Finanzen

Weltberühmter Ökonom: Das sind die Risiken für Investoren im Jahr 2022

Der weltberühmte Ökonom Nouriel Roubini analysiert die großen Risiken, mit denen Investoren in diesem Jahr konfrontiert sind.
23.01.2022 09:24
Lesezeit: 4 min
Weltberühmter Ökonom: Das sind die Risiken für Investoren im Jahr 2022
Eine andere Art von Risiko: Der französische Fassadenkletterer Alain Robert, auch "Spiderman" genannt, erklimmt das höchste Bauwerk der Welt, das "Burj Khalifa" in Dubai. (Foto: dpa) Foto: Ali Haider

Trotz wirtschaftlicher Rückschläge und Diskontinuitäten aufgrund neuer Covid-19-Varianten erwies sich 2021 für Volkswirtschaften und Märkte in den meisten Teilen der Welt als relativ positives Jahr. Nach der schweren Rezession im Jahr 2020 stieg das Wachstum über Potenzial, und die Finanzmärkte erholten sich kräftig. Das traf insbesondere auf die Vereinigten Staaten zu, wo die Aktienmärkte neue Höchststände erreichten. Teilweise war das auf die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank zurückzuführen (obwohl auch die Zentralbanken in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihre eigene, radikal akkommodierende Geldpolitik verfolgten).

Das Jahr 2022 könnte allerdings schwieriger werden. Die Pandemie ist nicht vorbei. Omikron mag zwar für weniger heftige Krankheitsverläufe sorgen als frühere Virusvarianten – insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit hoher Durchimpfungsrate – aber die Variante ist um einiges ansteckender, was bedeutet, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle hoch bleiben wird. Die daraus resultierende Unsicherheit und Risikoaversion wird die Nachfrage dämpfen und Engpässe in den Lieferketten verschärfen.

Inflations-Risiko

In Kombination mit Ersparnisüberschüssen, Nachfragestaus und einer lockeren Geld- und Finanzpolitik haben diese Engpässe im Jahr 2021 die Inflation angeheizt. Viele der Zentralbanker, die zunächst darauf beharrten, dass der Inflationsschub nur vorübergehender Natur sei, haben mittlerweile eingeräumt, dass es sich wohl um ein anhaltendes Phänomen handelt. Nunmehr wird ihrerseit - in unterschiedlichen Dringlichkeitsabstufungen - der Ausstieg aus unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie der quantitativen Lockerung geplant, um mit der Normalisierung der Zinssätze beginnen zu können.

Diese Entschlossenheit der Zentralbanken wird allerdings auf die Probe gestellt werden, falls die Leitzinserhöhungen zu Schocks auf den Anleihe-, Kredit- und Aktienmärkten führen. Angesichts einer derart massiven Anhäufung privater und öffentlicher Schulden sind die Märkte möglicherweise nicht in der Lage, höhere Kreditkosten zu verkraften. Sollte es zu tumultartigen Entwicklungen kommen, würden die Zentralbanken in eine Schuldenfalle geraten und womöglich ihren Kurs wieder ändern. Dies würde eine Verschiebung der Inflationserwartungen nach oben wahrscheinlich machen, wobei die Inflation endemisch werden würde.

Geopolitische Risiken

Das nächste Jahr wird auch zunehmende geopolitische und systemische Risiken mit sich bringen. An der geopolitischen Front gilt es, drei wesentliche Bedrohungen im Auge zu behalten.

Erstens bereitet Russland eine Invasion in der Ukraine vor, und es bleibt abzuwarten, ob die Verhandlungen über eine neue regionale Sicherheitsstruktur eine Eskalation dieser Entwicklung verhindern können. US-Präsident Joe Biden hat zwar mehr Militärhilfe für die Ukraine versprochen und schärfere Sanktionen gegen Russland angedroht, aber auch deutlich gemacht, dass die USA nicht direkt eingreifen werden, um der Ukraine im Falle eines Angriffs beizustehen. Fest steht auch, dass sich die russische Wirtschaft inzwischen widerstandsfähiger gegen Sanktionen präsentiert als in der Vergangenheit, so dass Russlands Präsident Wladimir Putin sich von solchen Drohungen vielleicht sowie nicht wird abschrecken lässt. Darüber hinaus könnten manche Sanktionen des Westens – wie etwa eine Blockade der Nord Stream 2-Gaspipeline – Europas eigene Energieknappheit noch verschärfen.

Zweitens wird der kalte Krieg zwischen China und Amerika noch kälter. China erhöht den militärischen Druck sowohl auf Taiwan als auch im Südchinesischen Meer (wo zahlreiche Territorialstreitigkeiten schwelen), und die allgemeinere Entkopplung zwischen der chinesischen und der US-amerikanischen Wirtschaft beschleunigt sich. Diese Entwicklung wird im Lauf der Zeit stagflationäre Folgen zeitigen.

Drittens befindet sich der Iran mittlerweile an der Schwelle zum Atomstaat. Dem Land gelang es in Windeseile, Uran auf fast waffenfähiges Niveau anzureichern, und die Verhandlungen über ein neues oder überarbeitetes Atomabkommen blieben ergebnislos. Infolgedessen erwägt Israel offen Schläge gegen iranische Atomanlagen. Sollte das tatsächlich eintreten, wären die stagflationären Folgen wohl schlimmer als die ölbedingten geopolitischen Schocks der Jahre 1973 und 1979.

Klima- und Energie-Risiken

Überdies bringt das neue Jahr auch mehrere systemische Herausforderungen mit sich. Im Jahr 2021 traten die realen Auswirkungen des Klimawandels in Form von Hitzewellen, Waldbränden, Dürren, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Taifunen und anderen Katastrophen deutlich zutage. Auf dem Klimagipfel COP26 in Glasgow gab es vorwiegend Lippenbekenntnisse zu hören, weswegen sich die Welt nun auf direktem Weg befindet, noch in diesem Jahrhundert eine Erwärmung um katastrophale drei Grad zu erleiden. Dürreperioden treiben die Lebensmittelpreise bereits in gefährliche Höhen und die Auswirkungen des Klimawandels werden sich weiter verschärfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der aggressive Vorstoß zur Dekarbonisierung der Wirtschaft dazu führt, dass zu wenig in Kapazitäten für fossile Brennstoffe investiert wird, bevor ein ausreichendes Angebot an erneuerbaren Energien vorhanden ist. Diese Dynamik wird im Laufe der Zeit zu deutlich höheren Energiepreisen führen.

Politische Risiken

Vor diesem Hintergrund nimmt auch die politische Dysfunktion sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern zu. Es wird zu einem Anstieg der Flüchtlingsströme in Richtung USA, Europa und anderer Industrieländer kommen, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, da diese Länder ihre Grenzen schließen.

Die Zwischenwahlen in den USA werden möglicherweise einen Vorgeschmack auf jene ausgewachsene Verfassungskrise – wenn nicht gar unverhohlene politische Gewalt – bieten, die den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024 folgen könnte. Die USA erleben ein nahezu beispielloses Ausmaß an parteipolitischer Polarisierung, Stillstand und Radikalisierung, wobei diese Entwicklungen allesamt ein gravierendes Systemrisiko darstellen.

Populistische Parteien (sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken) gewinnen weltweit immer mehr an Zuspruch und das sogar in Regionen wie Lateinamerika, wo der Populismus auf eine katastrophale Geschichte zurückblickt. In Peru und Chile kamen 2021 radikal linke Präsidenten an die Macht, in Brasilien und Kolumbien könnte 2022 Ähnliches eintreten, und Argentinien als auch Venezuela werden weiter ihren Weg in Richtung finanzieller Ruin beschreiten. Die Normalisierung der Zinssätze durch die US-Notenbank Fed und andere große Zentralbanken könnte in diesen und anderen gefährdeten Schwellenländern wie der Türkei und dem Libanon zu Finanzschocks führen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Entwicklungsländern, deren Verschuldungsgrad schon jetzt nicht mehr tragbar ist.

Finanzmarkt-Risiken

Zum Jahresende 2021 präsentierten sich die Finanzmärkte überschäumend, wenn es nicht gar schon in Richtung Blasenbildung ging. Sowohl öffentliches als auch privates Beteiligungskapital war und ist teuer (mit überdurchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnissen); die Immobilienpreise (sowohl für Eigentum als auch für Mieten) sind in den meisten entwickelten Volkswirtschaften weiterhin hoch; und es besteht ein fortgesetzter Hype um Meme-Aktien, Krypto-Assets und SPACs (Special Purpose Acquisition Companies). Die Renditen auf Staatsanleihen bleiben extrem niedrig und die Kreditspreads – sowohl für hochverzinsliche als auch erstklassige Anleihen – präsentieren sich aufgrund der indirekten Unterstützung der Zentralbanken eng.

Solange die Zentralbanken ihre unkonventionelle Geldpolitik verfolgten, konnte die Party weitergehen. Doch den Vermögenspreis- und Kreditblasen könnte 2022 mit dem Beginn der Normalisierung der Zinspolitik die Luft ausgehen. Außerdem wäre es möglich, dass Inflation, langsameres Wachstum sowie geopolitische und systemische Risiken die Voraussetzungen für eine Marktkorrektur im Jahr 2022 schaffen. Was auch immer kommen mag: Fest steht, dass die Anleger wohl den größten Teil des Jahres in Atem gehalten werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

www.project-syndicate.org

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Nouriel Roubini

Über den Autor: 

Nouriel Roubini ist Gründer und Leiter des Wirtschafts- und Kapitalmarkt-Informationsdienstes "Roubini Global Economics". Er lehrte Volkswirtschaft an der "New York University" und war als Berater des US-Finanzministeriums tätig. Sein 2010 erschienenes Buch "Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft" löste weltweit kontroverse Diskussionen aus. Roubinis Arbeit wird von einigen Ökonomen als unwissenschaftlich kritisiert. Andere loben ihn für sein praxisorientiertes Denken sowie die Tatsache, dass sich sehr viele seiner Vorhersagen als korrekt erwiesen haben. 

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