Finanzen

Das Kraftzentrum der Weltwirtschaft fällt aus: Corona-Pandemie beendet Asiens 60 Jahre währenden Boom

Die Corona-Pandemie hat den jahrzehntelangen Aufstieg der asiatischen Volkswirtschaften vorerst beendet. Damit fällt das Kraftzentrum der Weltwirtschaft aus. Asien - allen voran China - hatte die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise von 2008 mit starkem Wachstum aus der Depression geholt.
17.04.2020 16:00
Lesezeit: 6 min
Das Kraftzentrum der Weltwirtschaft fällt aus: Corona-Pandemie beendet Asiens 60 Jahre währenden Boom
China, Xuyi: Volkskünstler führen anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes einen Drachentanz auf. (Foto: dpa) Foto: Zhou Haijun

Die Corona-Pandemie bringt Asiens seit 60 Jahren anhaltendes Wirtschaftswachstum nach Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) zum Erliegen. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr stagnieren, sagte der IWF am Donnerstag voraus. Selbst während der weltweiten Finanzkrise vor mehr als einem Jahrzehnt und der asiatischen Finanzkrise Ende der 1990er Jahre hatte es das nicht gegeben. Damals wuchs die Wirtschaft auf dem Kontinent um 4,7 beziehungsweise 1,3 Prozent. "Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Region werden schwerwiegend, flächendeckend und beispiellos sein", wird IWF-Regionalchef Changyong Rhee von der dpa zitiert. "Die asiatischen Länder müssen alle politischen Instrumente aus ihrer Trickkiste ziehen."

Sollten große Teile Asiens im laufenden Jahr in die Stagnation abdriften, wäre dies kein gutes Omen für die Weltwirtschaft. Der Kontinent - insbesondere die ostasiatischen Länder - fungierte in den vergangenen Jahrzehnten als Motor von Wirtschaft und Handel auf der ganzen Welt. Die wachsende Bedeutung geht aus der folgenden Grafik hervor.

Chinas Wirtschaft werde in diesem Jahr aufgrund schwacher Exporte und der ebenfalls unter dem Virus leidenden Binnenkonjunktur nur noch um 1,2 Prozent wachsen, sagt der IWF voraus. Die Prognose des IWF lag im Januar noch bei sechs Prozent - was einmal mehr zeigt, dass Prognosen nur als Orientierungshilfe verstanden werden sollten. Die chinesische Volkswirtschaft könne aber noch in diesem Jahr mit einer Konjunkturbelebung rechnen, behauptet der Fonds. "Die chinesischen Entscheidungsträger haben sehr stark auf den Ausbruch der Krise reagiert", sagte Rhee. "Wenn sich die Situation verschlimmert, haben sie mehr Spielraum, um fiskal- und geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen." Ob das nötig werde, hänge von Fortschritten bei der Eindämmung der Epidemie ab.

Durch die Pandemie ist Chinas Wirtschaft erstmals seit Jahrzehnten geschrumpft. Im ersten Quartal sank die Leistung der Volkswirtschaft im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,8 Prozent, wie das Statistikamt am Freitag in Peking mitteilte. Es ist der erste negative Wert seit Beginn der quartalsweisen Erhebungen 1992.

China spielt die zentrale Rolle in der Weltwirtschaft - es ist unbestreitbar deren Kraftzentrum. Die "Werkbank der Welt" hat die USA nach Kaufkraftparität berechnet schon lange als größte Wirtschaftsmacht des Planeten abgelöst. Etwa 19 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung wurden 2018 zwischen der tropischen Insel Hainan im Süden und der Provinz Heilongjiang im Norden erwirtschaftet. China ist zudem der weltgrößte Exporteur von Waren und der wichtigste Importeur von Energieträgern.

Nicht vergessen werden darf zudem, dass es die die Chinesen waren , welche nach 2008 die Welt durch massive, auf Neuschulden gegründete, Stimuli aus der Depression geholt hatten. Eine Finanzkrise, welche Folge der massiven und teilweise betrügerischen Spekulation des westlichen (und praktisch globalen) Finanzsystems war.

Und China lieferte in den vergangenen Jahren noch einen weiteren wichtigen Impuls für das Wachstum der Weltwirtschaft. Sein geostrategisches und wirtschaftliches Großprojekt einer "Neuen Seidenstraße" (von der Regierung in Peking mit Blick auf den Seeweg zwischen China und Europa sowie auf den Landweg der historischen Seidenstraße als "Ein Gürtel, eine Straße" bezeichnet) führte zum Bau zahlreicher Infrastrukturprojekte auf der ganzen Welt und zu Investitionen im Umfang dutzender Milliarden Dollar.

Auch in Indien gibt es noch keine Entspannung. Die strikte Ausgangssperre für 1,3 Milliarden Einwohner - der größte "Lockdown" der Welt - wurde bis zum 3. Mai verlängert. Bis Anfang kommender Woche werde zudem bei jedem Distrikt überprüft, ob er sich an die strikten Regeln halte, sagte Indiens Premierminister Narendra Modi in einer Fernsehansprache am Dienstag. Anschließend könnte es gegebenenfalls in weniger stark von Covid-19 betroffenen Regionen einige Lockerungen geben. Zurzeit darf man in Indien nur raus, um Lebensmittel und Medikamente zu kaufen und in Notfällen. Die Ausgangssperre gilt seit drei Wochen. Besonders hart getroffen haben die Maßnahmen viele Tagelöhner und Wanderarbeit, die dadurch ihre Arbeit verloren und von denen viele Angst haben zu verhungern. Indiens Wirtschaft strauchelte schon vor Ausbruch der Epidemie - ein wichtiger Faktor, warum das Land schon vor Monaten auf eine ernste Bankenkrise zusteuerte.

Ebenfalls schon Monate vor Ausbruch der Pandemie ins Straucheln geraten war Japan. Dort brachen die Exporte bereits seit Ende 2018 Monat für Monat deutlich ein. Der Außenhandel des Landes leidet erheblich unter den Folgen der Krise. So sind die Importe im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 14 Prozent eingebrochen, wie das japanische Finanzministerium im März berichtete. Im Januar waren die Einfuhren ebenfalls im Jahresvergleich gesunken, aber nur um 3,6 Prozent. Besonders betroffen war im Februar der Handel mit China. Die japanischen Einfuhren aus dem Reich der Mitte brachen um etwa die Hälfte ein. Auch die japanischen Exporte litten im Februar weiter unter den schlechten Aussichten für die Weltwirtschaft. Zwar war der Rückgang mit nur einem Prozent im Jahresvergleich vergleichsweise gering und lag damit weit unter dem von Volkswirten befürchteten Rückgang um mehr als vier Prozent. Jedoch schrumpften die Exporte damit bereit 15 Monate in Folge, die längste Schrumpfperiode seit den 1980er Jahren.

Mit Blick auf die Importzahlen verwies der Ökonom Takeshi Minami vom Wirtschaftsforschungsinstitut Norinchukin Research auf die jüngsten Kursgewinne des japanischen Yen, die eine Belastung für die Exportwirtschaft seien. Japans Währung wird an den Finanzmärkten als sicherer Anlagehafen geschätzt und konnte im Handel mit anderen wichtigen Währungen zulegen. Nach Einschätzung von Minami steht die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt vor schweren Zeiten. "Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass sich Japan in einer Rezession befindet", sagte der Ökonom.

Angesichts ebenfalls schleppender Exporte ist Südkoreas Wirtschaft im vergangenen Jahr um nur noch zwei Prozent und damit so langsam wie seit zehn Jahren nicht mehr gewachsen. Auch belasteten schrumpfende Bautätigkeiten und Sachinvestitionen das zweite Jahr nacheinander die viertgrößte asiatische Volkswirtschaft. Das geht aus den Zahlen hervor, die die Zentralbank in Seoul Ende Januar vorlegte. Im Jahr 2018 hatte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch um 2,7 Prozent zugelegt. "Während das Wachstum des Staatsverbrauchs zulegte, schrumpften die Bau- und Anlage-Investitionen, da die privaten Ausgaben und der Exportzuwachs sich verlangsamten", hieß es. Auf der Produktionsseite stockte demnach das Wachstum im verarbeitenden Gewerbe und der Dienstleistungen. Die Bauaktivitäten seien weiter zurückgegangen. Die Exporte von Gütern stiegen den Angaben zufolge um nur noch 0,4 Prozent, nach 3,3 Prozent im Jahr davor. Die Importe schrumpften um ein Prozent.

Insbesondere der Handelsstreit zwischen den USA und China sowie die Schwäche des weltweiten Chipmarkts setzten Südkorea zu. Zu den wichtigsten Exportgütern des Landes zählen Halbleiter, petrochemische Produkte, Autos, Schiffe, Maschinen sowie Smartphones und Flachbildschirme. Im vierten Quartal 2019 legte das BIP jedoch infolge des Anstiegs bei den Staatsausgaben und des steigenden Privatverbrauchs im Vergleich zum Quartal davor stärker als von Analysten erwartet zu, was in dem Land Hoffnungen auf eine Erholung nährt. Mit 1,2 Prozent wuchs das BIP mit dem größten Tempo seit mehr als zwei Jahren.

Die Einbrüche der Wirtschaftsleistung treffen neben den Wirtschaftsgiganten China, Indien, Japan und Südkorea auch die zweite Riege der wichtigsten Volkswirtschaften des Kontinents. Taiwan News zufolge rechnet der IWF für das laufende Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um rund 4 Prozent in dem Inselstaat - eine pessimistische Einschätzung, welche die heimischen Behörden allerdings derzeit so nicht teilen. Vietnam wird einem Abschwung im laufenden Jahr aus Sicht des IWF mit einem mäßigen Wachstum von etwa 2,7 Prozent entgehen, berichtet VN Express. The Star von den Philippinen berichtet, dass die Wirtschaft 2020 faktisch stagnieren werde und es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in dem Inselstaat kommen werde. Besonders schwerwiegend könnte der Abschwung in Thailand ausfallen. Die Leistung der Volkswirtschaft des maßgeblich vom Tourismus abhängigen Landes werde 2020 um fast 7 Prozent zurückgehen, berichtet die Bangkok Post. Die Schätzungen des IWF für Malaysia belaufen sich im Jahr 2020 auf einen Rückgang von 1,7 Prozent, berichtet The Straits Times. The Jakarta Post zufolge erwartet der IWF für Indonesien ein schwaches Wachstum von 0,5 Prozent - was praktisch einer Stagnation in dem wachsenden Land gleichkommt.

Bemerkenswert sind zudem die negativen Prognosen für Singapur und Hongkong, die beiden Finanzzentren Asiens von globaler Bedeutung. Die Wirtschaftsleistung Singapurs werde demnach um 3,5 Prozent, jene Hongkongs um fast 5 Prozent sinken.

Die Welthandelsorganisation (WTO) rechnet in diesem Jahr zudem mit einem Absturz des Welthandels wegen der Corona-Krise um 13 bis 32 Prozent. Dies sei die Spanne zwischen einem optimistischen und einem pessimistischen Szenario, teilte die WTO am Mittwoch in Genf mit. "Der unvermeidliche Rückgang bei Handel und Produktion wird schmerzhafte Konsequenzen für Haushalte und Unternehmen haben, ganz abgesehen von dem menschlichen Leid, das diese Krankheit verursacht", sagte WTO-Chef Roberto Azevedo. Es werde sich wohl "um die tiefste wirtschaftliche Rezession zu unseren Lebzeiten" handeln.

Entscheidend sei auch, bereits jetzt die wirtschaftspolitisch richtigen Weichen zu stellen. Im Idealfall sei eine schnelle und kräftige Erholung möglich. "Und wenn die Länder kooperieren, werden wir eine schnellere Erholung erleben, als wenn jedes Land für sich alleine agiert." Im Gegensatz zu den Folgen der Bankenkrise 2008/2009 sei diesmal nicht die Wirtschaft Anlass der Krise, sondern sie sei nur in Folge des Kampfes gegen das Virus spektakulär in Mitleidenschaft gezogen worden. Dies begründe die Hoffnung, dass sie sich auch schnell wieder fangen könnte, meinte der WTO-Chef.

Das optimistische Szenario gehe davon aus, dass sich die Wirtschaft nach einem Einbruch bereits in der zweiten Jahreshälfte wieder erhole, so die WTO. Ein Aufschwung sei umso wahrscheinlicher, je mehr Unternehmer und Verbraucher die Krise als genauso heftigen wie einmaligen Schock ansehen würden. Auf dieser Grundlage würden Investitionen und Konsumausgaben schnell wieder anziehen, sagte Azevedo. Sollte die Pandemie im laufenden Jahr unter Kontrolle gebracht werden, sei dann 20021 in den meisten Regionen mit mehr als 20 Prozent Wachstum zu rechnen. Allerdings seien die Unwägbarkeiten generell gewaltig.

Der Welthandel sei aufgrund der protektionistischen Tendenzen und des Handelsstreits zwischen China und den USA ohnehin nicht in bester Form gewesen, sagte Azevedo. Keinesfalls dürften weitere oder gar verschärfte Hürden für den Welthandel die Situation nun unnötig verschlimmern. Eine Lehre aus der Krise müsse auch sein, dass die Versorgungs- und Lieferketten auf breitere Beine gestellt werden müssten. "Wir brauchen mehr Mitspieler in der globalen Lieferkette", sagte Azevedo.

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