Politik

Analyse: Putin ist verunsichert – er fürchtet das gleiche Schicksal wie Khamenei

Nach der Ermordung von Ayatollah Khamenei in Teheran unterbrach Putins Sicherheitsdienst das persönliche Sicherheitssystem des Präsidenten, um die Internetverbindung zu blockieren.
Autor
avtor
12.06.2026 10:37
Aktualisiert: 12.06.2026 11:00
Lesezeit: 10 min
Analyse: Putin ist verunsichert – er fürchtet das gleiche Schicksal wie Khamenei
Russlands Präsident Wladimir Putin und Tansanias Präsidentin Samia Suluhu Hassan im Großen Kremlpalast. (Foto: dpa) Foto: Ramil Sitdikov

Putin lebt hinter einer elektronischen Mauer

Russlands Präsident Wladimir Putin will hinter einer hermetisch abgeschlossenen elektronischen Mauer leben. Eine Art Paywall, deren Undurchlässigkeit niemals kompromittiert werden darf.

Der Kriegspräsident hat Angst, berichtet das dänische Wirtschaftsportal Borsen. Er fürchtet, dass ihm dasselbe Schicksal drohen könnte wie einem anderen autokratischen Herrscher der Welt, Ajatollah Ali Khamenei. Der de facto Führer Irans über mehrere Jahrzehnte wurde am 28. Februar am ersten Tag des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran getötet. Möglich wurde dies, da Israel und die USA unter anderem Irans Verkehrskameras über Jahre gehackt hatten.

Putins Furcht sowie die Unterschätzung der Gefahr durch Iran und Ali Khamenei zeigen auf drastische Weise, wie komplex der Kontakt zur Außenwelt geworden ist. Zugleich wollen Machthaber sich vor Feinden verstecken, während sie hochentwickelte Überwachungssysteme nutzen.

Überwachung der eigenen Bürger ist eine russische Spezialität. Allein in Moskau beobachten mehr als 300.000 Kameras die Bevölkerung. Doch Präsident Putin und sein engstes Umfeld verfügen auch über ein Überwachungssystem, das dem Schutz des inneren Kreml-Zirkels dient.

Dieses System wurde nach der Tötung des iranischen Obersten Führers und mehrerer Spitzenkräfte aus Militär und Revolutionsgarden abgeschaltet. Grund war die Erkenntnis, dass der präzise Luftangriff in Teheran durch umfassendes Hacking ermöglicht worden war. Im Kreml fürchtet man, ebenfalls gehackt worden zu sein.

Nach Darstellung der Financial Times mussten Putins persönliche Sicherheitssysteme für einen nicht näher genannten Zeitraum abgeschaltet werden. Erst sollten russische IT-Fachleute garantieren, dass die Systeme nicht von Ukrainern oder Geheimdiensten anderer Länder kompromittiert worden waren.

Erst als Spezialisten Präsident Putin zusichern konnten, dass sein Überwachungssystem garantiert keine Verbindung zum Internet hat und damit keine mögliche Hintertür für Hacker enthält, wurde es wieder aktiviert.

Überwachung wird zum zweischneidigen Schwert

Tief im russischen Sicherheitsapparat wird inzwischen erkannt, dass die Überwachung der eigenen Bürger zu einem zweischneidigen Schwert geworden ist. Es kann plötzlich, hart und unerwartet zurückschlagen.

Die Erfahrungen sind schlecht. Mehrere hochrangige Offiziere wurden in Moskau getötet, vermutlich durch ukrainische Operationen. Dazu zählt ein Autobombenanschlag, bei dem Generalleutnant Fanil Sarvarov im Dezember 2025 ums Leben kam.

Wie es genau gelang, Sarvarov und andere getötete Offiziere zu lokalisieren, ist unklar. Das Hacking von Standortdaten aus Mobiltelefonen liegt jedoch als Möglichkeit nahe.

Putins Angst, von ukrainischen Feinden oder von Mitgliedern der russischen Elite ermordet zu werden, ist bekannt. Sie wird in einem Bericht eines „europäischen Geheimdienstes“ beschrieben, über den das russische Exilmedium I Stories in Lettland berichtete.

Unter dem Vorbehalt, dass es sich trotz angeblich glaubwürdiger Quelle auch um Propaganda handeln kann, beschreibt der Bericht, wie Kreml und Putin seit Anfang März dieses Jahres wegen eines „Komplotts oder Putschversuchs gegen den russischen Präsidenten“ besorgt seien. Besonders fürchte Putin, dass die eigenen Leute versuchen könnten, ihn mit einer Drohne zu töten.

Der Bericht beschreibt auch, dass Präsident Putin und seine Familie sich nicht mehr an ihren gewöhnlichen Wohnorten aufhalten. Stattdessen habe Putin seit Beginn des Ukrainekriegs häufig „Zuflucht in renovierten Bunkern“ gesucht.

Gleichzeitig hätten russische Staatsmedien die Abwesenheit des Präsidenten verdeckt, indem sie die öffentliche Kommunikation mit vorab aufgenommenem Material fortsetzten.

Nachdem diese Geschichte international bekannt geworden war, tauchte Präsident Putin plötzlich in der Öffentlichkeit auf. Offenkundig sollte damit der Eindruck zurückgewiesen werden, er verstecke sich aus Angst.

Doch tief im russischen Sicherheitsapparat bleibt die Erkenntnis bestehen. Das gewaltige System zur Überwachung der eigenen Bürger ist zu einer Sicherheitslücke geworden.

„Die jüngste Eliminierung hochrangiger iranischer Amtsträger durch die amerikanisch-israelische Allianz ist ein klares Warnzeichen“, sagte der Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, laut russischer staatlicher Nachrichtenagentur, wiedergegeben von der Financial Times.

Bortnikow warnt regionale Sicherheitschefs direkt davor, dass Russlands riesiger Überwachungsapparat zu einer Verwundbarkeit geworden ist. Die Werkzeuge des autoritären Regimes zur Kontrolle der eigenen Bürger verwandeln sich in ein Sicherheitsrisiko.

Ukraine hackt Moskau

Wozu die Ukraine oder andere westliche Staaten fähig sind, bleibt selbstverständlich militärisches Geheimnis. Doch ein „unabhängiger ukrainischer Hacker“ sagte der Financial Times, dass Kameras in Moskau und sogar in der Nähe des Kremls „weiter funktionieren und regelmäßig gehackt werden“.

Deshalb lohnt der Blick auf das, was dem amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran am 28. Februar vorausging. Der israelische Geheimdienst Mossad und die CIA hatten über Jahre sorgfältige Vorarbeit geleistet. Sie hatten alle Verkehrskameras der Hauptstadt gehackt, einschließlich der wertvollsten Kamera. Sie stand dort, wo die persönlichen Leibwächter der iranischen Führung ihre Autos parkten, bevor sie zur Arbeit gingen.

Zudem hatten die Dienste rund ein Dutzend Mobilfunkmasten in besonders kritischen Bereichen der Hauptstadt blockiert, sodass die Leibwächter keine Anrufe empfangen konnten. Über den Aufenthaltsort und die Bewegungen des Obersten Führers Irans hatten Mossad und CIA demnach vollständige Kontrolle.

Künstliche Intelligenz verändert die Jagd auf Ziele

Neu am Angriff in Teheran und entscheidend für die Angst im Kreml ist der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Analyse von Bewegungsmustern in gewaltigen visuellen Datenmengen potenzieller Attentatsziele.

Mit KI lassen sich Millionen Stunden Videomaterial auswerten, das von Tausenden Kameras gesammelt wurde, um Ziele zu finden und zu überwachen. Es wird als vergleichsweise einfache Möglichkeit beschrieben, einem ansonsten unüberschaubaren Berg von Videodaten unbegrenzt viele direkte Fragen zu stellen.

Wenn dazu Mobilfunkdaten, Aktivitäten in sozialen Medien und weitere Muster kommen, bleibt im Leben einer Person praktisch nichts verborgen.

Putin und seine Sicherheitsleute sind ganz klar keine Anfänger. Der Präsident trägt niemals ein Mobiltelefon. Personen in seiner Nähe tun dies ebenfalls nicht. Sie dürfen zudem keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, sondern werden vom föderalen Schutzdienst FSO zur Arbeit und zurück gefahren. Der FSO hat auch Überwachung in den Wohnungen von Putins Köchen, Fotografen und Leibwächtern installiert.

Doch künstliche Intelligenz fügt Putins Kampf ums Überleben gegenüber seinen Feinden eine neue Dimension hinzu.

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