Ballistische Raketen gegen Ukraine: Russlands gefährlicher Produktionsvorsprung
Die Ukraine wird im Winter einer wachsenden Welle russischer ballistischer Raketen weitgehend schutzlos gegenüberstehen. Deshalb gibt es allen Grund zu befürchten, dass der fünfte ukrainische Kriegswinter der bislang härteste wird.
Russlands erklärtes und offenkundiges Ziel ist es, die Ukraine von innen heraus zu brechen. An den festgefahrenen Fronten gelingt das nicht. Dort hält die Ukraine stand. Doch in Kiew und anderen Großstädten verfügt man nur über wirksame Luftabwehr, um Drohnen abzuschießen, nicht aber über ausreichenden Schutz gegen ballistische Raketen, die ihre Ziele mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit treffen.
Ukraines größte Schwäche
Die größte Herausforderung der Ukraine ist bekannt: Sie verfügt bei Weitem nicht über genug amerikanische Patriot-Systeme oder andere Luftabwehr, die russische Raketen stoppen könnten. Die Aussicht, ausreichend neue Lieferungen zu erhalten, ist verschwindend gering.
Dagegen wird sich die russische Bedrohung in den kommenden Monaten nur weiter verschärfen, so das Portal Borsen in einer Analyse. Russland ist dabei, einen Produktionswettlauf zu gewinnen. Der Teil des russischen militärisch-industriellen Komplexes, der ballistische Raketen herstellt, scheint deutlich höher geschaltet zu haben als die Gegenseite. Dort sind es vor allem amerikanische Rüstungsunternehmen, die dafür sorgen müssten, dass die Ukraine etwas Wirksames zur Verteidigung hat.
Diese Verteidigung hat die Ukraine nicht. Wie wenige Abfangraketen, also Interceptors, genau noch in den Lagern liegen, ist ein militärisches Geheimnis. Aber offensichtlich sind es nicht genug. Präsident Selenskyj sagte kürzlich, man brauche eine Menge, die zehn Prozent des amerikanischen Bestands entspricht, um alle russischen ballistischen Raketen abschießen zu können. Der ukrainische Bestand liege ihm zufolge aber nur bei einem Prozent.
Um die Bevölkerung und die Energieinfrastruktur zu schützen, reicht das in keiner Weise aus. Allein um durch den Winter zu kommen, brauche man fünf Prozent der amerikanischen Lagerbestände, sagt Selenskyj. Denn glaubwürdige Informationen zeigen, dass Russland inzwischen mehr Raketen produziert, als es bei den fast täglichen Angriffen auf Ziele in ukrainischen Großstädten einsetzt. Angegriffen wird mit neuen Raketen, die Lager bleiben unangetastet.
Russland gewinnt den Produktionswettlauf
Die Fähigkeit des Kremls, ukrainische Städte anzugreifen, wird in den kommenden Monaten und im Winter wachsen. Die Beschleunigung läuft bereits. Allein im Juli feuerte Moskau mehr als doppelt so viele ballistische Raketen und Marschflugkörper ab wie im Juni, 364 gegenüber 178, darunter ein Anstieg bei ballistischen Raketen um drei Prozent. Die Zahl der schweren gelenkten Fliegerbomben, die große Zerstörungen verursachen, verzehnfachte sich.
Um die großen Schwächen der ukrainischen Luftabwehr auszunutzen, hat Russland seine Waffenproduktion verändert. Es produziert mehr ballistische Raketen und weniger Marschflugkörper.
Die Strategie des Kremls ist offenkundig. Präsident Putin ist überzeugt, dass er den Mangel der Ukraine an Verteidigungssystemen ausnutzen kann, um den Kampfwillen an der Heimatfront zu brechen. Russland wird deshalb seine maximalistischen Forderungen nicht abschwächen. Dazu gehören unter anderem russischer Besitzanspruch auf die Ostukraine und ein Friedensabkommen nur dann, wenn die Ukraine demilitarisiert und von einer NATO-Mitgliedschaft ausgeschlossen wird.
Alles spricht dafür, dass dies den Krieg verlängern wird. Sicherlich bis 2027 und im besten Fall bis irgendwann in die zweite Hälfte des kommenden Jahres. Auch wenn Russland an den Fronten enorme menschliche Verluste erleidet und zugleich große wirtschaftliche Schäden in einer rückläufigen Volkswirtschaft trägt, bleibt Putins Kampf- und Kriegswille unerschütterlich, solange er an einen militärischen Sieg glaubt.
Drohnen mit Jet-Antrieb
Diesen Glauben kann Putin aufrechterhalten, wenn die Ukrainer die ballistischen Raketen nicht stoppen können.
Die gewaltige Herausforderung der Ukraine beschreibt Generalmajor Wadym Skybyzkyj, stellvertretender Leiter des ukrainischen Militärnachrichtendienstes. Nach Angaben der Denkfabrik Institute for the Study of War sagt er, die Russen könnten inzwischen so viele Raketen produzieren, dass sie häufiger Großangriffe mit vielen ballistischen Raketen durchführen können.
Ein weiterer führender ukrainischer Offizier erklärte vergangene Woche, der russische Feind habe mittlerweile die Fähigkeit, 77 Raketen verschiedener Typen gleichzeitig auf Ziele in der Ukraine abzufeuern. Zugleich arbeite Russland daran, diese Kapazität auf 200 Raketen auf einmal zu erhöhen. Man braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie katastrophal solche Massenangriffe in einem eiskalten ukrainischen Winter wären. Mehr Tod und Zerstörung in der Ukraine, wenn die Raketenfähigkeit wächst.
Im Laufe des Sommers hieß es aus der Ukraine mehrfach, dass man bei großen nächtlichen Luftangriffen keine der ballistischen Raketen habe abschießen können. Zugleich greifen die Russen zunehmend mit schnelleren Drohnen mit Jet-Antrieb an, die schwerer zu treffen sind als die bekannten Shahed-Drohnen mit Verbrennungsmotor.
Angriffe treffen zivile Wirtschaft
Die Folgen der veränderten Kriegführung sind sichtbar. Große ukrainische Warenhausketten und andere physische Glieder der zivilen Wirtschaft werden zu Zielen. In der Kyiv Post beschreibt der Autor Andrij Kukow, dass die Preise einiger Waren um mindestens 20 Prozent steigen werden. Die offizielle Erklärung lautet: „Russlands Zerstörung von Lebensmitteln.“
Oder wie bei der Supermarktkette Novus, wo leere Regale so erklärt werden: „Diese Ware haben wir nicht, da sie von den Russen zerstört wurde.“
Und genau wie die Ukraine mit Langstreckenangriffen eine Reihe von Lagerhallen der großen russischen Onlinekette Wildberries zerstört hat, zielen die Russen nun auch auf Lagerhallen des ukrainischen Gegenstücks Rozetka.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass solche Angriffe im August nur der Anfang sind. Die Ukraine bereitet sich auf einen nicht zu stoppenden ballistischen Sturm vor.
Das Stalin-Prinzip der russischen Produktion
Putin und seine Militärchefs handeln inzwischen nach dem sogenannten Stalin-Prinzip. Kritische Produktion soll tief im Landesinneren angesiedelt und maximal geschützt werden. Das Votkinsk Machine Building Plant, der größte Hersteller von Iskander-Raketen, liegt 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, läuft rund um die Uhr und verfügt über neue Werkstätten.
Der ukrainische Nachrichtendienst geht davon aus, dass das Werk in diesem Jahr mindestens 700 ballistische Raketen herstellen kann.
Die Fabrik gehört nun zu den wichtigsten Zielen der Ukraine.

