Fußball-WM 2026 wird zur Geldmaschine
Es gibt keine größere Sportart als Fußball. Selbst nach vorsichtigen Schätzungen spielen weltweit rund eine Viertelmilliarde Menschen. Es überrascht daher kaum, dass das alle vier Jahre stattfindende Fußballfest, bei dem der Weltmeister ermittelt wird, neben einem großen Sportereignis längst zu einer riesigen Melkmaschine für den Weltverband Fifa geworden ist.
Die Fußball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada ist dem amerikanischen Kontinent entsprechend eine Größe für sich. Zum ersten Mal nehmen nicht 32, sondern 48 Länder teil. Das Turnier dauert fünfeinhalb Wochen. Zwischen den Gastgeberstädten liegen Tausende Kilometer. Insgesamt hofft die Fifa, mit den Spielen 13 Milliarden Dollar einzunehmen.
Um dieses Geld zusammenzubringen, wurden Änderungen vorgenommen, bei denen selbst der glühendste Kapitalist erröten könnte, so das estnische Portal Äripäev. Allein die Tickets wurden so teuer gemacht, dass niemand Geringerer als Fifa-Friedenspreisträger Donald Trump persönlich einräumen musste: „Ich würde das nicht bezahlen.“
150 Dollar für ein Zugticket
Das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika, dem Gastgeber der Weltmeisterschaft 2010, startet eine Serie von Spielen, die erstmals die Marke von 100 überschreitet. Von insgesamt 104 Partien werden 78 in den Vereinigten Staaten ausgetragen. Ab dem Viertelfinale, also ab den letzten acht Teams, finden alle Spiele ausschließlich in den USA statt.
Die amerikanische Rolle als Gastgeber ist so zentral, dass man in der Diskussion vor dem Turnier fast vergessen könnte, dass Kanada und Mexiko ebenfalls dazugehören. Fifa-Präsident Gianni Infantino, der vor acht Jahren die Ehre hatte, dem damals erstmals amtierenden Trump die Gastgeberrechte zu übergeben, hat sich bemüht, dem amerikanischen Präsidenten entgegenzukommen.
Nachdem es Trump nicht gelungen war, das Nobelkomitee zur Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn zu bewegen, kam Infantino berüchtigterweise mit dem eigenen Fifa-Friedenspreis. Dessen Preisträger ist vermutlich als erster und letzter Mensch Trump. Derselbe Präsident, der am letzten Tag des Februar einen Krieg gegen den Turnierteilnehmer Iran begann und dessen Migrationsbeamte auf Grundlage der Nationalität Trainer teilnehmender Länder sowie Schiedsrichter des Turniers nicht ins Land ließen.
Die Fußballöffentlichkeit stellte verdreht fest, dass schon die Turniere 2022 in Katar und 2018 in Russland moralisch fragwürdig waren. Doch diese Länder mussten sich wenigstens bemühen, der Welt ihre bessere Seite zu zeigen. Die Vereinigten Staaten, deren Popkultur zugleich zur Kultur eines großen Teils der Welt geworden ist, haben diesen Druck nicht. Deshalb zeigt der Gastgeber auch keinerlei falsche Demut gegenüber seinen Gästen.
Für das Finale werden Tickets für Zehntausende Dollar verkauft. Hotelnächte kosten in den Gastgeberstädten Tausende. Selbst Züge zu den Spielen oder Parkplätze am Stadion verschlingen Hunderte Dollar. Das markanteste Beispiel ist das Finale selbst. Es findet jenseits des Hudson River von Manhattan entfernt in New Jersey statt, im MetLife Stadium, das eigentlich für American Football gebaut wurde.
Normalerweise kostet ein Hin- und Rückfahrticket vom Zentrum New Yorks dorthin 12 Dollar und 90 Cent. Für das Turnier wurde der Preis auf nicht weniger als 150 Dollar festgelegt. Nach aktuellem Kurs sind das rund 130 Euro.
Man könnte das leicht als schlichte Gier abtun. Doch hinter genau diesem Zugticket steckt das Paradox solcher Großereignisse. Die offiziell in der Schweiz als gemeinnützige Organisation registrierte Fifa steckt zwar 13 Milliarden Dollar ein, für die Gastgeberstadt dürfte das Projekt aber wahrscheinlich ein Verlustgeschäft sein. Im Durchschnitt steckt jede Metropole 100 Millionen Dollar hinein, um Spiele in ihrer Stadt auszurichten.
Fast alle zahlen, nur die Fifa gewinnt
Rahm Emanuel, Bürgermeister von Chicago zu der Zeit, als die USA die Gastgeberrechte erhielten, später amerikanischer Botschafter in Japan und möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2028, erklärte gegenüber Politico, weshalb seine Heimatstadt nicht teilnimmt. „[Fifa] betrachtete die Steuerzahler als dummes Geld am Tisch, und ich wollte das nicht zulassen. Sie wollten, dass wir Steuerzahler 100 Prozent des Risikos übernehmen und sie 75 Prozent der möglichen Einnahmen bekommen.“
Chicago ist nicht einfach eine der größten Städte der USA. Die Stadt war lange Sitz des amerikanischen Fußballverbands. Dort fand auch das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 1994 statt, als die USA das Turnier erstmals ausrichteten.
Der WM-Großsponsor Bank of America prognostiziert, dass die Titelkämpfe einen positiven Effekt von 41 Milliarden Dollar auf die Weltwirtschaft haben. Der direkte Ertrag für die USA wird auf 17 Milliarden Dollar und 185.000 Arbeitsplätze geschätzt.
Da 16 Länder mehr teilnehmen, gibt es 40 Spiele mehr. Die Einnahmen aus TV-Rechten steigen gegenüber der WM in Katar von 3,4 Milliarden auf 4,3 Milliarden Dollar. Die Ticketeinnahmen klettern von einer Milliarde sogar auf drei Milliarden Dollar.
Wie erwähnt, rechnet die Fifa mit eigenen Einnahmen von 13 Milliarden Dollar. Der direkte Turniereffekt liegt bei fast neun Milliarden. Die TV-Rechte bringen rund vier Milliarden, Tickets drei Milliarden und Sponsoring knapp zwei Milliarden Dollar. Die Organisationskosten liegen dagegen bei 3,8 Milliarden Dollar, einschließlich der zugesagten Preisgelder für teilnehmende Länder.
Doch wie die Städte selbst feststellen, übernehmen sie den größeren Kostenblock. Dafür erhalten sie eine zarte Zusage, dass die Begeisterung rund um die Spiele über zusätzliche Wirtschaftsaktivität Geld zurückbringen werde.
Bundesstaaten wie Missouri, Georgia und Florida, in denen Viertel- und Halbfinals ausgetragen werden, entschieden vor dem Turnier, Spieltickets von der Steuer zu befreien. Nach Berechnungen des Sportmediums The Athletic verlieren sie dadurch 58 Millionen Dollar an Steuereinnahmen. Die US-Bundesregierung hat den Städten zwar zusätzliche Mittel für Sicherheit zugesprochen. Die Gesamtkosten deckt das aber nicht.
Selbst teilnehmende Länder räumen ein, dass sie im besten Fall auf null herauskommen. Das gesamte Preisgeld des Turniers liegt zwar bei 870 Millionen Dollar. Doch jedes Land erhält davon etwa 12 Millionen Dollar zur Deckung seiner Teilnahmeausgaben, der Sieger steckt am Ende weitere 50 Millionen Dollar ein. Noch im Frühjahr war dieser Topf um 150 Millionen kleiner. Er wuchs auf Druck des europäischen Fußballverbands UEFA, da europäische Länder beklagten, für ihre Teilnahme zusätzlich zahlen zu müssen.
Die Zukunft des Fußballs wird in Amerika gemalt
Insgesamt gingen für die Fußball-WM 2026 etwa 6,7 Millionen Tickets in den Verkauf, also im Schnitt 65.000 pro Spiel. Im Vergleich zum Turnier in Katar vor vier Jahren ist der durchschnittliche Ticketpreis doppelt so hoch. In der Vorverkaufsphase lagen die sogenannten Tickets der ersten Kategorie locker über 10.000 Dollar.
Fifa-Chef Infantino rechtfertigte die hohen Preise damit, dass Menschen auf dem US-Markt daran gewöhnt seien, für Spitzensport zu zahlen. Außerdem verwies er darauf, dass Tickets auf dem Zweitmarkt ohnehin um ein Vielfaches teurer würden. Dann könne die Fifa dieses Geld auch von Anfang an selbst einstreichen.
Statt den Zweitmarkt sogenannten Scalpern zu überlassen, baute die Fifa selbst eine Plattform für den Weiterverkauf auf. Dort erhebt sie 15 Prozent Gebühr vom Verkäufer und 15 Prozent vom Käufer. Bei einem Verkauf über 10.000 Dollar gehen also 3.000 Dollar erneut an die Fifa.
In Auktionsumgebungen werden auch die letzten Finaltickets verkauft. Ihre Preise reichen inzwischen in die Millionen. Die Fifa erklärte wiederholt, Tickets seien fast ausverkauft, brachte danach aber neue Tickets auf den Markt. Die US-Bundesstaaten New York und Kalifornien bewerten die Lage als so problematisch, dass sie gegen die Fifa vor Gericht zogen.
Tatsächlich zeigt das Vorgehen der Fifa vor allem die Amerikanisierung eines Sports, der traditionell zu Europa und Lateinamerika gehörte. Wegen der Hitze gibt es in jeder Partie in beiden Halbzeiten eine verpflichtende dreiminütige Trinkpause. Dadurch entsteht für Fernsehsender ein günstiger Moment, noch mehr Werbung zu verkaufen.
Im American Football werden während einer durchschnittlichen Übertragung kommerzielle Botschaften im Umfang von fast einer Stunde gezeigt. Im Fußball gab es dafür im Grunde nur die Viertelstunde zwischen den beiden Halbzeiten. Nun wird das Spiel faktisch in vier Viertel geteilt.
Amerikanisches Kapital, das in den vergangenen zehn Jahren mehr als hundert Spitzenklubs in Europa übernommen hat, darunter den Großteil der englischen Premier League, hat traditionell emotionales und lokales Geld in anonymes, kalkulierendes Kapital verwandelt. Der europäische Fußball erzielt hohe Einnahmen, aber nicht zwangsläufig Gewinne, da dort anders als in amerikanischen Sportligen keine regulierte Gehaltsobergrenze besteht.
Bisher sind Versuche, eine geschlossene europäische Liga nach amerikanischem Vorbild zu schaffen, am Druck der Fußballöffentlichkeit gescheitert. Verschwunden sind solche Pläne jedoch nicht.
Fußball-WM 2026 zeigt den neuen Fußball
All diese Geldsorgen werden heute Abend um zehn Uhr aus den Köpfen der meisten Fußballfans verschwinden, wenn beim Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika der Anpfiff ertönt. Doch nachdem am Abend des 19. Juli der Weltmeister feststeht, kommt zwangsläufig der Kater nach dem großen Fest.
Dann bleibt die Erkenntnis, dass dieses Turnier, das bisher sichtbarer als jedes andere die Wurzeln des Fußballs in der Arbeiterklasse aus dem Spiel herausfrisst, die Zukunft der populärsten Sportart der Welt zeigt. Der Platz im Stadion wird zum Privileg der Wohlhabenden. Alle anderen sollen das Spiel zwischen den Werbeblöcken im Fernsehen sehen.
