Politik

Ordnungsmacht oder Aggressor? Wie ihre geografische Lage die Türkei in ein politisches Dilemma zwingt

Lesezeit: 5 min
31.10.2020 09:38
In der sechsten Folge der großen geopolitischen DWN-Serie analysiert Moritz Enders, in welchem Dilemma sich die Türkei befindet - und zwischen welchen Optionen sie sich entscheiden muss.
Ordnungsmacht oder Aggressor? Wie ihre geografische Lage die Türkei in ein politisches Dilemma zwingt
Aus geopolitischer Sicht ist die Lage der Türkei als Drehscheibe zwischen Asien und Europa äußerst komplex. Sie bietet viele Chancen - hält aber auch eine ganze Reihe von Fallstricken bereit. (Quelle: DWN/Google Maps)

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Die Türkei grenzt im Norden an das Schwarze Meer, im Westen an die Ägäis und im Süden an das Mittelmeer. Der Ostteil des Landes (mit den Grenzen zu Georgien, Armenien, Aserbaidschan und Iran) ist gebirgig, liegt aber strategisch günstig, um sich als Energiehub und Transitland für Öl- und Gas-Pipelines aus dem Kaspischen Meer zu etablieren. Darüber hinaus ist das Land reich an Wasser und kontrolliert zudem die Quellgebiete des Euphrat und des Tigris. Aufgrund all dieser Faktoren erfüllt die Türkei die geographischen Voraussetzungen, um sich als Ordnungsmacht im östlichen Mittelmeer zu etablieren. Hierfür muss die Türkei aber den Ausgleich mit den großen Mächten suchen: Russland, USA und China. Eine Analyse.

Das Schwarze Meer

Bulgarien, Rumänien, die Ukraine und Georgien sind ebenfalls Anrainer des Schwarzen Meeres, doch die entscheidenden Mächte, deren rivalisierende Interessen hier aufeinanderprallen, sind die Russische Föderation und die Türkei. Seit Katharina die Große im 18. Jahrhundert die Krim erobern ließ, hält Russland an den nördlichen Gestaden des Binnenmeeres ein strategisches Faustpfand in der Hand: Mit der Halbinsel kontrolliert es nämlich die Straße von Kertsch und damit den Zugang zum Asowschen Meer, während seine Schwarzmeerflotte nach wie vor vom Warmwasserhafen Sewastopol aus operieren kann. Um von dort ins Mittelmeer zu gelangen, was derzeit unter anderem wegen des Syrien-Konflikts wichtig ist, müssen russische Schiffe den Bosporus und das Marmarameer passieren. Folgerichtig waren diese Meerengen für lange Zeit ein strategisches Ziel der russischen Zaren. Erreicht haben sie es nie.

Der Kaukasus

Die Kaukasus-Region birgt weiteres Konfliktpotential zwischen der Türkei und der Russischen Föderation. Das teilweise islamisch geprägte Gebiet stellt für Russland einen militärisch-strategischen Sperrriegel gegen Angriffe auf seine südliche Flanke dar, während sich die Türkei als Energiehub, auch für Kohlewasserstoffe aus dem Kaspischen Meer, etablieren möchte. Hierbei spielen die Ressourcen Aserbaidschans für die Türkei eine herausragende Rolle, während Armenien – ein strategischer Partner Russlands und gewissermaßen sein Vorposten südlich des Kaukasus – zwischen der Türkei und Aserbaidschan liegt und zu keinem von beiden freundschaftliche Beziehungen unterhält. Sollte der aktuelle Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien weiter eskalieren, besteht die Gefahr, dass auch Russland und das Nato-Mitglied Türkei in diesen hineingezogen werden.

Faustpfand Wasser

Einen weiteren geostrategischen Trumpf der Türkei stellt ihr Wasserreichtum dar. Über Staudämme kann das Land die Wasserzufuhr des Euphrat und des Tigris regulieren – beide Flüsse sind für die Landwirtschaft des Irak mit seiner schnell wachsenden Bevölkerung essentiell. Hier kann die Türkei also auf seinen südöstlichen Nachbarn Druck ausüben, allerdings nur, solange die von Kurden besiedelten Gebiete der Türkei befriedet bleiben. Vor diesem Hintergrund ist auch das Eingreifen in den Krieg um Syrien zu sehen: Die Türkei zielte darauf ab, eine Stärkung der kurdischen Position in den grenznahen Gebieten seines südlichen Anrainers zu verhindern.

Zentralasien

Die zentralasiatischen Republiken Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgisien sind überwiegend von Turkvölkern besiedelt und islamisch geprägt. Sie sind aber auch seit jeher Teil des sogenannten „Great Game“, das im 19. Jahrhundert zwischen Russland und Großbritannien ausgetragen wurde, weil die russischen Eroberungen zentralasiatischer Khanate (von einem Khan regierte Staatsgebilde) den Griff des Zarenreiches nach Indien, dem britischen „Kronjuwel“, denkbar erschienen ließen. Der Begriff „Great Game“ wurde durch Rudyard Kiplings Roman „Kim“ bekannt und prägte seitdem, in unterschiedlichen Nuancen, das geostrategische Denken von Halford Mackinder bis Zbigniew Brzeziński. Noch heute spielen die innerasiatischen Republiken eine zentrale Rolle auf dem Schachbrett der Macht, weil sich hier die geostrategischen Interessen Russlands, Chinas und in gewissem Maße auch Amerikas kreuzen, das am südlichen Rand des Gebietes, in Afghanistan, militärisch präsent ist. Für die Türkei hingegen erscheinen die zentralasiatischen Staaten zu weit abgelegen, als dass sie ihre Einflusssphäre bis dorthin erfolgreich ausdehnen könnte. Auf der anderen Seite könnte die Türkei als Drehscheibe zwischen Ost und West in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, nämlich dann, wenn das chinesische Projekt der „Neuen Seidenstraße“ ein Erfolg werden sollte. Hierfür wären stabile politische Verhältnisse in Zentralasien eine Voraussetzung. In der Abwägung all dieser Faktoren dürfte die Türkei eine Verständigung mit China suchen und das Reich der Mitte nicht durch eigene Machtansprüche in Zentralasien herausfordern.

NATO und EU

Das wirtschaftliche Herz der Türkei schlägt im Großraum Istanbul, der teilweise in Europa liegt. Eine Aufnahme des Landes in die EU wird seit Jahrzehnten diskutiert, ist jedoch bislang nicht erfolgt und erscheint heute zweifelhafter denn je. Dabei spielt eine dauerhafte Anbindung des Nato-Mitgliedes an das westliche Lager eine wesentliche Rolle in den strategischen Planungen der USA, die unter anderem den Luftwaffenstützpunkt Incirlik als Drehkreuz für ihre Interventionen im Nahen und Mittleren Osten nutzen. Aber bereits 1959 hatten die Amerikaner in der Türkei nuklear bestückte Mittelstreckenraketen stationiert, die gegen die damalige UDSSR gerichtet waren. Dies kann als einer der wesentlichen Gründe für die Kubakrise von 1962 betrachtet werden. Ein Ausscheren der Türkei aus der Nato ist zudem vor dem Hintergrund des vor sich hin schwelenden Konfliktes des Landes mit Griechenland, in den gegebenenfalls auch Frankreich hineingezogen werden könnte, unwahrscheinlich.

Der Mittelmeer-Konflikt

Griechenland hat die Hoheit über die meisten Inseln der Ägäis, auch über solche, die dem anatolischen Festland direkt vorgelagert sind. Hier kollidieren die maritimen Interessen der Türkei mit denen ihres hellenischen Nachbarn. Verschärft wird der Konflikt zwischen den beiden Ländern durch Erdgas-Funde im Levantinischen Becken südlich der – auch militär-strategisch wichtigen – Insel Zypern. Bei Vereinbarungen über die Ausbeutung dieser Ressourcen wurden Griechenland, die Republik Zypern und Israel beteiligt, die Türkei wurde außen vorgelassen. Inzwischen hat sich eine lockere informelle Allianz bestehend aus Griechenland, Frankreich, Israel und Ägypten gebildet, die gegen die Energie-Interessen der Türkei im östlichen Mittelmeer gerichtet ist. Als einziger strategischer Partner der Türkei im gesamten Mittelmeerraum verbleibt nunmehr nur die libysche Regierung in Tripolis. Aber auch hier kreuzen sich die Interessen der Türkei mit denen Frankreichs, das auf einen Erfolg des libyschen Generals Chalifa Haftar setzt. Zudem könnte ein verstärktes türkisches Engagement in Libyen auch Ägypten herausfordern und die Türkei diplomatisch weiter isolieren.

Was bringt die Zukunft?

Die geographische Lage der Türkei begünstigt also einerseits den Aufstieg des Landes zur Ordnungsmacht im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten, erzwingt aber andererseits, vor allem aufgrund der seerechtlichen Lage in der Ägäis und den kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen an seiner südöstlichen Flanke, eine offensive Außenpolitik. Dies ist das geostrategische Dilemma des Landes. Präsident Erdogan wird langfristig einen Ausgleich mit den Großmächten, vor allem mit Russland und den USA, sowie mit seinen Nachbarn suchen müssen. Momentan droht er sein Blatt zu überreizen, da die wirtschaftlichen Ressourcen seines Landes nicht ausreichen dürften, mehrere Konflikte gleichzeitig auszutragen. Die Zukunft der Türkei dürfte (und sollte) vielmehr die einer Drehscheibe zwischen West und Ost sein, für die ein friedliches Umfeld Voraussetzung ist.

Lesen Sie auch die bisher erschienenen Artikel unserer Serie:

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