Christine Lagarde: Eine Frau will nach oben

 

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25.01.2020 11:00
Über Christine Lagarde wird ausschließlich im Zusammenhang mit finanzpolitischen Themen berichtet. Die EZB-Chefin steht vor allem in Deutschland stark in der Kritik, weil sie die expansive Finanzpolitik ihres Vorgängers Mario Draghi beibehält und weil sie schrittweise das Bargeld abschaffen will. Doch wo kommt die heute 63-Jährige eigentlich her? Was sind die wichtigsten Stationen ihres bewegten Lebens?
Christine Lagarde: Eine Frau will nach oben
Christine Lagarde. (Foto: World Economic Forum)

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Die 1956 in Paris zur Welt gekommene Christine Madeleine Odette Lagarde, geborene Lallouette, zeichnete bereits in jungen Jahren ein großer Ehrgeiz aus. Schon als Teenager war sie Mitglied der französischen Synchronschwimm-Nationalmannschaft ; mit 17 Jahren ging sie - nach dem frühen Tod ihres Vaters - für ein Jahr in die USA, um dort ihr Englisch zu perfektionieren.

Über ihren Vater und ihr bewegtes Leben sagte sie im Rahmen eines Vortrags an der Appeal of Conscience Foundation: „Mein Vater wurde als Kind einer jüdischen Mutter und eines nicht-religiösen Vaters geboren. Als er an die Ecole Normale Supérieure ging, eine französische Oberschule, konvertierte er zum Katholizismus. Er wurde von einem chinesischen Priester, der ein Flüchtling war, konvertiert. Dies ist nicht erfunden. Ich verspreche Ihnen, es ist wahr. Er wurde von diesem chinesischen Flüchtlingspriester so gut bekehrt, dass er Priester werden wollte (...), aber er traf meine Mutter, und diese ganze Sache, Priester zu werden, fiel ins Wasser. Ich bin also aus dem Zufall des Glaubens und der Frucht der Liebe entstanden.”

Nach Abschluss ihres Studiums der Rechtswissenschaften in Paris erwarb Lagarde einen Master-Abschluss am Institut für Politikwissenschaft in Aix en Provence.

1981 ging sie wieder in die USA und trat als Associate in die internationale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie ein. Sie spezialisierte sich auf Arbeits- und Kartellrecht sowie Fusionen und Übernahmen (M&A).

Im Jahr 1999 wurde sie die erste weibliche Vorsitzende der Firma. Von 1995 bis 2002 war sie darüber hinaus Mitglied der US-Denkfabrik CSIS. Während ihrer Mitgliedschaft leitete Lagarde die amerikanisch-polnische Arbeitsgruppe für die Verteidigungsindustrie und setzte sich für die Interessen der amerikanischen Flugzeugbauerd Boeing und Lockheed Martin gegenüber denen von Airbus und Dassault Aviation (Frankreich) ein. Im Jahr 2003 war sie Mitglied der CSIS-Kommission, die einen Vertrag über 3,5 Milliarden US-Dollar für den Verkauf von 48 Lockheed Martin-Düsenjägern an Polen abschloss. Trotz des Interessenkonflikts erhielt Lagarde im März 2004 eine Ernennung zum höchsten französischen Orden – der Ehrenlegion – unter Präsident Jacques Chirac. Wenig später kehrte sie nach Frankreich zurück.

Im Jahr 2005 wurde Lagarde zur französischen Handelsministerin ernannt – und während ihrer Amtszeit erreichten die französischen Exporte ein Rekordniveau. Sie förderte Auslandsinvestitionen in Frankreich und die Erschließung neuer Märkte für französische Produkte, insbesondere im Technologie-Sektor.

2007 wurde sie Finanzministerin, nicht nur die erste Frau auf diesem Posten in Frankreich, sondern in einem G8-Land überhaupt.

Die globale Finanzkrise 2008 führte sie auf eine „testosteronhaltige Gier” zurück. „Wenn es Lehman Sisters gewesen wäre und nicht Lehman Brothers, könnte die Welt heute ganz anders aussehen”, zitiert Le Figaro Lagarde. Offenbar hatte sie im Verlauf ihrer Karriere mit unzähligen sexistischen Vorurteilen und Herabwürdigungen zu kämpfen gehabt. „Ich wurde groß in einer Welt von Jungs. Ich habe als junge Frau oft unter Diskriminierung gelitten”, sagte sie einst.

Im Jahr 2009 führten der Sender RTL und die Zeitung Le Parisien eine Umfrage durch, um die beliebtesten Personen in Frankreich zu ermitteln. Lagarde belegte nach dem Schauspieler Johnny Hallyday den zweiten Platz.

Lange bevor sie im Jahr 2011 das Ruder des IWF übernahm, wählte die Financial Times sie 2009 zur besten Finanzministerin in Europa.

Sie gewann internationalen Respekt für die Förderung der Verhandlungsmacht Frankreichs in wichtigen Foren wie der G20.

Sie erhielt auch Lob für die Schlüsselrolle, die sie bei der Genehmigung eines Rettungsmechanismus zur Unterstützung der schwächelnden Mitglieder der Euro-Zone im Mai 2010 spielte, und wurde ab Februar 2016 für eine zweite Amtszeit an der Spitze des IWF ernannt.

Kenneth Rogoff, ein ehemaliger Chefökonom des IWF, hat nach Angaben der BBC besonders positive Worte für die geschiedene Mutter von zwei Kindern übrig. „Sie ist enorm beeindruckend, politisch klug und eine starke Persönlichkeit. Bei Finanztreffen auf der ganzen Welt wird sie praktisch wie ein Rockstar behandelt”, zitiert die BBC Rogoff.

Doch Kopfzerbrechen bereitete ihr der „Fall Bernard Tapie”. Tapie war in einen langwierigen Rechtsstreit mit der teilweise staatseigenen Bank Credit Lyonnais verwickelt, von der er behauptete, sie habe die 1993 von ihm verkaufte Sportartikelfirma Adidas absichtlich unterbewertet.

2007 mischte sich Frau Lagarde ein, um den Gerichtsstreit zu beenden, indem sie ein spezielles Richtergremium beauftragte, über den Fall zu entscheiden. Im folgenden Jahr erhielt Tapie Schadensersatz in Höhe von 285 Millionen Euro.

Lagarde wurde beschuldigt, Tapie vorsätzlich unterstützt zu haben, weil dieser Nicolas Sarkozy zu seiner Präsidentschaft geholfen hatte. Lagarde bestritt jegliches Fehlverhalten, und es gibt keinen Hinweis auf persönlichen Gewinn, aber ihre Pariser Wohnung wurde durchsucht, und sie wurde von der Polizei befragt. Die französische Staatsanwaltschaft leitete 2014 ein förmliches Fahrlässigkeitsverfahren gegen Lagarde ein.

Der Gerichtshof der Republik entschied am 17. Dezember 2015, dass sie wegen „Fahrlässigkeit einer Person in der Position einer Behörde” vor Gericht gestellt werden sollte. Nachdem sie ein Jahr und zwei Tage später für schuldig befunden worden war, wollte sie nicht in Berufung gehen.

Der englischsprachige Dienst von Reuters zitiert Lagarde im Jahr 2016: „Ich wurde der Fahrlässigkeit schuldig befunden – aber ohne eine Strafe oder eine Sanktion zu erhalten. Ich bin damit nicht zufrieden, aber irgendwann muss man einfach stoppen, die Seite umblättern und weitermachen und mit denen weiterarbeiten, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Daher bin ich sehr froh, gegen diese Entscheidung keine Berufung einzulegen und meine ganze Aufmerksamkeit, meine ganze Zeit, meine ganzen Anstrengungen, meine ganze Energie und meinen Enthusiasmus auf meine Mission als Leiterin des IWF zu richten.”

Als neue EZB-Chefin -sie übernahm den Posten am 1. November 2019 - steht Lagarde aktuell in der Kritik. Vor ihrem Amtsantritt hatte sie den Einsatz digitaler Währungen gelobt, während sie sich der Bargeld-Nutzung gegenüber kritisch positionierte. Lagarde führte im November 2018 aus: „In den Schaufenstern steht bereits ,Bargeld wird nicht akzeptiert’. Nicht nur in Skandinavien, dem Aushängeschild einer bargeldlosen Welt. Auch in verschiedenen anderen Ländern ist die Nachfrage nach Bargeld rückläufig – wie die jüngsten IWF-Untersuchungen gezeigt haben. Und wer wird in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch Papierzettel (Bargeld, Anm. d. Red.) austauschen? (...) Denken Sie an die neuen spezialisierten Zahlungsanbieter, die E-Geld anbieten – von AliPay und WeChat in China über PayTM in Indien bis zu M-Pesa in Kenia. Diese Geldformen sind für die digitale Wirtschaft konzipiert.”

Sie machte zudem deutlich, dass sie die Geldpolitik des ehemaligen EZB-Chefs Mario Draghi weiterführen werde. Die Negativzinspolitik innerhalb des EU-Waährungsraums wird unter ihr aufrechterhalten werden. Auf die Frage nach den Auswirkungen von Negativzinsen auf die Sparer sagte Lagarde, sie (die Sparer, Anm. d. Red.) sollten darüber nachdenken, um wie viel schlimmer die Situation wäre, wenn die EZB die Zinssätze nicht so stark gesenkt hätte. „Würden wir uns heute nicht in einer Situation mit viel höherer Arbeitslosigkeit und einer weitaus geringeren Wachstumsrate befinden. Und ist es nicht wahr, dass wir letztendlich das Richtige getan haben, um für Arbeitsplätze und Wachstum zu sorgen, anstatt Sparer zu schützen?”, fragt Lagarde.

Das Wachstum in der Euro-Zone war bisher exportgetrieben. Doch die EU-Staaten schwächeln und der Export geht zurück. Lagarde forderte deshalb Anfang Dezember 2019, dass die EU-Staaten, und insbesondere Deutschland, ihre Binnennachfrage ankurbeln müssen. „Die Antwort liegt darin, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in eine weltoffene, aber selbstbewusste Wirtschaft umzuwandeln – eine Wirtschaft, die das Potenzial Europas voll ausschöpft, um höhere Inlandsnachfrageraten und langfristiges Wachstum zu erzielen”, zitiert euronews die EZB-Chefin.

Sie hat richtig erkannt, dass geldpolitische Maßnahmen der EZB nicht das einzige Instrument sein dürfen, um die Euro-Zone zu stabilisieren. Deshalb plädiert sie für nachhaltige fiskalpolitische Maßnahmen – insbesondere von Deutschland und von den Niederlanden. Diese hätten die Kapazität, den ihnen zur Verfügung stehenden Steuerraum zu nutzen.

Die reicheren Länder der Euro-Zone mit niedrigen Defiziten müssen ihr zufolge ihre Krisenbewältigungskapazitäten durch Ausgaben in Zeiten des Abschwungs stärken.

Tatsächlich könnte eine expansive Fiskalpolitik dazu führen, dass die Nachfrage in der Euro-Zone angekurbelt und die Konjunktur aufrechterhalten wird, so die Financial Times.

Patentlösungen darf man von Lagarde in der Position als EZB-Chefin nicht erwarten. Die Untätigkeit der Regierungen und den aufkommenden Nationalismus sieht sie als größte Bedrohungen für die Euro-Zone an. Doch alleine wird sie die EU-Volkswirtschaften nicht stabilisieren können. Das ist ihr bewusst und sie geht offen damit um.

„Ich bin keine Fee”, sagt sie.


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