Wirtschaft

Ausländer in Russland müssen sich alle 3 Monate röntgen lassen

Die Sanktionen sind für deutsche Unternehmen in Russland schon Ärger genug. Nun kommt ein neues Gesetz hinzu, das ihre Mitarbeiter zu Röntgentests zwingt.
05.02.2022 16:21
Lesezeit: 2 min

Wer in Russland als Ausländer arbeiten will, muss sich neuerdings aufwendigen medizinischen Untersuchungen unterziehen. Die Empörung über das neue Gesetz ist auch unter deutschen Unternehmern, die schon mit Sanktionsdruck kämpfen, groß. Die Folgen sind bereits sichtbar.

Die deutsche Wirtschaft in Russland warnt auch angesichts der medizinischen Zwangstests für Manager und andere Ausländer vor einer «massiven Abwanderung» von Unternehmen. Schon jetzt gebe es einen Trend zum Rückzug, wie aus Angaben der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) hervorgeht.

Die Zahl der deutschen Unternehmen in Russland ist demnach 2021 um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Als Gründe wurden neben der Einführung medizinischer Zwangsuntersuchungen für Ausländer auch die in der Ukraine-Krise drohenden neuen Sanktionen des Westens gegen Russland und die Angst vor einem Krieg in Europa genannt.

Aktuell seien noch 3651 Firmen mit deutschem Kapital im flächenmäßig größten Land der Erde tätig, hieß es unter Berufung auf Angaben der russischen Steuerbehörde. In den vergangenen rund zehn Jahren seien 42 Prozent der Unternehmen abgezogen – 2011 habe es noch 6300 Firmen mit deutschem Kapital in Russland gegeben.

«Die Kriegsangst rund um die Ukraine-Krise, drohende neue Sanktionen und diskriminierende Zwangstests für Topmanager und Ingenieure stellen ein massives Risiko und Ärgernis dar», sagte am Samstag Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der AHK und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland.

Nach einem vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterschriebenen neuen Gesetz müssen sich Ausländer mit längeren Aufenthaltszeiten aufwendigen medizinischen Untersuchungen unterziehen, um in dem Land zu arbeiten. Ausländer in Russland sollen demnach regelmäßig auf Drogenkonsum und Infektionskrankheiten wie HIV, Syphilis, Tuberkulose und Covid getestet werden.

Neben Blut- und Urinproben müssten sich auch Kinder ab sechs Jahren und Ehepartner alle drei Monate Röntgentests mit hoher Strahlenbelastung aussetzen. Vorgeschrieben sind auch Gespräche mit Psychologen.

Der AHK zufolge wächst die Empörung unter deutschen Firmen über das im Dezember in Kraft getretene Gesetz. Deutsche Manager hätten in Briefen an die AHK von «Zuständen wie in Filmen aus Gulagzeiten» mit stundenlangen Wartezeiten und mangelnder Einhaltung von Corona-Vorschriften unter Hunderten Gastarbeitern in einem Testzentrum unweit von Moskau berichtet.

Zehn ausländische Wirtschaftsverbände haben nach Angaben der AHK einen Brief an die russische Regierung verfasst - mit der Forderung, die «diskriminierende Regelung» zu kippen oder abzumildern.

Auch andere ausländische Wirtschaftsverbände kritisieren das neue Gesetz als investitionsschädlich. Die US-Botschaft in Moskau nannte das Gesetz «fremdenfeindlich». Menschenrechtler kritisieren die Zwangsuntersuchungen als einen Angriff auf das Recht auf die Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

«Es liegt auf der Hand, dass in 2022 noch mehr Firmen die Koffer packen, wenn nicht bald Lösungen gefunden werden, die das Geschäftsklima stabilisieren», sagte Schepp. Der AHK-Chef machte zugleich deutlich, dass deutsche Firmen nach wie vor Milliardensummen im größten Flächenland der Erde investierten. Die Zahl der AHK-Mitgliedsunternehmen sei in den vergangenen fünf Jahren von 800 auf 1050 gewachsen.

«Russland bleibt ein großer und wegen der Konsumfreude der Bevölkerung lukrativer Markt für unsere Unternehmen, auch wenn die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre und die Corona-Krise mit Lieferkettenunterbrechung die Entwicklung bremsen», sagte Schepp. «Die Quantität der deutschen Firmen geht zurück, die Qualität des Engagements aber bleibt auf hohem Niveau.»

Großkonzerne und Mittelständler investierten strategisch und langfristig in Russland, meinte Schepp. «Natürlich bereitet uns auch die angespannte Lage rund um die Ukraine Sorge», sagte der AHK-Chef. «Unsere Firmen hoffen auf eine Verhandlungslösung und schnelle Beruhigung der Lage.»

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Finanzen
Finanzen Inflation 2025: Preise steigen weiter in Deutschland
06.01.2026

Die Inflation in Deutschland hat 2025 im Jahresschnitt 2,2 Prozent erreicht. Nach der hohen Teuerungswelle der vergangenen Jahre entspannt...

DWN
Politik
Politik Trump droht Kolumbien und Mexiko
06.01.2026

Die Aussagen aus Washington signalisieren eine neue Eskalationsstufe in der US-Politik gegenüber Lateinamerika. Droht daraus eine...

DWN
Politik
Politik Lobbyregister: Finanzbranche lobbyiert mit Hunderten Vertretern im Bundestag
06.01.2026

Das Lobbyregister zeigt, wer im Bundestag versucht, Politik zu beeinflussen. Eine Auswertung zeigt: Die Finanzbranche setzt viel Geld ein.

DWN
Technologie
Technologie KI-Kompetenz im Maschinenbau: Warum Firmen Nachwuchsprobleme sehen
06.01.2026

Künstliche Intelligenz verändert den Maschinenbau rasant – doch beim Nachwuchs klafft eine Lücke. Während Unternehmen KI-Kompetenz...

DWN
Politik
Politik Kampf um Grönland
06.01.2026

Trump will Grönland für die USA sichern – doch Europas Spitzenpolitiker setzen klare Grenzen. Dänemark und Grönland entscheiden...

DWN
Finanzen
Finanzen Anlagestrategien für 2026: Anleger zwischen Risiko und Neuausrichtung
06.01.2026

Die Finanzmärkte gehen mit erhöhten Risiken und politischen Unsicherheiten in das Jahr 2026. Wie lassen sich Vermögen und persönliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Recruiting: Chancen und Risiken bei der digitalen Personalauswahl
06.01.2026

Algorithmen führen Bewerbungsgespräche, analysieren Lebensläufe und treffen Vorauswahlen. Doch die KI-Rekrutierung birgt Risiken. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldman-Sachs-Aktie im Aufwind: Analysten loben Coinbase für Wachstumsschub
06.01.2026

Goldman Sachs rückt Coinbase ins Rampenlicht und hebt die Aktie auf "Kaufen". Nach einem Jahr schwacher Performance erkennen Analysten...