Corona-Krise: Putin hat erstmals die Kontrolle komplett verloren

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
13.05.2020 20:57  Aktualisiert: 13.05.2020 20:57
So stark wie in keinem anderem Land steigen in Russland die Corona-Infektionen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat offenbar erstmals die Kontrolle über seinen Herrschaftsbereich verloren. Sogar Putins Sprecher Dmitri Peskow, das wichtigste Sprachrohr des Kreml in der Krise, ist an Corona erkrankt. Doch auch die USA hat das Virus schwer getroffen.
Corona-Krise: Putin hat erstmals die Kontrolle komplett verloren
Russland, Moskau: Wladimir Putin, Präsident von Russland, wendet sich per Videokonferenz aus dem Anwesen Nowo-Ogarjowo in einer Fernsehansprache an die Nation. (Foto: dpa)
Foto: Alexei Nikolsky

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

So stark wie in keinem anderem Land steigen in Russland die Corona-Infektionen. Das flächenmäßig größte Land der Erde mit seinen rund 144 Millionen Einwohnern liegt inzwischen auf Platz zwei weltweit hinter den USA. Mehr als 10.000 neue Fälle kommen täglich hinzu. Und auch viele Russen fragen sich, wie die Zahlen trotz viel strengerer Maßnahmen als etwa in Deutschland so massiv steigen können. Zugleich verzeichnet das Riesenreich eine der niedrigsten Sterberaten – auf 242.271 Infektionen kamen laut Statistik vom Mittwoch gerade einmal 2.212 Todesfälle.

Wohl auch wegen der niedrigen Todesraten sprach Kremlchef Wladimir Putin zuletzt von einem insgesamt erfolgreichen Kurs in der Corona-Krise. Dennoch löste er Verwunderung aus, als er in dieser Woche zur Rückkehr an die Arbeitsplätze aufrief. Sechs Wochen Zwangsferien sind vorbei. Doch bei den Neuinfektionen gab es immer neue Rekorde. Sogar Regierungschef Michail Mischustin und Putins Sprecher Dmitri Peskow, das wichtigste Sprachrohr des Kreml in der Krise, sind an Corona erkrankt.

Putin habe womöglich doch entschieden, dass es wichtiger sei, die Wirtschaft zu retten, hieß es in Kommentaren. Vor allem Kremlgegner um den Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Nawalny, aber auch prominente Politologen und Wirtschaftsexperten stellen dem Präsidenten in der Krise kein gutes Zeugnis aus. Karikaturen zeigen den Kremlchef, wie er sich wegduckt in seiner Vorstadtresidenz Nowo-Ogarjowo und mit der Schatztruhe in der Hand bei den Hilfen für die Bürger geizt.

In dem Video "Wie Putin Russland mit dem Coronavirus angesteckt hat" kritisiert Nawalnys umstrittener Mitarbeiter Leonid Wolkow, dass Putin im März wertvolle Zeit vergeudet und bis heute keine Corona-Strategie habe. Seinen anfänglichen Vorsprung mit vergleichsweise wenigen Fällen habe Russland längst verspielt. Mit der Dauer der Einschränkungen gehe die Zahl der Infektionen - anders als etwa in Deutschland - steil nach oben, sagt er. Putin habe sich lieber mit der Verfassungsänderung samt dauerhafter Machtsicherung beschäftigt als mit dem rechtzeitigen Kampf gegen das Virus. "Der Fehler hat einen Namen, und er heißt Wladimir Putin." Der Präsident habe versagt. Dabei sollte bedacht werden, dass es sich bei Nawalny um einen nachweislichen Rechtsnationalisten handelt, der eine Gefahr für die Einheit Russlands darstellt.

Zwar gelten etwa in Moskau, der größten Stadt Europas, strenge Ausgangssperren. Kontaktverbote wie in Deutschland gab es aber zu keiner Zeit. Vor allem über die Maifeiertage trafen sich zuletzt viele Russen zum Grillen und Trinken. Mediziner beklagen einen Mangel an Disziplin bei den Menschen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schätzte die Zahl der tatsächlich Infizierten in Moskau auf 300.000. Trotzdem ließ er in dieser Woche wieder Hunderttausende Menschen zum Arbeiten auf die Baustellen und in die Industriebetriebe - mit Mundschutz und Handschuhen.

Dabei wehrte sich Moskaus Führung zuletzt gegen "Falschnachrichten", dass die Zahlen in Russland insgesamt, aber besonders die der Toten geschönt seien. Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa betonte, tatsächlich seien die Sterbezahlen knapp 87 Prozent niedriger als im weltweiten Vergleich. Gesundheitsminister Michail Muraschko sagte am Mittwoch vor Abgeordneten, dass in der Krise vielmehr auch die Zahl der Alkoholtoten in Russland wieder steige. Der Wodka-Absatz hatte zuletzt deutlich zugenommen.

Kritiker der offiziellen Zahlen hingegen sind weiter überzeugt: Wer sonst etwa bei den Wahlen fälsche, manipuliere auch medizinische Daten. Die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" analysierte für Moskau, dass die Sterberate hier im April mit 11 846 Todesfällen um rund 20 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre gelegen habe. In dem Blatt erklärt ein Arzt, dass lediglich klare Fälle mit der Todesursache Covid-19 in die Corona-Statistik kämen.

Wer mit dem Virus an einer Lungenentzündung oder an einem Herzinfarkt stirbt, fällt – anders als in anderen Ländern – aus der Statistik heraus. So war es auch bei Russlands erstem Corona-Todesfall – erst hieß es, eine 79-jährige Frau in Moskau sei an Covid-19 gestorben. Später ruderten die Behörden zurück und betonten, sie sei nicht an einer Lungenentzündung, sondern an einer Thrombose gestorben.

Die Leiterin der russischen Stelle der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Melita Vujnovic, sagt, dass es keine Hinweise auf Manipulationen von Daten bei den Behörden gebe. Aber das ändert nichts an der Hilflosigkeit Moskaus, die Pandemie einzudämmen.

In der Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" erklärte der Wissenschaftler Alexander Gil, dass die Risikogruppe der über 65-Jährigen schon seit Mitte März – viel länger als jüngere Bürger – in Moskau zur häuslichen Selbstisolation verpflichtet sei. Deshalb sei anders als in anderen Corona-Brennpunkten auf der Welt, wo vor allem ältere Menschen starben, die Todesrate in Russland eben insgesamt gering. Kremlchef Putin, der 67 Jahre alt ist, hatte die Senioren aufgerufen, dieses harte Regime noch eine Weile auszuhalten.


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Warum die Supermacht USA zum Hauptopfer der Corona-Pandemie geworden ist

In den USA wütet die Corona-Pandemie wie in keinem anderen Land der Welt. Sogar die armen Länder sind vergleichsweise gut durch die Krise...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Arktis: Russland will Nordseeroute in einen Transportkorridor verwandeln

Russland baut seine Pazifik-Flotte aus, um sich die Nordseeroute als Transportkorridor der Zukunft zu sichern. Wenn das Projekt gelingen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft US-Techfirmen verdrängen Chinas Unternehmen aus Indien

Die zunehmend anti-chinesische Stimmung in Indien bietet US-Unternehmen die Gelegenheit, Chinas Unternehmen aus dem indischen Markt zu...

DWN
Politik
Politik Chinesen besiedeln den Fernen Osten Russlands

China hat ein großes Interesse daran, die Rohstoffe im Fernen Osten Russlands zu erschließen. Daher siedeln sich immer mehr Chinesen dort...

DWN
Deutschland
Deutschland Wie die Wissenschaftler Roboter auf dem Mond per Smartphone fernsteuern

Das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) entwickelt gerade eine besondere Software, die für Aufsehen sorgen wird.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die Türkei produziert mehr Gold-Münzen als jedes andere Land

Im vergangenen Jahr hat die staatliche Münzprägeanstalt der Türkei deutlich mehr Goldmünzen produziert als jedes andere Land.

DWN
Politik
Politik Machtvolle Symbolik: US-Sanktionsdrohung trifft direkt Merkels Wahlkreis

Die Sanktionsdrohung aus den USA gegen den deutschen Ostseehafen Sassnitz-Mukran wegen der Gaspipeline Nord Stream 2 hat einen...

DWN
Technologie
Technologie Roboter sollen künftig aufgebrachte Kunden beruhigen

Viele Kunden benehmen sich beim Kontakt mit den Unternehmen alles andere als höflich, wenn sie nicht sofort bedient werden. Eine KI soll...

DWN
Deutschland
Deutschland Pandemie schiebt Logistikmarkt für E-Commerce nach vorne

Viele Branchen werden durch die Corona-Krise erschüttert. Es gibt nur ein paar, die sogar davon profitieren. Dazu gehört der E-Commerce.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Explosion im Hafen von Beirut ist ein Schlag gegen Chinas Seidenstraße

Der Hafen von Beirut sollte aus chinesischer Sicht eine wichtige Rolle beim Aufbau der Neuen Seidenstraße und beim Handel mit Europa...

DWN
Politik
Politik Am Sonntag Anti-Corona-Demo in Dortmund

Am Sonntag findet in Dortmund die nächste Anti-Corona-Demo statt. Angemeldet wurde sie von der Gruppe "Querdenken-231".

DWN
Deutschland
Deutschland Reiche wollen denkmalgeschützte Nazi-Bauten in Luxus-Oasen umbauen

In einem Hamburger Villenviertel wurde ein denkmalgeschützter NS-Bau zur Luxus-Wohnanlage umgebaut. Dafür gibt es Kritik von Experten....

DWN
Finanzen
Finanzen US-Aktien der Schweizer Notenbank springen auf Rekord-Stand

Die Schweizer Notenbank hat im zweiten Quartal weiter US-Aktien gekauft und hält nun einen Rekordwert von 118,3 Milliarden Dollar....

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Chinas Exporte ziehen an: Hoffnung auf Schub für Weltwirtschaft

Die Exporte Chinas sind zu Beginn des zweiten Halbjahres überraschend gestiegen und nähren Hoffnungen auf eine Belebung der...

celtra_fin_Interscroller