Deutschlands Kerngeschäft steckt in jedem Gelenk
Mehr als 70.000 US-Dollar kostet eine Roboterhand mit 24 Gelenken, damit ist sie das teuerste Bauteil eines humanoiden Roboters. Das geht aus dem Whitepaper „The Humanoid Hardware Value Chain" hervor, das das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA gemeinsam mit der Unternehmensberatung P3 Anfang dieses Jahres vorgelegt hat.
Ein Humanoid, also ein Roboter, der einem Menschen nachgebaut ist und auf zwei Beinen läuft, benötigt mehr als 40 einzeln angetriebene Gelenke, während ein klassischer Industrieroboter mit höchstens sieben auskommt. In jedem dieser Gelenke stecken ein Motor, ein Getriebe, ein Lager und ein Sensor, und jedes davon kann im Dauerbetrieb kaputtgehen. Wer dafür hochwertige Antriebstechnik verbaut, zahlt laut der Studie das Zehnfache dessen, was einfache Bauteile kosten. Und genau deshalb entscheidet die Hardware darüber, ob so ein Roboter künftig in einer Fabrik Geld verdient oder auf einer Messe Bälle fängt.
Für Zulieferer wie Schaeffler, Bosch, Schunk, Wittenstein oder Neugart ist das die Chance, ihre Bauteile künftig auch an Roboterhersteller zu verkaufen, weil Getriebe, Lager, Sensoren und Präzisionsantriebe seit Jahrzehnten deren Kerngeschäft sind. Die Fraunhofer-Autoren sagen deshalb, die europäische Industrie könne an der humanoiden Robotik verdienen, ohne selbst einen einzigen kompletten Roboter zu bauen. Die Frage ist nur, ob diese Firmen schnell genug zugreifen.
Chinesische Roboter verschleißen nach wenigen Wochen
Nach Angaben des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) wurden in China im ersten Halbjahr 2026 mehr als 40.000 humanoide Roboter gefertigt, nach rund 20.000 Stück im Vorjahr. Bis zum Jahresende rechnet das Ministerium mit über 100.000 Einheiten. Weltweit stammten im ersten Halbjahr 97 Prozent aller ausgelieferten Humanoiden von chinesischen Herstellern.
Aus den Börsenunterlagen des chinesischen Marktführers Unitree geht wiederum hervor, dass in den ersten neun Monaten 2025 knapp 74 Prozent des Umsatzes mit Humanoiden auf Forschung und Bildung entfielen und nur rund neun Prozent auf industrielle Anwendungen. Die Maschinen stehen also überwiegend in Instituten und Schulungsräumen und nicht an der Werkbank.
Wenn sie dennoch in einer Fabrik gelandet sind, hielten sie oft nicht lange durch, so Sebastian Reitelshöfer, Leiter des Forschungsbereichs Robotik an der Universität Erlangen-Nürnberg, in einer Analyse auf tagesschau.de, denn zentrale Bauteile mancher Modelle könnten unter hoher Belastung schon nach wenigen Wochen verschleißen. Der Weltmarktführer verkauft seine Humanoiden bislang also vor allem an Leute, die sie erforschen, und nicht an Leute, die mit ihnen arbeiten.
Prognosen sehen 30 Milliarden Dollar Marktvolumen bis 2030
Fraunhofer IPA und P3 taxieren das globale Marktvolumen für humanoide Roboter bis zum Jahr 2030 auf mehr als 30 Milliarden US-Dollar. Das entspräche einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 60 Prozent. Die Unternehmensberatung Roland Berger hält in ihrer Studie „Humanoid Robots 2026" bis zum Jahr 2035 Herstellerumsätze von rund 300 Milliarden US-Dollar für realistisch, im optimistischen Fall sogar bis zu 750 Milliarden.
Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der die Interessen von rund 3.600 Maschinenbauunternehmen vertritt, erwartet in den kommenden Jahren einen Massenmarkt für humanoide Roboter. Die VDMA-Studie „Humanoid Robotics 2040" vom April 2026 hält bis 2042 jährliche Verkaufszahlen in Millionenhöhe für möglich. Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des Fachverbands Robotik + Automation im VDMA, sagt, humanoide Roboter seien gerade für industrielle Prozesse eine große Chance, weil sie überall dort arbeiten könnten, wo bisher Menschen arbeiten.
Den größten Teil dieser Wertschöpfung verorten Fraunhofer IPA und P3 in der Hardware. Die Autoren kritisieren deshalb eine Förderpolitik, die sich allein auf Künstliche Intelligenz konzentriert. Notwendig seien Forschung an Hardware, der Hochlauf von Präzisionsfertigung und abgesicherte Pilotproduktionen. Die Autoren der Roland-Berger-Studie haben ausgerechnet, dass ein Roboter auf Dauer für etwa zwei Dollar pro Stunde arbeiten könnte. Ob es dazu kommt, hängt allerdings von den Bauteilen ab, die heute noch zu teuer sind und zu schnell verschleißen. Dazu zählen beispielsweise Getriebe, Lager und Sensoren.
Schaeffler liefert die Gelenke und holt sich die Roboter ins eigene Werk
Der Autozulieferer Schaeffler aus Herzogenaurach setzte 2025 rund 23,5 Milliarden Euro um, beschäftigte Ende Juni 2026 noch 108.912 Menschen und verdient sein Geld seit Jahrzehnten mit Kugellagern, Getrieben und Antriebstechnik, also mit genau den Bauteilen, die in humanoiden Robotern stecken.
Als Schaeffler im Januar 2026 eine strategische Partnerschaft mit dem britischen Entwickler Humanoid bekanntgab, kündigte Vorstandschef Klaus Rosenfeld an, man wolle „eine Schlüsselrolle im wachsenden Markt der humanoiden Robotik einnehmen". Seit April 2026 bietet Schaeffler eine skalierbare Aktorenplattform an – das sind fertige Robotergelenke aus Motor, Getriebe, Elektronik und Sensorik. Auf der Hannover Messe erhielt die Lösung den Hermes Award.
Bei der Vorlage der Halbjahreszahlen Anfang August 2026 sagte Rosenfeld, man habe im ersten Halbjahr „vor allem in den Bereichen Humanoide Robotik und Verteidigung weiter gute Fortschritte erzielt". Das Wachstumsfeld baut der Konzern aus einer schwierigen Lage heraus auf, denn 2025 schrieb Schaeffler einen Konzernverlust von 424 Millionen Euro, und allein im ersten Halbjahr 2026 sank die Beschäftigtenzahl um 1.841.
Schaeffler kauft die Maschinen auch selbst und will in den kommenden fünf Jahren mehrere hundert Humanoide in sein globales Fertigungsnetz holen, um seine Produktion stärker zu automatisieren. Im April 2026 kam eine Abnahmevereinbarung über mindestens 1.000 Einheiten mit dem schwedischen Anbieter Hexagon hinzu. Ende 2024 hatte sich der Konzern bereits am US-Hersteller Agility Robotics beteiligt, im November 2025 folgte eine Komponentenpartnerschaft mit dem schwäbischen Robotikunternehmen Neura Robotics.
Der zweite Zweck dieser Käufe ist Daten, denn gemeinsam mit den Herstellern erfasst Schaeffler, wie sich die Roboter im Werk schlagen, und trainiert damit deren KI-Modelle.
Bosch und Schunk entwickeln Roboterhand für den Fabrikeinsatz
Der Greiftechnik-Spezialist Schunk aus Lauffen am Neckar und die Robert Bosch Robotics GmbH haben im Juni 2026 ebenfalls eine Entwicklungskooperation geschlossen. Ziel ist eine industrietaugliche Roboterhand, die sich in unterschiedliche humanoide Systeme einbauen lässt.
Schunk arbeitet seit rund 20 Jahren an humanoiden Händen und liefert die Greiftechnik, Bosch steuert Mechanik und Feinmechanik, Elektronik sowie KI und Software bei und soll die Hand später in Serie bringen. Mathias Pillin, Technikchef der Robert Bosch GmbH, nennt Roboterhände „ein zentrales Bauteil, um die humanoide Robotik in der Produktion voranzubringen". Auf der Fachkonferenz Bosch ConnectedWorld am 10. und 11. Juni 2026 in Berlin zeigten beide Unternehmen einen Prototypen, der ein Getränk aus einem Regal nahm und auf einem Tresen abstellte.
Bosch geht noch einen Schritt weiter und fertigt die Roboter künftig im eigenen Werk, allerdings als Auftragsfertiger für einen fremden Entwickler. Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" im August 2026 berichtete, soll im Bosch-Werk Bühl im Nordschwarzwald ab August 2027 die Serienproduktion des Modells HMND 01 anlaufen, entwickelt vom Londoner Start-up Humanoid. Geplant sind zunächst mehrere hundert Einheiten. In Bühl arbeiten rund 2.700 Beschäftigte, die bisher vor allem Fensterheber und Kleinstmotoren für die Autoindustrie fertigen. Verkauft werden die Roboter nicht, sie sollen vermietet werden, unter anderem an Schaeffler.
Fraunhofer listet fünf europäische Zulieferer als Schlüsselanbieter
In den Bewertungstabellen des Fraunhofer-Whitepapers stehen bei den Planetengetrieben drei deutsche Namen, nämlich Wittenstein aus Igersheim, Neugart aus Kippenheim und Schaeffler. Bei kapazitiven Tastsensoren führen die Autoren das Münchner Unternehmen Tacterion auf, bei Präzisionsmotoren für Hände und feine Gelenke den Schweizer Hersteller Maxon. Die Zulieferkette für humanoide Hardware ist damit in Teilen bereits europäisch besetzt, während die kompletten Roboter anderswo entstehen.
Auch das Kapital fließt inzwischen. Neura Robotics aus Metzingen meldete am 10. Juni 2026 eine Finanzierungsrunde über bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar. Angeführt wird sie vom Krypto-Unternehmen Tether, beteiligt sind unter anderem Amazon, Nvidia, Qualcomm, Bosch, Schaeffler und die Europäische Investitionsbank. Der humanoide Roboter 4NE-1 soll rund 98.000 Euro kosten und noch in diesem Jahr ausgeliefert werden. Damit steht neben den Zulieferern erstmals ein deutscher Systemanbieter in einer Größenordnung da, die für die Konkurrenz in Fernost eine Rolle spielt.
VDMA erwartet 2026 das zweite Umsatzminus in Folge
Der Fachverband VDMA Robotik + Automation erwartet bis Ende 2026 einen Umsatzrückgang von fünf Prozent auf 14,1 Milliarden Euro, nach einem Minus von sieben Prozent im Jahr 2025. Der damalige Fachverbandsvorsitzende Olaf Munkelt sagte im Februar 2026, die Lage bleibe anspruchsvoll, die Branche kämpfe gleichzeitig mit schwacher Nachfrage, geopolitischer Unsicherheit und herausfordernden Standortbedingungen. Wer aus einem schrumpfenden Kerngeschäft heraus in einen unerprobten Markt investieren soll, vertagt solche Entscheidungen erfahrungsgemäß.
Technologisch bleibt die Energieversorgung das größte ungelöste Problem, denn heutige Lithium-Ionen-Zellen liefern nach der Fraunhofer-Analyse rund 200 Wattstunden je Kilogramm und ermöglichen lediglich zwei bis vier Stunden Betrieb, für eine Industrieschicht ohne Akkuwechsel reicht das nicht. Feststoffbatterien könnten zwar mehr als 500 Wattstunden je Kilogramm erreichen, ihre Fertigung ist allerdings teuer und unausgereift. Auch beim Tastsinn sehen die Autoren die Haltbarkeit als offene Baustelle, denn viele Roboter greifen heute zwar zuverlässig, tasten aber nicht.
„European industries need to act now"
Das Zeitfenster für europäische Zulieferer schließe sich, sobald die Hersteller ihre Plattformen und ihre Lieferketten festgelegt hätten, schreiben Fraunhofer IPA und P3 am Ende ihres Papiers. Entscheidend sei deshalb, wo die Hardware humanoider Roboter industrialisiert werde und von wem. Noch immer kommen 97 Prozent aller ausgelieferten Roboter von Herstellern aus dem Land, das im ersten Halbjahr 40.000 Stück gebaut hat.
