Deutschland

IW-Analyse: Teure Energie ist verheerend für Deutschland

Die Experten des IW haben durchgespielt, was teure Energie für deutsche Verbraucher, Firmen und die Wirtschaft bedeutet. Die Aussichten sind erdrückend.
11.08.2022 10:20
Aktualisiert: 11.08.2022 10:20
Lesezeit: 3 min
IW-Analyse: Teure Energie ist verheerend für Deutschland
Teure Energie stellt Deutschland vor neue Probleme. (Foto: dpa) Foto: Julian Stratenschulte

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln rechnet mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen durch anhaltend hohe Energiekosten. «Das hohe Preisniveau belastet die Haushalte über hohe Energiekosten und über steigende Verbraucherpreise», schreiben die Autoren einer aktuellen Analyse, die der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt. «In Summe steigen die Lebenshaltungskosten substanziell.»

Die Autoren spielen verschiedene Szenarien für steigende Energiepreise durch - beginnend von einem hohen Ausgangsniveau. So habe sich allein der Gaspreis zwischen 2020 und 2021 im Jahresschnitt bereits verfünffacht. Es handelt sich dabei aber nicht um Prognosen sondern vielmehr um mögliche Entwicklungen, betont das Institut.

Im ersten Szenario gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sich der Erdgaspreis vom zweiten zum dritten Quartal des laufenden Jahres um 50 Prozent erhöht, zu einer Normalisierung oder Beruhigung käme es erst wieder im Laufe des kommenden Jahres. Ende 2023 wäre der Gaspreis dann immer noch doppelt so hoch wie im Jahresdurchschnitt 2021. Der Ölpreis steigt in dieser Modellrechnung im dritten Quartal des laufenden Jahres leicht um 10 Prozent und fällt im Laufe des Jahres 2023 zurück, läge dann aber immer noch 45 Prozent über dem Jahresdurchschnitt 2021.

Das seien realistische Annahmen, sagt Co-Autor Thomas Obst. So habe es einen ungefähr 50-prozentigen Preisanstieg beim Gas schon einmal von Februar auf März gegeben. Beim Öl nahmen die Experten einen geringeren Preisanstieg an, weil es statt über Pipelines über Schiffe transportiert wird und sich damit leichter ersetzen lässt.

Die Forscher haben verglichen, welche zusätzlichen volkswirtschaftlichen Kosten diese Entwicklungen im Vergleich zu einem Basisszenario mit sich brächten. Im Basisszenario wird ein Rückgang des Gaspreises bis Ende 2023 um etwa ein Drittel und des Ölpreises um etwa ein Fünftel angenommen - jeweils im Vergleich zum Niveau des zweiten Quartals 2022.

«Die Lage ist angespannt, aber lösbar», beschreibt Obst diese Modellrechnung. Fehlendes Gas ließe sich unter diesen Annahmen zum Teil ersetzen, die deutschen Speicher könnten weitgehend aufgefüllt werden. Gleichzeitig würden Industrie und Verbraucher Gas sparen.

Die Folgen für die deutsche Wirtschaft wären im ersten Szenario gegenüber dem Basisszenario deutlich spürbar. Die Inflationsrate würde nach IW-Berechnungen um 0,9 Prozentpunkte im laufenden Jahr klettern und um 1,3 Prozentpunkte im kommenden Jahr. Auch die Wirtschaftsleistung würde leiden: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiele im laufenden Jahr um 0,2 Prozent kleiner aus und im kommenden Jahr um 1,3 Prozent - die Inflation haben die Forscher bei diesen Berechnungen herausgerechnet.

Da die Menschen weniger Geld zur Verfügung hätten, würden sie auch deutlich weniger kaufen: Der private Konsum läge 1,1 Prozent unter dem Basisszenario. Die Unternehmen wiederum hätten weniger Geld für Investitionen übrig. Diese sänken 2022 um 0,4 Prozent und 2023 um 3,1 Prozent.

Im zweiten Szenario gehen die Experten von weitaus größerer Unsicherheit bei der Gasversorgung und weiterhin gedrosselten Lieferungen aus. Konkret nehmen sie an, dass sich der Erdgaspreis verdoppelt und 2023 auf diesem Niveau bleibt.

Die angenommene Verdopplung des Gaspreises habe sich zuletzt an den den Terminbörsen gezeigt, sagt Obst: Die Preise für Geschäfte mit künftigen Lieferungen, sogenannte Futures, hätten sich sei Mitte Juni ungefähr verdoppelt. Zusätzlich stiege in diesem Szenario der Ölpreis um 30 Prozent. Ende 2023 würde der Gaspreis das Vierfache des Jahresdurchschnitts 2021 betragen. Der Ölpreis läge etwa 72 Prozent über dem Niveau von 2021.

Unter diesen Annahmen wären die Auswirkungen noch ausgeprägter. Die Experten gehen dann von einer im laufenden Jahr um 1 Prozentpunkt und im kommenden Jahr um 4 Prozentpunkte höheren Inflationsrate aus - wiederum im Vergleich zum Basisszenario.

Das Bruttoinlandsprodukt fiele den Berechnungen zufolge 2023 um 2 Prozent geringer aus. Insgesamt läge der Verlust an Wirtschaftsleistung bei etwa 70 Milliarden Euro. Die Investitionen würden in diesem und im nächsten Jahr um jeweils 0,4 und 4,2 Prozent einbrechen. Die Arbeitslosenrate könnte sich demnach 2023 um etwas mehr als einen halben Prozentpunkt erhöhen, die Arbeitslosigkeit um über 300.000 Personen steigen.

Zu einer Normalisierung käme es erst wieder 2024. «Normalisierung bedeutet nicht den Rückgang auf das Vorkriegsniveau», betonte Obst. Er erwarte einen kompletten Umbau der Energieinfrastruktur, etwa durch den Bau von Terminals zum Import von Flüssiggas (LNG). «Das kostet Geld und Zeit, zumal Flüssiggas teurer als Erdgas ist.» Normalisierung, also ein erneut stabiler Zustand, bedeute in diesem Fall: «Die Unsicherheit würde sich wieder legen, wir wüssten wieder, wo wir unsere Energie herbekommen und gehen davon aus, dass das so bleibt.»

Nicht berücksichtigt in den beiden Szenarien sind mögliche Produktionsausfälle im Falle eines vollständigen Gaslieferstopps, weil dessen Auswirkungen aus IW-Sicht zu komplex und damit kaum in Modellen darstellbar wären.

«Unabhängig davon müssen sich Verbraucher und Produzenten auf anhaltend hohe Preise einstellen», schreiben die Autoren. «Bisher beschlossene Entlastungspakete können die zu erwartenden Mehrbelastungen nur teilweise auffangen.» (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Einsatz in Deutschland: KI bleibt in Unternehmen oft im Testlauf stecken
07.06.2026

Der Hype um Künstliche Intelligenz in der deutschen Wirtschaft ist groß. Doch der Schritt vom ersten Testlauf in den täglichen...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Mit ID. Polo und Cupra Raval beginnt die Elektro-Offensive von Volkswagen
07.06.2026

Volkswagen startet mit einer neuen Generation kompakter Elektroautos in einen der wichtigsten Wachstumsmärkte Europas. Die Erwartungen an...

DWN
Finanzen
Finanzen Ende des billigen Geldes: Wie Staaten den Preis des Krieges zahlen
07.06.2026

Der Krieg im Iran ist nicht nur ein Ölpreisschock. Er zeigt, wie verwundbar Staaten geworden sind, wenn Energiepreise, Inflation und hohe...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IEA-Bericht: Das Zeitalter der Elektrizität beginnt mit Rekordinvestitionen
06.06.2026

Die zweite Energiekrise in fünf Jahren verändert den globalen Energiemarkt. Strom, Netze, Batterien und Solarenergie rücken ins Zentrum...

DWN
Technologie
Technologie E-Auto: Gebrauchte Elektroautos könnten bald deutlich attraktiver werden
06.06.2026

Der Markt für gebrauchte Elektroautos wächst, bleibt aber deutlich hinter klassischen Verbrennern zurück. Gründe dafür sind hohe...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Wirtschaftspolitik unter Beschuss: Mittelstand und Traditionsunternehmen in Existenznot
06.06.2026

Insolvenzrekorde, verzweifelte Unternehmer und eine stagnierende Wirtschaft. Die Existenznot in deutschen Firmen geht um, die Lage war noch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Selbstzweifel im Job: Wie Schwächen zu Stärken werden
06.06.2026

Im Arbeitsalltag verläuft nicht immer alles reibungslos. Weshalb Selbstzweifel ganz normal sind und welche Fragen jetzt besonders wichtig...

DWN
Panorama
Panorama Mercedes CLA im Test: Ungewöhnlich, sparsam und besser denn je
06.06.2026

Der neue Mercedes CLA sieht nicht sofort nach Liebe auf den ersten Blick aus. Doch unter der auffälligen Hülle steckt ein überraschend...