Finanzen

Beschwörungen helfen nichts: Börsianer verstehen Ankündigung der Fed völlig falsch

Was sich diese Woche in Washington und an der Wall Street abspielte, war schon fast gespenstisch: Fed-Chef Jerome Powell verkündete eine Abkehr von der bisherigen Zinspolitik - doch die Börsianer verstanden ihn völlig falsch.
19.12.2021 11:00
Lesezeit: 6 min
Beschwörungen helfen nichts: Börsianer verstehen Ankündigung der Fed völlig falsch
Die bösen Geister, die ich rief: Hexenmeister Jerome Powell von der Fed gelang es nicht, den völlig überteuerten Aktienmarkt wieder auf den Boden der Realität zu holen. (Foto: dpa)

Der Geist eines Ortes überdauert Jahrhunderte. Und so agierte diese Woche der Präsident der amerikanischen Zentralbank, Jay Powell, wie der Medizinmann eines Indianerstamms, der sich um Hilfe an Manitu wendet. Passt in gewisser Weise ja auch, denn in der Gegend, wo sich Powells Amtssitz befindet, lebte früher der Stamm der Piscatawa.. Übrigens arbeitet Powell nicht nur in Washington, er ist auch dort geboren, also seit jeher vom Geist des Wakan, der geheimnisvollen indianischen Schöpferkraft, umgeben.

Das Warnsignal wurde als frohe Botschaft missverstanden

Manitu war allerdings diese Woche ganz offensichtlich nicht gnädig oder zu Späßen aufgelegt. Eigentlich hatte Powell vorgehabt, mit seinem Beschwörungsritual ein Wunder zur bewirken: Der beängstigende Höhenrausch der New Yorker Börse sollte gebremst werden, ohne dass die Börsianer sofort in Panik verfallen und einen Börsencrash auslösen. Der Medizinmann, der über den allmächtigen Dollar wacht, wollte eine sanfte Landung vorbereiten und ging deshalb mit größter Vorsicht ans Werk. Er war allerdings so vorsichtig und so beruhigend, ja geradezu einlullend, dass seine Botschaften an den Finanzmärkten als positive Nachrichten interpretiert wurden. Powell provozierte also nicht nur keinen Crash, sondern sorgte im Gegenteil für einen weiteren Schub, und die Kurse stiegen nach seinen Erklärungen erneut an. Manitu dürfte über seinen Medizinmann herzlich gelacht haben.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in der Geister- und Götterwelt eine durchaus rege Kommunikation stattfindet und die Herrscher über Licht und Finsternis Absprachen treffen. Manitus europäischer Kollege, Wotan, tut nämlich auch nichts, um das drohende Platzen der Aktien- und Immobilienbörse zu verhindern. Oder hat etwa irgendjemand ein derartiges Signal von der EZB empfangen? Nein, natürlich nicht. Das heißt, der Rausch der immer weiter steigenden Preise nimmt kein Ende. Der Börsen-Siegfried kam scheinbar nie mit einem Lindenblatt in Kontakt und gibt sich unverwundbar. Und was die Geister in New York und in Frankfurt treiben, ist nunmal weltweit entscheidend für alle Hexen, Vampire und Kobolde des Gespensterreigens, der sich da „Börse“ nennt.

Das Gift aus der Hexenküche der Finanz-Zauberer heißt „Nullzinsen“

Das Gift, das nun mit Beschwörungsritualen bekämpft werden soll, ist in der Hexenküche der Finanzzauberer entstanden. Es handelt sich um die Niedrig-, Null- und Minuszinsen, die seit vielen Jahren von den Währungsbehörden erzwungen werden. Durch diese Politik können die Staaten unbekümmert Schulden aufnehmen, ohne dass sie gezwungen wären, für diese Schulden Zinsen zu zahlen. Auch die Unternehmen und Privathaushalte sollten vom billigen Geld profitieren, das heißt kräftig konsumieren und investieren. Dieses Ziel ist in den USA einigermaßen erreicht worden, in Europa kaum, weil Kredite zwar wenig kosten, aber kaum zu bekommen sind.

Korrektur: In Europa bekommt man zwar kaum einen Kredit für eine Investition in ein Unternehmen, aber doch ziemlich leicht einen Kredit für den Kauf einer viel zu teuren Wohnung, die der – vermeintlichen - Vorsorge für das Alter dienen soll. Und in den USA kann man den Kauf einer viel zu teuren Aktie mit einem Kredit finanzieren. Also haben zahllose Personen weltweit Schulden, die durch überteuerte Wohnungen und überteuerte Aktien gedeckt sind. Ein Kurssturz würde die Betroffenen in eine Katastrophe stürzen. Davon redet jedoch niemand, lieber steckt man den Kopf in den Sand und ignoriert die sich anbahnende Katastrophe. Oder vollführt den Geistertanz, wie ihn traditionell die Indianer veranstaltet haben, um in Trance mit der anderen Welt in Kontakt zu treten. Das heißt, die Anleger kaufen weiter wie in Trance Aktien und Wohnungen. Es ist erstaunlich, wie sich die atavistischen Verhaltensweisen halten. Während sich die Jungen für Pop-Stars begeistern und deren Konzerte zu einer Art Gottesdienst machen, in dem sie mit verklärten Augen brennende Feuerzeuge in die Luft halten, tanzen die Älteren an der Börse um das Goldene Kalb.

Ganz ohne Mystik: Die unwiderlegbaren Regeln der Mathematik

Dabei sind die wenigen Warnungen vor einem Börsencrash nicht das Produkt einer nebulosen, mystischen Angst, die man als unbegründet abtun könnte, sondern auf einfache Weise mathematisch berechenbar. Minimalzinsen für Anleihen und Sparbücher haben ganz konkrete Folgen für den Preis einer Aktie oder einer Wohnung. Der schäbige Zinssatz wird zum Maß und löst folgende Überlegung aus: Wenn ich auf dem Sparbuch vielleicht ein Prozent Zinsen bekomme, dann sind zwei oder drei Prozent aus einer Aktie oder aus der Vermietung einer Wohnung schon das Doppelte oder Dreifache. Also kann der Preis der Aktie oder der Wohnung noch so hoch sein, die Investition lohnt sich allemal. Die Tatsache, dass ein Vermögen immer auf mehreren Säulen beruhen muss, also Anleihen, Sparbücher und Lebensversicherungen ebenso wichtig sind wie Aktien und Immobilien, rückte durch die Nullzinsen in den Hintergrund. Aus dieser Konstellation entstand der Höhenflug der Aktien- und Wohnungspreise.

Mit höheren Zinsen ändert sich die Rechnung, Anleihen und Sparbücher werden wieder attraktiv, die Anleger kalkulieren neu und verkaufen ihre Werte. Das geht an den Aktienbörsen besonders einfach und schnell und löst prompt einen Crash aus. Die Immobilien folgen zwar langsam und gebremst, aber letztlich doch.

Die Inflation ist zurück – schon ist jeder Euro nur mehr 96 Cent wert

Nun stellt sich die Frage, warum die Währungspolitiker nicht auf Dauer ihre Niedrigzinspolitik fortsetzen können. Anders ausgedrückt: Warum sollen die Zinsen denn überhaupt steigen? Die Antwort ist einfach: Die Inflationsrate, die lange extrem niedrig war, steigt dieser Tage rasant. Alle Preise sind in Bewegung, vom Gas bis zum Gemüse. Die Steigerungsrate liegt bereits in der Größenordnung von vier Prozent. Jeder Euro ist nur mehr 96 Cent wert, und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.

Um den Wert des Euro zu erhalten, müssten angesichts der Inflationsrate Zinsen in Höhe von vier Prozent bezahlt werden; um einen tatsächlichen Ertrag zur erzielen, wären gar mindestens fünf Prozent erforderlich. Ganz ohne Trance, ganz ohne Mystik, auf dieses Niveau müssen und werden die Zinsen steigen. Erfolgt die Korrektur allerdings zu plötzlich, dann fallen über Nacht die Aktien- und Immobilienpreise, und die Folge ist eine Wirtschaftskrise, von der sich die Welt lange nicht erholen wird. Daher möchten die Hohepriester der Finanzwelt, sprich die Zentralbanker, eine schrittweise Korrektur vornehmen. In diesem Sinne hat Powell diese Woche angekündigt, man werde die Zinsen in kleinen Etappen in den nächsten Jahren anheben.

Geplant war also ein Warnsignal. Angekommen ist bei den Anlegern jedoch die Mitteilung, dass es keine Zinserhöhung gibt, also alles beim Alten bleibt – mit dem Ergebnis, dass die Kurse prompt noch einmal gestiegen sind.

Japan hat gezeigt: Das Rezept „gesundstreicheln“ ist wirkungslos

Man könnte nun argumentieren, dass Powell doch besser beraten gewesen wäre, wenigstens eine Anhebung um 0,25 Prozent vorzunehmen. Damit wäre die Finanzwelt nicht aus den Fugen geraten, aber die Akteure hätten das Signal möglicherweise besser verstanden. Allerdings ist diese optimistische Annahme unbegründet, wie die Geschichte lehrt.

Japan hatte in den achtziger Jahren die gleichen Folgen einer übertriebenen Niedrigzinspolitik zu bewältigen wie jetzt die USA und Europa. Auch in Nippon wollte man mit kleinen Zinsschritten eine Anpassung erreichen. Die ersten geringfügigen Korrekturen im Jahr 1989 wurden vom Markt einfach nicht zur Kenntnis genommen; erst als Ende des Jahres eine Anhebung auf vier Prozent erfolgte, fing das Verhalten der Börsianer an, sich zu verändern. Anfang 1990 setzte dann der Preisrückgang ein, der Nikkei-Index fiel von knapp 40.000 Punkten rasch auf unter 30.000 und im Gefolge der anschließenden Krise bis auf 10.000. Eine Erholung kam erst in den vergangenen Jahren zustande, aber auch heute noch ist der Nikkei-Index mit 28.500 Zählern noch weit von seinem Rekordwert von vor zweiunddreißig Jahren entfernt.

Die Erinnerung an die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts drängt sich ebenfalls auf. Auch damals befanden sich die Börsianer in einem Rausch, der von 1921 bis 1929 dauerte und mit einem spektakulären Kurssturz endete, der die ohnehin schwächelnde Wirtschaft zum Einsturz brachte. Ein Vergleich zu heute lässt sich allerdings nur bedingt ziehen, weil die derzeitigen ökonomischen Bedingungen deutlich anders sind als die der damaligen Zeit. Erinnert werden soll aber an die erstaunliche, im Grunde unfassbare Rolle, die psychologische Aspekte damals spielten. Die wirtschaftliche Lage war schon vor dem eigentlichen Crash prekär und die Kurse seit geraumer Zeit deutlich überhöht gewesen. Warnungen, die allerorts zur hören waren, hätten die Börsianer und Aktionäre eigentlich aufwecken müssen. Im Grunde war am 24. Oktober 1929, dem als „Schwarzer Donnerstag“ in die Geschichte eingegangenen Tag des Börsencrashs, die Lage in New York nicht anders als an den Tagen zuvor. Und doch brach um 11 Uhr plötzlich die Panik aus, die die Katastrophe auslöste. Dieses Phänomen darf man nicht unterschätzen, mit anderen Worten: Man weiß im Vorherein nie, wann die Stimmung kippt!

Die Quittung für den Versuch, die Regierungen von der Arbeit des Regierens zu befreien

Die japanischen Erfahrungen zeigen, dass es für das Problem, mit dem Europa und die USA sich heute konfrontiert sehen, keine sanfte Lösung gibt. Weder die Anrufung des Manitu noch clevere Erklärungen von Notenbankern machen die fatale Politik der vergangenen Jahre ungeschehen. Es war schlicht und einfach falsch, mit Nullzinsen die Staaten der Verpflichtung zu entheben, ihre Budgets in Ordnung zu bringen. Damit nicht genug: Nachdem sich die staatlichen Anleihen mit Nullzins als unverkäuflich herausgestellt hatten, haben die Notenbanken Anleihen im aberwitzig hohen Milliarden-Wert selbst aufgekauft, obwohl dies grundsätzlich den Regeln einer ordentlichen Notenbank-Politik widerspricht. Man hätte mit niedrigen Zinsen agieren können, ja agieren müssen: Schlicht und ergreifend unverantwortlich war´s, mit Null- und Minuszinsen zu hantieren. Diese Erkenntnis ist nicht neu; immer wieder wurden die Verantwortlichen mit der Frage konfrontiert, wie sie denn je wieder aus dieser selbst gestellten Falle herauszukommen gedächten. Eine Antwort erfolgte nie, weil es keine Antwort gab, und jetzt zittert die Welt einer Katastrophe entgegen, die die Corona-Pandemie in wirtschaftlicher Hinsicht als kleine Störung erscheinen lässt.

So soll denn an die Praxis des Zen-Buddhismus erinnert werden. Konfrontiert man einen Weisen mit einer Frage, so erhält man keine Antwort, sondern einen Schlag in Gesicht. Wird die Frage wiederholt, folgt die nächste Ohrfeige, also geht man und - denkt selbst nach über den Weg zu Satori, zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, die nur durch persönliche Erfahrung erreicht werden kann. Die Börsianer dieser Welt benötigen wohl ein paar Ohrfeigen, bis sie den Weg zur Erkenntnis finden.

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Ronald Barazon

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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