Depotgeschäft: Upvest greift nach Marktführerschaft in Europa
Upvest wickelt nach eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Wertpapiertransaktionen im Jahr ab, kommt auf ein Handelsvolumen von rund 20 Milliarden Euro und bedient über 30 Finanzinstitute mit mehr als zwei Millionen Endkundinnen und Endkunden in über 20 europäischen Märkten.
Bekannt ist das B2B-Fintech aus Berlin trotzdem kaum, denn es verkauft kein einziges Produkt an Endkundinnen und Endkunden und taucht auch in keiner App namentlich auf. Doch wer bei Revolut einen ETF kauft, bei N26 eine Aktie ordert oder demnächst bei der DKB ein Wertpapierdepot eröffnet, nutzt die Technologie von Upvest, ohne den Namen je zu lesen.
Das 2017 gegründete Fintech beschäftigt rund 280 Mitarbeitende und bezeichnet sich selbst als „Investment Infrastructure Provider“. Es liefert die Technologie, die zwischen dem Sparplan-Knopf in einer Banking-App und der Wertpapierabwicklung an der Börse arbeitet. Aus einem Zulieferer für die junge Neobroker-Szene ist binnen weniger Jahre einer der zentralen Wertpapierabwickler des europäischen Privatkundengeschäfts geworden.
Vom Krypto-Start-up zur Wertpapierfabrik
Die Ursprünge des Unternehmens liegen in der Blockchain-Euphorie des Jahres 2017. Martin Kassing, der als Diplom-Kaufmann zuvor im Private-Equity-Bereich und beim Fintech-Inkubator Finleap aktiv war, gründete Upvest Ende 2017 in Berlin. Unterstützt wurde er von Mitgründer Tobias Auferoth, einem Absolventen der renommierten Otto Beisheim School of Management, der zuvor im Investmentbanking bei Goldman Sachs und UBS tätig war, sowie dem promovierten Strategieexperten Til Rochow.
Getragen von der Dynamik des damaligen Krypto-Booms war die erste Geschäftsidee der drei Gründer, Tools für tokenisierte Vermögenswerte zu entwickeln, um damit Kapital grenzüberschreitend handelbar zu machen. Eine Spur davon findet sich bis heute im Kleingedruckten: Gefördert wurde das Unternehmen über das Pro-FIT-Programm der Investitionsbank Berlin, mit dem Ziel, ein Vorhersagewerkzeug für Blockchain-Transaktionsgebühren zu entwickeln.
Schon 2019 kooperierte Upvest daher mit der Immobilienplattform Exporo und verwahrte tokenisierte Immobilienanleihen in digitalen Wallets. Das Team erkannte jedoch früh, dass die Infrastruktur, die es für Krypto-Assets entworfen hatte, ein weit größeres Problem lösen konnte: die veralteten Wertpapiersysteme klassischer Banken und Neobroker.
Upvest sollte sich deshalb zu einer digitalen Wertpapierhandelsbank entwickeln, die klassische Aktien, Anleihen und Fonds ebenso verwahrt und vermittelt wie moderne Anlageklassen – ein Anspruch, den Kassing bereits 2021 gegenüber der Plattform Startbase formulierte und der im Frühjahr 2022 mit dem Erhalt von fünf BaFin-Lizenzen Realität wurde. Das Go der britischen Finanzaufsicht FCA kam nach Angaben von Kassing im September 2024 hinzu.
Das Geschäft hinter Upvest
Die Monetarisierung folgt der klassischen SaaS-Logik: Die Einnahmen des Fintechs wachsen dynamisch über eine volumenbasierte Plattformgebühr mit jedem Depotwert und jeder ausgeführten Transaktion. Dafür stellt Upvest Finanzdienstleistern die komplette Wertpapierabwicklung über eine einzige Programmierschnittstelle bereit, die sogenannte Investment-API. Eine Bank bindet diese Schnittstelle in die eigene App ein, der Endkunde sieht das Design seines Anbieters, im Hintergrund laufen Ausführung, Abwicklung und Verwahrung über die Plattform aus Berlin.
Nach eigenen Angaben automatisiert die Plattform über 99 Prozent der Abläufe im Middle- und Backoffice. Die Technik läuft cloud-nativ auf Google-Infrastruktur und wird laut eigenen Angaben dauerhaft auf das Zehnfache des durchschnittlichen Volumens getestet, um Ausschläge bei extremer Marktvolatilität abzufedern. Für die Geschäftskunden bedeutet das, dass sie ein Wertpapierangebot in Wochen statt in Jahren starten können, ohne eine eigene Handelsbank aufbauen zu müssen.
Das Erlösmodell skaliert direkt mit dem verwalteten Vermögen. Je mehr Orders über die Plattform laufen, desto geringer sind die Stückkosten und desto höher ist der Hebel für Upvest. Funktionen wie den Bruchstückhandel ab einem Euro, automatisierte Sparpläne und personalisierte Portfolios reicht das Unternehmen als fertige Bausteine an seine Kunden weiter. Der Bruchstückhandel, im Fachjargon Fractional Investing, erlaubt den Kauf hochpreisiger Aktien oder ETFs schon ab kleinsten Beträgen. Ein rechtlicher Vorteil liegt dabei im deutschen Recht: Anders als in Frankreich gelten die von Upvest vermittelten Bruchstücke als echte Anteile am Wertpapier mit vollem Eigentumsrecht.
Revolut, N26 und die Neobroker-Welle
Die Kundenliste von Upvest liest sich wie ein Querschnitt der europäischen Fintech-Szene. Revolut, N26, bunq, Vivid, Raisin, der Online-Broker Webull, die spanische Santander-Tochter Openbank und der britische Anbieter Zopa vertrauen auf die Infrastruktur aus Berlin.
Revolut war einer der ersten großen Namen, die auf die Infrastruktur von Upvest setzten. Für den Markteintritt mit Aktien und ETFs im Europäischen Wirtschaftsraum im Mai 2023 brauchte die Neobank nach Angaben von Upvest sechs Monate, rund 80 Prozent aller Orders entfallen dort inzwischen auf Bruchstücke. „Wir haben deutlich früher mit dem Geschäftsmodell angefangen und konnten wertvolle Kunden wie Revolut schon kurz nach dem Start gewinnen“, so Kassing rückblickend im Finance-Forward-Podcast des manager magazins.
Im November 2023 kam mit N26 Deutschlands größte Digitalbank hinzu. Über die Investment-API führte N26 den Handel mit Aktien und ETFs in mehreren Ländern ein, von Österreich über Deutschland bis Spanien. Für Upvest war der Gewinn dieser wachstumsstarken Neobanken die Grundlage des Aufstiegs. Der eigentliche Statusgewinn aber kam von anderer Seite.
Upvest und der DKB-Coup
Den bislang bedeutendsten Einzeldeal landete Upvest im September 2025. Die Deutsche Kreditbank, mit rund 5,9 Millionen Kundinnen und Kunden die zweitgrößte deutsche Direktbank (DKB), trennte sich von ihrem langjährigen Wertpapierdienstleister DWP Bank und übergab ihr Wertpapiergeschäft im Umfang von rund 850.000 Depots und einem Kundenvermögen von etwa 35 Milliarden Euro an das Berliner Fintech.
Die DWP Bank hatte kurz zuvor den Upvest-Konkurrenten Lemon Markets übernommen. Mit der DKB mandatierte erstmals eine etablierte Großbank das Fintech für den operativen Kern ihres Geschäfts. In der Branche gilt der Schritt als Ritterschlag.
Vom Ende 2026 an sollen bei der DKB alle neu eröffneten Wertpapierdepots über die Plattform von Upvest laufen, die Bestandsdepots sollen im Jahr 2027 folgen. Die DKB verbindet damit eine eigene Wachstumsstrategie. Unter dem Schlagwort „DKB 2030“ will die Bank die Zahl ihrer Wertpapierdepots bis zum Jahr 2030 auf zwei Millionen verdoppeln und das Depot zum zweiten Ankerprodukt neben dem Girokonto machen.
Die Make-or-Buy-Frage
Derzeit profitiert Upvest von einer Verschiebung, die in der Branche unter dem Begriff Embedded Finance läuft und bedeutet, dass immer mehr Banken und Fintechs Anlageprodukte anbieten wollen, ohne die teure Technologie dafür vorhalten zu müssen. Die Grundsatzfrage lautet deshalb: Make or buy, also selbst entwickeln oder zukaufen?
Befeuert wird dieser Trend vom Margendruck, unter dem klassische Abwickler wie die DWP Bank stehen, während Anbieter wie Upvest, der inzwischen übernommene Wettbewerber Lemon Markets oder die Münchener Scalable Capital um die Rolle des Dienstleisters konkurrieren.
Das größte Risiko für einen Infrastrukturanbieter im Hintergrund ist, dass die eigenen Kunden das Geschäft eines Tages selbst übernehmen. Upvest-Gründer Kassing hält dagegen, dass sich eine eigene Handelsplattform für die meisten wegen der Stückkosten nicht rechne. „Je mehr Volumen wir über die Plattform abwickeln, desto günstiger wird es für unsere Kunden“, sagte er im Finance-Forward-Podcast. Neue Produkte wie ELTIF-Fonds bringe Upvest binnen ein bis drei Monaten auf die Plattform, das lasse sich nur schwer aufholen.
Entsprechend hoch bleibt die Schlagzahl bei den Berlinern. Allein 2026 kamen der Broker CMC Markets, der digitale Vermögensverwalter growney und die Geschäftskundenplattform Qonto hinzu, die über Upvest Geldmarktfonds für Firmenkunden anbietet.
Investments von BlackRock und Tencent
Dass dieses Wachstum teuer ist, liegt auf der Hand. Nach eigenen Angaben sammelte Upvest bis Ende 2025 insgesamt rund 175 Millionen Euro ein. Die bis dahin größte Finanzierungsrunde lag im Dezember 2024 bei 100 Millionen Euro, angeführt von der Beteiligungsgesellschaft Hedosophia, mit Sapphire Ventures sowie den Bestandsinvestoren BlackRock und Earlybird. „Es ist die größte Finanzierungsrunde unserer Geschichte“, sagte Kassing damals dem Handelsblatt.
Im März 2026 folgte das nächste Funding über 108 Millionen Euro. Angeführt wurde es von Sapphire Ventures und dem chinesischen Technologiekonzern Tencent, dazu kamen mit BlackRock und Bessemer Venture Partners fast ausschließlich Bestandsinvestoren. Externe Geldgeber ließ Kassing bewusst draußen, „um uns nicht zu sehr abzulenken vom Kerngeschäft“, wie er dem Handelsblatt sagte. Finanzkreisen zufolge kletterte die Bewertung daraufhin auf rund 640 Millionen Euro, nach etwa 360 Millionen Euro im Dezember 2024. Die Milliardenschwelle zum Einhorn hat das Unternehmen damit noch nicht erreicht, sie dürfte aber nur noch eine Frage der Zeit sein.
Profitabel ist Upvest bisher noch nicht, die Verluste begründet Kassing mit den steigenden Mitarbeiterzahlen und den Investitionen ins Wachstum. „Ich halte es für realistisch, dass wir 2026 schwarze Zahlen schreiben werden“, hatte er Ende 2024 dem Handelsblatt gesagt. Auch einen Börsengang schließt er nicht aus, vorstellbar sei das „Ende der Dekade“, Zeitdruck verspüre er keinen.
Die Wette auf das Altersvorsorgedepot
Den nächsten großen Schub erwartet Kassing vom staatlich geförderten Altersvorsorgedepot. Vom 1. Januar 2027 an können Sparer den kapitalmarktnahen Nachfolger der Riester-Rente eröffnen, der ohne Beitragsgarantie auf ETFs, Fonds und Anleihen setzt. Parallel ist in diesem Jahr die Frühstart-Rente angelaufen, bei der der Staat für Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein solches Depot einzahlt.
Für einen Infrastrukturanbieter wie Upvest ist das ein Milliardenmarkt. Intern rechnet das Unternehmen damit, dass über das Altersvorsorgedepot in den kommenden zehn bis 15 Jahren bis zu eine Billion Euro an verwaltetem Vermögen zusammenkommen könnten. Kassing rechnet im Finance-Forward-Podcast vor, dass ein Sparer bei einer Zielrendite von sieben Prozent zwischen dem 18. und dem 65. Lebensjahr „um die 100.000 Euro quasi geschenkt vom Staat“ bekomme.
Ein Teil des frischen Kapitals fließt bereits in die Entwicklung solcher Vorsorgeprodukte, in Deutschland ebenso wie im britischen SIPP-Modell. Je tiefer sich Upvest in das europäische Privatkundengeschäft eingräbt, desto stärker wächst mit dem Erfolg auch das Risiko eines Single Point of Failure, also eines systemischen Klumpenrisikos für die Finanzaufsicht (BaFin).
Wenn Revolut, N26, bunq, Openbank und vom kommenden Jahr an auch die DKB ihre Wertpapierabwicklung über dieselbe Berliner Plattform laufen lassen, hängt ein erheblicher Teil des deutschen und europäischen Retail-Geschäfts an einem einzelnen Dienstleister. Für Kassing ist diese Bündelung das Wachstumsmodell. Für den deutschen Finanzplatz könnte sie zu einem neuralgischen Punkt werden, über den vom Januar 2027 an auch die frisch geförderte private Altersvorsorge von Millionen Sparern abgewickelt werden könnte.
