Politik

USA forcieren größte militärische Expansion in Europa seit dem Kalten Krieg

Die USA stationieren deutlich mehr Truppen in Deutschland und den anderen Nato-Partnerstaaten in Europa. Der Kalte Krieg scheint mit aller Macht zurückzukehren.
Autor
01.07.2022 11:34
Aktualisiert: 01.07.2022 11:34
Lesezeit: 3 min

Nachdem die Nato diese Woche mitgeteilt hatte, dass ihre schnelle Eingreiftruppe NRF (Nato Response Force) von 40.000 auf mehr als 300.000 Soldaten zu erhöhen, haben die USA noch einen draufgelegt und ihre größte militärische Expansion in Europa seit dem Kalten Krieg angekündigt. Unter anderem bauen die US-Truppen erstmals eine ständige Präsenz in Polen auf. "Wir gehen in die Offensive", sagte US-Präsident Joe Biden am Mittwoch bei der Eröffnung des Gipfel-Treffens in Madrid. "Wir beweisen, dass die Nato heute nötiger ist als je zuvor".

Doch während die US-Regierung die größte militärische Expansion in Europa seit dem Kalten Krieg vorantreibt, bemüht sie sich zugleich, die Aufmerksamkeit der Nato auch auf China zu lenken. Dies wurde bei der Veröffentlichung des aktualisierten "Strategischen Konzepts" der Nato deutlich, einer Aufgabenbeschreibung des Bündnisses für das kommende Jahrzehnt. In der letzten Version aus dem Jahr 2010 war China noch nicht erwähnt worden, aber seitdem ist die wirtschaftliche und militärische Macht stärker in den Fokus gerückt.

Die USA haben drängen ihre Verbündeten dazu, China stärker zu konfrontieren, auch weil die Besorgnis über Pekings Absichten gegenüber Taiwan und im indopazifischen Raum wächst. In dem aktualisierten "Strategischen Konzept" heißt es, China bedrohe die "Interessen, die Sicherheit und die Werte der Nato" durch Cyberoperationen und seine Kontrolle über Technologien, kritische Infrastrukturen, strategische Materialien und Lieferketten. Außerdem heißt es, dass die Vertiefung der Beziehungen zwischen China und Russland "unseren Werten und Interessen zuwiderläuft".

Die USA werden ihre derzeitige Truppenstärke von 100.000 Mann in Europa aufstocken und den Nato-Verbündeten mehr militärische Ausrüstung zur Verfügung stellen. Zu den zusätzlichen Truppen gehören rotierende Einsätze in Rumänien und im Baltikum sowie ein ständiger Armeestützpunkt und andere Einheiten in Polen, so das Weiße Haus. Bisher haben die USA und andere Verbündete Truppen in jenen Nato-Länder, die einst unter sowjetischer Herrschaft standen, nur vorübergehend stationiert. Dies ändert sich nun.

Die neuen Pläne sehen auch die Entsendung zusätzlicher Marinezerstörer nach Spanien, einer Kurzstrecken-Luftabwehrbatterie nach Italien und zweier Geschwader hochmoderner F-35-Kampfjets nach Großbritannien vor. Rumänien soll einen zusätzliche Brigade erhalten, die an der gesamten Ostflanke eingesetzt werden könnte, zitiert das Wall Street Journal Beamte der Regierung. Auch wird das Pentagon nach Angaben von Regierungsvertretern verstärkt Panzer-, Luftverteidigungs- und Sondereinsatzkräfte in die baltische Region entsenden.

Das Pentagon wird die Zahl der Soldaten in Deutschland um mehr als 600 erhöhen und die Luftverteidigung und andere Unterstützungsmaßnahmen für die Nato verstärken, heißt es in einer Erklärung. Nato-Vertreter haben erklärt, dass das Bündnis unter anderem seine Luftverteidigung verstärken muss. "Diese Streitkräfte - die ersten ständigen US-Streitkräfte an der Ostflanke der Nato - werden unsere Kommando- und Kontrollfähigkeiten, die Interoperabilität mit der Nato und die Verwaltung der bereitgestellten Ausrüstung verbessern", so das Weiße Haus.

Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow erklärte als Reaktion auf das Vorgehen der USA, Moskau werde ausgleichende Maßnahmen ergreifen. "Ich glaube, dass diejenigen, die solche Entscheidungen vorschlagen, sich der Illusion hingeben, sie könnten Russland einschüchtern und irgendwie zurückhalten. Das wird ihnen nicht gelingen", hießt es am Mittwoch in einem von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti veröffentlichten Kommentar des Ministers.

"Die Ukraine kann so lange auf uns zählen, wie es nötig ist", sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach den ersten Treffen des Gipfels im Namen aller Mitglieder. Die Verbündeten seien auf einen langen Zeitraum vorbereitet. Der ukrainische Präsident Zelensky hat die westlichen Verbündeten um mehr Hilfe gebeten und davor gewarnt, dass der strenge ukrainische Winter es seinen Truppen erschweren würde, ihre Stellungen zu verteidigen und die Nachschublinien aufrechtzuerhalten.

Die USA hatten als Reaktion auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine weitere 20.000 Soldaten nach Europa entsandt, sodass sich die Gesamtzahl der US-Truppen in Europa bereits auf etwa 100.000 beläuft. Die am Mittwoch in Madrid von den USA verkündete weitere Aufstockung der Truppen beläuft sich nach Angaben des US-Militärs auf etwa 1.500 neue, permanente oder semipermanente Kräfte. Dazu gehören nicht nur etwa 280 Soldaten zur Unterstützung des neuen ständigen Armeehauptquartiers in Polen.

Hinzu kommen weitere 625 Soldaten für ein Hauptquartier einer Luftabwehrartilleriebrigade, ein Luftabwehrbataillon und ein Hauptquartier eines Kampfunterstützungsbataillons in Deutschland sowie etwa 65 Soldaten für eine Luftabwehrbatterie mit kurzer Reichweite in Italien. Die USA werden mit der spanischen Regierung zusammenarbeiten, um zwei weitere Zerstörer in den Hafen von Rota zu bringen, die insgesamt etwa 600 zusätzliche Besatzungsmitglieder aufnehmen sollen.

Auf dem Gipfeltreffen der G7-Staaten Anfang der Woche hatte die US-Regierung bereits erklärt, sie werde der Ukraine auch ein modernes Raketenabwehrsystem, zusätzliche Artilleriemunition und Radarsysteme zur Verfügung stellen. Die neuen Zusagen kommen zu einem Zeitpunkt, da die Nato die Aufnahme Finnlands und Schwedens vorbereitet. Die Einigung kam am Dienstag zustande, nachdem Bedenken der Türkei hinsichtlich des Umgangs von Finnland und insbesondere Schweden mit mutmaßlichen kurdischen Terroristen ausgeräumt wurden.

Biden trat dann am Mittwochmorgen mit Stoltenberg auf, der sagte, die Entwicklung zeige, dass der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem Versuch, die Türen der Nato zu schließen, gescheitert sei. "Er bekommt das Gegenteil von dem, was er will", sagte Stoltenberg. "Er will weniger Nato. Präsident Putin bekommt mehr Nato." Biden sagte, es sende eine unmissverständliche Botschaft aus, dass die Nato stark und geeint ist und dass die während des Gipfels unternommenen Maßnahmen die kollektive Stärke ausweiten würden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Milliardenmarkt Online Glücksspiel: Wie Zahlungsanbieter an Casinos verdienen

Wer in einem Online Casino Geld einzahlt, erlebt meist einen unspektakulären Vorgang. Zahlungsmethode auswählen, Betrag eingeben,...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Echt oder Kopie? Billige Labordiamanten erobern den Markt
22.08.2026

Labordiamanten kosten nur einen Bruchteil natürlicher Steine und erobern den wichtigsten Diamantenmarkt der Welt. Für Juweliere,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Bahn: Vandalismusschäden in Höhe von 34 Millionen Euro
22.08.2026

Graffitis an Bahnhofswänden, Kabeldiebstahl, zerkratzte Scheiben in Zügen - die Deutsche Bahn ist ständig mit Vandalismus konfrontiert....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Eishersteller Florida Eis investiert 25 Millionen Euro – in Sachsen-Anhalt
22.08.2026

Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme mit Politikern aus Sachsen-Anhalt, legt der Berliner Eishersteller Florida Eis den Grundstein für...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldanlage mit KI: Ist mit diesen KI-Tools die schnelle Algorithmen-Rendite möglich?
22.08.2026

KI analysiert Finanzdaten schneller als jeder Analyst. Doch bringen lernende Algorithmen und die Geldanlage mit KI am Ende wirklich mehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mini Countryman im Test: Viel Platz, viel Leistung, hoher Preis
22.08.2026

Der Mini Countryman JCW ALL4 verbindet viel Platz mit sportlicher Leistung und auffälligem Auftritt. Der mittelgroße SUV überzeugt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Forscher warnen: Rekordwärme in Europas Meeren geht auf Klimawandel zurück
22.08.2026

Fast überall an Europas Küsten ist das Meerwasser extrem warm. Ohne den Klimawandel wären solche Temperaturen praktisch unmöglich,...

DWN
Panorama
Panorama Deutsche schlafen zu wenig: Vier von zehn Menschen betroffen
22.08.2026

Weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht? Experten zufolge ist das zu kurz. In Deutschland trifft das aber auf viele Menschen zu. Vor...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: SPD kämpft ums Überleben – und rüttelt an der Wahlhürde
22.08.2026

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dümpelt die SPD bei mageren 5 bis 7 Prozent und kämpft um ihr politisches Überleben....