Finanzen

Zinswende der EZB trifft Deutschland besonders hart

Durch die EZB-Zinswende müssen die Euro-Staaten künftig wieder höhere Zinsen zahlen. Besonders hart trifft dies jene Staaten, die kurzfristig verschuldet sind - wie Deutschland.
25.06.2022 13:36
Aktualisiert: 25.06.2022 13:36
Lesezeit: 3 min
Zinswende der EZB trifft Deutschland besonders hart
EZB-Chefin Christine Lagarde hat die Zinswende eingeleitet. Das starke Setzen auf Kurzläufer kommt Deutschland nun teuer zu stehen. (Foto: dpa) Foto: Peter Dejong

Die starke Verschuldung über Kurzläufer, also Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit, bringt Deutschland im Hinblick auf die Zinswende in eine schlechtere Ausgangslage als andere Staaten.

Angesichts der hohen Inflationsraten hat die Europäische Zentralbank auf ihrer jüngsten Zinssitzung für Juli die erste Zinserhöhung seit elf Jahren angekündigt. Dann will sie den Leitzins von o auf 0,25 Prozent erhöhen. Zudem peilt sie für ihr Zinstreffen im September einen zweiten Schritt nach oben an, der womöglich noch stärker ausfällt. Die Inflation in der Eurozone war im Mai auf ein Rekordniveau von 8,1 Prozent geklettert.

Die extrem niedrigen Zinsen in den vergangenen Jahren haben zu einem starken Anstieg der Schulden geführt. Zudem boomten in der Folge auch die Finanzmärkte, wo mit geborgtem Geld investiert wurde. Die Immobilienpreise etwa sind zuletzt Jahr für Jahr stark in die Höhe geschossen, da die Immobilienkredite günstig waren. Infolge der Zinswende deutet sich nun aber ein Ende des Immobilienbooms an.

Doch nicht nur Privatbürger, Unternehmen und Investoren konnten wegen der extrem niedrigen Zinsen billig Schulden machen, sondern auch die Staaten der Eurozone. Gerade in der Corona-Krise haben das viele Länder auch getan. Kreditwürdige Schuldner wie Deutschland konnten dabei sogar Negativzinsen verlangen, wurden also dafür bezahlt, dass man ihnen Geld leihen darf.

Grund für die Negativzinsen auf deutsche Bundesanleihen ist das bisherige Vorgehen der EZB beim Kauf von Staatsanleihen. Im Rahmen der umfangreichen Anleihekäufe kaufen die angeschlossenen Zentralbanken Staatsanleihen ihres jeweiligen Staates im Verhältnis zu dessen Kapitaleinlagen bei der EZB, die sich wiederum nach der Größe der Bevölkerung und der Wirtschaft richten.

Dieses Vorgehen sollte dafür sorgen, dass die EZB beim Kauf von Staatsanleihen kein Land der Eurozone bevorzugt. Doch nun hat die EZB angekündigt, dass sie sich in Zukunft nicht mehr an diese Regeln halten will. Denn sie will die Südstaaten der Eurozone um jeden Preis vor der Pleite bewahren und die Eurozone vor dem Zerfall. Dafür ist die die Zentralbank bereit, Deutschland offen zu benachteiligen.

Das deutsche Problem der Kurzläufer

Die Anhebung des Leitzinses bringt in der Regel eine entsprechende Anhebung der zu zahlenden Anleihezinsen mit sich. Auf neu ausgegebene Staatsschulden müssen die Staaten der Eurozone also künftig mehr Zinsen zahlen, was die Staatshaushalte zusätzlich belastet. Besonders hart trifft dies jene Staaten, wo kurzfristig besonders viele Staatsanleihen auslaufen.

In der Regel sind die Laufzeiten bei den Anleihen aller Staaten stark gemischt. Doch in den vergangenen Jahren kauften die meisten Staaten verstärkt Anleihen mit längeren Laufzeiten, um sich die günstigen Zinsen möglichst lange festschreiben zu lassen. Deutschland hingegen setzte weiterhin auf kurzfristige Schulden und der deutsche Steuerzahler muss nun teuer dafür bezahlen.

Deutschlands Bevorzugung von Kurzläufern ist darin begründet, dass länger laufende Anleihen höhere Zinssätze haben, da das Risiko für die Anleihenkäufer steigt, dass ein Staat bis zum Ende der Anleihe Bankrott gehen könnte. Ein höherer Anteil kurzfristiger Anleihen mag den Vorteil niedrigerer Zinsen haben, aber eben auch den Nachteil, dass ein Staat anfälliger wird gegenüber Zinserhöhungen.

Für Deutschland machen Anleihen mit einer Restlaufzeit von weniger als fünf Jahren 58 Prozent des gesamten Anleihevolumens aus, so viel wie für kein anderes Land der Eurozone, wie Christoph Sackmann berichtet. Zwar stammen diese Zahlen von Ende 2020, doch wird sich die Schuldenstruktur seitdem kaum geändert haben. Daher kommt die Zinserhöhung der EZB Deutschland besonders teuer zu stehen.

Allein dieses Jahr kostet die Zinsanhebung den deutschen Steuerzahlen bei den zu erwartenden zwei Erhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte im Juli und im Oktober rund 2 Milliarden Euro zusätzlich, weil neue Anleihen mit entsprechend höheren Zinssätzen ausgegeben werden müssen. Für 2023 kommen sogar Mehrkosten von rund 2,3 Milliarden Euro hinzu.

Andere Staaten sind besser auf Zinswende eingestellt

Gemessen an den allgemeinen Staatsausgaben zahlt Deutschland damit die höchsten Extra-Kosten haben. Die zu zahlenden 4,3 Milliarden Euro in etwas mehr als anderthalb Jahren machen rund 0,85 Prozent unseres Staatshaushaltes von 2020 aus, so Sackmann. Auf dem zweiten Platz folgen Frankreich und Italien, für die sich Mehrkosten von je 0,75 Prozent ihres Staatshaushaltes ergeben, vor Spanien mit 0,73 Prozent.

Am wenigsten betroffen von der EZB-Zinsanhebung ist auf kurze Sicht Estland. Denn das Land besitzt mit 32 Prozent den niedrigsten Anteil kurzfristig auslaufender Anleihen und muss daher nur mit Mehrkosten von 5,2 Millionen Euro rechnen, was lediglich 0,05 Prozent seines Staatshaushaltes bis Ende 2023 entspricht.

Zwar zahlen sowohl Italien mit 4,668 Milliarden Euro als auch Frankreich mit 4,387 Milliarden Euro in absoluten Zahlen mehr zusätzliche Zinsen als Deutschland. Allerdings haben Italien und Frankreich höhere Staatsausgaben, sodass die geschätzten zusätzlichen Zinskosten dort prozentual nicht so stark ins Gewicht fallen.

Die Daten zu den Schuldenstrukturen der Euro-Staaten sind in Übrigen sehr lückenhaft, wie Sackmann betont. Für Finnland, Griechenland, Luxemburg, die Niederlande, Österreich und Zypern gebe es keine vollständigen Daten, und auch bei den anderen 13 Euro-Staaten lasse sich nicht genau sagen, welche Anleihen wann auslaufen und zu welchen Laufzeiten und Konditionen sie ersetzt werden.

Nationale Zentralbanken schütten Profite an Staaten aus

Die Mehrkosten der Staaten durch die kommende Zinsanhebung wird dadurch abgemildert, dass ein erheblicher Anteil der höheren Zinszahlungen an die eigenen Zentralbanken gezahlt werden wird. Vor allem die Notenbanken der Südstaaten wie Italien könnten auch in den kommenden Jahren im großen Stil Staatsanleihen kaufen. Die Profite aus den höheren Zinsen würden sie dann an ihre jeweiligen Staaten ausschütten.

Hinzu kommt, dass der Einlagenzins spätestens ab Oktober aus dem negativen Bereich herausgehoben. Dass ist der Strafzins, den die Geschäftsbanken derzeit zahlen müssen, wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken. Wenn der Strafzins wegfällt, so fallen auch bisher daraus resultierenden Einnahmen der nationalen Notenbanken weg - und entsprechend die Ausschüttungen an den Staat.

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