Politik

Stichwahl: Aufgeheizte Stimmung in Brasilien

Heute müssen die Brasilianer eine wichtige Entscheidung treffen. Unabhängig vom Wahlausgang drohen unruhige Zeiten.
30.10.2022 08:51
Aktualisiert: 30.10.2022 08:51
Lesezeit: 3 min

Wenn heute die Wahl für die Einwohner im größten Land Südamerikas stattfindet, dann geht es dabei auch um eine Richtungsentscheidung. Der rechtskonservative Amtsinhaber Jair Bolsonaro, trifft auf die Gallionsfigur der linken Arbeiterpartei Luiz Ignacio Lula da Silva. In den letzten drei Wochen seit dem ersten Wahlgang am 3. Oktober 2022, wurde der Hass und die Rivalität zwischen beiden Seiten nochmal eindrucksvoll deutlich. Den ersten Wahlgang hatte Lula Da Silva mit 48 Prozent und fünf Prozent Vorsprung, für sich entschieden.

Bolsonaro punktet mit Hilfszahlungen

Seit Jair Bolsonaro 2018 die Präsidentschaftswahl gewann, setzte er tiefgreifende Veränderungen um. Das Waffenrecht wurde gelockert und dem Umweltschutz wurde nicht viel Bedeutung beigemessen. Profitiert hat die Agrarindustrie Brasiliens und die evangelikalen Christen gewannen an Einfluss. Leidtragende waren indigene Minderheiten und die Wissenschaft, die beide stark unter Druck geraten sind. Ganz bedeutend war auch Bolsonaros Rolle bei der Corona-Pandemie. Seine Kritiker werfen ihm vor den Virus nie ernstgenommen zu haben. Fast 700.000 Menschen sind in Brasilien an Covid-19 gestorben.

Nachdem Brasilien die letzten Jahre wirtschaftlich eine schwere Zeit durchmachte, erholte sich die Wirtschaft des Landes in den letzten Monaten. Die Regierung hat die Inflation unter Kontrolle bekommen und den Konsum beschleunigt. Geholfen haben dabei die Hilfszahlungen, die Millionen Menschen in Brasilien erhalten haben. Kurz vor dem Wahltermin wurden diese Zahlungen auf Druck von Bolsonaro noch einmal ausgeweitet. Der Betrag erhöhte sich von 400 auf 600 Real. Umgerechnet 113 Euro. Dazu gab es Subventionen für Treibstoff und Gas. Experten kritisieren die Maßnahmen als nicht nachhaltig genug. Bei den Wählern kamen die Anstrengungen Bolsonaros jedoch an. Er konnte einen großen Rückstand auf Lula verkürzen und eine Stichwahl erzwingen.

Lula will Brasilien glücklich machen

Bolsonaros Gegner Lula da Silva ist kein unbeschriebenes Blatt. Der 76-Jahre alte Politiker war bereits von 2003 bis 2010 Präsident Brasiliens. Bei der Bevölkerung war er während seiner Amtszeit beliebt und die Wirtschaft Brasiliens boomte durch die zu diesem Zeitpunkt steigende Nachfrage nach Rohstoffen. Lulas Amtszeit ist jedoch auch durch Korruption und Vetternwirtschaft geprägt. Zwar beendete Lula da Silva seine Amtszeit als einer der populärsten Präsidenten in der Geschichte Brasiliens, 2017 wurde er jedoch im Rahmen der Operation Lava Jato, wegen Geldwäsche und passiver Korruption angeklagt und später verurteilt. Von Frühjahr 2018 bis Anfang November 2019 verbrachte er 580 Tage im Gefängnis von Curitiba.

Lula tritt mit dem Versprechen an Brasilien wieder zu dem glücklichen Land zu machen, welches es angeblich während seiner Amtszeit immer war. Wenn er die Wahl gewinnt, dürfte dieses Vorhaben nicht einfach werden. Schon vor der Pandemie war die brasilianische Wirtschaft angeschlagen. Durch Covid-19 und die Folgen von Russlands Krieg in der Ukraine, wurde auch Brasilien schwer getroffen. Die Inflation hatte zwischendurch einen Höchststand, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr und die Hungerprobleme, die Brasilien überwunden geglaubt hatte, kehrten zurück.

Stürmische Zeiten drohen

Die letzten drei Wochen waren für Lula vor allem wichtig, um gemäßigtere Bolsonaro Gegner auf seine Seite zu bekommen, die im ersten Wahlgang für keinen der beiden Kandidaten gestimmt hatten. Dazu gehört die Partido Democratico Trabhalista (PDT). Für Bolsonaro war wichtig Nichtwähler zu rekrutieren und Wähler des Movimiento Democratico Brasileiro (MDB) zu überzeugen. Das MDB und die PDT hatten im ersten Wahlgang nach Lulas und Bolsonaros Partei, am besten abgeschnitten.

Die Wahlumfragen haben zwar einen leichten Vorsprung für Lula vorhergesagt, dennoch ist es nicht ausgemacht, ob sich am Ende doch Bolsonaro durchsetzt und seinen Amtsbonus nutzen kann. Ähnlich wie in den USA sind in Brasilien Umfragen nicht immer zuverlässig. Wie angeheizt der Wahlkampf ist, zeigt das Beispiel, dass sich der Erzbischof von Sao Paolo, Dom Odilo Scherer, auf Twitter meldete und die Gemüter beruhigen musste, nachdem sich Nutzer darüber aufregten, dass er rote Kleidung trägt und es als politisches Signal deuteten. Die Tatsache, dass sich ein Oberhaupt der katholischen Kirche dazu gezwungen sah die Farben seiner Amtskleidung zu verteidigen, zeigt wie aufgeladen die Stimmung in Brasilien ist.

Wer auch immer sich am Ende in dem hitzigen Kampf durchsetzt, hat erst einmal eine Menge damit zu tun, das brasilianische Volk wieder zu vereinen. Die Stimmung ist den ganzen Wahlkampf über sehr angespannt gewesen. Immer wieder ist es zu Ausschreitungen und Gewalt mit Verletzten und auch Toten gekommen. Auch unklar ist, wie Jair Bolsonaro im Falle einer Niederlage reagiert. Ähnlich wie Donald Trump 2020, zweifelt Bolsonaro seit Monaten die Fähigkeit des elektronischen Wahlsystems an und sorgte damit für Spekulationen wie er mit einer möglichen Niederlage umgeht. Auch im Falle einer Niederlage von Lula da Silva, könnte es zu Gewalt und Ausschreitungen kommen. Brasilien stehen stürmische Zeiten bevor, unabhängig vom Wahlsieger.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Zinsentscheid könnte dramatischen Wandel auslösen: Stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära?
17.06.2026

Mit Kevin Warsh steht ein neuer Chef an der Spitze der US-Notenbank, der mit jahrzehntealten Traditionen brechen könnte. Seine Pläne für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Drohnenmarkt Polen führt, doch die eigene Industrie wächst erst
17.06.2026

Polen ist der größte Drohnenexporteur Europas. In diesem Jahr könnte der Export von Drohnen aus Polen die Marke von einer Milliarde Euro...

DWN
Politik
Politik EU-Frühstücksrichtlinie: Marmelade darf wieder Marmelade heißen
17.06.2026

Konfitüre, Fruchtaufstrich oder Gelee: Der Wortsalat am Frühstückstisch hat ein Ende. Warum Marmelade in der EU wieder offiziell...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Baumarktkette Hellweg meldet Insolvenz an: 2900 Mitarbeiter betroffen
17.06.2026

Hellweg meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an: Alle Filialen und der Online-Shop des Dortmunder Unternehmens bleiben vorerst geöffnet....

DWN
Politik
Politik AfD baut Vorsprung aus: CDU/CSU und SPD historisch niedrig
17.06.2026

Die AfD liegt in Umfragen deutlich vor der Union und nähert sich inzwischen der 30-Prozent-Marke. Der Vorsprung zur CDU/CSU ist in einer...

DWN
Politik
Politik Weitere Sanktionen gegen Russland: G7-Staaten kündigen Verschärfungen an
17.06.2026

Mehr Waffen, schärfere Sanktionen: Die G7 setzen auf zusätzlichen Druck gegen Russland. Kanzler Merz sieht einen "Tag der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsbedingte Kündigung wegen Stellenabbau: Die wichtigsten Fakten
17.06.2026

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage erleben viele deutsche Arbeitnehmer derzeit eine Kündigungswelle. Häufig begründen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Aktie bricht ein: BMW enttäuscht mit gekappter Prognose
17.06.2026

BMW hat seine Jahresprognose für 2026 deutlich gesenkt und damit am eine Gewinnwarnung ausgesprochen. Der Münchner Autobauer erwartet...