Politik

Ukraine-Krieg: Separatisten haben Lyssytschansk offenbar vollständig umzingelt

Lesezeit: 3 min
02.07.2022 18:49  Aktualisiert: 02.07.2022 18:49
Die prorussischen Separatisten melden die vollständige Umzingelung der Stadt Lyssytschansk. Russische Truppen sind offenbar schon ins Stadtzentrum vorgedrungen.
Ukraine-Krieg: Separatisten haben Lyssytschansk offenbar vollständig umzingelt
Ein ukrainischer Soldat Mitte Juni in einem Keller in Lyssytschansk. (Foto: dpa)
Foto: Efrem Lukatsky

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Nach wochenlangen Gefechten haben prorussische Separatisten nach eigenen Angaben die Stadt Lyssytschansk im ostukrainischen Gebiet Luhansk vollständig umzingelt. Am Samstag seien mithilfe der russischen Armee «die letzten strategisch wichtigen Höhen» besetzt worden, sagte der Separatistenvertreter Andrej Marotschko der russischen Agentur Interfax. Der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, erklärte, Russlands Truppen seien schon ins Stadtzentrum von Lyssytschansk vorgedrungen. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben nicht.

Die ukrainische Seite sprach am Wochenende zwar auch von heftigen Gefechten, bezeichnete die Stadt aber weiter als umkämpft. Der Gouverneur des Gebiets, Serhij Hajdaj, teilte mit, die Russen versuchten, Lyssytschansk von verschiedenen Seiten aus zu stürmen.

Lyssytschansk ist der letzte große Ort im Gebiet Luhansk, den die ukrainischen Truppen zuletzt noch gehalten haben. Die Eroberung des Gebiets ist eines der erklärten Ziele Moskaus in dem bereits seit mehr als vier Monaten andauernden Krieg. In der vergangenen Woche hatte das ukrainische Militär die nur durch einen Fluss von Lyssytschansk getrennte Großstadt Sjewjerodonezk aufgeben müssen.

Auch andernorts im Osten der Ukraine setzte Russland seine Angriffe auf breiter Front fort. Das Verteidigungsministerium in Moskau behauptete, bei Luftangriffen seien mehrere ukrainische Waffenlager zerstört worden.

Der ukrainische Generalstab in Kiew berichtete, in der Umgebung von Charkiw - der zweitgrößten Stadt des Landes - versuche die russische Armee, mit Unterstützung der Artillerie verlorene Positionen zurückzuerobern. Angaben aus den Kampfgebieten lassen sich unabhängig kaum prüfen.

Bei Raketenangriffen auf die Stadt Slowjansk mit mindestens vier Toten soll Russland nach ukrainischen Angaben in der Nacht zum Samstag verbotene Streumunition eingesetzt haben. Dabei seien zivile Bereiche getroffen worden, in denen es keine Militäranlagen gebe, berichtete Bürgermeister Wadym Ljach im Messengerdienst Telegram.

Als Streumunition werden Raketen und Bomben bezeichnet, die in der Luft über dem Ziel bersten und viele kleine Sprengkörper freisetzen. Ihr Einsatz ist völkerrechtlich geächtet.

Die Ukraine beschuldigte Russland auch, über der inzwischen geräumten Schlangeninsel im Schwarzen Meer Phosphorbomben abgeworfen zu haben. Solche Bomben, die schwere Verbrennungen und Vergiftungen verursachen können, sind nicht explizit verboten. Allerdings ist ihr Einsatz gegen Zivilisten und in städtischen Gebieten geächtet.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow, ging auf keinen der Vorwürfe ein. Russland hatte die strategisch wichtige Insel, die es zu Beginn des Kriegs erobert hatte, diese Woche wieder geräumt.

Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sprach von einer veränderten Kriegsführung der russischen Armee. «Es ist eine neue Taktik Russlands: Wohnviertel zu attackieren und Druck auf westliche politische Eliten auszuüben, um die Ukraine zu zwingen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.» Moskau nehme keine Rücksicht darauf, wie die Welt auf «unmenschliche Angriffe» mit Marschflugkörpern auf Wohnviertel reagiere. Diese Taktik werde aber nicht aufgehen, sagte der Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Nach britischer Einschätzung setzt Russland in der Ukraine zunehmend auf ungenaue Raketen. Grund sei wohl, dass die Vorräte an modernen, zielgenauen Waffen schwinden, so das Verteidigungsministerium in London. Auf Überwachungsaufnahmen sei zu sehen, dass ein Einkaufszentrum in der ostukrainischen Stadt Krementschuk sehr wahrscheinlich von einer Rakete des Typs Ch-32 getroffen worden sei. Dabei handele es sich um eine Weiterentwicklung der sowjetischen Rakete Ch-22, die aber noch immer nicht dafür optimiert sei, Bodenziele genau zu treffen. In Krementschuk wurden bei dem Angriff am Montag mindestens 20 Menschen getötet.

Großbritannien protestierte nach Berichten über die Gefangennahme zweier weiterer Briten im Osten der Ukraine gegen die Behandlung Kriegsgefangener durch Russland. «Wir verurteilen die Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zivilisten für politische Zwecke und haben dies gegenüber Russland angesprochen», erklärte das Außenministerium. Zuvor hatte die russische Staatsagentur Tass unter Berufung auf prorussische Separatisten gemeldet, dass zwei Briten wegen «Söldneraktivitäten» angeklagt worden seien.

Die russische Armee traf nach eigenen Angaben bei Luftangriffen zahlreiche militärische Ziele. Die Ukraine habe «hohe Verluste an Menschen und Material» erlitten, behauptete Ministeriumssprecher Konaschenkow. In der Ukraine wurden in den vergangenen Monaten immer wieder auch Wohngebäude und andere zivile Einrichtungen bei russischen Angriffen beschädigt. Der ukrainische Generalstab sprach am Samstag ebenfalls von hohen Verlusten auf der gegnerischen Seite. Die Angaben sind nicht genau zu überprüfen.

Bei einer Konferenz für die Ukraine, die am Montag in Lugano beginnt, will die ukrainische Regierung Vorstellungen zum Wiederaufbau des Landes vorlegen. Mit Geberländern und Finanzinstitutionen geht es um die Koordinierung der künftigen Aufgaben. Dabei sind Vertreter aus rund 40 Ländern und etwa 20 internationalen Organisation. Zum Auftakt soll Präsident Selenskyj per Video zugeschaltet werden.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wird am Montag zu einem Besuch in Paris erwartet. Dabei wird es ebenfalls um den Krieg in der Ukraine gehen.


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