Politik

Russlands "leere Kühlschränke": Bringen sie Putins Macht ins Wanken?

Der russisch-französische Ökonom Sergej Guriev argumentiert, dass Putins Macht ins Wanken gerät.
30.06.2020 09:00
Lesezeit: 3 min
Russlands "leere Kühlschränke": Bringen sie Putins Macht ins Wanken?
Moskau: Der Dame auf dem Werbeplakat, die berühmte Eiskunstläuferin Anna Semenovich, geht es sehr gut. Die alte Frau vor dem Plakat dagegen ist bettelarm: Auf ihrem Pappschild bittet sie Passanten um Geld für Brot. (Foto: dpa) Foto: Sergei Chirikov

Das Medien-Netzwerk Project Syndicate hat den aus Russland stammenden und seit 2013 in Paris lebenden international anerkannten Ökonomen Sergej Guriev zur derzeitigen politischen Situation in Russland interviewt.

Project Syndicate: Im Dezember sagten Sie voraus, die Realität der „leeren Kühlschränke“ der russischen Normalbürger werde irgendwann „die ewig optimistischen Botschaften aus ihren Fernsehern und Computern zum Platzen bringen“ und die Grundfesten von Putins Informations-Autokratie würden „zu bröckeln anfangen“. Ist nun – nachdem Putins Zustimmungswerte aufgrund der COVID-19-Krise auf ein Allzeittief gefallen sind – die Stunde der Wahrheit gekommen?

Sergej Guriev: Putins niedrige Zustimmungswerte lassen für seine Führung tatsächlich nichts Gutes erwarten. Jüngst hat er verfügt, die Abstimmung über die Verfassungsreform – bei der es ihm in erster Linie darum geht, die Amtszeitbegrenzung aufzuheben und damit ab 2024 für zwei weitere sechsjährige Amtszeiten regieren zu können – auf den 1. Juli zu legen. Das zeigt, dass er sich der Gefahr sehr bewusst ist.

Putin hätte das Referendum auf den Wahltag im September verschieben können, an dem in Russland traditionell nationale und lokale Wahlen stattfinden. Aber dies hätte bedeutet, dass bei der Auszählung unabhängige Beobachter vor Ort gewesen wären. Durch ein neues Gesetz werden solche Beobachter für die Abstimmung über die Verfassungsänderungen am 1. Juli explizit ausgeschlossen.

Nochmal zur Erinnerung: Ursprünglich war die Abstimmung für den 22. April geplant gewesen, aber aufgrund steigender COVID-19-Infektionsraten musste sie verschoben werden. Russland hat den Ausbruch nämlich kaum unter Kontrolle: Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen und Todesfälle im Land bleibt weiterhin hoch. Aber, wie bereits gesagt: Die Russen werden trotzdem morgen zur Abstimmung schreiten.

Eins steht fest: Putin weiß, dass seine Chancen auf ein positives Ergebnis mit der Zeit sinken. Umfragen vom April zeigten, dass damals etwa die Hälfte der Wähler die Verfassungsreform ablehnte. Betrachtet man Putins Zustimmungswerte, ist dieser Anteil wahrscheinlich weiter gestiegen. Trotz seiner Kontrolle über die russischen Informationskanäle vertraut Putin nicht mehr darauf, dass er die Mehrheit seiner Bürger hinter sich hat.

Project Syndicate: Im Januar schrieben Sie, dass die kürzlich von Putin durchgeführten Verfassungsänderungen letztlich irrelevant seien, da sogar eine „dramatische Reform der politischen Institutionen keine Veränderung des politischen System Russlands bedeutet.“ Aber könnte sich dies ändern, wenn die öffentliche Unterstützung für Putin weiter abnimmt? Würden sich die Eliten von ihm abwenden?

Sergej Guriev: Das Putin-Regime ist in einer existenziellen Krise. Laut der Weltbank und der OECD soll das russische BIP 2020 um sechs bis acht Prozent sinken und erst 2023 auf das Niveau von 2019 zurückkehren. Und die Ölpreise haben sich zwar etwas erholt, aber auch sie werden ihren Stand von 2019 so bald nicht wieder erreichen.

Darüber hinaus hat Putins zögerliche Reaktion auf die COVID-Krise seinem Image als starker Mann, das für seine Unterstützung durch die Öffentlichkeit und die Eliten wichtig ist, erheblich geschadet. Russlands handverlesene Eliten deshalb loyal gegenüber Putin, weil sie glauben, ihre Macht und Privilegien hingen von ihm ab. Gehen seine Zustimmungswerte zu stark zurück, könnten sie anfangen zu glauben, er sei eher eine Belastung als eine Hilfe.

Trotzdem ist sehr schwer vorherzusagen, wann und wie ein Regimewechsel stattfinden könnte. Tief verwurzelte, aber zerbrechliche Regimes wie das von Putin, können über Nacht zusammenbrechen, aber sie können auch noch Jahrzehnte überleben.

Project Syndicate: Einige politische Beobachter sagen, Putin habe die anhaltenden Unruhen in den USA als Teil seiner langfristigen Bemühungen genutzt, die westlichen Regierungen zu diskreditieren. Dieser Ansatz habe ihm in der Vergangenheit geholfen, die Unterstützung der Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Aber wie effektiv ist er in einer Zeit, in der die Russen unter einer schrumpfenden Wirtschaft, niedrigen Ölpreisen und der raschen Verbreitung eines Virus leiden?

Sergej Guriev: Russlands Apparat ist immer darauf erpicht, sich auf ein Problem im Westen – und insbesondere in den USA – zu stürzen. Die russischen Staatsmedien schlachten jeden Bericht über politische Gewalt, plündernde Demonstranten und die Twitter-„Zensur“ von Präsident Donald Trump aus. Solche Nachrichten erinnern an die alte sowjetische Logik des „Whataboutismus“ (Argumentationstechnik, um von unliebsamer Kritik abzulenken – Anm. d. Red.): Die russischen Lebensumstände und Politiker seien zwar nicht perfekt, aber die Alternative sei auch nicht sehr attraktiv.

.Sergej Guriev war von 2016 bis 2019 Chef-Volkswirt der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“ (EBWE) und ist derzeit Professor an der Elite-Universität „Institut für Politische Studien Paris“ (geteilter zweiter Rang auf der Liste der weltbesten Hochschulen für Politik und Internationale Studien).

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Fertigungssektor verzeichnet historischen Höchststand bei Auftragsreserven
17.09.2026

Der krisenerschütterte Industriesektor blickt dank prall gefüllter Orderbücher optimistischer auf eine mögliche Überwindung der...