Politik

Palästinenser nehmen Tel Aviv unter Beschuss, Israel zerstört Medien-Hochhaus in Gaza

Gleich drei Mal gab es in Tel Aviv Raketenalarm. Israels Militär zerstört Dutzende Waffenfabriken der Hamas und ein Hochhaus mit Medienbüros.
15.05.2021 17:26
Lesezeit: 3 min
Palästinenser nehmen Tel Aviv unter Beschuss, Israel zerstört Medien-Hochhaus in Gaza
Ein Gebäude, in dem verschiedene internationale Medien untergebracht sind, stürzt nach einem israelischen Luftangriff ein. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Es waren die bisher intensivsten Angriffe auf den Großraum Tel Aviv: Militante Palästinenser im Gazastreifen haben am Samstag drei Mal kurz hintereinander Raketen auf die Küstenmetropole abgefeuert. In Tel Avivs Nachbarstadt Ramat Gan starb nach Angaben von Sanitätern ein etwa 50 Jahre alter Mann beim Einschlag einer Rakete. Immer wieder waren heulende Warnsirenen sowie Explosionen zu hören. Insgesamt acht Angriffswellen erlebte der Großraum Tel Aviv nun seit Dienstagabend.

Israels Luftwaffe zerstörte kurz darauf nach Angaben eines dpa-Reporters ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen, in dem Medienunternehmen wie Associated Press ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor telefonisch aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

Es ist das fünfte Hochhaus, das Israels Armee seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montag zum Einsturz bringt. Den Angaben zufolge hatte auch der katarische TV-Sender Al-Jazeera ein Büro in dem zuletzt zerstörten Gebäude. Die israelische Armee teilte bei Twitter mit, Kampfjets hätten ein Hochhaus angegriffen, in dem der Militärgeheimdienst der islamistischen Hamas über «militärische Ressourcen» verfügt habe.

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte Tel Aviv daraufhin mit einer «Antwort, die die Erde erschüttern lässt».

Die Hamas hat nach Angaben eines israelischen Luftwaffenoffiziers seit Montag mehr als 2300 Raketen auf Israel abgefeuert. Israel habe im gleichen Zeitraum mehr als 650 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Der Konflikt zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas war zu Wochenbeginn eskaliert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seitdem rund 140 Menschen getötet und 1000 verletzt. Wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage zehn Menschen ums Leben, 636 wurden verletzt.

Die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur Wafa teilte am Samstag mit, in dem Flüchtlingslager Schati im Westen von Gaza sei ein Haus getroffen worden. Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums zufolge waren dabei zehn Mitglieder einer palästinensischen Familie getötet worden, darunter acht Kinder. Ein fünf Monate alter Junge überlebte den Angriff demnach. Die israelische Armee prüft die Berichte.

Zuletzt hatte Israels Luftwaffe auch ein breites Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas angegriffen. Dabei wurden eigenen Angaben zufolge 500 Tonnen Munition eingesetzt. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge des Typs F-16 und F-35 beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. «Potenziell sind es aber Hunderte», sagte er.

Ausländische Medien haben der israelischen Armee vorgeworfen, sie mit einem Tweet kurz vor dem Angriff absichtlich manipuliert zu haben. «Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an», hieß es darin in der Nacht zum Freitag, als mit einer Bodenoffensive Israels gerechnet wurde. Dies hatte nach Medienberichten zahlreiche Hamas-Kämpfer dazu bewegt, in das unterirdische Metro-System abzutauchen. Nachdem sie so in die Falle gegangen seien, habe Israels Luftwaffe das Tunnelnetz rund 40 Minuten lang bombardiert. Die Armee dementierte eine gezielte Manipulation der ausländischen Medien und sprach von einem Kommunikationsfehler. Es befinde sich kein israelischer Soldat im Gazastreifen.

Mehr zum Thema: Pro-palästinensische Gruppen demonstrieren in Berlin

Die Angriffe aus dem Gazastreifen auf Israel seien so intensiv wie nie zuvor, sagte der israelische Luftwaffenoffizier. Etwa 20 Prozent der abgefeuerten Raketen schlugen demnach noch in dem Palästinensergebiet selbst ein. Dabei seien auch Kinder getötet worden. Israel hat dem Offizier zufolge insgesamt 31 Raketenwerkstätten von Hamas und dem extremistischen Islamischen Dschihad zerstört. Hamas habe daher gegenwärtig nicht mehr die Fähigkeit, neue Raketen herzustellen. Die islamistische Hamas wird von Israel, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Sie hat die Zerstörung Israels zu ihrem Ziel erklärt.

Die USA bemühen sich derweil intensiv um Deeskalation im Gaza-Konflikt. Wie die US-Botschaft in Israel mitteilte, landete der Spitzendiplomat Hady Amr auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. US-Außenminister Antony Blinken hatte ihn gebeten, sich mit Vertretern beider Seiten zu treffen.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Die Palästinenser gedachten am Samstag, dem Tag der Nakba (Katastrophe), der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Rund 500 Menschen demonstrierten in Ramallah im Westjordanland. Sie schwenkten dabei palästinensische und schwarze Flaggen. Am Mittag heulten 73 Sekunden lang die Sirenen - im Gedenken an die Nakba vor 73 Jahren. In diesem Jahr fiel der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Fastenmonats Ramadan.

In der britischen Hauptstadt London demonstrierten Tausende Menschen gegen die Luftangriffe der israelischen Armee auf Gaza. Auch im Libanon demonstrierten erneut Dutzende an der Grenze zu Israel.

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