Finanzen

KI-Blase: Warum Anleger wieder an die nächste Wunderwelt glauben

Erst kaufen Kleinanleger Chipaktien auf Kredit, dann sammelt SpaceX Milliarden ein, obwohl das Unternehmen weiter Verluste schreibt. Was nach Einzelfällen klingt, könnte der Beginn einer neuen Phase im Technologiezyklus sein: Die KI-Euphorie zieht immer mehr Kapital an, doch historische Muster zeigen, wie schnell aus Fortschrittsglauben Finanzrausch werden kann.
03.07.2026 16:03
Lesezeit: 8 min
KI-Blase: Warum Anleger wieder an die nächste Wunderwelt glauben
Investoren feiern KI, Chips und Raumfahrt. Doch erste Warnzeichen zeigen: Der neue Technologiezyklus könnte in eine gefährliche Phase kippen. (Foto: dpa/XinHua | Wang Yuyan) Foto: Wang Yuyan

Warum die KI-Blase erst am Anfang stehen könnte

Auf Grundlage der Arbeit der Ökonomin Carlota Perez lassen sich vier Phasen jedes langen technologischen Zyklus unterscheiden. Heute stehen wir offenbar noch am Anfang eines neuen Weges. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.

Eine Nachricht vom anderen Ende der Welt weckt die Sorge, dass die Finanzmärkte in eine Phase des Überschwangs eintreten könnten. In Taiwan nehmen Menschen Kredite auf, um Aktien von Halbleiterherstellern zu kaufen. Bloomberg schilderte den Fall von Andy Cheng, einem 26-jährigen arbeitslosen Taiwaner. Er kaufte auf Kredit TSMC-Aktien im Wert von umgerechnet rund 52.600 Euro. TSMC ist nach Nvidia der zweitgrößte Chipproduzent der Welt.

Auf der anderen Seite der Erde, in New York, hat das zu Elon Musk gehörende Unternehmen SpaceX Anleihen im Wert von umgerechnet rund 21,9 Milliarden Euro begeben. Daran wäre nichts ungewöhnlich, wenn SpaceX nicht weiterhin Verluste schreiben würde und seine hohe Bewertung auf das Versprechen künftiger Gewinne stützte. Diese Gewinne sollen aus der Verbindung von Raumfahrttechnik, Energietechnologie und künstlicher Intelligenz entstehen. Investoren nahmen die Emission vorsichtig auf und bewerteten die Papiere deutlich schlechter als Anleihen von Unternehmen mit ähnlichem Rating.

Am Horizont zeigt sich damit eine Konstellation von Phänomenen, die in der Vergangenheit häufig mit spekulativen Blasen einherging. Der Glaube an eine neue, bessere Welt. Kredit. Und der FOMO-Effekt, also der Kauf von Vermögenswerten aus der Überzeugung heraus, dass andere sie später teurer kaufen werden. Es geht dann nicht mehr um die fundamentale Attraktivität eines Investments. Bis vor Kurzem fehlten diese Elemente noch weitgehend. Allerdings scheint diese Form des Überschwangs noch in einer sehr frühen Phase zu stecken. Viele typische Merkmale fehlen bislang.

Carlota Perez und die Logik technologischer Zyklen

Carlota Perez, eine venezolanisch-britische Ökonomin, argumentiert, dass technologische Durchbrüche wiederkehrende, lange Phasen durchlaufen. Ihr vor fast einem Vierteljahrhundert erschienenes Buch "Technological Revolutions and Financial Capital. The Dynamics of Bubbles and Golden Ages" ist einer der interessanteren Bezugspunkte, wenn man technologische Zyklen und Finanzblasen verstehen will. Das Werk ist heute nicht leicht zu einem erschwinglichen Preis zu finden. Es handelt sich um ein akademisches Buch, aber um eines im alten, guten Stil: Ökonomen erklären darin noch, wie Wirtschaft funktioniert, statt den fünfzehnten Baustein in der zwanzigsten Gleichung eines mathematischen Mainstream-Modells zu polieren.

Perez zufolge hat die Welt seit Beginn der industriellen Revolution fünf große technologische Umbrüche durchlaufen. Erstens die erste industrielle Revolution ab den 1770er-Jahren. Zweitens die Ära der Dampfmaschinen und Eisenbahnen ab 1830. Drittens die Ära von Stahl, Elektrizität und Ingenieurwesen ab 1875. Viertens die Ära des Automobils und der industriellen Massenproduktion ab 1908. Fünftens die Ära der Information und Kommunikation ab 1971.

Jeder dieser Umbrüche lässt sich in vier Phasen unterteilen.

Die erste Phase ist der technologische Durchbruch. Alte Branchen verlieren an Dynamik, während ihre Eigentümer nach Möglichkeiten suchen, weiterhin beträchtliche Gewinne in neue Projekte zu lenken. Neue Technologien entstehen und verbinden sich zu Clustern. Dabei handelt es sich um ergänzende Innovationen aus verschiedenen Bereichen, die die Organisation von Produktion und sogar gesellschaftlichem Leben grundlegend verändern können. Die meisten Sektoren wachsen nur schwach. In engen Feldern neuer Technologien setzt jedoch eine sehr dynamische Entwicklung ein. Die Gesellschaft beginnt sich in Profiteure des Wandels und Verteidiger des Status quo zu teilen.

Die zweite Phase ist der Rausch. Gewinne aus neuen Technologien fließen zurück in die Wirtschaft und treiben die Preise von Vermögenswerten breit nach oben. Der Finanzsektor schaltet sich in die Investitionen ein. Er setzt auf den radikalen Durchbruch und auf die Chance, an künftigen Gewinnen teilzuhaben. Finanzkapital löst sich zunehmend vom produktiven Kapital. Die Preise von Vermögenswerten steigen viel schneller als der tatsächlich in der Wirtschaft geschaffene Wert. Neues Geld sucht Anlagemöglichkeiten. Deshalb entstehen Finanzinnovationen, die angeblich außergewöhnliche Renditen versprechen. Kredit- und Investmentstandards werden gelockert. Die breite Bevölkerung stürzt sich massenhaft auf Finanzprodukte.

Interessant ist, dass diese Phase des Rauschs notwendig sein kann, um Kapital für weiterhin riskante technologische Projekte zu mobilisieren. Neue Technologien befinden sich noch im Experimentierstadium. Erst in dieser Phase erhalten sie jedoch den Kapitalzufluss, der sie in großem Maßstab voranbringen kann.

Das Ende dieser Phase markiert den Wendepunkt. Er kommt in Form einer tiefen Krise. Danach finden Finanzkapital und produktives Kapital wieder zusammen.

Die dritte Phase ist die Synergie. Die Interessen einer engen Klasse von Innovatoren werden schrittweise mit einem breiteren gesellschaftlichen Interesse verbunden. Neue Regeln und Institutionen entstehen. Gleichzeitig wechseln neue Technologien aus der Experimentierphase in eine breite Anwendung in vielen Wirtschaftssektoren.

Die vierte Phase ist die Reife. Sie gilt als goldenes Zeitalter. Neue Technologien sind weit verbreitet, und die gesamte Gesellschaft oder zumindest ihre Mehrheit profitiert davon. Es ist eine Zeit allgemeinen Optimismus und des Glaubens daran, dass das System gut funktioniert. Beispiele dafür sind das viktorianische England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder die USA in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Später erschöpft sich das Wachstumspotenzial der neuen Technologien. Der Zyklus beginnt sich allmählich zu wiederholen. Die Entwicklung kehrt zur ersten Phase zurück.

KI-Blase: Zwischen Durchbruch und Finanzrausch

Nimmt man das Schema von Carlota Perez als Orientierung, dann befindet sich die Welt heute irgendwo zwischen der ersten und der zweiten Phase eines Zyklus, der mit künstlicher Intelligenz und Robotisierung verbunden ist. Die erste Phase ist noch nicht abgeschlossen. Die alten dominierenden Akteure der digitalen Ära geben weiterhin den Ton an. Microsoft, Google, Apple und Amazon reinvestieren enorme Gewinne aus ihren alten Geschäftsmodellen in neue Technologien. Neue Akteure wie OpenAI, Anthropic, SpaceX und Eleven Labs ziehen riesige Mengen Kapital an, erwirtschaften aber noch keine Gewinne und haben ihre dauerhafte wirtschaftliche Tragfähigkeit noch nicht bewiesen. Die Entwicklung steckt weiter in der Experimentierphase. Es ist noch nicht klar, welche konkreten Techniken dominieren werden und welche Innovationscluster entstehen. Große Sprachmodelle allein reichen nicht aus, um die Welt zu verändern.

Gleichzeitig zeigen sich bereits Symptome der zweiten Phase, also des Rauschs. Oder der Manie. Genau das sind jene Phänomene, die zu Beginn sichtbar wurden. An anspruchsvolle Technologieinvestitionen schließen sich breite Anlegergruppen an. Kredit kommt ins Spiel. Dieses Instrument ist von Natur aus riskant und theoretisch für Menschen gedacht, die Risiken verstehen. Kapital fließt immer stärker in neue Branchen.

Noch ist es allerdings kein voll ausgeprägter Rausch. Viele Finanzinnovationen, etwa Kryptowährungen, haben nur begrenzte Reichweite und Sprengkraft. Es gab eine Welle privaten Kredits, aber sie war zu klein, um die Stabilität traditioneller Banken ernsthaft zu erschüttern. Es gibt keine klaren Anzeichen dafür, dass Investoren jedes technologische Versprechen zu stratosphärischen Preisen kaufen. Bekannte Namen wie Elon Musk können leicht große Summen einsammeln. Doch solche Stars gibt es nicht viele. Die Inflation der Vermögenspreise hat sich noch nicht breit über die Wirtschaft ausgebreitet.

Damit bleibt noch etwas Zeit, bevor es zu einem wirklich systemischen Krisenmoment kommen könnte. Falls er überhaupt eintritt. Denn die entscheidende Frage lautet, ob frühere Zyklen tatsächlich eine gute Analogie für die Gegenwart sind.

Analogien sind ein notwendiges Mittel, um sich in einer neuen Wirklichkeit zu orientieren. Auf ihnen baut immer auch das Bild der Zukunft auf. Anleger vergleichen Nvidia heute mit Cisco in den 1990er-Jahren. Als die Golfkrise ausbrach, dienten frühere Energiekrisen als erster Bezugspunkt. Analogien helfen, mit Unsicherheit umzugehen. Man muss aber berücksichtigen, dass jede Situation anders ist. Eine Analogie ist ein Baustein des Denkens, aber kein endgültiges Modell.

Zwischen der heutigen Welt und der Vergangenheit gibt es viele Unterschiede. Risiken werden heute anders gesteuert als früher. Aufsichtsbehörden reagieren sensibler auf Krisengefahren. Kredit wächst nicht in einem erschreckenden Tempo. Die breite Bevölkerung hat mehr Einfluss auf politische Macht, und Finanzeliten können Ressourcen schwerer akkumulieren.

Für Deutschland ist diese Debatte besonders relevant. Die deutsche Wirtschaft steht bei KI, Automatisierung, Robotik und Industrie-Software vor der Frage, ob sie neue Technologien produktiv in Geschäftsmodelle übersetzt oder vor allem steigenden Bewertungen hinterherläuft. Theorien wie jene von Carlota Perez sind dafür ein nützliches Denkwerkzeug. Sie sind aber keine Landkarte, auf die sich Investoren und Unternehmen vollständig verlassen sollten.

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Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

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Ignacy Morawski

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Der Initiator des Projekts und Leiter des SpotData-Teams war viele Jahre im Bankensektor tätig (WestLB, Polski Bank Przedsiębiorczości), zuletzt als Chefökonom. Zwischen 2012 und 2016 erhielt er zahlreiche Auszeichnungen in verschiedenen Rankings, darunter zwei Podiumsplätze beim Wettbewerb für den besten Makroökonomen, der von „Rzeczpospolita“ und der Polnischen Nationalbank veranstaltet wurde. 2017 wurde er in die „New Europe 100“-Liste aufgenommen, eine Liste der innovativsten Persönlichkeiten Mitteleuropas, die von der Financial Times veröffentlicht wurde. 2019 wurde er von ThinkTank als einer der zehn von der polnischen Wirtschaft am meisten beachteten Ökonomen ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde das von ihm gegründete SpotData-Projekt für einen GrandPress Digital Award nominiert. Er absolvierte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bocconi-Universität in Mailand und der Politikwissenschaft an der Universität Warschau.

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