Finanzen

Edelmetallmärkte werden systematisch manipuliert: JPMorgan-Händlern drohen hohen Strafen

Für die einen ist es unumstößliche Tatsache, für die anderen nur eine weitere Verschwörungstheorie: der Vorwurf schwerwiegender Manipulationen insbesondere der Edelmetallmärkte durch die Crème de la Crème internationaler Investmentbanken.
21.07.2022 13:28
Aktualisiert: 21.07.2022 13:28
Lesezeit: 4 min
Edelmetallmärkte werden systematisch manipuliert: JPMorgan-Händlern drohen hohen Strafen
Händler haben jahrelang den elektronischen Goldmarkt manipuliert. (Foto: iStock.com/valiantsin suprunovich)

Für die einen ist es eine unumstößliche Tatsache, für die anderen nur eine weitere Verschwörungstheorie: der Vorwurf schwerwiegender Manipulationen insbesondere der Edelmetallmärkte durch die Crème de la Crème internationaler Investmentbanken steht seit Langem im Raum und bietet stets reichlich Diskussionsstoff. Dabei reicht die Bandbreite der vorgebrachten Anschuldigungen vom kleinen Händler, der in Kenntnis der vorliegenden Auftragslage gegen die eigenen Kunden arbeitet bis hin zu verschleierten Zentralbankinterventionen Zwecks, so die Verfechter dieser Theorie, Aufrechterhaltung des gerade im möglichen Zusammenbruch befindlichen Fiatgeldsystems.

Zwar gibt es auch für letzteres durchaus gute Argumente und eine ganze Reihe stichhaltiger, belastbarer Indizien, die Beweisführung bleibt jedoch so lange schwierig bis unmöglich, bis nicht jemand aus dem erlauchten Kreis selbst darüber Auskunft gibt. Dies ist angesichts der politischen Dimension – und der involvierten materiellen Motivation – jedoch eher nicht zu erwarten. Dass die Platzhirsche der Branche dennoch nicht mehr vollkommen unbehelligt agieren können, und Fehlverhalten durchaus persönliche Konsequenzen haben kann, zeigt der aktuell laufende Prozess gegen mehrere Händler der Großbank JPMorgan in Chicago.

Flecken auf der weißen Weste

Dass nicht immer alles nach Recht und Gesetz vonstattengeht, im Hause der größten US-Bank – ihres Zeichens der offiziell systemrelevantesten der Welt – ist kein Geheimnis. Eine Reihe von gegen das Institut verhängter Bußgelder, jeweils im durchaus bemerkenswerten dreistelligen Millionenbereich und die unterschiedlichsten Verstöße betreffend, belegen dieses eindrucksvoll. Das sich JPMorgan dabei in „bester Gesellschaft“ befindet, denn auch die Konkurrenz fällt immer wieder durch entsprechende Ermittlungen und Schuldfeststellungen auf, stärkt das Vertrauen in die im eigenen Selbstverständnis so gut beleumundete Branche nicht.

Besonders hervor sticht dabei jedoch eine im Jahr 2020 gegen JPMorgan verhängte Strafzahlung. Seinerzeit befand das US-Justizministerium die Bank für schuldig, in der Zeit von 2008 bis 2016 unter anderem mit Derivategeschäften auf Edelmetalle Marktmanipulation in mehr als 50.000 Fällen begangen und sich illegale Gewinne in Millionenhöhe verschafft zu haben. JPMorgan zahlte dafür eine Rekordstrafe von 920 Millionen US-Dollar. In diesem Fall stützte sich das Justizministerium auf die Gesetze zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität, die üblicherweise bei der Verfolgung von Mafia- und Drogenbanden angewandt werden, und behauptete, der Edelmetallhandel der Bank sei acht Jahre lang ein kriminelles Unternehmen gewesen. Genau mit dieser Episode steht die Investmentbank nun abermals im Rampenlicht, denn jetzt sehen sich drei ehemalige Goldhändler der Bank, darunter auch der damalige Leiter der Edelmetallhandelsaktivitäten, vor dem Bundesgerichtshof in Chicago mit persönlichen Anklagen konfrontiert.

Spoofing und Layering

Dabei handelt es sich bei den in Rede stehenden Vorwürfen um eine, gemäß des nach dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise von 2008 erlassenen Dodd-Frank-Acts, verbotene Handelspraxis namens „Spoofing“ und deren „Layering“ genannte Verfeinerung. Gemeint ist damit die Erteilung eines großen Auftrags, entweder auf der Kauf- oder Verkaufsseite, ohne eigentliche Handelsabsicht dieser Order. Das Ziel ist vielmehr die Vortäuschung sehr hoher Nachfrage, um andere Marktteilnehmer dazu zu bewegen, einen anderen, auf der Gegenseite erteilten Auftrag desselben Händlers abzuwickeln, denn dieser wäre ohne die Hilfe des zuvor eingestellten Fake-Auftrags und der damit verbundenen Vortäuschung einer bestimmten Orderbuchsituation überhaupt nicht zur Ausführung gelangt. Optimiert werden kann dieses Vorgehen dadurch, dass nicht nur ein einzelner betrügerischer Auftrag erteilt wird, sondern der Händler das Orderbuch einseitig mit einer Vielzahl gestaffelter Orders, den einzelnen „Layers“, füllt. Es versteht sich von selbst, dass jene Aufträge nach erfolgreichem Abschluss der eigentlichen, auf der Gegenseite stehenden Order, unverzüglich wieder annulliert werden.

So simpel diese Methode erscheint, so erfolgreich ist sie auch, denn die Algorithmen des modernen, sehr umfänglich automatisierten Börsenhandels reagieren blitzartig auf abnormal veränderte Orderbuchsituationen und können somit auf diese Weise relativ leicht manipuliert werden. Zum anderen stellt es sich für Börsen und Aufsichtsbehörden ausgesprochen schwierig dar, einem solchen Verhalten die betrügerische Absicht überhaupt nachzuweisen. Denn, dass Händler ihre Meinung ändern und zuvor erteilte Aufträge wieder stornieren, gegebenenfalls auch sehr schnell, liegt in der Natur der Sache. Stimmen sich mehrere Trader eines Hauses ab, so wie im vorliegenden Fall geschehen, erschwert dies die Beweisführung zusätzlich.

Eine Verurteilung hätte Signalcharakter

Die Branche, und nicht nur die Marktteilnehmer des Edelmetallsektors, beobachtet den laufenden Prozess sehr genau. In der jüngeren Vergangenheit gab es zwar schon mehrere Verurteilungen im Zusammenhang mit Spoofing, unter anderem waren Händler der Deutschen Bank und Bank of America betroffen, die drei Beschuldigten JPMorgan-Trader sehen sich jedoch mit einer deutlich erweiterten Anklage konfrontiert.

Im Raum steht auch der Vorwurf des gemeinschaftlichen Vorgehens, der Absprache ihrer illegalen Handelsaktivitäten, was Anklagen auch unter dem „Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act“ ermöglicht. Dieses Gesetz gegen organisiertes Verbrechen kommt üblicherweise bei Bandenkriminalität oder im Zusammenhang mit der Mafia zur Anwendung. Das ist schon starker Tobak.

Im Zeugenstand, sowohl auf Ankläger- wie Verteidigerseite, finden sich entsprechend hochkarätige Namen, natürlich aus den Reihen JPMorgans selbst, aber auch Ex-Bear Stearns Manager oder Fonds-Händler von George Soros und Tudor Capital. Dieser Prozess, bei dem auch Chat-Protokolle und weitere interne Mitteilungen zur Beweisführung genutzt werden – wogegen sich JPMorgan nach wie vor vehement wehrt - bietet natürlich die Chance, im Detail zu erfahren, wie der in diesem Marktsegment bedeutendste Player seine Handelsabteilung betrieben hat. Dies erklärt einen Teil des großen öffentlichen Interesses daran. Zum anderen liegt die Vermutung nahe, das andere die Erkenntnisse daraus zur „Optimierung“ ihrer eigenen Geschäftspraktiken nutzen wollen.

Sollten die drei nun vor Gericht stehenden ehemaligen Mitarbeiter der Bank in allen Anklagepunkten für schuldig befunden werden – sie selbst plädieren übrigens auf „nicht schuldig“ – droht jedem von ihnen eine jahrzehntelange Haftstrafe. Dies hätte eine enorme Signalwirkung an die Branche, die Spoofing bislang eher als Grauzone, bestenfalls als anrüchig, ansah und nicht als systematischen Betrug.

Vertrauen wieder hergestellt? Teilweise…

Die Beseitigung von Spoofing, und wohl auch ein medienwirksam geführter Prozess, ist für Regulierungsbehörden und Börsenbetreiber von großer Bedeutung, schon allein um die Anleger davon zu überzeugen, dass die Märkte tatsächlich fair funktionieren. Gerade im Edelmetallsektor, und hier speziell dem Goldmarkt, ist dies unerlässlich, dient Gold doch ebenso als Gratmesser für das Vertrauen in das herrschenden Papiergeldsystem. Aber während Manipulationen mittels Spoofing zwar einzelnen Händlern Handelserfolge bescheren und, in der Regel, einzig den oft ebenfalls sehr kritisch betrachteten Hochfrequenzhandel schädigen, so könnte man argumentieren, dass hier im Ergebnis doch lediglich eine Krähe der anderen ein Auge aushackt. Das Preisniveau im Ganzen wird damit jedenfalls nicht maßgeblich verschoben. Dass dies jedoch ebenfalls geschieht, durch die gleichen Akteure, mit offiziellem Auftrag und weitaus weitreichenderen Folgen für das gesamte Finanzsystem, ist ein offenes Geheimnis. Auf staatsanwaltliche Ermittlungen in dieser Richtung besteht allerdings wenig Hoffnung. Zu diesem Thema empfehle ich sehr den am 18.07.2022 an gleicher Stelle erschienen und ausgesprochen aufschlussreichen Beitrag von Elias Huber.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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