise um mehr als 40 Prozent. Wo die Preise stiegen, fiel der Anstieg laut Financial Times meist weniger stark aus. Einen Rückgang von 20 Prozent oder mehr gab es auf acht der 50 wichtigsten Strecken. Nur zwei Verbindungen verzeichneten einen Preisanstieg in vergleichbarer Größenordnung.

Kurzfristig können Airlines solche Rabatte teilweise verkraften. Wizz-Air-Chef Váradi verweist darauf, dass viele Gesellschaften Treibstoff zu Preisen eingekauft haben, die noch vor Kriegsbeginn festgelegt wurden. Diese Absicherung hilft jedoch nur vorübergehend. Langfristig sieht die Branche steigende Ticketpreise als wahrscheinlich an. Willie Walsh, Chef des Airlineverbands IATA, sagte der BBC, Fluggesellschaften könnten die zusätzlichen Kosten nicht dauerhaft auffangen. Einzelne Rabatte könnten kurzfristig helfen, Nachfrage anzukurbeln. Am Ende werde sich der hohe Ölpreis aber unvermeidlich in höheren Flugpreisen niederschlagen.

Aktuelle Berichte bestätigen den Kostendruck. Ryanair verweist zwar auf gut abgesicherte Treibstoffkosten und geringe unmittelbare Sorgen vor Engpässen, warnt aber vor steigenden Kosten, falls die hohen Preise anhalten. Nach Angaben des Unternehmens sind 80 Prozent des Treibstoffbedarfs bis April 2027 zu etwa 67 Dollar je Barrel abgesichert. Das entspricht rund 58 Euro je Barrel auf Basis des EZB-Referenzkurses vom 19. Mai. Auch die Warnungen vor Versorgungsrisiken bleiben bestehen. Der EU-Energiekommissar Dan Jørgensen hat laut AP vor möglichen langfristigen Engpässen bei Flugtreibstoff gewarnt. Die Unsicherheit hängt mit dem Iran-Krieg und der Lage an der Straße von Hormus zusammen, die für den weltweiten Öltransport von zentraler Bedeutung ist.

Flugpreise und Passagierrechte in Deutschland

Für Reisende ist entscheidend, welche Preisbestandteile rechtlich zulässig sind. Die Europäische Kommission stellt klar, dass der Endpreis eines Flugtickets bereits beim Kauf transparent ausgewiesen werden muss. Eine nachträgliche Verteuerung durch Treibstoffzuschläge ist nicht erlaubt. Die Kommission verweist auf die Verordnung über Luftverkehrsdienste. Airlines müssen Endpreise im Voraus veröffentlichen, damit Passagiere nicht später mit unerwarteten Kosten konfrontiert werden. Nachträgliche Gebühren wie Treibstoffzuschläge dürfen deshalb nicht zusätzlich erhoben werden.

Bei Pauschalreisen gelten andere Regeln. Die Pauschalreiserichtlinie kann Veranstaltern unter bestimmten Bedingungen erlauben, Preise nachträglich zu erhöhen. Das ist jedoch nur möglich, wenn eine solche Regelung im Vertrag steht und die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Für reine Flugtickets gilt eine engere Grenze. Fluggesellschaften dürfen keine Bedingungen aufnehmen, die ihnen erlauben, den Ticketpreis nach dem Kauf allein deshalb zu erhöhen, da der Treibstoff teurer wurde als erwartet. Kommt es zur Annullierung eines Fluges, haben Passagiere in der EU Anspruch auf Erstattung, anderweitige Beförderung oder Rückbeförderung. Zusätzlich müssen Airlines je nach Situation Betreuung am Flughafen leisten. Bei kurzfristigen Annullierungen weniger als 14 Tage vor dem geplanten Abflug kann zudem eine Entschädigung fällig werden.

Eine Airline kann sich von dieser Entschädigungspflicht befreien, wenn sie nachweist, dass außergewöhnliche Umstände vorlagen und die Annullierung trotz aller zumutbaren Maßnahmen nicht zu vermeiden war. Nach Einschätzung der Kommission kann ein lokaler Kerosinmangel, der die Durchführung eines Fluges verhindert, unter solche außergewöhnlichen Umstände fallen. Extrem hohe Treibstoffpreise allein reichen dagegen nicht aus.

Für deutsche Reisende ist diese Unterscheidung wichtig. Wer im Sommer von Frankfurt, München, Berlin, Düsseldorf oder Hamburg in Richtung Mittelmeer fliegt, sollte beim Buchen genau prüfen, ob der angezeigte Preis tatsächlich alle verpflichtenden Kosten enthält. Nachträgliche Treibstoffaufschläge auf bereits gekaufte Flugtickets sind nach EU-Recht nicht zulässig. Gleichzeitig bleibt offen, ob Airlines künftige Kontingente von Beginn an teurer einpreisen. Damit entsteht für Verbraucher ein schwieriges Abwägungsproblem. Frühe Buchungen können günstige Flugpreise sichern, bergen aber das Risiko von Flugplanänderungen. Späte Buchungen bieten mehr Klarheit über die Lage, könnten jedoch deutlich teurer werden. Wer ein Ticket kauft, sollte deshalb besonders auf Stornierungsbedingungen, Umbuchungsregeln und Gepäckkosten achten. Der Blick auf Deutschland zeigt zudem, dass die Entwicklung nicht nur Urlaubsreisende betrifft. Höhere Flugpreise belasten auch Geschäftsreisen, Messebesuche und internationale Lieferketten mit engem Zeitfenster.

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Teja Grapulin

Zum Autor:

Teja Grapulin ist Journalistin bei der slowenischen Wirtschaftszeitung „Casnik Finance“ und deckt ein breites Spektrum an Themen ab – von der Aufarbeitung komplexer nationaler und EU-Behördenabläufe bis hin zur Berichterstattung über aktuelle wirtschaftliche Ereignisse, die für die Geschäftswelt von entscheidender Bedeutung sind.

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