Politik

Star-Pianistin Lisitsa: „Es gibt Pläne für einen großen Ausverkauf der Ukraine“

Lesezeit: 5 min
19.01.2015 01:33
Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa ist eine weltweit gefeierte Künstlerin. Sie ist zugleich eine scharfe Kritikerin der Zustände in der Ukraine. Im Interview mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten beschreibt sie, wie Millionen an EU-Hilfsgeldern über Nacht spurlos verschwunden sind.
Star-Pianistin Lisitsa: „Es gibt Pläne für einen großen Ausverkauf der Ukraine“

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Valentina Lisitsa, geboren 1973 in Kiew, ist eine ukrainische Pianistin und lebt derzeit gemeinsam mit ihrem Ehemann Alexei Kuznetsoff und ihrem Sohn im US-Bundesstaat North Carolina. Ihr Ehemann ist ebenfalls Pianist.

Lisitsa ist Absolventin des Konservatoriums in Kiew und trat unter anderem im Carnegie Hall, Avery Fisher Hall, Benaroya Hall und im Royal Albert Hall auf. Ihre Online-Videos erreichen über 80 Millionen Klicks und haben 163.637 Follower.

Die Washington Post berichtet: „Lisitsa ist in vielerlei Hinsicht zum Symbol für ein neues Geschäftsmodell für die Klassik-Industrie geworden, die das Internet bis vor kurzem noch gemieden hat.“

Die New York Times berichtet: „Es gab viele brutale Kommentare unter Frau Lisitsas eigenen Videos, die sich mit falschen Noten und ihren Unvollkommenheiten befassten. ,Man bekommt eine dicke Haut‘, sagt sie. Aber sie setze sich Online für andere Musiker ein. Sie verteidigte einmal die Pianistin Mitsuko Uchida vor YouTube-Kommentatoren, die Uchida abwerteten.“

Lisitsa hat auch scharfe politische Kritiker in der Ukraine. Ein Teil der Euromaidan-Bewegung wirft ihr vor, dass sie pro-russisch sei. Während ihrer Auftritte in den USA kam es mehrmals zu Protesten gegen die Pianistin. Die Demonstranten setzten sich aus Diaspora-Ukrainern zusammen. Ihre Konzerte fanden teilweise unter Polizeischutz statt. Auf der Webseite euromaidanpress.com wird ihr Kollaboration mit Russland vorgeworfen.

In ihrem neuen Album präsentiert sie Etüden von Frédéric Chopin und Robert Schumann.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie würden Sie die Situation der Menschen in der Ukraine beschreiben? Was geht derzeit in deren Köpfen vor?

Valentina Lisitsa: Dazu müssen wir einen historischen Rückblick auf das Jahr 1991 vornehmen. Damals schauten die Menschen mit Hoffnung in die Zukunft. Sie erwarteten Wohlstand und Stabilität. Weiterhin hatten sie eine positive Meinung über den Westen. Damals fanden spontane „Maidan-ähnliche“ Proteste für Demokratie und Freiheit statt. Für viele Ukrainer war der Westen der Inbegriff des Paradieses. Doch ab 1993 verließen viele Ukrainer ihr Land, weil die Situation zunehmend instabiler wurde. Auslöser dieser Instabilität waren die Korruption und das Patronage-System. Die Menschen waren schlichtweg enttäuscht darüber, dass es keine wirklichen Veränderungen gegeben hatte. Denn es blieben dieselben Personen an der Macht. Lediglich ihre Parteizugehörigkeit hatte sich geändert.

Aber im Februar 2014 ging das Volk erneut auf die Straße und es gab einen zweiten Versuch einer Demokratisierung. Doch die Situation eskalierte und aktuell sind die „alten“ neuen Oligarchen an der Macht. Viele Ukrainer vertrauen weder dem Westen noch Russland. Sie vertrauen auch ihren eigenen Politikern nicht. Es gibt ein politisches Vakuum und die Leute wissen sehr gut, dass sich niemand um sie kümmern wird. Die Ukrainer beobachten, dass es Manipulationen auf beiden Seiten gibt: im pro-westlichen, aber auch im pro-russischen Lager.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ist die Haltung der Ukraine zu Russland?

Valentina Lisitsa: Es gibt mehr als drei Millionen Ukrainer, die in Russland leben und arbeiten. Sie schicken Geld an ihre Familien in der Ukraine. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Im Kiewer Konservatorium gab es ein Mädchen. Ihre Lehrer sagten ihr, dass sie nie eine gute Musikerin wird, weil sie nicht die Gabe dazu habe. In der Tat war das Mädchen nicht sehr talentiert, aber sie war motiviert. Nachdem die Russen die Krim eingenommen hatten, zog die auch dorthin.

Auf der Krim bekommt sie als Musikerin ein Gehalt, das viermal so hoch wie in Kiew ist. Meine Kollegen Konservatorium waren erstaunt über die Möglichkeiten auf der Krim. Trotz der Dämonisierung Russlands, gibt es einen wirtschaftlichen Faktor, den keiner bestreiten kann.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was ist von Euromaidan geblieben?

Valentina Lisitsa: Die Maidan-Demonstranten wenden sich nicht mehr alleine gegen Putin, sondern auch gegen Präsident Poroschenko und die Regierung. Bevor Jazenjuk Premierminister der Ukraine wurde, verkaufte er seinen acht Jahre alten Range Rover für mehr als 122.000 Dollar an Pavlo Petrenko, der heute der Justizminister der Ukraine ist. Das einzige Problem war, dass sein Range Rover einen Wert von 15.000 bis 20.000 Dollar hatte. Das ist einer der Methoden, wie unsere Oligarchen Schmiergelder zahlen. Ich wiederhole, dass diese Transaktion vor den Amtszeiten beider Politiker stattfand.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer profitiert vom Krieg in der Ukraine?

Valentina Lisitsa: Alle Seiten auf allen Ebenen. Es profitieren zum Beispiel die Rüstungsfirmen, die die EU-Staaten -, welche von einer Putinschen Hysterie vereinnahmt sind-, zur Modernisierung ihrer bestehenden Waffen-Arsenale drängen. Aber auch kleine Regierungsbeamte in der Ukraine verdienen, indem sie Schmiergelder von Ukrainern entgegennehmen, die sich vom Wehrdienst freikaufen.

Es gibt viele Söldner auf beiden Seiten und die privaten Unternehmen, die hinter diesen Jungs stecken, machen enorme Gewinne. Sie haben Söldner aus verschiedenen Nationen auf beiden Seiten. Aber es ist interessant zu beobachten, dass niemand in der Ostukraine die Kohlebergwerke und Fabriken des Oligarchen Rinat Achmetow angreift. Achmetow versteht es, sich mit beiden Seiten zu arrangieren, damit er keinen wirtschaftlichen Nachteil erleidet. Er unterstützt beide Seiten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ein ehemaliger Kommandeur der Bataillon Asow wurde zum Polizeichef von Kiew ernannt? Wie ist es möglich, dass ein Rechtsradikaler eine so wichtige Position bekommt?

Valentina Lisitsa: Es gibt zwei Aspekte. Zunächst einmal ist die Bataillon Asow in der Tat eine rechtsradikale Organisation. Im Zuge des Bürgerkriegs haben sich Asow-Mitglieder an zahlreichen Grausamkeiten beteiligt. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass die Asow-Mitglieder genauso brutal wie der IS sind. Sie zeichnen ihre Grausamkeiten auf. Das sind keine durchschnittlichen Ukrainer. Sie sind indoktriniert und stehen im Dienste der Oligarchen.

Der zweite Aspekt ist komplizierter. In der Ukraine gibt es die so genannte Akademie für Personalmanagement Dnipropetrowsk (MAUP). Diese ist eine private Hochschule, aus der sehr viele Bürokraten des ukrainischen Staats hervorgehen. Allerdings ist die Einrichtung bekannt für Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und rechtsnationales Gedankengut. David Duke ist Absolvent der MAUP-Akademie und hatte dort auch eine Lehrstelle. Duke ist ein ehemaliger Abgeordneter des US-Repräsentantenhauses und war als hochrangiges Mitglied des Ku Klux Klan tätig. Er ist ein weltweit bekannter Antisemit. MAUP erhält zudem Spenden aus Saudi Arabien.

Wenn Sie den zweiten Aspekt berücksichtigen, darf es Sie nicht wundern, dass Ex-Asow-Kommandeur Vadim Troyan zum Polizei-Chef Kiews ernannt wurde.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie lassen sich die wirtschaftlichen Probleme in der Ukraine lösen?

Valentina Lisitsa: Es ist unklar, was mit den Finanz-Hilfen aus dem Westen passiert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: China wollte Weizen aus der Ukraine kaufen und machte eine Vorauszahlung in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar. Aber die Chinesen erhielten nur 10 Prozent der vertraglich festgelegten Menge. Peking war natürlich wütend über diese Situation. Sie wollen vor Gericht ziehen und Kiew anklagen.

Darüber hinaus hat Peking eine zusätzliche Vorauszahlung in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte in der Ukraine geleistet. Nicht ein einziges Projekt wurde von der Kiewer Regierung umgesetzt. Niemand weiß, wo die Milliarden hingeflossen sind. Hinzu kommt, dass der Weizen, der nach China transportiert wurde, aus den Lebensmittelrationen der Armee stammt. Nun herrscht in zahlreichen Regionen der Ukraine eine Lebensmittelknappheit.

Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel. Jazenjuk wollte eine Mauer zwischen der Ukraine und Russland bauen. Die EU hat Millionen Euro in die Ukraine zum Zwecke der Grenzsicherung überwiesen.

Nach offiziellen Dokumenten sind 10 Millionen Dollar aus diesen Zahlungen buchstäblich über Nacht verschwunden. Auch hier weiß keiner, wohin das Geld hingeflossen ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was denken die Ukrainer über die Ernennung von drei ausländischen Staatsbürgern als Minister?

Valentina Lisitsa: Das ist beleidigend. Es gibt 40 Millionen Ukrainer und es gibt eine Menge Leute, die diese Aufgaben übernommen hätten und auch die Fähigkeiten dazu haben. Finanzministerin Natalija Jaresko möchte nicht in etwa das europäische Modell eines Gesundheits-Systems in der Ukraine einsetzen, sondern das US-Gesundheitssystem adoptieren. Sie legte kürzlich Premierminister Jazenjuk einen Vorschlag vor, wonach die Privatisierung der gesamten Gesundheitsversorgung und des Ausbildungs-Systems vorgenommen werden soll.

Jaresko will, dass das Recht auf Bildung und das Recht auf Gesundheitsversorgung aus der Verfassung gestrichen werden. Ich denke, dass es Pläne für einen großen Ausverkauf unseres Landes gibt. Dies ist eine demütigende Situation.

 

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Kampf gegen Inflation: Die EZB steuert auf eine neue Eurokrise zu

Die EZB ist in der Zwickmühle. Wenn sie die Inflation bekämpfen will, muss sie ihr Anleihekaufprogramm stoppen. Doch schon die bloße...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Bargeld-Verbot: Edward Snowden warnt vor „digitalem Finanz-Faschismus“

Ohne Bargeld wäre es Edgard Snowden niemals gelungen, zu fliehen – und die Welt über die Überwachungspraktiken der US-Geheimdienste zu...

DWN
Politik
Politik Kriegsgefahr: Kann China den USA Paroli bieten?

Wie schlagkräftig ist die chinesische Armee? Trotz gigantischem Rüstungsbudget ist die Antwort schwer einzuschätzen. Warum die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die selbsterfüllende nächste Rezession – und ihre Parallelen zur „großen Depression“

Die Stimmungslage unter den Verbrauchern ist so niedrig wie noch nie. Ein Wirtschaftsabschwung ist nicht mehr aufzuhalten – es droht...

DWN
Technologie
Technologie US-Sanktionen kurbeln Chinas Chip-Industrie kräftig an

Die US-Sanktionen gegen China scheinen ihren Zweck zu verfehlen. Ex-Google-Chef Eric Schmidt warnt sogar: "Amerika steht kurz davor, den...

DWN
Deutschland
Deutschland Ostdeutschland könnte zur neuen Industrie-Hochburg der Bundesrepublik werden

Lange galten die neuen Bundesländer wirtschaftlich betrachtet als Sorgenkinder. Doch mit dem Einzug mehrerer Big Player der...

DWN
Finanzen
Finanzen Japans Notenbank droht Crash der globalen Finanzmärkte auszulösen

Namhafte Spekulanten wetten massiv auf einen Zinsanstieg in Japan, da die Notenbank keine andere Wahl zu haben scheint. Doch die globalen...

DWN
Deutschland
Deutschland Hilflos auf dem Weg in die nächste Flutkatastrophe

Mit dem Juli 2022 wird die Erinnerung an die Flutkatastrophe im Juli des vergangenen Jahres wach. Schon mehren sich die Anzeichen, dass...