EU-Kommissar warnt vor gefährlicher Fehlentwicklung
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist die Nachfrage nach Artilleriemunition explosionsartig gestiegen. In den vergangenen vier Jahren hat Thales die Produktion an seinen beiden Standorten bei Lüttich vervierfacht. Die Raketen werden in großem Umfang von europäischen Regierungen gekauft, die damit entweder ihre eigenen Streitkräfte aufrüsten oder die Ukraine beliefern.
Unser dänischer Partner aus dem Bonnier-Konzern, Borsen, erhielt exklusiven Zugang zu den Produktionslinien. Sie erzählen die Geschichte der massiven europäischen Wiederaufrüstung, machen aber auch die gravierenden Schwächen der europäischen Rüstungsproduktion und die enorme Abhängigkeit von den USA sichtbar.
Diese Abhängigkeit von amerikanischen Waffen erweist sich nun als noch problematischer als erwartet. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran leert die amerikanischen Waffenlager in hohem Tempo. Vieles deutet darauf hin, dass die US-Rüstungskonzerne künftig die Bedürfnisse der eigenen Streitkräfte höher gewichten müssen als die ihrer Kunden in Europa und der Ukraine.
Die Europäer, die ihr eigenes Waffenarsenal bereits ausbauen, müssen deshalb noch schneller handeln. Besonders kritisch ist die Produktion von Raketen und Luftverteidigungssystemen, die sowohl in der Ukraine als auch im Nahen Osten in großen Mengen eingesetzt werden.
„Der Krieg gegen den Iran wird Europa und die Ukraine ganz sicher beeinflussen. Einige Experten gehen davon aus, dass bestimmte amerikanische Produkte, die zu den wichtigsten überhaupt gehören, für Europäer und sogar Ukrainer in den nächsten vier oder fünf Jahren nicht verfügbar sein werden. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen“, sagt EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius im exklusiven Interview.
Zugleich kritisiert er europäische Rüstungsunternehmen dafür, sich zu stark auf das zu konzentrieren, was er als teure „Haute-Couture-Waffen“ bezeichnet. Nun gehe es darum, günstigere Waffen in großer Stückzahl zu produzieren, die für den Einsatz auf dem Schlachtfeld „gut genug“ seien.
Raketenproduktion soll verzehnfacht werden
Im Osten Belgiens, wo wir zwei Thales-Werke besucht haben, sind die Auswirkungen des Nahostkonflikts bereits spürbar. Das bestätigt der belgische Geschäftsführer Alain Quevrin.
Seit 2022 habe es eine „gewaltige Zunahme“ der Nachfrage nach Artilleriesystemen gegeben, ausgelöst durch den „akuten Bedarf in der Ukraine“. Das alte Fort d’Évegnée, wo Thales u. a. Artillerie produziert, reichte dafür längst nicht mehr aus. Deshalb erhielt Thales im Rahmen des europäischen ASAP-Programms 2024 den Zuschlag für den Bau einer neuen Produktionsanlage. Die Investitionskosten von 20 Millionen Euro wurden je zur Hälfte von Thales und der EU getragen.
Die Jahresproduktion stieg dadurch von rund 11.000 Raketen auf 45.000 im vergangenen Jahr. Ab 2028 sollen jährlich mehr als 100.000 Raketen produziert werden. „Momentan spüren wir vor allem die Nachfrage aus den Ländern des Nahen Ostens. Es geht darum, welche Systeme kurzfristig verfügbar sind, um der Drohnenbedrohung zu begegnen, mit der sich derzeit praktisch alle Staaten auseinandersetzen“, sagt Alain Quevrin.
Er verweist dabei auf die iranischen Shahed-Drohnen, die sowohl gegen die Golfstaaten als auch von Russland gegen die Ukraine eingesetzt werden.
Auf die Frage, ob bereits neue Aufträge seit Beginn des Krieges eingegangen seien, antwortet Quevrin lediglich: „Wir führen Gespräche mit mehreren Ländern.“ Weiter ins Detail möchte er nicht gehen.
Durch die Umstellung der Produktion sieht sich Thales jedoch gut aufgestellt. Wo neue Aufträge früher ein bis zwei Jahre Bearbeitungszeit erforderten, könne dies inzwischen innerhalb von drei bis neun Monaten erfolgen.
Kritik an „Haute-Couture-Waffen“
Aus der EU-Kommission in Brüssel heißt es grundsätzlich, die Aufrüstung der Mitgliedstaaten verlaufe in die richtige Richtung. Dennoch gebe es erhebliche Herausforderungen. „Vor allem deshalb, weil Russland die europäische Industrie noch immer übertrifft. Das ist gefährlich“, sagt Kubilius.
Nach Angaben der Kommission stammen mehr als 80 Prozent der Waffenkäufe der EU aus dem Ausland. Rund die Hälfte davon, also etwa 40 Prozent des Gesamtvolumens, kommt aus den USA.
Daher sorgt die Tatsache für große Besorgnis, dass der wichtigste Waffenlieferant Europas seine Bestände nun im Iran-Konflikt aufbraucht.
„Öffentlichen Daten zufolge haben die USA etwa zwei Drittel ihrer Bestände an Raketen, antiballistischen Raketen und Antidrohnen-Systemen verbraucht. Deshalb wird die amerikanische Industrie in diesen Bereichen eindeutig darauf fokussiert sein, die US-Lager wieder aufzufüllen“, sagt Kubilius.
Besonders problematisch sei dies für die Ukraine, die in großem Umfang amerikanische Patriot-Systeme benötigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj habe bereits darauf hingewiesen, dass der Mangel an Patriot-Systemen direkt dazu beitrage, dass Russland seine Angriffe auf ukrainische Städte intensivieren könne.
„Niemand erwartet ernsthaft, dass die USA in den kommenden Jahren Patriot-Systeme liefern werden, die Europa bereits gekauft und für die Ukraine bezahlt hat“, sagt Jacob Funk Kirkegaard von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.
Für Kubilius zeigt diese Situation vor allem eines: Europa muss die Waffen, die die Ukraine benötigt, selbst herstellen. Und genau hier setzt seine Kritik an den übermäßig komplexen europäischen Waffensystemen an.
„Einige große europäische Unternehmen produzieren sogenannte Haute-Couture-Waffen. Das sind technologisch hochentwickelte Systeme, das Beste vom Besten. Sie sind aber auch extrem teuer, und ihre Produktion lässt sich kaum hochskalieren. Deshalb liegen unsere Produktionszahlen teilweise weit hinter denen Russlands zurück“, sagt Kubilius.
Er nennt ein Beispiel:
„Russland produzierte im vergangenen Jahr etwa 1.200 Marschflugkörper. Sie wurden sämtlich gegen ukrainisches Gebiet eingesetzt. Im gleichen Zeitraum produzierten die EU-Mitgliedstaaten lediglich rund 250 solcher Systeme, die wir als Haute Couture bezeichnen.“
Als möglichen Wendepunkt bezeichnet Kubilius die ukrainischen Flamingo-Marschflugkörper, deren Produktion Ende vergangenen Jahres anlief. Nach seinen Angaben könnte die Ukraine bereits in diesem Jahr 700 dieser Systeme herstellen.
„Sie sind keine Haute Couture, aber sie sind gut genug. Wir müssen prüfen, wie wir unsere Produktion steigern und solche ‚gut-genug-Waffen‘ entwickeln können. Dabei sollten wir auf die Ukraine schauen, deren Rüstungsindustrie dynamisch und innovativ ist.“
Marc Darmon, Europa-Chef von Thales, betont hingegen, die Mobilisierung der europäischen Industrie sei „sehr schnell“ und „erheblich“ verlaufen. Nicht nur die Artillerieproduktion werde massiv ausgeweitet. Auch bei Luftverteidigungsradaren, Systemen für Kampfflugzeuge und Raketen vervier- oder verfünffache man derzeit die Kapazitäten.
Er verweist außerdem darauf, dass Dänemark das Luftverteidigungssystem SAMP/T von Thales anstelle des amerikanischen Patriot-Systems gekauft habe. „Wir sind günstiger und konnten schneller liefern. Das ist natürlich ein starkes Argument für uns“, sagt Darmon.
Möglicher Konflikt innerhalb der NATO
Die schwindenden amerikanischen Waffenlager treffen auf eine Situation, in der die USA die Nato bereits unter Druck setzen. Donald Trump zieht Soldaten und militärische Fähigkeiten aus Europa ab. Umfang und Tempo sind noch nicht vollständig bekannt, dürften aber erheblichen Einfluss auf die Fähigkeit Europas haben, Russland abzuschrecken.
Dadurch verändert sich die Lastenverteilung innerhalb der NATO. Beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli soll deshalb ein klares Signal an die Rüstungsindustrie gesendet werden, die Produktion weiter hochzufahren. Die Allianz will zeigen, dass das Ziel, bis 2035 fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben, bereits heute zu konkreten Aufträgen führt.
„Die Botschaft an die Industrie lautet, dass wir erwarten, dass sie schneller skaliert und produziert. Im Gegenzug werden wir Geld in Aufträge fließen lassen“, sagt ein europäischer Nato-Diplomat.
Gleichzeitig muss die Allianz einen Balanceakt vollziehen. Der Fokus darf nicht ausschließlich auf der europäischen Industrie liegen, da dies Donald Trump verärgern könnte. Trump erwartet, dass ein erheblicher Teil der zusätzlichen Verteidigungsausgaben in Europa amerikanischen Unternehmen zugutekommt. Deshalb sollen neue transatlantische Projekte angekündigt werden, die ihm innenpolitisch als Erfolg präsentiert werden können.
Dennoch wächst in Teilen der NATO die Skepsis gegenüber amerikanischen Waffenlieferungen. „Länder, die amerikanische Waffen kaufen, müssen angesichts der amerikanischen Prioritäten nervös sein. Wir wissen, dass ‚America First‘ gilt und die US-Lager zuerst aufgefüllt werden“, sagt ein weiterer europäischer Diplomat.
Europa müsse deshalb die „europäische Säule“ der Allianz stärken und am Prinzip der „europäischen Autonomie“ festhalten, selbst wenn dies zu einem „potenziellen Konflikt“ mit Trump führen könne.
Jacob Funk Kirkegaard erwartet, dass Europa langfristig ohnehin stärker auf eigene Waffen setzen wird. „Das bedeutet nicht, dass wir komplett auf amerikanische Waffen verzichten. Aber es besteht ein implizites Verständnis dafür, dass wir in Europa kaufen müssen. Wir haben ein Interesse daran, ukrainische, schwedische und deutsche Rüstungsunternehmen zu unterstützen, weil wir uns künftig stärker auf sie verlassen werden.“
Sein Fazit lautet:
„Wir sind nicht länger von den USA abhängig, um uns gegen Russland zu schützen. Wir sind von der Ukraine abhängig.“
Keine zusätzlichen Milliarden aus Brüssel
Die Liste der Aufgaben für Europa ist lang. Sie reicht von eigenen Kommandostrukturen über Aufklärungs- und Luftbetankungskapazitäten bis hin zur Produktion von Luftabwehrsystemen, Drohnen und Raketen.
Ein Team deutscher Forscher des Projekts Sparta schätzt, dass allein die dringendsten Vorhaben innerhalb von zehn Jahren mindestens 500 Milliarden Euro kosten werden.
Nach Ansicht von Kubilius müssen diese Mittel vor allem von den Mitgliedstaaten selbst aufgebracht werden.
„Wir müssen anerkennen, dass die größten Summen nicht aus dem EU-Haushalt kommen werden, sondern von den nationalen Regierungen“, warnt er.
Anfang Juli will der Kommissar einen Plan zur stärkeren Integration der Rüstungsindustrie in den europäischen Binnenmarkt vorstellen. Darüber hinaus soll die Unterstützung vor allem über Anreize und Vorgaben zum Kauf europäischer Waffen erfolgen.
Für Thales sind die europäischen „Buy European“-Klauseln der richtige Weg. „Es geht nicht nur um Industriepolitik. Die europäische Präferenz ist aus operativen, nahezu militärischen Gründen notwendig“, sagt Marc Darmon.
Europäische Waffen könnten nahe der Front geliefert, angepasst und repariert werden. Amerikanische Konzerne hingegen belieferten zahlreiche Märkte, bei denen Europa nicht zwingend Priorität habe. „In Friedenszeiten ist es großartig, ein besonders attraktives amerikanisches Produkt zu kaufen. Doch in einer akuten Krise wird europäische Souveränität zu einer Frage militärischer Handlungsfähigkeit“, sagt Darmon abschließend.

