Rüstungsaktien profitieren von Europas steigenden Verteidigungsausgaben
Europäische Rüstungsaktien haben seit Anfang 2025 ein Vielfaches stärker zugelegt als der Gesamtmarkt. Analysten gehen davon aus, dass sich der Aufschwung noch in einer frühen Phase befinden könnte, berichten unsere Kollegen von Äripäev mit Bezug auf die finnische Wirtschaftszeitung Kauppalehti.
Die Aktien großer europäischer Rüstungsunternehmen sind seit Anfang 2025 im Durchschnitt um 102 Prozent gestiegen. Trotz der kräftigen Kursgewinne überwiegen unter den Analystenempfehlungen weiterhin die Kaufempfehlungen.
Der Krieg in der Ukraine und die wachsende Unsicherheit über die künftige Unterstützung durch die USA haben die europäischen Staaten dazu gezwungen, ihre Verteidigungsfähigkeit ernster zu nehmen. Innerhalb von fünf Jahren haben die EU-Staaten ihre Verteidigungsausgaben um mehr als 200 Milliarden Euro erhöht. Davon haben Rüstungsaktien erheblich profitiert.
Zu Beginn dieses Jahres erlebten die Aktien der Branche zunächst eine Korrektur. Im Sommer drehten die Kurse jedoch wieder nach oben. Auch die großen Unternehmen des Sektors haben sich im laufenden Jahr vergleichsweise gut entwickelt.
Der MSCI Europe Aerospace & Defence Index, der europäische Unternehmen aus der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie abbildet, ist innerhalb eines Jahres um mehr als elf Prozent gestiegen.
Dass auch Luftfahrtunternehmen in Rüstungsindizes vertreten sind, liegt daran, dass ein erheblicher Teil ihrer Produkte ebenfalls militärisch genutzt wird. Dazu gehören beispielsweise Kampfflugzeuge.
Gleichzeitig schwankte der Index stark. Ein Grund dafür könnten Sorgen der Anleger über die inzwischen hohen Bewertungen sein. Manche Investoren dürften zudem Gewinne realisiert haben, die sie mit Rüstungsaktien im Jahr 2025 erzielt hatten.
Die langfristigen Wachstumstreiber der europäischen Rüstungsindustrie bleiben jedoch stark. Die Verteidigungsausgaben der EU-Staaten haben sich innerhalb von fünf Jahren praktisch verdoppelt. Im Jahr 2025 erreichten die Verteidigungsinvestitionen 134 Milliarden Euro, und der Trend zeigt weiter nach oben. Im Jahr 2020 waren es lediglich 44 Milliarden Euro.
Das EU-Programm ReArm Europe beziehungsweise Readiness 2030 soll Beschaffungen stärker auf europäische Systeme und Rüstungsunternehmen ausrichten. Ziel des Programms ist es, zusätzliche Investitionen von bis zu 800 Milliarden Euro in den Verteidigungsbereich zu mobilisieren.
Der europäischen Rüstungsindustrie kommt außerdem zugute, dass einige Staaten ihre Beschaffungen zunehmend von den USA nach Europa verlagern. So haben elf Länder angekündigt, neue luftgestützte Radarsysteme beim schwedischen Unternehmen Saab statt beim US-Konzern Boeing zu bestellen.
„Die Unternehmensbewertungen werden derzeit vor allem von den steigenden Verteidigungshaushalten der NATO-Staaten und den weltweit begrenzten Produktionskapazitäten für viele Rüstungsgüter geprägt. Europäische Unternehmen verfügen zudem über technologisch wettbewerbsfähige Produkte“, sagt Kauppalehti-Analyst Erkka Felt.
Die Auftragsbücher der Unternehmen sind stark gewachsen, während sich die Lieferzeiten verlängert haben. Das trägt dazu bei, die hohen Bewertungen zu stützen. Auch die bislang erfolglosen Bemühungen um einen Frieden in der Ukraine stärken die optimistische Haltung vieler Investoren gegenüber Rüstungsaktien.
Die Kurssteigerungen spiegeln sich inzwischen deutlich in den Bewertungskennzahlen wider. Auf Grundlage der für 2026 erwarteten Gewinne liegt das Median-Kurs-Gewinn-Verhältnis der betrachteten Unternehmen bei 28. Gemessen an den Gewinnprognosen für 2027 beträgt der Median 21.
Beim Stoxx Europe 600 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis für dieselben Jahre dagegen bei rund 14 bis 15. Alle in der betrachteten Gruppe enthaltenen Rüstungsunternehmen arbeiten profitabel. Für die kommenden Jahre erwarten Analysten zudem ein solides Gewinnwachstum.
Besonders hohe Dividenden zahlen die Rüstungskonzerne allerdings nicht. Die mittlere Dividendenrendite der Unternehmen liegt auf Basis der für dieses Jahr erwarteten Ausschüttungen bei 1,3 Prozent. Für 2027 beträgt sie 1,8 Prozent.
Rüstungsaktien: Rolls-Royce profitiert gleich von zwei Boombranchen
Die Aktie des norwegischen Unternehmens Kongsberg hat innerhalb eines Jahres um mehr als 60 Prozent zugelegt. Der Konzern hat sich zum Ziel gesetzt, seinen Umsatz bis 2029 zu verdreifachen. Nach Angaben des Unternehmens ist die Nachfrage nach seinen Luftabwehr-, Raketen- und Drohnenabwehrsystemen stark.
Im April gliederte Kongsberg seine auf zivile Anwendungen ausgerichtete Marinesparte als eigenständiges Unternehmen aus.
Die Aktie des deutschen Rheinmetall-Konzerns, der als einer der großen Gewinner des europäischen Rüstungsbooms gilt, hat innerhalb eines Jahres zeitweise rund 25 Prozent verloren. Dennoch liegt der Kurs weiterhin 91 Prozent höher als Anfang 2025.
Unter den betrachteten Unternehmen entwickelten sich die Luftfahrtkonzerne Airbus, MTU Aero und Dassault Aviation am schwächsten. Unternehmen, die sich ausschließlich oder überwiegend auf die Rüstungsindustrie konzentrieren, erzielten bessere Ergebnisse.
Auch Rolls-Royce Holdings, das ebenfalls im Luftfahrtsektor aktiv ist, hat sich besser entwickelt als einige seiner Wettbewerber. Das Unternehmen führte Gespräche mit Rechenzentrumsbetreibern über die Lieferung von Stromerzeugungssystemen und kleinen Atomreaktoren. Damit profitiert Rolls-Royce über Stromversorgungslösungen für Rechenzentren zusätzlich vom Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz.
Börsendebüt unter Druck: Zweifel belasten neue Rüstungsaktien
Zu den größten Börsengängen der Rüstungsbranche in jüngerer Zeit gehören Czechoslovak Group, kurz CSG, und TKMS.
Das deutsche Unternehmen TKMS ist auf U-Boote, Kriegsschiffe und Unterwassersensoren spezialisiert. Es wurde Ende vergangenen Jahres aus dem Industriekonzern Thyssenkrupp ausgegliedert.
Die tschechische CSG gehört zu den größten Munitionsherstellern der Welt. Die im Januar durchgeführte Börsenemission im Umfang von 3,8 Milliarden Euro war die größte in der Geschichte der Rüstungsindustrie. Seit dem Börsengang ist der Aktienkurs des Unternehmens allerdings stark gefallen.
Zunächst stellte der US-amerikanische aktivistische Investor Hunterbrook Capital die Fähigkeit des Unternehmens infrage, Munition selbst herzustellen. Nach Einschätzung von Hunterbrook beruhte das Geschäftsmodell von CSG stärker auf dem Weiterverkauf von Munition als bislang angenommen.
Später berichtete unter anderem die Financial Times, dass die NATO-Beschaffungsagentur gegen eine Tochtergesellschaft des Unternehmens ein Tätigkeitsverbot verhängt habe.
Darüber hinaus berichtete FTMleht, dass sich einer der Gründer von CSG von Beteiligungen an zwei Unternehmen der Gruppe im Wert von mehr als 1,4 Milliarden Euro trennen wolle. Als Grund wurde ein verlorenes Vertrauen in die Unternehmensführung genannt.
CSG wurde zudem vorgeworfen, sich im Börsenprospekt zu positiv dargestellt und diese Umstände nicht offengelegt zu haben. Das Unternehmen wies sämtliche gegen es erhobenen Vorwürfe zurück.
Für Deutschland ist die Entwicklung der europäischen Rüstungsaktien besonders relevant, weil mit Rheinmetall, TKMS und MTU Aero mehrere deutsche Unternehmen direkt in diesem Markt vertreten sind. Zugleich zeigt die zunehmende Ausrichtung europäischer Beschaffung auf Anbieter aus Europa, welche wirtschaftliche Bedeutung steigende Verteidigungsausgaben für die industrielle Basis des Kontinents haben können. Für deutsche Anleger bleibt allerdings entscheidend, ob das erwartete Gewinnwachstum die inzwischen hohen Bewertungen der Rüstungsaktien dauerhaft rechtfertigen kann.

