Politik

Ernste Warnung: Die Jugendlichen Europas wollen eine andere EU

Lesezeit: 2 min
05.07.2015 21:10
Erstmals haben die Jugendlichen eine politische Entscheidung gegen die EU-Politik getroffen: Sie beteiligten sich in Scharen am Referendum in Griechenland und haben gegen die Troika gestimmt. Der Grund ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das ist eine extrem ernste Warnung an die EU.
Ernste Warnung: Die Jugendlichen Europas wollen eine andere EU

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Es hatte sich schon vor dem Referendum abgezeichnet: Dieses Referendum war auch eine Abstimmung über die Zukunftsfähigkeit der EU. Und sie hat sie, wenn die Einschätzung der Beobachter und der Wählerstromanalysen zutrifft, verloren. Der griechische Politologe Yannis Koutsomitis sagte der BBC: „Tsipras hat ein gewichtiges Mandat, aber die griechische Regierung muss die Eurozone überzeugen, dass das Land nicht aus dem Euro ausscheiden will. Es scheint, dass die jungen Leute in überwältigendem Ausmaß für Nein gestimmt haben. Die wirkliche Herausforderung für die Syriza ist es nun, die Kluft zwischen den Jungen und den Alten zu schließen, die offenbar in überwältigender Mehrheit mit Ja gestimmt haben.“

Diese Überzeugung wird auch die EU leisten müssen: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach Angaben des griechischen Statistikamts bei 51,9 Prozent, ebenso in Spanien, nicht unwesentlich darunter in Portugal, und dramatisch hoch auch in Italien. Die Jugendlichen haben keine Perspektive, und die Zahlen sagen noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Viele Leute zwischen 30 und 40 haben keine Jobs, leben bei ihren Eltern und sind auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Bisher haben immer alle Wahlen die Politik zugunsten der Rentner als oberstes Ziel der Parteien gesehen. Die Parteien haben es sich zu einfach gemacht: Sie haben gesagt, dass die Rentner zahlenmäßig die stärkste Gruppe sind und daher die Vertretung ihrer Interessen der Garant für Mehrheiten sind.

Das hat sich nun geändert: Der Generationenkonflikt, der sich quer durch Europa zieht und neben der Einkommensungleichheit und dem Nord-Süd-Gefälle die dritte große Spaltung in Europa darstellt, kann nicht mehr länger ignoriert werden. Er hat mit dem griechischen Referendum eine erste Explosion in Europa ausgelöst.

Es wird nun entscheidend sein, ob die Euro-Retter diesen sozialen Sprengstoff als Ursache des Problems identifizieren und ihn entschärfen können. Möglicherweise sind die Bürokraten in dieser Frage sogar besser beraten als die Politiker: Sie brauchen sich keiner Wahl zu stellen, können also auch über Teilmengen-Interessen hinwegsehen. Alle nationalen Politiker und die EU-Leute müssen sich vom dümmlichen Rassismus verabschieden, der die Diskussion bisher geprägt hat. Der Konflikt ist kein Zank zwischen "tüchtigem" Norden und "faulem" Süden. Der Konflikt ist einer derjenigen, die ihre Zukunft noch vor sich haben und fürchten, dass sie verelenden werden - weil sie überhaupt niemals in Lohn und Brot kommen werden; und denjenigen, die ihr um die ihre Ersparnisse und ihre Renten fürchten.

Mit billigen Klischees ist dieser Konflikt nicht zu lösen. Wer dies versucht und nun glaubt, müsse die ungehorsamen Griechen bestrafen, der verkennt, dass wir in Griechenland erst den Anfang eines gewaltigen Verteilungskampfes erleben.

Für die junge Generation von heute ist die EU nicht mehr Erasmus-Studium mit Partys auf Staatskosten. Die Jungen finden sich in einem unbarmherzigen Europa wieder. Podemos in Spanien ist die nächste Bewegung, die sich gegen das System stellen wird. Auch wenn die spanische Regierung die Zahlen des Wirtschaftswachstums preist – Europa misst sich, wie jedes politische Gebilde, nicht an Zahlen, sondern an Menschen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist auch in Spanien so hoch, dass die Jungen nichts mehr zu verlieren haben.

Wenn es den Euro-Rettern nicht gelingt, den Jugendlichen Europas Perspektiven aufzuzeigen, stirbt die EU noch vor jenen Rentnern, auf die die Parteien heute noch all ihre Ziele ausrichten. Es geht um die Zukunft. Sie hat mit dem Referendum in Griechenland unumkehrbar begonnen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Deutsche Investitionen bedroht: Würth äußert sich besorgt über AfD-Erfolg
15.06.2024

Der Unternehmer Reinhold Würth äußerte Enttäuschung über das Abschneiden der AfD bei der Europawahl, insbesondere in Künzelsau, wo...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt weiter - Hoffnung auf Trendwende schwindet
15.06.2024

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigt weiter an, ohne Anzeichen einer baldigen Trendwende. Experten prognostizieren...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Hauptquartier: Amerikaner übergeben Nato-Mission ausgerechnet Deutschland
14.06.2024

Die Nato plant, die internationalen Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte zu koordinieren. Deutschland fällt...

DWN
Politik
Politik Die Bahn kommt: Bund und Länder einig über Sanierungskosten und Ertüchtigung
14.06.2024

Vor lauter Hiobsbotschaften von der Bahn gehen manchmal die wirklich wichtigen Nachrichten unter. Bund und Länder haben sich diese Woche...

DWN
Politik
Politik Die DWN-Chefredaktion kommentiert: Warum Deutschland bei Abschiebungen Zeit verschwendet
14.06.2024

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch...

DWN
Immobilien
Immobilien ZIA-Immobilientag 2024: Krise in der Baubranche „ist noch gar nicht richtig angekommen“
14.06.2024

Beim jährlichen „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Spitzenverbands der deutschen Immobilienwirtschaft (ZIA) diese Woche war ein...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe Ukraine: Putin nennt Verzicht auf NATO-Mitgliedschaft als Bedingung
14.06.2024

Russlands Präsident Wladimir Putin bietet eine Waffenruhe in der Ukraine an, stellt dafür aber klare Bedingungen auf: Die Ukraine muss...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Strafzölle treffen auch Tesla: Warnung vor Preiserhöhungen
14.06.2024

Obwohl Tesla eine Fabrik in Grünheide hat, importiert das Unternehmen den Bestseller Model 3 aus Shanghai nach Deutschland. Jetzt...