Deutschland

Einige Bundesländer wollen harten Merkel-Kurs nicht mitgehen

Nach der deutlichen Kritik von Kanzlerin Angela Merkel am Corona-Management mehrerer Bundesländer sehen diese keinen Grund dafür, ihr Vorgehen deswegen zu ändern. Andere Länder wollen den härteren Kurs von Merkel hingegen mitgehen.
29.03.2021 17:58
Lesezeit: 2 min
Einige Bundesländer wollen harten Merkel-Kurs nicht mitgehen
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller verwahrt sich gegen das "Länder-Bashing" durch die Bundeskanzlerin. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

"Jeder will, dass die Infektionszahlen runtergehen, und jeder hat für sein Land entsprechende Maßnahmen gemacht", sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Montag in Berlin. Der CDU-Chef räumte allerdings ein, diese Maßnahmen seien "sehr unterschiedlich". Der Ministerpräsident des Saarlands, Tobias Hans (CDU), kündigte an, an seinem Modellprojekt für Lockerungen durch massenhaftes Testen festzuhalten.

Merkel hatte am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will" starken Druck auf die Länder ausgeübt, um diese zur Umsetzung der Notbremse und schärferer Maßnahmen gegen die dritte Infektionswelle zu bewegen. Modellprojekten mit Öffnungen erteilte sie eine klare Absage - und deutete an, notfalls könne der Bund tätig werden, wenn die Länder nicht handelten.

Eine Möglichkeit sind laut Merkel präzisere Vorgaben im Infektionsschutzgesetz. Diese müssten allerdings Bundestag und Bundesrat beschließen. Bislang ist die nächste Sitzung des Bundestags für Mitte April geplant.

In derselben Woche wollen die Länderchefs erneut mit Merkel über die Pandemie beraten - nach Vorstellung von Laschet in kleiner Runde und im Kanzleramt statt online. Derzeit gebe es keine Pläne, die Beratungen vorzuziehen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Stattdessen sei es jetzt nötig, dass die Länder das Versprochene auch umsetzten.

Bund und Länder hatten vereinbart, dass bereits umgesetzte Lockerungen der Corona-Regeln wieder zurückgenommen werden, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz in einem Land oder einer Region drei Tage lang bei mehr als 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in einer Woche liegt. Das betrifft Öffnungen des Einzelhandels, von Museen, Zoos oder Sportanlagen. Die Länder hatten diese "Notbremse" jedoch unterschiedlich konsequent umgesetzt.

Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD), wies Merkels Kritik zurück. "Ich glaube nicht, dass es klug ist, aus dem Kanzleramt heraus jetzt ein Länder-Bashing zu betreiben, denn wir haben alle gemeinsam eine große Aufgabe zu bewältigen und haben auch schon viel gemeinsam erreicht", sagte er in der "Tagesschau". Merkel hatte das Berliner Konzept zu Einkaufsmöglichkeiten unter Vorlage eines negativen Corona-Tests und schärferer Maskenpflicht konkret kritisiert.

Hans betonte, auch im Saarland würden Testauflagen an die Stelle von Beschränkungen gesetzt. Damit bringe man die Menschen dazu, im Freien getestet zusammenzukommen statt im Verborgenen ohne Tests und Maßnahmen. "Wir werden diese Strategie weiterverfolgen", kündigte er an. Zugleich setze er weiter darauf, dass die Länder zusammen mit der Bundesregierung Entscheidungen treffen.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann verteidigte ebenfalls geplante Öffnungen in rund 25 Modellkommunen. "Ich befürchte, wir werden mit einem gewissen Infektionsgeschehen in Deutschland leben müssen. Deshalb sind solche Modellversuche, wie ich finde, nicht unvorsichtig oder gar leichtsinnig", sagte der CDU-Politiker dem Radiosender NDR Info. Niedersachsen will Öffnungen von Geschäften, Außengastronomie, Theatern, Kinos und Fitnessstudios an Schnelltests koppeln. Voraussetzung ist eine stabile Sieben-Tage-Inzidenz von nicht über 200.

Andere Länder deuteten an, den härteren Kurs von Merkel mitgehen zu wollen. So sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in den ARD-"Tagesthemen", er könne sich mehr Kompetenzen in Bundeshand vorstellen, die die Länder zu klaren Regeln zwängen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) forderte den Bund zum Handeln auf. "Man kann es im Infektionsschutzgesetz festlegen - ist mir auch recht - Hauptsache, es ist ein einheitlicher Rahmen", sagte er der dpa. Es gehe darum, endlich etwas zu tun statt zu reden.

Im Bundestag kamen Merkels Pläne unterschiedlich gut an. Die Grünen betonten, für eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes könne Merkel auf sie zählen. Parteichefin Annalena Baerbock forderte strengere Test-Vorgaben für Arbeitgeber und eine bundesweite Anwendung der Notbremse. FDP-Chef Christian Lindner forderte Merkel auf, mögliche Pläne für eine Gesetzesverschärfung zu konkretisieren. Flächendeckende nächtliche Ausgangssperren lehnte er genau wie die Linke klar ab.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warf der Union vor, der Bekämpfung der Corona-Pandemie im Weg zu stehen. "CDU und CSU wirken komplett kopf- und führungslos", sagte er. Kanzlerin Merkel habe Laschet mit ihrer Kritik in einer sehr kritischen Phase der Pandemie öffentlich angezählt. "Wir haben in diesem Land gerade keine Zeit für das Chaos in der Union", betonte Klingbeil.

Laschet dagegen kritisierte, die SPD versuche die Pandemie parteipolitisch zu nutzen. "Und es hilft uns auch nicht weiter, wenn Bund und Länder sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben. Und es hilft erst recht nicht weiter, wenn Ministerpräsidenten über andere Länder und über andere Kolleginnen und Kollegen urteilen. Es darf nicht zum allgemeinen Ton werden, anderen Ministerpräsidenten ihre Infektionszahlen oder gar Todeszahlen vorzuhalten", betonte er.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Tech-Aktien unter Druck trotz Hoffnungen auf US-Iran-Friedensabkommen
22.06.2026

Spannungen an den Weltmärkten: Welche Entwicklungen Sie jetzt im Auge behalten müssen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Infrastruktur-Finanzierung: Bauindustrie fordert neue Debatte über Pkw-Maut
22.06.2026

Die deutsche Bauindustrie schlägt zur dauerhaften Sanierung des Verkehrsnetzes die Einführung einer Pkw-Maut vor. Durch den Wechsel von...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg wird für Netanyahu zur politischen Falle
22.06.2026

Benjamin Netanyahu drängte Donald Trump zum Krieg gegen Iran. Doch nun droht ausgerechnet dieser Iran-Krieg den israelischen Premier...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Fast 400 Jahre Biergeschichte – Brauerei Wolters beantragt Insolvenz
22.06.2026

Die Insolvenz reiht sich in einen bundesweiten Markttrend ein: Anhaltende Absatzschwäche und gestiegene Rohstoff- und Energiekosten machen...

DWN
Politik
Politik Schläge, Mobbing, Übergriffe: Zunehmende Gewalt an deutschen Schulen
22.06.2026

Gewalt an staatlichen Schulen ist in Deutschland trauriger Alltag für viele Schüler und Lehrer. Wie verbreitet Übergriffe, Mobbing und...

DWN
Politik
Politik AfD: Parteigründer Lucke fordert AfD-Grundsatzbeschluss
22.06.2026

Der frühere Vorsitzende Bernd Lucke kritisiert den Umgang mit seiner ehemaligen Partei - fordert aber auch einen großen Schritt der AfD....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsbedingte Kündigung wegen Stellenabbau: Die wichtigsten Fakten
22.06.2026

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage erleben viele deutsche Arbeitnehmer derzeit eine Kündigungswelle. Häufig begründen...

DWN
Politik
Politik Kliniksterben: Marienhospital insolvent - Jede zweite Klinik vorm Aus
22.06.2026

Marienhospital in Stuttgart vorm Aus: So könnte es jeder zweiten Klinik im Land ergehen. Was der Chef des Krankenhausverbands zur...