Politik

Die russische Kraftstoffkrise greift auf die Nachbarländer über

Der Kreml warnt, dass er den Export von Kraftstoffen verbieten könnte. Einige Nachbarländer haben jedoch keine andere Alternative als Russland.
Autor
avtor
10.07.2026 15:12
Lesezeit: 6 min
Die russische Kraftstoffkrise greift auf die Nachbarländer über
Selbst in Moskau bilden sich Warteschlangen an den Tankstellen, doch genau dieser Kraftstoff fehlt nun auch in den Nachbarländern. (Foto: dpa) Foto: Pavel Bednyakov

Kreml droht mit Exportstopp

Kirgisistan hat seine Nachbarstaaten um Unterstützung bei der Sicherung der Kraftstoffversorgung gebeten, nachdem Russland seine Lieferungen deutlich reduziert und zugleich mit einem vollständigen Exportverbot für Dieselkraftstoff gedroht hat. Das zentralasiatische Land importiert nahezu seinen gesamten Kraftstoff aus Russland. Nach Angaben der Behörden gehen die Vorräte an Superbenzin (AI-95) mancherorts bereits zur Neige.

Das benachbarte Kasachstan erklärte nun, es prüfe Möglichkeiten, den Engpass abzumildern. Der stellvertretende Energieminister betonte gegenüber Journalisten jedoch, dass dabei zunächst die nationalen Interessen sowie das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage im eigenen Land berücksichtigt würden.

Kirgisistan hat außerdem Belarus, Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan um Unterstützung gebeten.

Am stärksten von russischen Kraftstoffexporten abhängig sind die zentralasiatischen Staaten ohne Zugang zum Meer. Tadschikistan importierte im vergangenen Jahr 84 Prozent seines Kraftstoffs aus Russland. Usbekistan ist insbesondere bei Flugkraftstoff auf russische Lieferungen angewiesen. Eine Ausnahme bildet Kasachstan, das seine eigene Raffinerie- und Produktionskapazität in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut hat.

Russland selbst hat unterdessen die ersten Tanker mit Kraftstoff aus Indien bestellt. Nach Informationen von Reuters handelt es sich um mindestens 60.000 Tonnen. Darüber hinaus bezieht Russland Kraftstoffe aus Belarus.

Indien importierte im Juni, als die Straße von Hormus noch blockiert war, eine Rekordmenge russischen Rohöls. Nach Angaben von Kpler beliefen sich die Einfuhren auf durchschnittlich 2,7 Millionen Barrel pro Tag und machten mehr als die Hälfte der indischen Rohstoff- und Warenimporte des Monats aus.

Ukrainische Drohnen erreichen Sibirien

Die Angriffe auf die russische Infrastruktur gehen derweil weiter. Vor wenigen Tagen griff die Ukraine nach eigenen Angaben mit Drohnen acht Schiffe der sogenannten russischen Schattenflotte im Asowschen Meer nachts an.

Bereits am Vortag erreichten ukrainische Drohnen die rund 2.700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernte sibirische Stadt Omsk und griffen dort Russlands größte Raffinerie an. Nach Angaben des Gouverneurs wurde die Anlage getroffen, der Großteil der Drohnen jedoch von der Luftabwehr abgefangen.

Nach Informationen von Äripäev unter Berufung auf Reuters verarbeitete die Raffinerie in Omsk im vergangenen Jahr durchschnittlich 460.000 Barrel Rohöl pro Tag beziehungsweise insgesamt 23 Millionen Tonnen.

Bei einem weiteren Angriff wurden die Häfen Ust-Luga und Wyssozki getroffen, über die ein erheblicher Teil der russischen Ölexporte über die Ostsee abgewickelt wird. Auch die Raffinerie in Jaroslawl wurde erneut getroffen. Es war bereits der wiederholte Angriff auf die Anlage seit Beginn des Krieges. Die Raffinerie verarbeitet jährlich rund 15 Millionen Tonnen Rohöl.

Zentralasien sucht verzweifelt nach Alternativen

Die Treibstoffkrise zeigt zunehmend Auswirkungen weit über Russland hinaus. Während mehrere zentralasiatische Staaten wegen ihrer hohen Abhängigkeit von russischen Lieferungen nach Alternativen suchen, gerät Moskau durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien und Exporthäfen zusätzlich unter Druck. Sollte Russland seine Kraftstoffexporte weiter einschränken, könnten sich die Versorgungsprobleme in der Region verschärfen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Belastungen für den Kreml weiter zunehmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Indrek Lepik

Indrek Lepik ist Außenreporter bei Äripäev, einer estnischen Wirtschaftspublikation aus dem Bonnier-Konzern.
DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie fällt trotz starker Quartalszahlen – und dreht dann ins Plus: Die Gründe für die Achterbahnfahrt
26.08.2026

Nvidia hat die hohen Erwartungen der Wall Street erneut übertroffen. Dennoch geriet die Nvidia-Aktie nachbörslich unter Druck. Steigende...

DWN
Finanzen
Finanzen Salesforce-Aktie steigt: KI treibt Wachstum, Salesforce-Zahlen überzeugen die Investoren
26.08.2026

Künstliche Intelligenz entwickelt sich für Salesforce zunehmend zum Wachstumsmotor. Nach einem starken Quartal hebt der Softwarekonzern...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Konjunkturdaten versetzen Anleger wegen Zinserhöhung bis Jahresende in Alarmbereitschaft
26.08.2026

Zinsängste belasten die Märkte – doch spannende Entwicklungen bei Tech-Giganten und Einzelwerten sorgen für Überraschungen.

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose 2027: Bärenmarkt beendet oder ist der Absturz nur vertagt?
26.08.2026

Der Bitcoin-Kurs ist nach monatelanger Schwäche nach oben geschossen und hat eine der wichtigsten technischen Marken durchbrochen. Vieles...

DWN
Finanzen
Finanzen Ökonomen halten KI-Crash für wahrscheinlich: Wo Anleger am Markt Schutz suchen können
26.08.2026

Es wird immer schwieriger, ein Portfolio gegen KI zu diversifizieren, sagen Experten. Sie erklären, wie man sich am besten gegen...

DWN
Politik
Politik „Europa ist schwach“: Patrick Collison und Mario Draghi schließen sich mit neuem Think Tank zusammen – Polen ist nicht dabei
26.08.2026

Stripe-Mitgründer Patrick Collison und der frühere EZB-Präsident Mario Draghi wollen Europas wirtschaftliche Schwäche bekämpfen. Mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exklusiv-Interview zu Freyja: Fire-Point-Chefin erklärt die Patriot-Alternative aus der Ukraine
26.08.2026

Nach dem ersten DWN-Bericht über Freyja spricht Fire-Point-Chefin Iryna Terekh nun exklusiv über das ukrainische Rüstungsprojekt. Mit...

DWN
Politik
Politik Sozialhilfe-Ausgaben explodieren: Pflegekosten wachsen stärker als Grundsicherung
26.08.2026

Die Ausgaben für Sozialhilfe sind 2025 in Deutschland um 6,1 Prozent gestiegen. Besonders stark legten die Kosten für die Hilfe zur...