Politik

"Wir verteidigen nicht nur die Ukraine - wir verteidigen auch Europa"

Die DWN haben ein zweites Telefon-Interview mit dem ukrainischen Musiker Roman Antonyuk geführt, der mit seiner Familie in Lwiw (Lemberg) lebt.
19.03.2022 18:48
Aktualisiert: 19.03.2022 18:48
Lesezeit: 3 min
"Wir verteidigen nicht nur die Ukraine - wir verteidigen auch Europa"
Der Musiker Roman Antonyuk. (Foto: privat)

Roman Antonyuk ist als Sänger und Bandurist (die Bandura ist das ukrainische Nationalinstrument) "Verdienter Künstler der Ukraine". Die DWN haben mit ihm heute Nachmittag in seiner Heimatstadt Lwiw (zu Deutsch: Lemberg) telefoniert. Es ist unser zweites Interview mit dem Künstler, das erste veröffentlichten wir am 1. März.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Antonyuk, was ist seit unserem letzten Telefongespräch geschehen?

Roman Antonyuk: Wie Sie wissen, hat sich der Krieg über große Teile des Landes ausgebreitet. Auch nach Lwiw, obwohl noch keine russischen Truppen bis hierher vorgedrungen sind. Gestern, also Freitagmorgen, um sechs Uhr sind Raketen auf dem Flughafen eingeschlagen. Sie haben keine Flugzeuge, wohl aber eine Reparaturhalle zerstört. Wir wohnen rund drei Kilometer davon entfernt. Die Raketen sollen von einem russischen Kriegsschiff im Schwarzen Meer abgefeuert worden sein. Zwei konnte unsere Flugabwehr unschädlich machen, vier sind jedoch eingeschlagen. Heute haben zweimal die Sirenen geheult, einmal um 11 Uhr und etwas später um 14.30 Uhr. Aber glücklicherweise ist nichts passiert.

Das wichtigste Ereignis ist wohl die Ankunft der Flüchtlinge.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie das näher erläutern?

Roman Antonyuk: Lemberg hat etwas mehr als 700.000 Einwohner - durch die rund 200.000 Flüchtlinge leben jetzt mehr als 900.000 Menschen in der Stadt. Viele sind in öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Turnhallen und Kirchen untergebracht, viele aber auch bei Privatleuten. Wir haben ein altes Ehepaar aus Charkiw und dessen Katze in unserer Wohnung aufgenommen. Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß - das ukrainische Volk ist geeint: Geeint im Kampf, geeint in der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung. Hier in Lwiw tun die Einheimischen und die Neuankömmlinge alles, um ein Leben zu führen, das so normal wie möglich ist.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie führen ein normales Leben? In Kriegszeiten?

Roman Antonyuk: Ja, so gut es irgend geht. Die Geschäfte sind offen, es gibt genügend Lebensmittel. Woher die kommen, weiß ich nicht - ich glaube, vieles stammt aus dem Westen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich bin Professor an der Musikhochschule und unterrichte dort weiter - nicht nur meine angestammten Studenten, sondern auch Flüchtlinge. Stellen Sie sich mal vor, wir würden nicht alles dafür tun, dieses halbwegs „normale“ Leben aufrechtzuerhalten. Dann wären bislang nicht drei Millionen Menschen aus der Ukraine in den Westen geflohen, sondern 30 Millionen.

Nachts ist ein normales Leben selbstverständlich nicht möglich.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie das erläutern?

Roman Antonyuk: Nachts herrscht Ausgangssperre. Wir müssen uns vor allem vor russischen Saboteuren vorsehen. Ich verrichte Dienst an einer Straßensperre - fällt mir etwas Verdächtiges auf, mache ich sofort Meldung.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Womit sind Sie bewaffnet?

Roman Antonyuk: Ich bin nicht bewaffnet. Ich war nicht beim Militär und habe deshalb nicht gelernt, mit einer Waffe umzugehen. Es ist so: Bislang tragen hier nur die regulären Soldaten sowie die Reservisten eine Waffe. In Kiew ist das natürlich anders - da wurden auch diejenigen Einwohner, die nicht gedient haben, rasch an der Waffe ausgebildet, um die Stadt gegen den Feind zu verteidigen. Sowie es sich abzeichnet, dass Lwiw ins Fadenkreuz der Russen gerät, wird hier das Gleiche geschehen. Dann werde auch ich im Schnellkurs lernen, mit dem Sturmgewehr umzugehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie sind bereit, zu kämpfen - unter Umständen zu sterben?

Roman Antonyuk: Was würden Sie denn machen, wenn die Russen Berlin angreifen? Einfach nur still dasitzen und alles mit sich geschehen lassen? Putin will unser Land zerstören, will uns unterjochen. Wir müssen uns wehren, wir müssen kämpfen. Wer sagt Ihnen, dass - wenn die Ukraine gefallen ist - nicht als Nächstes Westeuropa an der Reihe ist? Weißrussland steht ja bereits unter russischer Kontrolle - der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die Ukraine auch von dort beschossen wird.

Sie gucken doch auch die Nachrichten - Sie sehen, was Schreckliches passiert. In Mariupol ist ein Theater zerbombt worden. Wissen Sie, warum ich zu diesem Theater eine besondere Beziehung habe? Weil ich dort mehrere Male zusammen mit dem dortigen Kammerorchester Konzerte gegeben habe. Jetzt liegt das Gebäude in Trümmern - können Sie sich vorstellen, was das für mich bedeutet, wie mich das schmerzt?

Ich glaube, dass wir nicht nur die Ukraine verteidigen, wir verteidigen auch Europa. Ich bete zu Gott, dass er uns den Sieg schenkt - und ich glaube, dass wir am Ende triumphieren werden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Antonyuk, wir wünschen Ihnen, Ihrer Familie und Ihren Landsleuten alles erdenklich Gute.

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