Unternehmen

Wo das Virus Stellen schafft: Diese Branchen suchen Mitarbeiter

Schuhe kaufen, Konzerte besuchen, Autos am Fließband zusammenbauen - das geht alles nicht mehr. Nudeln kaufen, zum Arzt gehen, Spargel stechen - das muss alles unbedingt weitergehen. Nur wer macht's?
03.04.2020 11:24
Lesezeit: 3 min
Wo das Virus Stellen schafft: Diese Branchen suchen Mitarbeiter
Amazon schafft in Corona-Krise 350 neue Logistik-Jobs in Deutschland. (Foto: dpa) Foto: Ina Fassbender

Geschäfte und Restaurants müssen schließen, Veranstaltern brechen Aufträge weg, Fabriken fehlen Zulieferungen für ihre Produktion. Die Corona-Krise legt viele Bereiche der Wirtschaft lahm. Deswegen haben 470.000 Unternehmen in Deutschland inzwischen Kurzarbeit angezeigt. Aber es gibt auch die andere Seite: In den Branchen, in denen weitergearbeitet werden kann und muss, ist dermaßen viel zu tun, dass teils händeringend Leute gesucht werden. Ein Überblick:

SUPERMÄRKTE

"Eine der größten Herausforderungen im Lebensmittelhandel besteht aktuell darin, ausreichend Personal für Logistik, Verkauf und Warenverräumung zur Verfügung zu haben", berichtet Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland (HDE) mit Blick auf die Corona-Krise. Die Unternehmen der Branche seien deshalb dringend auf der Suche nach neuen Mitarbeitern.

Allein Aldi Süd hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Wochen bereits rund 2.200 Teilzeitkräfte eingestellt. Dabei profitierte das Unternehmen auch von der Zusammenarbeit mit McDonald's. Der Burger-Riese vermittelte dem Discounter eigene Mitarbeiter, die wegen der Ladenschließungen nicht benötigt wurden. Auch das Schwesterunternehmen Aldi Nord profitierte von der Zusammenarbeit mit McDonald's.

Konkurrent Lidl stockte seine Teams in den Filialen und Lagern ebenfalls auf. "Sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene finden Kooperationen mit Unternehmen statt, die ihre Mitarbeiter in der aktuellen Situation nicht beschäftigen können", berichtete eine Lidl-Sprecherin.

Die Supermarktkette Rewe spricht nach eigenen Angaben zurzeit Gruppen wie Studenten an, die von der Schließung der Hochschulen betroffen sind. Zudem stehe Rewe im Kontakt mit Unternehmen, deren Mitarbeiter derzeit in Kurzarbeit seien - etwa aus den Bereichen Gastronomie, Touristik oder Textilien, berichtete ein Unternehmenssprecher. Gesucht würden zeitlich befristete Hilfskräfte. Mehrere Tausend Helfer hätten sich bereits gemeldet.

LANDWIRTSCHAFT

Rund 300.000 Saisonarbeiter kommen normalerweise auf Deutschlands Felder, um Obst, Gemüse und Wein zu ernten. Nun werden es wegen der Reisebeschränkungen viel weniger sein. Immerhin sollen in April und Mai jeweils 40.000 Saisonkräfte aus Osteuropa unter Auflagen einreisen dürfen, wie am Donnerstag beschlossen wurde. Erntehelfer können auch länger sozialversicherungsfrei arbeiten - statt wie bisher 70 Tage sind jetzt 115 Tage möglich.

Mehrere Online-Plattformen helfen bei der Vermittlung, um überhaupt noch Saisonarbeiter zu finden. Der Bauernverband und der Gesamtverband der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) bieten diesen Service jetzt kostenlos an. Auf einem anderen Portal der Landwirtschaftskammern meldeten sich binnen Tagen bereits rund 1.000 Interessierte.

IT & TELEKOMMUNIKATION

Techniker der Telekommunikationsbetreiber arbeiten mit Hochdruck daran, die Infrastruktur am Laufen zu halten, denn Internet und Telefon sind gefragter denn je.

Der Branchenverband Bitkom rechnet trotz der hohen Nachfrage nach den Dienstleistungen mit einer konjunkturellen Eintrübung der IT- und Telekommunikationsbranche. Das liegt auch am Fachkräftemangel. Ende 2019 seien bereits 124.000 IT-Stellen unbesetzt gewesen, erklärte ein Bitkom-Sprecher. Diese Zahl habe sich in den vergangenen beiden Jahren mehr als verdoppelt. Mit einer Trendwende durch die Corona-Krise wird nicht gerechnet. Bei der Deutschen Telekom seien aktuell keine neuen Einstellungen geplant, sagte ein Sprecher.

GESUNDHEITSSEKTOR

Auch in deutschen Krankenhäusern verschärft die Corona-Krise eher ein altes Problem: Schon vorher hätten sie Stellen von etwa 17.000 Pflegekräften und 3.500 Ärzten nicht besetzen können, sagt ein Sprecher der Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Die gute Nachricht: Weil die Kliniken wegen der großen Belastung durch die Pandemie planbare und nicht lebensnotwendige Behandlungen verschoben haben, ist Personal frei geworden. Vor allem um Ärzte und Pflegerinnen, die die Branche verlassen haben, werben die Kliniken jetzt. Sie gehörten zur wichtigsten Zielgruppe der Job-Kampagnen. "Es werden zudem vermehrt Mitarbeiter rekrutiert, die sich derzeit in Altersteilzeit oder Elternzeit befinden beziehungsweise schon in Rente sind."

Dramatisch ist das Bild, das die DKG zeichnet, allerdings nicht: Noch stiegen die Patientenzahlen nicht übermäßig, auch seien noch nicht allzu viele Mitarbeiter selbst infiziert und fielen daher aus.

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat noch keinen großen Ansturm an Corona-Patienten verzeichnet - "vor allem von solchen mit Bedarf an Intensivtherapie". Deutlich problematischer sei die Situation in der stationären Altenpflege. "Hier gab es bereits vor der Krise einen gravierenden Fachpersonalmangel, der sich jetzt durch Krankheitsausfälle, Quarantänen noch verstärkt", sagte Verbandssprecherin Johanna Knüppel. "Zudem müssen Betreuungsaufgaben vermehrt geleistet werden, die sonst oft auch Angehörige erbringen."

PHARMA & MEDIZINTECHNIK

Pharmaunternehmen fahren derzeit Sonderschichten und arbeiten "unter vollem Einsatz ihrer Möglichkeiten", berichtet der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller. Man tue alles, um in Zeiten hoher Nachfrage die Medikamentenproduktion zu sichern. "Arzneimittel werden immer benötigt - unabhängig von der Corona-Krise", betont auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Die Arzneifirmen erhöhten in Zeiten großer Nachfrage die Produktionskapazitäten, was auch beim Bedarf an Beschäftigten zeitverzögert spürbar werden könne.

Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) geht von stabilen Beschäftigtenzahlen in der Branche aus, sagt Präsident Han Steutel. "Die forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland haben gerade alle Hände voll zu tun, Impfstoffe gegen Corona zu entwickeln und Medikamente, die dagegen wirken könnten, zu liefern."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

 

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volvo-Aktie auf Talfahrt: Einbruch im China-Geschäft - Volvo Cars verfehlt Erwartungen
17.07.2026

Hoher Preiskampf in China und steigende Rohstoffkosten machen dem schwedischen Autobauer Volvo Cars schwer zu schaffen. Nach...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 34: Die Woche im Rückblick – KW 29
17.07.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unser neues Magazin ist da: Die Vermögensfrage – wenn Arbeit keinen Wohlstand mehr bringt
17.07.2026

Deutschland ist so wohlhabend wie nie zuvor – und doch wächst bei vielen Menschen das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Warum driften...

DWN
Immobilien
Immobilien Wende am Bau: Baugenehmigungen legen im Mai um knapp 25 Prozent zu
17.07.2026

Der Aufwärtstrend auf dem deutschen Wohnungsmarkt setzt sich fort: Im Mai haben die Bauämter in Deutschland spürbar mehr neue Wohnungen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eurozone: Inflation geht auf 2,8 Prozent zurück
17.07.2026

Die Inflation in der Eurozone hat sich im Juni wie erwartet abgeschwächt. Die Verbraucherpreise stiegen im Jahresvergleich um 2,8 Prozent...

DWN
Politik
Politik Vor den US-Midterms: Trump säht Zweifel an Wahlsicherheit und attackiert China
17.07.2026

Ansprache zur besten Sendezeit: Wenige Monate vor den wichtigen Zwischenwahlen stellt US-Präsident Donald Trump erneut die...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Deutschlands Rüstungsmaschinerie gerät an der Börse ins Stocken
17.07.2026

Die Rheinmetall-Aktie hat seit Jahresbeginn fast 40 Prozent an Wert verloren. Nach Jahren des Booms ist der einstige Börsenstar der...

DWN
Politik
Politik Symbolik und Nuklear-Pläne: Merz und Macron verhandeln über Bündnisfragen
17.07.2026

Ein straffes Programm am heutigen Freitag: Kanzler Merz und Präsident Macron starten am Morgen auf dem Fliegerhorst Nörvenich, bevor der...