Politik

Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden sich um Wasser drehen

In Afrika toben mehrere Konflikte um die Nutzung von Wasserressourcen. Derartige Konflikte um das kostbarste Gut der Welt könnten in den kommenden Jahren auch in anderen Regionen der Welt ausbrechen.
06.11.2021 11:32
Lesezeit: 3 min

Der Vizepräsident der Weltbank, Ismail Serageldin, sagte im Jahr 2009: „Die Kriege des 21. Jahrhunderts

werden sich um Wasser drehen, es sei denn, wir ändern die Art und Weise, wie wir mit Wasser umgehen.“ Die Gebiete mit den größten Wasserproblemen sind oft diejenigen, die das schnellste Bevölkerungswachstum aufweisen. Die Bevölkerung des Tschad ist von 3,6 Millionen im Jahr 1970 auf 16,4 Millionen heute angewachsen. Aber im gleichen Zeitraum ist der Tschadsee, der auch an Nigeria, Niger und Kamerun grenzt, so gut wie ausgetrocknet. Die Ergebnisse waren verheerend für die rund 30 Millionen Menschen, die auf den See als Süßwasserversorgung angewiesen waren. Einheimische Bauern haben ihre Lebensgrundlagen zerstört. Viele Analysten ziehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Zunahme der Wasserknappheit in der Region und dem Aufstieg der bewaffneten Extremisten-Gruppe „Boko Haram“, die einen Großteil Nordnigerias und der Umgebung terrorisiert hat.

Die Instabilität in der afrikanischen Sahelzone, die massiv von der Wüstenbildung betroffen ist, ist mittlerweile zu einem Sicherheitsproblem geworden, dessen Auswirkungen bis nach Europa reichen. Frankreich führt seit 2013 einen erfolglosen Krieg gegen Gruppen in der Sahelzone. Die „Financial Times“ wörtlich: „Die Franzosen und andere Europäer befürchten, dass die Entstehung gescheiterter Staaten und terroristischer Bewegungen in der Region weitere Spillover-Effekte auf Europa haben wird. Wenn das Leben in der Sahelzone immer unhaltbarer wird, werden viele Menschen nach Norden reisen und versuchen, nach Europa zu gelangen. Die illegale Einwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa ist inzwischen in Frankreich, Italien und Spanien zum heißen Thema der Rechtsextremen geworden.“

Die Sorge um die Wasserknappheit erstreckt sich über den gesamten afrikanischen Kontinent. Sie ist ein potenzieller Brennpunkt zwischen Ägypten und Äthiopien. Beide Länder machen sich Sorgen um ihre Wasserversorgung. Äthiopiens Bau des „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (GERD)am Nil soll die Stromversorgung des Landes verdoppeln. Doch dieser Vorstoß verursacht Panik in Ägypten, wo das Wasser des Nils historisch als das Lebenselixier der Nation angesehen wird. Der GERD befindet sich auf dem Blauen Nil. Der Blaue Nil entspringt in Äthiopien und führt über den Sudan nach Ägypten. Der Putsch im Sudan und die aktuellen Kämpfe zwischen äthiopischen Regierungstruppen der Rebellengruppe „volkbefreiungsfront von Tigray“ müssen als Stellvertreter-Konflikte eingestuft werden.

Äthiopische Zusicherungen bezüglich ihrer Wasserversorgung wollen die Ägypter nicht akzeptieren – und einige Politiker in Ägypten haben sich sogar für eine Bombardierung des Damms ausgesprochen. „All Africa“ berichtet: „Wasserknappheit und grenzüberschreitende Wasserkonflikte schüren Konflikte in Afrika und im Nahen Osten. Hinzu kommt die rasante Urbanisierung, und es ist eine potenziell explosive Mischung. Der Planet erwärmt sich schnell. Nirgendwo wird dies deutlicher als im Nahen Osten und in Afrika, wo die Auswirkungen auf die Wasser- und Ernährungssicherheit die in beiden Regionen bereits vorhandene Konfliktdynamik noch verstärken können. Zwischen 80 und 100 Millionen Einwohner der MENA (Naher Osten und Nordafrika) werden bis 2025 unter Wasserknappheit leiden.“

Wie groß die Wasserknappheit in vielen Regionen Afrikas ist, lässt sich aktuell am Beispiel Madagaskars zeigen. Hunderttausende stehen in Madagaskar am Rande der Verzweiflung. Der Süden des tropischen Inselstaats, der nahe der Ostküste Afrikas im Indischen Ozean liegt, erlebt die schlimmste Dürre seit 30 Jahren. Es gibt kein sauberes Trinkwasser und kaum noch Nahrungsmittel. Seit Monaten leben die Menschen von Kakteenfrüchten, mit Tamarindensaft gemischtem Lehm, Heuschrecken und Blättern. Hilfsorganisationen sprechen von „katastrophalen Umständen“.

Seit vier Jahren hat es in der Region gar nicht oder kaum geregnet. Auf den Feldern wächst schon lange nichts mehr. Übrig ist nur noch staubige Erde. Flüsse und Seen sind ausgetrocknet. Die meisten Nutztiere gestorben. Der nächste Regen wird nicht vor Mai erwartet – bis dahin sind es noch sieben Monate. Wenn er diesmal denn kommt. Im Fluss Mandrare gibt es kaum noch Wasser. Die Menschen müssen tief im Flussbett graben, um an Wasser zu kommen.

Bauernfamilien haben begonnen ihre Samen zu essen, die sie eigentlich anpflanzen wollten. Daraus entstehe ein gefährlicher Teufelskreis, warnen Hilfsorganisationen. Ohne Saatgut können die Landwirte in der nächsten Pflanzsaison ab März nichts anbauen. Damit wäre eine weitere Hungernot 2022 schon programmiert.

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