Pham Nhat Vuong: Vom Nudelgeschäft zur Automarke
Es ist kein Geheimnis, dass das Autogeschäft hart umkämpft ist. Neben europäischen, amerikanischen, japanischen und südkoreanischen Marken wollen sich auch immer mehr chinesische Hersteller ein Stück vom Markt sichern. Es wird aber noch dauern, bis sie Käufer in größerer Zahl überzeugen. Doch damit endet die Geschichte nicht. Im vergangenen November trat auch die vietnamesische Marke VinFast in den europäischen Markt ein. In den Verkaufsstatistiken ist sie allerdings kaum wahrnehmbar.
Vietnam hat zwar keine reiche Automobilgeschichte, das bedeutet aber nicht, dass man dort keine modernen Autos bauen kann, so das Portal Casnik Finance in einem Porträt. Im Gegenteil: Milliardär Pham Nhat Vuong ist von einer Geschichte mit gutem Ende überzeugt. Die Marke VinFast, die er 2017 gründete, braucht dafür allerdings noch etwas Zeit, denn Erfolg im Automobilgeschäft kommt in der Regel nicht über Nacht.
Heute ist er 37 Milliarden Dollar wert
Als der Unternehmer vor mehr als drei Jahrzehnten in der Ukraine ein kleines vietnamesisches Restaurant eröffnete, stellte er sich vermutlich nicht vor, eines Tages zu den reichsten Menschen Asiens zu gehören. Noch weniger, dass er eine Automarke aufbauen würde, die eines Tages Autos an Amerikaner, Europäer und Inder verkaufen will.
Heute ist der 58-jährige Vuong der Mann hinter Vingroup, einem der größten privaten Wirtschaftsimperien Vietnams, und vor allem hinter VinFast. Diese Automarke schuf er mit einer ungewöhnlichen Mischung aus unternehmerischem Wagemut, nationalem Stolz und der Bereitschaft, riesige Geldsummen zu riskieren. Forbes schätzt sein Vermögen derzeit auf rund 37 Milliarden Dollar.
Seine Geschichte begann nicht mit Autos, sondern mit Nudeln
Pham Nhat Vuong wurde 1968 in Hanoi geboren. Sein Vater war Soldat, seine Mutter betrieb eine kleine Teestube. Er studierte Geologie in Moskau und ging 1993 nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Ukraine. Dort eröffnete er mit seiner Frau Pham Thu Huong, die heute seine Geschäftspartnerin und eine der reichsten Vietnamesinnen ist, ein Restaurant. Für den Start sollen sie sich rund 10.000 Dollar geliehen haben.
Das Restaurant war kein großer Erfolg. Vuong erkannte jedoch schnell, dass sich in der postsowjetischen Ukraine etwas deutlich Einfacheres verkaufen ließ: günstiges Essen, das schnell zubereitet ist.
Er gründete das Unternehmen Technocom und begann, Instantnudeln der Marke Mivina herzustellen. Das Geschäft explodierte. Mivina wurde so beliebt, dass der Markenname in der Ukraine fast zum Synonym für Instantnudeln wurde. Später erweiterte er das Angebot um weitere Instantprodukte, unter anderem Kartoffeln.
Sein Erfolgsrezept war einfach: den lokalen Käufer verstehen und ihm etwas anbieten, das er sich leisten kann. 2010 verkaufte er Technocom an Nestlé. Der Deal soll rund 150 Millionen Dollar wert gewesen sein.
In Vietnam baute er ein Wirtschaftsimperium auf
Das Geld brachte er zurück nach Vietnam und begann, Vingroup aufzubauen. Zunächst Immobilien und Tourismus, dann Handel, Gesundheit, Bildung und Technologie. Irgendwann stand unter ihm ein Geschäftsimperium, das fast alle Bereiche des Alltagslebens der Vietnamesen berührte.
Doch er wollte noch mehr: Vietnam sollte eine Automarke bekommen, die auch die Welt kennt.
So entstand vor neun Jahren VinFast. Vuong wählte nicht den leichten Weg. Statt die eigene Technologie langsam zu entwickeln, holte er Fachleute aus aller Welt an Bord und arbeitete mit zahlreichen internationalen Zulieferern zusammen. Die ersten Autos entwickelte er extrem schnell. Er sagte einmal, während globale Hersteller für die Entwicklung eines neuen Autos üblicherweise 27 bis 54 Monate benötigten, habe VinFast nur 18 Monate gebraucht.
„Schneller zu arbeiten ist unsere Fachkompetenz“, sagte er. Das ist wohl die beste Beschreibung seiner Arbeitsweise, denn Warten mag er nicht.
Als er 2021 erkannte, dass die Zukunft der Autoindustrie elektrisch sein würde, traf er eine Entscheidung, die viele Manager erschreckt hätte. VinFast hörte auf, Autos mit Verbrennungsmotoren zu entwickeln, und konzentrierte sich ausschließlich auf Elektrofahrzeuge.
Die Entscheidung war riskant, aber logisch
„Von Anfang an haben wir verstanden, dass die Zukunft in Elektroautos liegt. Man musste früh und entschieden wählen, nicht halb beim Benzin und halb beim Strom bleiben“, erklärte er.
Für einen Hersteller, der erst am Anfang seines Weges stand, war die Entscheidung extrem riskant. Für ihn aber war sie logisch. Wenn VinFast eines Tages mit den Größten konkurrieren sollte, musste die Marke nach seiner Überzeugung die alte Technologie überspringen.
„Vietnam muss mindestens eine Marke haben, die die ganze Welt kennt“, sagte er. Und er fügte hinzu, nach Versuchen in verschiedenen Bereichen habe er erkannt, dass gerade VinFast beziehungsweise das Elektroauto die Gelegenheit sei, mit der dies gelingen könne.
Hier liegt der Kern seiner Geschichte. VinFast ist für ihn nicht nur ein Autounternehmen. Es ist eine Flagge.
Das Unternehmen schrieb lange Verluste
Vuong lebte und arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte im Ausland. Erfolg hatte er in der Ukraine, dort wurde er ein wichtiger Unternehmer und sogar ausgezeichnet. Doch gerade das Leben außerhalb der Heimat überzeugte ihn nach eigenen Worten davon, etwas für das Ansehen Vietnams tun zu müssen.
„Obwohl ich im Ausland sehr erfolgreich und angesehen war, sah ich klar, dass Vietnamesen in der Welt noch immer nicht ausreichend geschätzt wurden“, sagte er.
Er bemerkte sogar, dass manche Vietnamesen im Ausland sich als Japaner oder Koreaner ausgaben, da sie sich so stärker akzeptiert fühlten. VinFast sollte das ändern.
„Mit VinFast gibt es jetzt Sorge, es gibt Spannung, aber auch den Geist der Entschlossenheit“, sagte er. Sein Ziel war, dass die vietnamesische Flagge mit einer Automarke immer weiter in die Welt hinausreicht.
VinFast baute eine Fabrik in Vietnam, begann die Expansion in die USA, nach Indien und Indonesien und brachte seine Autos auf zahlreiche Auslandsmärkte. 2023 führte Vuong die Marke über eine Fusion mit einem SPAC an die Nasdaq.
Doch das globale Autogeschäft ist gnadenlos. VinFast brauchte für das Wachstum enorme Summen. Entwicklung, Fabriken, Vertriebsnetz, Serviceinfrastruktur und Ladesäulen sind nicht billig. Die Geschäftszahlen waren lange rot. Deshalb musste Vuong riesige Teile seines eigenen Vermögens investieren.
Man muss Niederlagen akzeptieren und aussteigen
Wer sich Vuong als klassischen Milliardär vorstellt, der Jachten, Golf und Luxus genießt, wird vermutlich enttäuscht sein. Er selbst sagt, am stärksten motiviere ihn Arbeit. Als er einmal gefragt wurde, wie er den vielen Versuchungen widerstehe, die mit Reichtum einhergehen, antwortete er: „Oft zieht mich die Arbeit so stark hinein, dass mich vieles andere gar nicht interessiert.“
37 Milliarden
Dollar beträgt das Vermögen des Unternehmers Pham Nhat Vuong
10.000
Dollar lieh er sich, als er vor gut 30 Jahren in der Ukraine ein Restaurant eröffnete
18
Monate braucht VinFast für die Entwicklung eines neuen Autos. Das ist deutlich schneller als bei Wettbewerbern
Golf versuchte er zwar zu spielen, doch es lief nicht besonders gut. Seine Lehrer sollen ihm vorgeworfen haben, dass er sich einfach nicht genug auf das Spiel konzentrieren könne.
In der Ukraine fuhr er einst mit etwa 40 Jahren in einem BMW 240 Kilometer pro Stunde. Heute sagt er, in Vietnam gebe es für solche Aktionen keinen Raum mehr. Trotzdem bleibt er ein Mensch, den Geschwindigkeit anzieht, auch wenn das Risiko groß ist.
Noch wichtiger ist jedoch, dass er auch anhalten kann. In seinem Wirtschaftsimperium wurden viele Projekte mit großen Ambitionen begonnen und dann aufgegeben, wenn sie nicht zur langfristigen Vision passten. Er sagt selbst, die Entscheidung, was man nicht tun soll, sei fast so wichtig wie die Entscheidung, was man tun soll.
„Wenn wir etwas nicht am besten machen können, müssen wir die Niederlage akzeptieren und aussteigen“, sagte er.
Sein Weg wirkt filmreif, die Geschichte unglaublich
Heute ist Vuong direkt in die Führung von VinFast eingebunden. 2024 übernahm er den Posten des Vorstandschefs. Damit kontrolliert er die globale Produktion, den Verkauf und das Marketing der Automarke. VinFast ist für ihn nicht nur ein Geschäft, sondern eine Wette auf die Zukunft Vietnams.
„Es ist mir nicht wichtig, wie viel Geld ich verdiene. Ich will Dinge bauen, die das Leben schöner machen“, sagte er Forbes. Ähnlich denkt er auch bei seiner philanthropischen Arbeit. Mit seiner Frau gründete er die VinFuture Foundation, die einen der bekanntesten vietnamesischen Preise für Wissenschaft und Technologie vergibt. Sein Leitgedanke lautet, dass Wissenschaft und Technologie das Leben der Menschen verbessern müssen.
VinFast muss beweisen, dass das Unternehmen Autos außerhalb Vietnams verkaufen kann, dass es ein globales Service- und Produktionsnetz aufbauen kann und vor allem, dass es damit eines Tages auch Geld verdienen kann.
Vuongs Weg ist fast filmreif, seine Geschichte unglaublich. Sie handelt von einem Jungen aus Hanoi, der in Moskau Geologie studierte und in der Ukraine ein junger Unternehmer wurde. Von einem Restaurant, das nicht funktionierte, und Instantnudeln, mit denen er nach dem Verkauf seines Unternehmens an Nestlé Millionen verdiente. Von der Rückkehr nach Vietnam, dem Aufbau eines Immobilienimperiums und der Entscheidung, Vietnam ein Auto zu geben, das mit Tesla, Volkswagen, BYD und anderen großen Spielern konkurrieren soll.
Bei den Nudeln brauchte er vor allem guten Geschäftssinn. Bei VinFast braucht er etwas deutlich Größeres: genug Geld, genug Zeit und vor allem genug Tempo. Er zweifelt nicht daran, dass es ihm gelingen wird. Sein größter Wunsch ist es, Vietnam auf die automobile Landkarte zu bringen.
