Wirtschaft

Niob: Brasiliens Monopol über den nächsten Batterie-Rohstoff

Der historische SpaceX-Börsengang hat auch den Rohstoff Niob ins Rampenlicht der Märkte gerückt. In Brasilien lagern knapp 90 Prozent der weltweiten Reserven. Während ein einziger Konzern den Weltmarkt beherrscht, ist zwischen der EU und China ein Machtkampf um das Metall für Raketen und Schnelllade-Batterien entbrannt.
05.07.2026 05:48
Lesezeit: 6 min
Niob: Brasiliens Monopol über den nächsten Batterie-Rohstoff
Brasilien fördert fast 90 Prozent des weltweiten Niobs, und ein Konzern beherrscht den Markt. Was das für Batterien, Rüstung und Anleger bedeutet (Foto: gemini).

Brasiliens Monopol und der globale Wettlauf um Niob

Der historische Börsengang von SpaceX hat ein neues Fieber um den kritischen Rohstoff Niob entfacht. Das graue Schwermetall kennt kaum jemand, doch gebraucht wird es fast überall. Es macht Stahl fester und leichter, steckt in Pipelines, Windrädern, modernen Raketentriebwerken und könnte bald auch Autobatterien antreiben.

Rund 16 Millionen Tonnen oder knapp 90 Prozent der bekannten Reserven für Niob finden sich in Brasilien, vor allem im südöstlichen Bundesstaat Minas Gerais. Im Jahr 2022 kamen nach Daten der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) 88 Prozent der Weltförderung aus dem südamerikanischen Land. Beherrscht wird der Markt von einem einzigen Unternehmen, der Companhia Brasileira de Metalurgia e Mineração (CBMM), die mehr als 80 Prozent des Weltbedarfs deckt.

Lange interessierte das kaum jemanden. Doch inzwischen ist ein Wettlauf um den Rohstoff entbrannt. Chinesische Konzerne kaufen brasilianische Minen, die EU führt Niob als kritischen Rohstoff, die Rüstungsindustrie sorgt sich um den Nachschub, das neue Weltraumrennen treibt die Nachfrage an, und neue Anbieter drängen auf den Markt. So meldete St George Mining am 11. Juni 2026 hochgradige Konzentrate aus einem eigenen Vorkommen im Niob-Distrikt Araxá. Das an der australischen Börse notierte Explorationsunternehmen will dort, direkt neben dem Tagebau von Marktführer CBMM, ein zweites Vorkommen erschließen.

93 Prozent des Niobs kommen aus einer Mine in Brasilien

Niob ist ein seltenes Metall, und nur an handvoll Orten lässt es sich wirtschaftlich abbauen. Der Grund liegt in der Geologie. Über 90 Prozent der Weltproduktion stammen aus dem Mineral Pyrochlor, das in sogenannten Karbonatit-Gesteinen steckt. Solche Vorkommen sind rar, und die ergiebigsten liegen in Brasilien. Das Land deckt nach Angaben des US-Geologiedienstes USGS rund 93 Prozent der weltweiten Förderung, mit weitem Abstand vor Kanada mit 5 Prozent.

Den Löwenanteil liefert eine Tagebaumine des brasilianischen Konzerns CBMM bei Araxá im südöstlichen Bundesstaat Minas Gerais. Sie allein fördert mehr als 80 Prozent des globalen Angebots. Damit hängt die Versorgung der Stahl- und Hightech-Industrie weltweit an einem einzigen Konzern. Die EU bezieht rund 92 Prozent ihres Niobs aus Brasilien, doch der größte Teil der brasilianischen Ausfuhren geht nach China, gefolgt von den Niederlanden.

Eine zweite, kleinere Mine steht bei Catalão im benachbarten Bundesstaat Goiás. Betrieben wird sie vom chinesischen Bergbaukonzern CMOC (China Molybdenum), der die Lagerstätte im Jahr 2016 für rund 1,5 Milliarden US-Dollar vom britischen Bergbauriesen Anglo American übernommen hatte. Außerhalb Brasiliens kommen nennenswerte Mengen nur aus Kanada.

Das vermutlich größte Vorkommen überhaupt bleibt hingegen ungenutzt. Die Lagerstätte Seis Lagos liegt im Amazonasgebiet, nahe der Stadt São Gabriel da Cachoeira im Bundesstaat Amazonas. Ein Abbau ist dort bislang nicht möglich, weil das Vorkommen im Biologischen Reservat Morro dos Seis Lagos liegt, das vom Pico-da-Neblina-Nationalpark und einem indigenen Territorium umschlossen wird.

Die Niob-Wette auf die Schnelllade-Batterie

Neue Absatzhoffnungen weckt die Elektromobilität. Der japanische Toshiba-Konzern hat gemeinsam mit dem brasilianischen Niob-Förderer CBMM eine Lithium-Ionen-Batterie entwickelt, deren Anode aus Niob-Titanoxid besteht und die sich in 10 Minuten komplett laden lässt.

Die Zellen gelten zudem als kompakter und langlebiger als herkömmliche Lithium-Akkus. Zwar sind sie teurer in der Herstellung, ein Fahrzeug kommt dafür jedoch mit weniger Modulen aus, berichtet der Hersteller. Erprobt wird die Technologie bislang in einem Elektrobus, den Volkswagen Truck & Bus beigesteuert hat, der auf dem Werksgelände von CBMM in Araxá fährt.

Unterdessen warnt eine gemeinsame Studie der University of Sussex und der Umweltorganisation Greenpeace vor zu großen Erwartungen. Die Branche werbe zwar offensiv mit dem Batterieargument, doch in nennenswertem Umfang werde Niob in Elektroautos bislang nicht verbaut. Den weitaus größten Teil verbrauche weiterhin die Stahl- und Bauindustrie.

Dass das Metall trotz des globalen Interesses im Land selbst noch eine Nische besetzt, zeigen die offiziellen Marktdaten des Branchenverbandes IBRAM: Gemessen am brasilianischen Bergbau-Gesamtumsatz von 298,8 Milliarden Real (rund 60 Milliarden US-Dollar), der fast vollständig von Eisenerz dominiert wird, macht Niob aktuell weniger als ein Prozent aus.

China kauft, Brasilien zieht die Zügel an

Der größte Abnehmer ist China, rund die Hälfte der brasilianischen Niob-Ausfuhren ging zuletzt in die Volksrepublik, gefolgt von den Niederlanden, Singapur, Südkorea und den USA. Doch China kauft nicht nur ein, es kauft sich auch ein. Auf die Übernahme der Mine in Catalão folgte Ende 2024 der nächste Zugriff. Der Staatskonzern China Nonferrous Metal Mining übernahm für 340 Millionen US-Dollar den Betreiber Mineração Taboca und damit die Zinnmine Pitinga im Bundesstaat Amazonas, die ebenfalls Niob und Tantal liefert.

Europa sicherte sich seinen Zugang über das EU-Mercosur-Abkommen. Es gilt seit dem 1. Mai 2026 vorläufig und schafft eine Freihandelszone von über 700 Millionen Menschen. Ob es endgültig Bestand hat, prüft derzeit der Europäische Gerichtshof (EuGH). Das EU-Parlament hatte das Abkommen im Januar 2026 dorthin verwiesen.

Brasilien selbst will unterdessen wieder mehr Kontrolle über seine Rohstoffe. Ein Gesetzentwurf schafft eine nationale Politik für kritische und strategische Minerale und ein staatliches Gremium, das ausländische Übernahmen prüfen und blockieren kann. Hinzu kommen Steuervorteile für die Weiterverarbeitung im Land und ein Förderfonds von bis zu 5 Milliarden Real. Die Abgeordnetenkammer stimmte Anfang Mai mit 343 zu 97 Stimmen zu, der Senat muss noch folgen. Bisher exportiert das Land seinen Rohstoff überwiegend als Erz. Die einträgliche Veredlung findet woanders statt.

Wie die EU ihre Rüstungsindustrie grün tarnt

Niob ist längst ein strategischer Rüstungswerkstoff. Ohne das seltene Metall stehen die Turbinen von Kampfjets und Hubschraubern still; es ist unverzichtbar für Raketenantriebe und die Entwicklung moderner Hyperschallwaffen.

Wie tief die globale Rüstungsindustrie in der Abhängigkeit steckt, zeigt eine Fallstudie der University of Sussex gemeinsam mit dem Transnational Institute und Greenpeace aus dem Jahr 2024: Über Luftfahrt- und Militärgiganten wie Boeing, Airbus, Northrop Grumman und ThyssenKrupp fließt der Rohstoff direkt in westliches Kriegsgerät. Wie viel genau, bleibt geheim.

Doch ausgerechnet die EU liefert der Rüstungslobby nun Schützenhilfe, verpackt als Klimaschutz. Mit dem im Mai 2024 in Kraft getretenen Critical Raw Materials Act (CRMA) will Brüssel die Versorgung mit 34 kritischen Rohstoffen sicherstellen. Niob rangiert dabei ganz oben auf der Liste. Für all diese Schlüsselrohstoffe gilt ab 2030 ein strenges EU-Ziel: Mindestens 10 Prozent des EU-weiten Bedarfs müssen aus eigenem Abbau stammen, und kein einziges Drittland darf mehr als 65 Prozent der Versorgung kontrollieren.

Offiziell verkauft die EU-Kommission das Gesetz als Triebfeder der grünen Energiewende. Die Realität sieht laut den Studienautoren jedoch anders aus: Das Gesetz nennt die Rüstungsindustrie ausdrücklich im Text. Unter dem Deckmantel der “grünen Industriepolitik” sichert sich Brüssel damit vor allem den Nachschub für das eigene Militär, finanziert und legitimiert über Programme, die eigentlich den Planeten retten sollen.

St George Mining: Australiens Angreifer im Niob-Spielfeld

In diesen von einem Monopol beherrschten Markt drängt nun ein australischer Herausforderer: St George Mining. Das an der australischen Börse notierte Explorationsunternehmen will direkt neben dem Tagebau des Marktführers CBMM ein zweites Vorkommen erschließen. Pünktlich im Juni 2026 meldete das Unternehmen einen entscheidenden Laborerfolg: Aus einer Fünf-Tonnen-Probe seines Araxá-Projekts gewannen die Australier in der Flotation ein Konzentrat mit einem Niob-Gehalt von bis zu 40,2 Prozent.

Zusätzlich ließen sich aus den Rückständen Seltene Erden (TREO) mit einem Gehalt von 15,7 Prozent und einer hohen Ausbeute von 82 Prozent isolieren. Das Projekt umfasst geschätzte 71 Millionen Tonnen Erz. Um die kommerzielle Produktion voranzutreiben, startet im Juli 2026 eine Pilotstudie am brasilianischen Institut CIT-SENAI, gefolgt von einer größeren Pilotanlage im vierten Quartal.

Die strategische Bedeutung des Projekts spiegelt sich auch in der Eigentümerstruktur wider: Der chinesische Batterie-Gigant ATL hat sich im Juni 2026 über eine Millioneninvestition als strategischer Großaktionär eingekauft. Zudem prüft die EU eine strategische Partnerschaft. An der Börse verpuffte die Nachricht über die Laborfunde dennoch kurzfristig: Die Aktie dümpelt als extrem volatiler Pennystock bei rund 0,06 Euro, weit unter ihrem Jahreshoch aus dem Februar.

Das Dilemma der Anleger: Ein Markt ohne breiten Zugang

Der Fall St George Mining zeigt exemplarisch, wie schwer es für Investoren ist, am Niob-Boom zu partizipieren. Wer direkt vom Erfolg des Weltmarktführers CBMM profitieren möchte, geht leer aus: Der brasilianische Gigant ist nicht börsennotiert und befindet sich fest in der Hand von Gründerfamilien und asiatischen Konsortien. Einen reinen Niob-ETF gibt es nicht.

Dass der Rohstoff dennoch ein extremes Anlegerfieber entfacht, zeigte sich erst kürzlich beim historischen Börsengang von SpaceX. Das neue Weltraumrennen treibt den Hunger nach extrem hitzebeständigen Superlegierungen für Raketenantriebe massiv an und rückt Niob als strategisches Schlüsselmetall in den Fokus von Analysten.

Privatanlegern bleibt auf dem Kurszettel jedoch meist nur der riskante Umweg über hochspekulative „Junior Miners“ (Explorationsfirmen). Neben dem australischen Pennystock St George Mining versucht sich in Nordamerika die an der NASDAQ gelistete NioCorp Developments. Ihr Elk Creek Projekt in Nebraska gilt als Hoffnungsträger für Niob, Scandium und Titan. Zwar vermeldete NioCorp zum Jahreswechsel einen Rekord-Cashbestand von 307 Millionen US-Dollar und erhält Rückendeckung vom US-Verteidigungsministerium. Doch eine kommerzielle Produktion und nennenswerte Umsätze stehen bei beiden Entwicklern noch aus.

Eine breite Risikostreuung ist unmöglich. Etablierte Bergbaukonzerne wie die chinesische CMOC Group bieten Niob nur als winzige Nebensparte an. Selbst diversifizierte Themen-ETFs wie der VanEck Rare Earth and Strategic Metals UCITS ETF (ISIN: IE0002PG6CA6) decken das Metall nur am äußersten Rand ab. Ihr Fokus liegt auf Schwergewichten wie Titan, Lithium und Molybdän. Das Fazit für Investoren bleibt ernüchternd: Das Nachfragepotenzial ist gigantisch, doch der investierbare Markt ist extrem eng, intransparent und hochgradig volatil.

Giftiger Tagebau und das ewige Recycling-Problem

Zu der engen Marktstruktur gesellt sich eine düstere ökologische Kehrseite. Niob wird in Minas Gerais im großflächigen Tagebau gewonnen. Bei der chemischen Aufbereitung des Erzes treten unweigerlich toxische und radioaktive Begleitstoffe wie Barium und Uran aus. Deren flüssige Rückstände werden in riesige Absetzbecken geleitet. Lokale Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Becken seit den 1980er Jahren undicht sind und die Schadstoffe ins Erdreich sickern.

Verstärkt wird dieses ökologische Problem durch eine technische Sackgasse: Einmal im Spezialstahl verarbeitet, lässt sich Niob mit heutigen Methoden nicht mehr heraustrennen. Ein echtes Recycling existiert für das Metall praktisch nicht. Damit unterscheidet sich Niob drastisch von anderen Industriemetallen.

Das fehlende Kreislaufpotenzial zwingt die globale Industrie in eine lineare Abhängigkeit von den brasilianischen Minen. Am globalen Hunger nach dem kritischen Rohstoff wird sich angesichts des Wettrüstens in der Autobranche und Militärtechnik vorerst nichts ändern.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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