Deutschlands Industrie in der Krise: Chinesische Investoren greifen nach deutscher Tradition
Deutschland verliert an wirtschaftlicher Dynamik – und ausgerechnet in dieser Phase geraten viele Traditionsunternehmen ins Visier chinesischer Investoren. Maschinenbauer, Automobilzulieferer und Technologiefirmen mit jahrzehntelanger Geschichte wechseln den Eigentümer. Für die einen bedeutet das Kapital, Wachstum und Zugang zu neuen Märkten. Für andere beginnt damit ein schleichender Verlust deutscher Technologiekompetenz.
Die Debatte ist komplexer, als die Warnungen vor einem "Ausverkauf der deutschen Industrie" vermuten lassen. Die Realität hat zwei Seiten: Chinesische Eigentümer haben zahlreiche Unternehmen stabilisiert und internationalisiert. Gleichzeitig wechseln mit Übernahmen und Beteiligungen zunehmend Patente, Know-how und strategische Fähigkeiten aus deutscher Kontrolle.
Besonders deutlich zeigt sich der Konflikt beim geistigen Eigentum. Denn nicht nur Fabriken und Marken gehen in neue Hände über – auch technologische Entwicklungen, die über Jahrzehnte in Deutschland entstanden sind. Der Ökonom Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt deshalb vor einer langfristigen Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Im Interview mit dem "Spiegel" sagte er: "Es fließt seit Jahren schon deutlich mehr in Deutschland entstandenes Wissen ins Ausland ab als umgekehrt – und das in einer Phase, in der der Forschungsstandort Deutschland sowieso schwächelt."
China kauft nicht nur Unternehmen: Es sichert sich Zugang zu deutschem Know-how
China zählt längst zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Kaum ein großer deutscher Konzern ist auf dem chinesischen Markt nicht vertreten. Doch während deutsche Unternehmen Milliarden in China investieren, fließt Kapital zunehmend auch in die entgegengesetzte Richtung. Chinesische Investoren haben in den vergangenen Jahren zahlreiche deutsche Unternehmen übernommen oder Mehrheiten erworben. Der Höhepunkt lag 2016: Damals stiegen chinesische Käufer laut einer Auswertung des Wirtschaftsmagazins Plusminus 68 Mal bei deutschen Unternehmen ein oder übernahmen sie vollständig.
Der spektakulärste Fall war die Übernahme des Augsburger Robotikspezialisten KUKA durch den chinesischen Haushaltsgeräte- und Technologiekonzern Midea Group. KUKA galt als Symbol deutscher Industriekompetenz im Bereich Robotik und Industrie 4.0. Der Verkauf löste eine politische Debatte darüber aus, ob Deutschland seine wichtigsten technologischen Fähigkeiten ausreichend schützt.
Wie viele deutsche Unternehmen gehören chinesischen Eigentümern?
Die genaue Zahl hängt davon ab, wie "chinesischer Besitz" definiert wird. Unterschiedliche Studien kommen deshalb zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das Institut der deutschen Wirtschaft spricht in einer aktuellen Patentstudie von rund 450 patentaktiven deutschen Unternehmen, die sich im Besitz chinesischer Eigentümer befinden. Diese Zahl umfasst ausschließlich Unternehmen, die aktiv Patente anmelden oder besitzen. Die Forscher betrachten dabei den sogenannten "Global Ultimate Owner" – also den letztendlichen Eigentümer eines Unternehmens.
Die Datenbank Die Deutsche Wirtschaft (DDW) kommt dagegen auf 264 deutsche Unternehmen in chinesischem Mehrheitsbesitz (Stand September 2025). Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung hingegen zählt gut 200 überwiegend oder vollständig chinesisch kontrollierte Unternehmen.
Die Unterschiede ergeben sich vor allem aus der jeweiligen Methodik:
-
Das IW betrachtet patentaktive Unternehmen und ordnet sie dem endgültigen Eigentümer zu.
-
DDW erfasst klassische Mehrheitsbeteiligungen und Unternehmensübernahmen.
-
Die Hans-Böckler-Stiftung konzentriert sich stärker auf kontrollierte Unternehmen.
Die Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar. Sie zeigen jedoch übereinstimmend: Der chinesische Einfluss auf deutsche Unternehmen ist längst kein Randphänomen mehr – besonders in technologieintensiven Branchen.
China liegt nicht an der Spitze: Aber es kauft strategisch
Gemessen an der reinen Zahl ausländischer Eigentümer ist China nicht der wichtigste Investor in Deutschland. Nach Angaben von DDW befinden sich von insgesamt rund 7.861 Unternehmen in Deutschland mit ausländischen Eigentümern 264 in chinesischer Hand. Damit liegt China auf Platz zehn.
An der Spitze stehen:
-
USA: 1.755 Unternehmen
-
Frankreich: 832 Unternehmen
-
Schweiz: 801 Unternehmen
-
Großbritannien: 592 Unternehmen
Auch beim Umsatzvolumen liegen US-amerikanische Eigentümer deutlich vor China. Deutsche Unternehmen im US-Besitz erzielen zusammen mehr als 300 Milliarden Euro Umsatz. Chinesische Eigentümer kommen auf rund 55 Milliarden Euro.
China setzt nicht auf Masse, sondern auf strategische Schlüsselbereiche.
Aus Sicht Koppels unterscheiden sich chinesische Übernahmen grundlegend von klassischen internationalen Investitionen: China kauft nicht wahllos Unternehmen, sondern sucht gezielt nach technologischen Ergänzungen. "China kauft hochselektiv", sagt der Ökonom. Während China bei Zukunftstechnologien wie Batterien, Elektromobilität oder autonomem Fahren inzwischen selbst große Fortschritte gemacht hat, werden deutsche Unternehmen vor allem dort interessant, wo noch Qualitätsvorsprünge bestehen.
Koppel beschreibt die Strategie so: "Was sie zukaufen, ist das notwendige Beiwerk: einen deutschen Hersteller von Autoschlössern, Pirelli als Reifenproduzenten. Damit halten sie die Zukunftstechnologie im Land und holen gleichzeitig durch Aufkäufe den Qualitätsvorsprung der deutschen Konkurrenz zu sich. Das ist eine sehr, sehr schlaue Strategie."
Maschinenbau, Autozulieferer, Elektrotechnik: Diese Branchen stehen im Fokus
Die chinesischen Investitionen konzentrieren sich stark auf die deutsche Industrie.
Laut DDW entfallen:
-
77 Prozent der Unternehmen in chinesischem Besitz auf den Industriesektor,
-
20 Prozent auf Dienstleistungen,
-
3 Prozent auf den Handel.
Besonders auffällig: Viele Unternehmen blicken auf eine lange deutsche Geschichte zurück. Das durchschnittliche Alter der übernommenen Firmen liegt laut DDW bei rund 70 Jahren.
Zu den bekannten Namen gehören:
-
KUKA – Robotik und Industrie 4.0
-
LEONI – Kabel- und Bordnetzsysteme
-
Grammer AG – Fahrzeuginnenausstattung
-
KraussMaffei Group – Kunststoffmaschinen
-
Still GmbH – Gabelstapler und Intralogistik
-
Tom Tailor – Bekleidung
Auch einige deutsche Weltmarktführer befinden sich inzwischen in chinesischem Besitz. Laut DDW gehören 17 Unternehmen aus der Liste der deutschen Weltmarktführer chinesischen Eigentümern – darunter etwa Putzmeister, Kiekert und Biotest.
Das eigentliche Problem sind nicht die Fabriken: Sondern die Patente
Die Übernahme deutscher Unternehmen durch chinesische Eigentümer wird häufig unter dem Gesichtspunkt von Arbeitsplätzen, Produktionsstandorten und Umsätzen diskutiert. Der strategisch entscheidende Punkt liegt jedoch oft an anderer Stelle: bei den Patenten. Denn mit Unternehmen wechseln nicht nur Maschinen, Marken und Kundenbeziehungen den Besitzer. Auch technologische Entwicklungen, die deutsche Ingenieure und Forscher über Jahre aufgebaut haben, können unter ausländische Kontrolle geraten.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt: Zwischen 2000 und 2022 meldeten deutsche Erfinder mehr als 650.000 transnationale Patente an. Gleichzeitig geriet ein wachsender Anteil dieser Erfindungen unter ausländische Kontrolle. Besonders stark fällt der Anstieg bei chinesischen Eigentümern aus. IW-Ökonom Koppel: "11.300 deutsche Patente gehören inzwischen chinesischen Firmen. Noch im Jahr 2000 waren es praktisch null."
"Man denkt immer an die prominenten Fälle wie den Maschinenbauer Kuka, aber es geht um eine wirklich große Zahl deutscher Firmen, die direkt oder indirekt dem chinesischen Staat gehören, aus sehr vielen unterschiedlichen Branchen, etwa Autozulieferer oder Maschinenbauer." Besonders relevant sei dabei die Rolle staatlich beeinflusster chinesischer Investoren: "Das staatliche chinesische Investmentvehikel SASAC, das steht für 'State-owned Assets Supervision and Administration Commission of the State Council', ist massiv auf Einkaufstour. Und gerade hilft ihnen, dass deutsche Unternehmen geschwächt sind – und damit einfachere Übernahmeziele werden."
Keine reine Einbahnstraße: Unternehmen profitieren teilweise von China
Trotz der Warnungen vor einem Verlust von Know-how zeichnet sich in den vergangenen Jahren ein differenziertes Bild ab.
Das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus untersuchte rund 50 deutsche Unternehmen mit chinesischen Mehrheitsinvestoren. Das Ergebnis widerspricht der Befürchtung eines flächendeckenden Ausverkaufs zumindest teilweise: Fünf Jahre nach dem Einstieg chinesischer Investoren lagen die Umsätze der Unternehmen im Durchschnitt rund sechs Prozent über dem Niveau des Übernahmejahres. Auch bei den Beschäftigtenzahlen zeigte sich kein massiver Stellenabbau. Nach dem Einbruch während der Corona-Pandemie erreichte die Zahl der Mitarbeiter wieder ungefähr das Niveau vor der Übernahme und lag teilweise sogar darüber.
Der Ökonom Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bewertet die Ergebnisse jedoch zurückhaltend. Sie seien kein Beleg dafür, dass chinesische Investoren Unternehmen automatisch erfolgreicher machten. Zu viele Faktoren beeinflussten die Entwicklung eines Unternehmens. Die Untersuchung liefere allerdings keine Hinweise auf einen systematischen Ausverkauf deutscher Firmen.
Wissen fließt in beide Richtungen: Aber nicht ohne Risiken
Auch beim Wissenstransfer ergibt sich ein differenziertes Bild: Rund 70 Prozent der von Plusminus befragten Unternehmen berichten von einem verstärkten Know-how-Transfer nach China. Gleichzeitig gab mehr als die Hälfte an, selbst von Wissen und Erfahrungen aus China profitiert zu haben. Die Entwicklung ist also kein reines Verlustgeschäft für Deutschland. Chinesische Eigentümer bringen häufig Kapital, neue Absatzmärkte und internationale Netzwerke mit.
Genau hier liegt jedoch der politische Konflikt: Während Unternehmen wirtschaftliche Vorteile erkennen, betrachten Sicherheitsexperten und Innovationsforscher zunehmend die langfristige Kontrolle über Schlüsseltechnologien mit Sorge.
Koppel warnt deshalb davor, nur auf kurzfristige Geschäftserfolge zu blicken: "Ob China Unternehmen aufkauft oder hier eigene Dependancen aufzieht, ist aus innovationspolitischer Sicht egal. Die Nutzungsrechte fließen in beiden Fällen nach China." Oder, je nach Eigentümer, auch in die USA.
"Ich glaube, es haben alle gepennt"
Die Debatte über ausländische Übernahmen trifft auf ein größeres Problem: Deutschland verliert bei Innovationen an Dynamik. Der deutsche Anteil an weltweiten transnationalen Patentanmeldungen sank laut IW von 22 Prozent im Jahr 2000 auf 15 Prozent im Jahr 2022, während beispielsweise China seine Forschungsausgaben massiv ausweitete.
Koppel beschreibt die Entwicklung deutlich: "Ich glaube, es haben alle gepennt." Deutschland habe unterschätzt, wie stark andere Länder in strategische Technologien investieren. Besonders kritisch sieht der Ökonom die Kombination aus sinkender Innovationskraft und zunehmenden Übernahmen: "Es werden also immer weniger Innovationen hervorgebracht, und ein wachsender Anteil davon wird vom Ausland aufgekauft. Das kann nur schlecht sein."
Was Deutschland jetzt tun müsste
Für Koppel reicht es nicht aus, einzelne Übernahmen zu verhindern – Deutschland müsse zugleich seine eigene Innovationskraft stärken. Die Politik müsse klar festlegen, welche Technologien strategisch wichtig sind:
"Wir bräuchten einen guten Plan, in welchem Technologiebereich wir Weltmarktführer werden wollen, und müssten dort dann wirklich 'all in' gehen."
Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, deutsche Unternehmen abzuschotten. Koppel sieht den Schlüssel in Investitionen: "Wir haben die klugen Leute hier. Es fehlt an Mitteln und an Inspiration." Auch bei Übernahmen fordert er mehr Konsequenz: "Die Politik sollte einfach öfter sagen: Nein, diese Übernahme wollen wir verhindern." Als Positivbeispiel nennt er den verhinderten Verkauf des Chipherstellers Elmos Semiconductor an chinesische Investoren.
Deutschland als "verlängerte Innovationswerkbank Chinas"
Die vergangenen Jahre zeichnen kein eindeutiges Bild. Die Warnung vor einem vollständigen Ausverkauf deutscher Unternehmen hat sich bislang nicht bestätigt. Viele Firmen profitieren von chinesischem Kapital, neuen Märkten und zusätzlichem Wachstum.
Dennoch verliert Deutschland die Kontrolle über Teile seiner technologischen Basis. Koppels Warnung bringt den Kern der Debatte auf den Punkt: "Wenn das so weitergeht, werden wir irgendwann chinesische Batterien mieten dürfen, weil China sagt: Wir verkaufen die nicht, da sind seltene Erden drin, die hätten wir gern zurück. Wir machen uns komplett abhängig. Ich mag die Vorstellung nicht, dass Deutschland zur verlängerten Innovationswerkbank Chinas wird."
