Finanzen

Renditekurve: Warum dieser einfache Indikator eine Rezession vorhersagt

Seit vielen Jahrzehnten ist ist die Renditekurve ein extrem zuverlässiger Vorbote für Rezessionen. Denn dahinter steckt nichts anderes als die Manipulation von Geldmenge und Zinsen.
14.04.2021 07:00
Lesezeit: 3 min

Mit der "Renditekurve" ist eine Art von Diagramm gemeint, das die Differenz (oder den "Spread") der Renditen zwischen Anleihen verschiedener Laufzeiten darstellt. Normalerweise erhalten Anleger höhere Renditen, wenn sie in Anleihen mit längeren Laufzeiten investieren. Doch mitunter ist es auch umgedreht und Anleihen mit kürzeren Laufzeiten weisen höhere Renditen auf. Dann spricht man von einer "invertierten Renditekurve", die in den letzten fünfzig Jahren stets ein verlässlicher Indikator für eine kommende Rezession gewesen ist.

Unter Investoren und Finanzanalysten war die "invertierte Renditekurve" zuletzt im Sommer 2019 ein großes Thema. Damals fiel Differenz zwischen den Renditen von zehnjährigen und dreimonatigen US-Staatsanleihen in den negativen Bereich. Mit anderen Worten, Investoren erhielten mehr Rendite für die dreimonatigen Anleihen als für die zehnjährigen. Die Zeichen standen also bereits 2019 auf Rezession, bevor dann im letzten Jahr als Folge der Corona-Lockdowns weltweit die Bruttoinlandsprodukte tatsächlich massiv einbrachen.

Auch bei den acht vorhergehenden Rezessionen seit dem Abschwung, der im Dezember 1969 begann, ging die Inversion der Renditekurve der Rezession immer um etwa ein Jahr voraus. Und dieser Indikator ist extrem zuverlässig, so der Ökonom Robert P. Murphy. Denn immer wenn eine Inversion der Renditekurve auftrat, dann folgte auch tatsächlich eine Rezession. Das folgende Diagramm veranschaulicht diese scheinbare Vorhersagekraft der gängigsten Renditekurve, auch wenn es nur bis in die frühen 1980er Jahre zurückreicht.

Wie bereits gesagt befindet sich die Renditekurve normalerweise im positiven Bereich, da die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen in der Regel höher sind als die Renditen von dreimonatigen Staatsanleihen. Doch von Zeit zu Zeit kehrt sich die Renditekurve um und der Graph im obigen Diagramm sinkt unter die 0-Schwelle. Immer wenn dies in den letzten Jahrzehnten geschah, geriet die Wirtschaft wenig später in eine Rezession. Rezessionen sind in der Grafik durch die grauen Balken gekennzeichnet.

Was passiert im Vorfeld einer Rezession?

Die scheinbare Vorhersagekraft der Renditekurve erklärt sich, wenn man genauer schaut, warum eigentlich die Renditekurve im Vorfeld einer Rezession regelmäßig in den negativen Bereich abfällt. Und zwar liegt dies nicht etwa daran, dass die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen plötzlich stark abfallen würden, sondern vielmehr daran, dass die Renditen der kurzläufigen Staatsanleihen plötzlich stark ansteigen. Dies ist in der folgenden Grafik verdeutlicht, in der die Dreimonatsrendite (schwarz) im Vorfeld von Rezessionen immer stark ansteigt.

Das plötzliche schnelle Ansteigen der Dreimonatsrenditen markiert das Ende einer Phase der lockeren Geldpolitik. Die von der Zentralbank niedrig gehaltenen Zinsen bewirken, solange sie niedrig gehalten werden, einen wirtschaftlichen Boom. Doch der Boom ist nicht nachhaltig und erreicht sein unvermeidliches Ende, sobald die Zentralbanken irgendwann ihre Geldpolitik wieder straffen und die Banken wieder weniger Kredite vergeben. Dieser unvermeidliche Umschwung zu einer wieder strafferen Geldpolitik wirkt sich viel stärker auf die kurzfristigen Zinssätze aus.

Der Ökonom Robert P. Murphy erklärt es so: "Wenn die Geldmenge mit einer hohen Rate wächst, befinden wir uns in einer 'Boom'-Phase und die Renditekurve ist 'normal', d.h. die Rendite für lange Anleihen ist viel höher als für kurze Anleihen. Wenn aber das Bankensystem schrumpft und das Geldmengenwachstum sich verlangsamt, dann flacht die Zinskurve ab oder kehrt sich sogar um. Es ist nicht überraschend, dass die Wirtschaft bald in eine Rezession gerät, wenn die Banken bei der Geldschöpfung 'auf die Bremse treten'."

Nachdem die Renditekurve im Jahr 2019 vorübergehend sogar mehr als ein halbes Prozent im negativen Bereich gelegen hatte, stiegt sie wieder in den positiven Bereich, verzeichnete dann aber im vergangenen Jahr erneut eine kurze Phase, in der sie schwach negativ war. Seitdem ist der Spread zwischen zehnjähriger und dreimonatiger wieder deutlich im "normalen" Bereich, aktuell sind es 1,67 Prozent. Dies ist offenbar eine Folge der extrem lockeren Geldpolitik der Federal Reserve im Rahmen der Corona-Rezession.

Wie in jeder der letzten Rezessionen haben die Zentralbanken darauf mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik reagiert. Doch nie war die Geldpolitik so locker wie heute. Nie wurde so viel Geld gedruckt, nie waren die Zinsen so niedrig. Der Spielraum für die Notenbanker ist so eng wie nie zuvor. Wenn sie die extrem lockere Geldpolitik beibehalten, so führt dies aufgrund der schieren Größe der Eingriffe in ein neues Finanzsystem. Wenn sie ihre Geldpolitik hingegen auch nur ein wenig straffen, so kehrt sich die Renditekurve um und es droht eine neue Rezession.

Mehr zum Thema:

Finanz-Insider: Zentralbanken sind machtlos gegen geopolitische Risiken

Federal Reserve sendet erstmals seit Langem zarte Signale für Zinserhöhung aus

Schuldenaufnahme in der Eurozone erreicht neue Rekordhöhen

Mythos MMT: Eine Theorie verspricht das finanzpolitische Paradies - führt aber zu Arbeitslosigkeit und Hyperinflation

Mehr zum Thema
article:fokus_txt

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Drei Mächte, ein Krisengebiet: Neue Verhandlungen über den Donbass
23.01.2026

Nach langer Funkstille nehmen die Ukraine und Russland erstmals wieder direkte Gespräche auf – unter Beteiligung der USA. Im Zentrum...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt
23.01.2026

Daten gelten als Treibstoff der Industrie 4.0 – doch in vielen Fabriken bleiben sie ungenutzt. Das Start-up United Manufacturing Hub will...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Nach Allzeithoch nimmt Gold 5.000 Dollar in den Blick – Silberpreis kratzt an 100 Dollar
23.01.2026

Nach dem Goldpreis-Rekordhoch im frühen Donnerstagshandel oberhalb der Marke von 4.900 Dollar geht die Aufwärtsrallye des gelben...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autonomes Fahren: Musk sieht zeitnahe Fortschritte bei der EU-Genehmigung
23.01.2026

Globale Machtverschiebungen und technologische Umbrüche verdichten sich derzeit spürbar. Welche Folgen ergeben sich daraus für Europas...

DWN
Politik
Politik Grönlands Ressourcen: NATO und USA sprechen über Zugriff auf seltene Erden
23.01.2026

Die strategische Bedeutung Grönlands rückt stärker in den Fokus westlicher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Welche Folgen hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zalando-Aktie: Osten ringt um Erfurter Logistikzentrum – Ramelow setzt auf Rettung
23.01.2026

Thüringens Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht die Zukunft des von Schließung bedrohten Zalando-Standorts in Erfurt mit 2.700...

DWN
Politik
Politik Kriegstüchtigkeit in Europa: Deutschland und Italien stärken Rüstungspartnerschaft
23.01.2026

Kanzler Merz und Ministerpräsidentin Meloni bauen die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien in den Bereichen Rüstung,...

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktie fällt vorbörslich stark - von Lieferengpässen ausgebremst
23.01.2026

Intel kämpft auf seinem Sanierungskurs weiterhin mit Kapazitätsengpässen. Die für das laufende Quartal prognostizierten Umsätze von...