Finanzen

Rüstungsaktien: Der Hype ist vorbei, jetzt zählt der Gewinn

Europas Rüstungsindustrie galt lange als großer Gewinner der Zeitenwende. Bei Rheinmetall und anderen Verteidigungswerten bröckelt die Euphorie, KNDS sagt spontan den Börsengang ab.
02.07.2026 08:31
Aktualisiert: 02.07.2026 08:31
Lesezeit: 12 min
Rüstungsaktien: Der Hype ist vorbei, jetzt zählt der Gewinn
Europas Rüstungsaktien waren Börsenlieblinge, nun bröckelt die Euphorie. (Foto: dpa | Marcus Brandt) Foto: Marcus Brandt

Rüstungsaktien: Wie modern sind Panzer an der Börse noch?

Die großen europäischen Rüstungsaktien laufen in diesem Jahr entweder dem Markt hinterher oder haben bereits deutlich an Wert verloren. Einige Marktbeobachter sagen inzwischen, Europas Verteidigungsindustrie wirke zu sehr wie alte Schule. Sie erinnere eher an Unternehmen der alten Wirtschaft als an die heißen Technologiewerte, denen Investoren derzeit hinterherlaufen. Das berichten unsere Kollegen von Investoru Klubs.

Die USA warten auf einen ihrer astronomischen Börsengänge: SpaceX. Danach könnten dort OpenAI und Anthropic auf der IPO-Liste stehen. Europa kann dem weder bei der Größe noch bei den heiß begehrten Technologiethemen viel entgegensetzen. Der alte Kontinent versuchte, Anlegerherzen mit dem Börsengang eines Panzerherstellers zu gewinnen: KNDS. Doch die sagen ab.

KNDS bläst Börsengang ab

Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS geht also vorerst doch nicht an die Börse. Vor dem Hintergrund der aktuellen Marktschwankungen werde der Börsengang erst bei Wiederkehr besserer Marktbedingungen fortgesetzt, teilte das Unternehmen mit. Zuvor hatte die "Financial Times" berichtet, dass die Eigentümer Probleme hätten, Investoren von der geplanten Bewertung von mehr als 12 Milliarden Euro zu überzeugen.

Die Aktien des Herstellers des Kampfpanzers Leopard 2 und der Panzerhaubitze 2000 sollten im Rahmen einer Doppelnotierung an den Börsen in Frankfurt und Paris platziert werden, wie das Unternehmen Ende Juni mitgeteilt hatte. Es hätte einer der größten europäischen Börsengängen im Verteidigungssektor der vergangenen Jahre werden können.

Rüstungsbranche an der Börse unter Druck

Zuletzt hatte sich das Umfeld für Rüstungsaktien an der Börse allerdings eingetrübt. So verloren die Aktien des Konkurrenten Rheinmetall stark an Wert. «KNDS und seine Anteilseigner werden die Bedingungen an den Kapitalmärkten weiterhin genau beobachten und sind bereit, den Börsengang wieder aufzunehmen, sobald die Marktbedingungen das erlauben», erklärte das Unternehmen.

Vorausgegangen war eine Einigung zwischen der deutschen und der französischen Regierung über die künftige Eigentümerstruktur des Unternehmens. Danach erwerben die Bundesrepublik Deutschland und der französische Staat jeweils einen Anteil von 40 Prozent an KNDS. Die verbleibenden 20 Prozent sollten im Zuge des Börsengangs an institutionelle Investoren veräußert werden.

KNDS entstand 2015 durch die Fusion von Krauss-Maffei Wegmann und dem französischen Unternehmen Nexter. Aktuell befindet sich KNDS im Besitz der deutschen Familie hinter Krauss-Maffei Wegmann sowie des französischen Staates. Der Konzern beschäftigt gut 11.000 Menschen und erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro, Hauptsitz ist Amsterdam, die deutsche Zentrale sitzt in München.

Rüstungsaktien: Der Markt fragt, wer die Aufrüstung bezahlt

Und die entscheidende Frage lautet: Wie soll Europa das alles bezahlen? Zumindest derzeit kann man nicht sagen, dass die Zeiten für Investoren in europäische Rüstungsaktien besonders gut wären. Innerhalb sehr kurzer Zeit waren die Erwartungen an den Sektor in fantastische Höhen geschossen. Ähnlich stark legten auch die Aktienkurse dieser Unternehmen zu. Ihre Bewertungen übertrafen zeitweise sogar die heißesten Aktien aus dem Bereich künstliche Intelligenz.

Als Flaggschiff des europäischen Verteidigungssektors gilt wohl der deutsche Konzern Rheinmetall. Die Rheinmetall-Aktie hörte bereits im Mai vergangenen Jahres auf zu steigen. Das erwies sich nicht als gewöhnliche Verschnaufpause. In diesem Jahr ist der Kurs der Rheinmetall-Aktie bereits um 40 Prozent gefallen. Auf Sicht von fünf Jahren liegt die Aktie allerdings noch immer um 1.025 Prozent im Plus.

Die Kurse europäischer Rüstungsaktien fallen aus mehreren Gründen. Die Erwartungen werden wieder stärker an der Realität gemessen. Dabei zeigt sich: Ein Teil der Investoren zweifelt erheblich daran, dass die von europäischen Regierungen versprochenen militärischen Ausgaben in Höhe von Hunderten Milliarden Euro schnell genug in höhere Gewinne dieser Unternehmen umschlagen.

Zudem warten viele Marktteilnehmer auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges. Es gibt die Vermutung, dass mit einem Frieden die Ausgabenprioritäten in Europa wieder anders aussehen könnten. Das gilt zumindest außerhalb des östlichen Teils der Region. Die Staatsschulden sind hoch, Zinsen und Inflation steigen, und irgendwo rücken immer auch Wahlen näher. Europäische Politiker könnten deshalb versucht sein, andere Unternehmen und Verbraucher stärker zu unterstützen als die Verteidigungsindustrie. "Im vergangenen Jahr ging es darum, wie großartig diese militärischen Ausgaben sind. In diesem Jahr geht es darum, wie wir sie bezahlen sollen", fassen Analysten der Citigroup die aktuelle Stimmung im europäischen Verteidigungssektor zusammen.

Im Fall von Rheinmetall hat Deutschland gerade ein großes Programm zum Bau militärischer Schiffe gestrichen, weil die Kosten stark gestiegen sind. Erwartet worden war, dass Rheinmetall besonders stark von diesem Auftrag profitieren würde. Diese Entscheidung ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Europas Verteidigungsausgaben keineswegs berechenbar sind. Die Stimmung kann sehr schnell kippen.

Die vermeintlichen Gewinner von Krieg und Wiederaufrüstung haben sich leise zu einigen der schwächsten Marktteilnehmer dieses Jahres entwickelt. "Die Geduld ist erschöpft. Der Markt will jetzt Beweise, keine Versprechen", erklärten Aktienexperten von State Street gegenüber der Financial Times. Auch Vertreter des Finanzdienstleisters Nuveen weisen darauf hin, dass die jüngsten Gewinnzahlen gezeigt hätten, wie langsam sich Aufträge in tatsächliche Gewinne verwandeln. Viele Investoren hätten diesen Prozess deutlich schneller erwartet.

Hinzu kommt: Die Kriegsführung selbst hat sich verändert. Staaten der Region könnten Ausgaben für bestimmte traditionelle Waffen durch modernere und weiterhin wirksame Lösungen ersetzen. Investoren fragen deshalb, ob die Nachfrage nach Kampfpanzern oder teuren Raketen tatsächlich so unstillbar bleiben wird, wenn solche Systeme zumindest teilweise durch unbemannte Technologien ersetzt werden können.

Der Kauf komplexer und sehr teurer Waffensysteme wirkt in Konflikten, in denen billige Drohnen dominieren, nicht mehr automatisch wie die optimale Lösung. "Investoren suchen stärker technologisch ausgerichtete Verteidigungsaktien. Die europäische Verteidigungsindustrie wird als alte Schule mit Unternehmen der alten Wirtschaft wahrgenommen", erklären Analysten von Barclays.

Rüstungsaktien: Nach der Euphorie beginnt die Normalisierung

Der aktuelle Kursrückgang muss allerdings nicht ausschließlich als Risiko oder Vorbote weiterer Verluste verstanden werden. Der Markt war offenbar seiner Zeit vorausgelaufen. Das ist nicht besonders überraschend. Wer Rheinmetall-Aktien erst vor Kurzem gekauft hat, dürfte keine besonders angenehme Anlageerfahrung gemacht haben. Gleichzeitig wirkt die Bewertung von Rheinmetall inzwischen wieder nachvollziehbarer. Das könnte Anleger irgendwann dazu bringen, solche Aktien zu niedrigeren Kursen zu kaufen.

Derzeit wird die Rheinmetall-Aktie mit dem 28-Fachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns gehandelt. Gemessen an den Gewinnen der vergangenen zwölf Monate liegt das Verhältnis bei 42. Dabei handelt es sich um das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis. Niedrig ist eine solche Bewertung noch immer nicht. Doch weil europäische Verteidigungsunternehmen wohl nicht wieder von der Bildfläche verschwinden werden, könnten sich gerade neue Investoren über die Chance freuen, Anteile an diesen Unternehmen günstiger zu erwerben.

Klar ist außerdem: Europas Armeen werden sowohl neue autonome Systeme als auch klassische Waffen brauchen. In diesem Kontext wirken KNDS-Aktien interessant, sofern die Bewertung des Unternehmens tatsächlich moderater ausfällt. Allerdings muss KNDS die Investoren weiterhin davon überzeugen, dass Panzer auf dem Schlachtfeld noch immer einen Platz haben.

Andererseits lässt sich sagen: Bei europäischen Rüstungsaktien ist ein Teil der Investorenbegeisterung verflogen. Eine mögliche Einschätzung lautet: Nach dem vorherigen rasanten Anstieg und nach einer Phase der Suche nach einem neuen Gleichgewicht werden diese Aktien künftig stärker wie normale Unternehmensaktien gehandelt. Sie werden dann nicht mehr wie die ersten heißen und unwiderstehlich duftenden Brötchen behandelt, an die jeder um jeden Preis herankommen will. Die Aktienwelt eignet sich zwar selten für absolute Aussagen. Doch vermutlich müssen Anleger die Vorstellung einer weiteren komischen, fast unbegrenzten Kursrally vergessen.

"Wo wird das Geld ausgegeben? Wir haben gewaltige Veränderungen bei der Art der Kriegsführung gesehen. Und das leichte Geld ist bereits verdient", sagen Experten der Citigroup. Hinzu kommt: Kleine Positionen in Rheinmetall und dem schwedischen Konzern Saab hält auch Investor Andris.

Inzwischen sind thematische ETF in diesem Bereich wie Pilze aus dem Boden geschossen. Europäischen Anlegern stehen mittlerweile 23 börsengehandelte Fonds zur Verfügung, die die Entwicklung eines Index aus Aktien von Verteidigungsunternehmen abbilden. Der beliebteste ist der VanEck Defense UCITS. Dessen Anteilspreis ist in diesem Jahr um 2,35 Prozent gefallen. Im März startete beispielsweise der Handel mit dem HANetf Drone UCITS. Dieser ETF versucht, weltweit Aktien von Unternehmen herauszufiltern und abzubilden, die in der Drohnentechnologie tätig sind. Seit dem Start ist der Anteilspreis um 23 Prozent gefallen.

Anleger sollten berücksichtigen, dass solche Fonds häufig erst dann aufgelegt werden, wenn eine Branche bereits stark gewachsen ist. Vor Russlands Angriff auf die Ukraine gab es solche ETF in Europa faktisch nicht. Noch im Herbst 2023 standen europäischen Investoren im besten Fall zwei kleine und neue Branchen-ETF zur Verfügung: der HANetf Future of Defence ETF und der VanEck Defense ETF.

Die akademische Literatur zeigt, dass Investoren gern Vermögenswerten hinterherlaufen, die zuletzt eine gute Rendite erzielt haben. ETF-Anbieter kennen dieses Verhalten. Sie bringen Produkte auf den Markt, die heißen Branchen und Themen folgen, damit sie diese Fonds schnell an Anleger verkaufen können. Das ist ein Klassiker bei aktiven Kleinanlegern: Aufgrund großer Hoffnungen und guten Marketings wird teuer gekauft. Nach einiger Zeit muss dann billig verkauft werden.

Investoren sollten deshalb vorsichtig sein, wenn sie über Anlagen in spezialisierte ETF nachdenken. Es besteht das Risiko, die Streuung des Portfolios zu opfern, in überbewertete Vermögenswerte zu investieren und dafür auch noch großzügig die Fondsindustrie zu bezahlen. Wieder einmal passt das alte Börsensprichwort: Was in der jüngeren Vergangenheit stark gestiegen ist und teuer wirkt, hat zwei Eigenschaften. Es hat eine wunderbare Rendite in der Vergangenheit geliefert und in vielen Fällen eine schlechte Rendite in der Zukunft.

Auch Jack Bogle, der Vater der passiven Indexfondsindustrie, kritisierte ETF scharf. Er nannte sie Wölfe im Schafspelz. Seine Ansicht lautete: ETF seien die größte Marketinginnovation des 21. Jahrhunderts. Ob sie den Anlegern tatsächlich nützen, sei damit noch nicht gesagt.

Für deutsche Anleger ist das Thema besonders relevant. KNDS ist aus deutscher Sicht kein ferner Rüstungstitel, sondern eng mit Krauss-Maffei Wegmann, dem Leopard 2 und der Frankfurter Börse verbunden. Rheinmetall wiederum zeigt, wie stark politische Entscheidungen in Berlin die Kurse von Rüstungsaktien bewegen können. Wer also in Deutschland in Rüstungsaktien oder spezialisierte Verteidigungs-ETF investiert, kauft nicht nur ein Wachstumsthema. Er kauft auch politische Beschaffungsrisiken, Bewertungsrisiken und die Frage, ob Panzer, Drohnen und Munition künftig wirklich so stark nachgefragt werden, wie es die Börse zeitweise eingepreist hatte.

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Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

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