Deutschland

Energie-Krise in Deutschland: Immer mehr Firmen müssen die Produktion einstellen

Die als Folge der Klima-Maßnahmen explodierenden Energiepreise haben eine gefährliche Abwärtsspirale in der deutschen Wirtschaft ausgelöst. Es droht ein Übergreifen von Produktionsstopps auf zahlreiche Branchen.
11.10.2021 11:00
Aktualisiert: 11.10.2021 11:21
Lesezeit: 3 min
Energie-Krise in Deutschland: Immer mehr Firmen müssen die Produktion einstellen
31.07.2018, Sachsen-Anhalt, Wolmirstedt: Die Sonne geht hinter dem Umspannwerk Wolmirstedt auf. (Foto: dpa) Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Die enorm gestiegenen Preise für Erdgas und andere Energieträger entwickeln sich zunehmend zu einem beträchtlichen Risiko für die deutsche Wirtschaft.

Nun muss Deutschlands größter Hersteller von Düngemittel, die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH, angesichts der gestiegenen Energiekosten die Produktion drosseln. Darüber hinaus warnt das Unternehmen vor einer kompletten Einstellung des Betriebs.

Auf ihrer Homepage schreiben die SKW Stickstoffwerke in einer Medienmitteilung:

Mit einer Drosselung der Ammoniakproduktion um rund 20 Prozent reagiert die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH auf die sich seit Wochen zuspitzende Entwicklung des Gaspreises. „Das mittlerweile erreichte Niveau ermöglicht keine ökonomisch sinnvolle Produktion mehr, sodass wir uns zu diesem Schritt gezwungen sehen“, so der Vorsitzende der Geschäftsführung Petr Cingr am Dienstag. Die Dynamik des Preisanstiegs sei besorgniserregend, so Cingr. „Wir fordern unverzügliches Handeln der Politik. Ohne staatliche Maßnahmen droht in Kürze ein Produktionsstopp. Die Konsequenzen betreffen dann nicht allein den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt, sondern werden sich auf weiterverarbeitende Industrien, die Logistik und die deutsche Landwirtschaft auswirken.“

SKW Piesteritz ist der größte Ammoniak-Produzent Deutschlands. Ammoniak ist ein Vorprodukt der Düngemittelherstellung sowie einer Vielzahl chemischer Grundstoffe für die Industrie. Zudem zählt das Unternehmen zu den größten Herstellern von AdBlue auf dem deutschen Markt. In der Vorwoche haben bereits etliche Unternehmen ihre Ammoniakproduktion gedrosselt, darunter BASF und der norwegische Düngemittelhersteller Yara. Infolge des unrentablen Gaspreises haben europaweit bereits mehrere Unternehmen ihre Produktion gänzlich und auf unbestimmte Zeit eingestellt.

Übergreifen auf andere Branchen

Schon am 22. September hatte das Unternehmen vor einem „Produktionsstopp in den Schlüsselindustrien“ gewarnt, berichtet das Portal achgut.de. Die „Verknappung chemischer Grundstoffe und ein dramatischer Anstieg der Preise für alle Güter, auch der Grundnahrungsmittel“, könnten die Folge sein. Eine Verknappung der Versorgung mit Düngemitteln und Industriechemikalien sei absehbar, da die Produktionsausfälle nicht kompensiert und zu keinem späteren Zeitpunkt aufgeholt werden könnten. „Wir haben stets vor den möglichen Folgen gewarnt, die Industrie zunehmend mit hohen Gas- und Strompreisen sowie Kosten für CO2-Zertifikate zu belasten. Mit dem aktuellen Gaspreis ist die Grenze weit überschritten“, so Cingr.

Die stark gestiegenen Strompreise machen nun auch der energieintensiven Stahlbranche zu schaffen. Beim zweitgrößten deutschen Stahlkonzern Salzgitter seien am Standort Peine Auswirkungen auf die Produktion denkbar, sagte ein Sprecher am Dienstag auf Nachfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Der Standort Peine ist besonders stromintensiv, da dort Stahlschrott mittels Elektrolichtbogenöfen eingeschmolzen und damit recycelt wird. Produktionseinschränkungen könnten nicht ausgeschlossen werden, betonte der Sprecher.

Energiewende und explodierender Gaspreis

Mehrere Faktoren treiben die Preise für Erdgas, Kohle, Erdöl und andere Kraftstoffe derzeit in die Höhe. Darunter finden sich temporäre Faktoren wie beispielsweise ein angespanntes Nachfrage-Angebots-Verhältnis nach dem zuletzt auffallend kalten Winter auf der Nordhalbkugel.

Der große strukturelle Grund für den Anstieg der Energiepreise weltweit liegt jedoch in den Bemühungen der Staaten zum „Klimaschutz“ - insbesondere der europäischen Staaten.

Im Zuge der politisch angeordneten Abkehr von Kohle- und Atomkraft ist Erdgas zur wichtigsten fossilen Energiequelle aufgestiegen, was die Nachfrage inzwischen stark antreibt. Verstärkt wird der Preisauftrieb bei fossilen Energiequellen von den zahlreichen politischen Marktinterventionen, die alle auf eine Verteuerung von fossilen Stoffen abzielen.

Dazu gehört die von den SKW Stickstoffwerken oben angesprochene und von der Bundesregierung Anfang des Jahres eingeführte Sondersteuer auf CO2-Emissionen in mehreren Bereichen wie auch das europäische Handelssystem für CO2-Emissionszertifikate. Die Preise für diese Zertifikate haben sich seit Jahresbeginn beinahe verdoppelt, was große Teile der Wirtschaftsaktivitäten in Europa verteuert.

Zudem fordern mehrere Parteien - allen voran die Grünen - eine rasche Anhebung der CO2-Sondersteuer von derzeit 25 Euro je ausgestoßener Tonne auf Werte um 50 oder gar 60 Euro. Diese Sondersteuer gilt derzeit vor allem für Unternehmen im Verkehrs- und Wohnungsbereich, soll aber nach dem Willen mehrerer Parteien auf weitere Branchen ausgedehnt werden. Als Folge der Energiewende weist Deutschland zudem schon seit Jahren die höchsten Strompreise der Welt auf.

Zuletzt mussten bereits mehrere Energieversorger und -produzenten den Betrieb einstellen und Branchenkenner warnten vor anstehenden Problemen im Bereich der Düngemittelbranche, wie sie in den folgenden Links nachlesen können.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Merz-Regierungserklärung im Bundestag: Europa muss Machtpolitik lernen
29.01.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz fordert in der Merz-Regierungserklärung im Bundestag ein selbstbewusstes Europa, das Machtpolitik beherrscht...

DWN
Finanzen
Finanzen Nemetschek-Aktie: Historische Umsatzmarke überschritten – Anleger bleiben skeptisch
29.01.2026

Nemetschek hat im vergangenen Jahr eine historische Umsatzmarke überschritten und damit neue Rekorde aufgestellt. Doch obwohl die Zahlen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Acea-Nutzfahrzeugmarkt 2025: Lkw-Absatz bricht ein, Busse boomen
29.01.2026

Der europäische Nutzfahrzeugmarkt zeigte 2025 ein widersprüchliches Bild. Während der Bussektor überraschend zulegte, brachen die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kärcher-Geschäft 2025: Wachstum trotz globaler Widrigkeiten
29.01.2026

In einem schwierigen globalen Umfeld behauptet sich der Reinigungsspezialist Kärcher. Das Unternehmen meldet für 2025 einen leichten...

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie: DAX-Wert bricht nach Quartalszahlen ein – Cloud-Bestand enttäuscht
29.01.2026

Die SAP-Aktie gerät nach den neuesten Quartalszahlen erneut kräftig unter Druck. Zwar zeigt das Cloudgeschäft weiter Wachstum, doch ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Zinsentscheid: US-Notenbank lässt Leitzins unverändert – Euro bleibt stark
29.01.2026

Beim aktuellen Fed-Zinsentscheid belässt die US-Notenbank den Leitzins unangetastet. Was bedeutet das für Verbraucher, Unternehmen und...

DWN
Panorama
Panorama Demografische Herausforderung: Deutschlands Bevölkerung schrumpft
29.01.2026

Deutschlands Bevölkerung steht vor einer neuen demografischen Herausforderung: Erstmals seit Jahren reicht die Zuwanderung nicht mehr aus,...

DWN
Finanzen
Finanzen Secunet-Aktie: SDAX-Wert überrascht mit kräftigem Wachstum
29.01.2026

Die Secunet-Aktie rückt nach starken Zahlen wieder in den Fokus der Börse. Umsatz, Gewinn und Auftragseingang entwickeln sich dynamisch,...