Deutschland

Die Verbraucherpreise werden in einigen Bereichen spürbar steigen

Die Corona-Krise hatte den Anstieg der Verbraucherpreise im Jahr 2020 gebremst. Zeitweise war die Inflationsrate sogar negativ. Doch im aktuellen Jahr muss sich die Öffentlichkeit auf höhere Verbraucherpreise in bestimmten Bereichen einstellen.
01.02.2021 16:32
Lesezeit: 2 min

Die Mehrwertsteuer ist seit Jahresbeginn wieder auf altem Niveau, für Verkehr und Heizen wird zudem eine CO2-Abgabe fällig. Müssen sich die Menschen in Deutschland nach der Mini-Inflation von 0,5 Prozent im abgelaufenen Jahr jetzt auf flächendeckend steigende Preise einstellen?

Wie wird sich die Inflation 2021 entwickeln?

Volkswirte rechnen mit einem eher moderaten Anstieg. Als Gründe nennen Ökonomen der Deutschen Bank unter anderem die Rezession sowie die Lohn- und Kaufzurückhaltung. Sie erwarten vor allem wegen höherer Energiepreise, aber auch wegen der Rückkehr der Mehrwertsteuersätze auf das alte Niveau von 7 beziehungsweise 19 Prozent einen Anstieg der Verbraucherpreise im Gesamtjahr um 1,4 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet mit einer Jahresinflationsrate von 1,6 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwartet 2,6 Prozent.

Wie wird die Inflationsrate berechnet?

Statistische Landesämter und Wiesbadener Bundesamt erfassen monatlich mehr als 300 000 Einzelpreise von Waren und Dienstleistungen repräsentativ nach einem stets gleichen Schema. Erhoben werden die Preise von rund 600 Güterarten, die den sogenannten Warenkorb bilden. Auf dieser Grundlage berechnen die Statistiker die Entwicklung der Teuerung. Etwa 70 Prozent der im Warenkorb enthaltenen Güter und Dienstleistungen fallen unter die Mehrwertsteuerpflicht. Ausgenommen davon sind unter anderem Nettokaltmieten.

Wo werden Verbraucher vor allem steigende Preise zu spüren bekommen?

Teurer werden dürften vor allem Heizöl und Erdgas, Autofahrer werden es zudem an der Tankstelle merken. Hierbei schlägt nicht nur die Rückkehr zu den alten Mehrwertsteuersätzen durch, sondern auch die CO2-Abgabe von 25 Euro je Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Diesel und Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Beide Maßnahmen zusammen belasten den Spritpreis nach Berechnungen des Mineralölwirtschaftsverbandes mit 10 bis 11 Cent je Liter. Wie viel davon der Kunde zahlen muss, entscheide sich im Wettbewerb.

Wird der tägliche Einkauf jetzt teurer?

Der Handelsverband HDE rechnet nicht damit, dass die Preise flächendeckend anziehen. Dazu sei der Wettbewerb zu groß und die Kunden zu preissensibel. Auch Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, erwartet keine Preiserhöhungswelle: „Die wieder höhere Mehrwertsteuer wird teilweise durch Rabattaktionen in Drogeriemärkten und im Lebensmittelhandel kompensiert.“ Bei Geschäften, die derzeit nicht öffnen dürfen, seien zudem die Lager voll. „Der Druck ist hoch und der Preis ist immer ein Argument, um Verbraucher zum Kaufen zu bewegen“, sagt Gerling. „Wettbewerb und Konsumstimmung sind nicht so, dass große Preiserhöhungen drin sind.“

Haben Verbraucher von der Mehrwertsteuersenkung überhaupt profitiert?

Um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise abzufedern und den Konsum anzukurbeln, hatte die Bundesregierung den Mehrwertsteuersatz vom 1. Juli 2020 an für ein halbes Jahr verringert: von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise von 7 auf 5 Prozent. Händlern und Dienstleistern stand es frei, ob und wie sie dies an Verbraucher weitergeben. Der Bundesbank zufolge profitierten die Menschen vor allem bei Lebensmitteln und Industriegütern von der Steuersenkung.

Was hat die Verringerung der Steuersätze für die Konjunktur gebracht?

Nach Einschätzung des Ifo-Instituts kaum etwas. Erklärtes Ziel der Bundesregierung sei gewesen, die Bürger zu größeren Anschaffungen zu bewegen. „Dieses ist nicht erreicht worden, wie zwei Umfragen nahelegen“, argumentieren die Wirtschaftsforscher. Die Senkung der Mehrwertsteuer habe 6,3 Milliarden Euro an zusätzlichem Konsum gebracht. Der geschätzte Steuerausfall betrage hingegen 20 Milliarden Euro. Auch aus Sicht des Handels haben die geringeren Steuersätze relativ wenig gebracht. „Die Maßnahme hat den Handel insgesamt nicht belebt, aber viel Aufwand verursacht“, sagt EHI-Vertreter Gerling.

Welche Folgen hat die steigende Staatsverschuldung?

Milliardenschwere Hilfspakete und sinkende Steuereinnahmen in der Corona-Krise belasten die öffentlichen Haushalte. Ökonomen der Deutschen Bank schließen daher nicht aus, dass die Preise für manche Leistungen der öffentlichen Hand bald steigen könnten: „Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es bereits in schlechten finanziellen Zeiten zu teils kräftigen Anstiegen bei den administrierten Preisen gekommen ist.“ Teurer werden könnten zum Beispiel Müllabfuhr, Wasserversorgung und -entsorgung, Museums- oder Theaterbesuche. Verwaltungs- oder Kindergartengebühren könnten ebenfalls steigen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie fällt trotz starker Quartalszahlen – und dreht dann ins Plus: Die Gründe für die Achterbahnfahrt
26.08.2026

Nvidia hat die hohen Erwartungen der Wall Street erneut übertroffen. Dennoch geriet die Nvidia-Aktie nachbörslich unter Druck. Steigende...

DWN
Finanzen
Finanzen Salesforce-Aktie steigt: KI treibt Wachstum, Salesforce-Zahlen überzeugen die Investoren
26.08.2026

Künstliche Intelligenz entwickelt sich für Salesforce zunehmend zum Wachstumsmotor. Nach einem starken Quartal hebt der Softwarekonzern...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Konjunkturdaten versetzen Anleger wegen Zinserhöhung bis Jahresende in Alarmbereitschaft
26.08.2026

Zinsängste belasten die Märkte – doch spannende Entwicklungen bei Tech-Giganten und Einzelwerten sorgen für Überraschungen.

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose 2027: Bärenmarkt beendet oder ist der Absturz nur vertagt?
26.08.2026

Der Bitcoin-Kurs ist nach monatelanger Schwäche nach oben geschossen und hat eine der wichtigsten technischen Marken durchbrochen. Vieles...

DWN
Finanzen
Finanzen Ökonomen halten KI-Crash für wahrscheinlich: Wo Anleger am Markt Schutz suchen können
26.08.2026

Es wird immer schwieriger, ein Portfolio gegen KI zu diversifizieren, sagen Experten. Sie erklären, wie man sich am besten gegen...

DWN
Politik
Politik „Europa ist schwach“: Patrick Collison und Mario Draghi schließen sich mit neuem Think Tank zusammen – Polen ist nicht dabei
26.08.2026

Stripe-Mitgründer Patrick Collison und der frühere EZB-Präsident Mario Draghi wollen Europas wirtschaftliche Schwäche bekämpfen. Mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exklusiv-Interview zu Freyja: Fire-Point-Chefin erklärt die Patriot-Alternative aus der Ukraine
26.08.2026

Nach dem ersten DWN-Bericht über Freyja spricht Fire-Point-Chefin Iryna Terekh nun exklusiv über das ukrainische Rüstungsprojekt. Mit...

DWN
Politik
Politik Sozialhilfe-Ausgaben explodieren: Pflegekosten wachsen stärker als Grundsicherung
26.08.2026

Die Ausgaben für Sozialhilfe sind 2025 in Deutschland um 6,1 Prozent gestiegen. Besonders stark legten die Kosten für die Hilfe zur...